Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 19 (10.5.1867)
- Date
- 1867-05-10
- Page
- Seite 145 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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»«»«CtjMt. (OckilUa; at|(|naawBaK«. Berliner Wochenschrift für Jüdische Angelegenheiten. ====־___־ r ■ ׳ _ _ __ Frettag^ -e» 10. Mai. M0. 19« Erster Jahrgang. 1867. <■ Inhalt: .׳ ׳׳ Rabbiner und Sebriftsteller. — Sarre«P0nde»,en: Berlin, Berlin, Kraotfurt a. M.,SSirig«berg, Alzey, München, Würtemberg, Wien, Pra^, Bl. Peter»burg. — Ueber AoftlSrnng. — Vermischte«. — *ikanzrnlistr. — — -useratr. i\ 3 X m יי' י Rabbiner und Schriftsteller. Wir machen darauf aufmerksam, daß wir in unserer letzten Nummer nicht nur die ״Befürchtung" sondern auch die Hoff« nung zu widerlegen suchten, daß etwa Dr. Geiger hier die Rolle eineradikalen Reformator-Spielen könnte. War schon hiermit unsere Stellung zur'Rabbinerfrage als die der objektiven ,Betrachtung gekennzeichnet, so geschah, dienoch mehr durch die au-drückliche Ablehnung jeder, Zustimmung zu dem Princip Geiger-.' ' ' In det That sind wir der Ansicht, daß zwischen dem Stand« punkte.de- Schriftstellers und dem des Rabbinerkein Unter« schief gemacht werden sollte. Freilich soll nach unserer Meinung biefrc Unterschied nicht dadurch aufgehoben werden, daß man sich selbst verleugnet, daß man Hie der Vogel Strauß, den Kopf in den Busch steckt, daß man vor der klarsten Erkenntniß die Augen verschließt und von Dingen, die jedes Kind längst richtig erkannt hat, wider bessere- Wisse» behauptet, ״die Wissenschaft sei darüber doch noch nicht so recht im Reinen." Nach unserer Ansicht wird heute ein wahrhaft wissenschaftlich gebildeter Mann nur dann Rabbiner werden wollen, wenn ihm sein Publikum gestattet, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen, und auch darnach zu leben. Wir haben e» an einem andern Orte*) ausgesprochen und an einem eklatanten Fall nachgewiesen, daß in der Praxis dem nicht also ist. Eine allgemeine Bersum« pfung dereligiösen Bewußtseins der Iudenheit, die im Charakter unserer Zeit ihre Begründung findet, hat u. A. eine allgemeine Corruption de« Rabbinerstandes herbeigeführt, die sogar auch nachtheilig auf die Wissenschaft zurückwirkt. Nach uoserer Ansicht ist das ganze Institut der Rabbiner in feiner jetzigen Gestaltung antiquirt, geschichtlich überwunden und wird nach einer Reihe von Jahren auch facttsch verschwunden sein, um einer Aera von Religionslehrern -da« Feld zu über« lassen. Wie aber nun die Verhältnisse sind, ist unsere Privatansicht von sehr untergeordneter Wichtigkeit. Es handelt sich darum, für jetzt, für diese Generation Rabbiner zu haben. Da giebt es doch wahrlich, da ein Ultra gar keinen Boden findet, nur den einen Ausweg: Männer von vermittelnder Stellung zu haben, die Ge« lehtte und Rabbiner sind; die sich selbst, wie sie sind, und der Gemeinde, wie sie, mit Berüeftichtigmig aller obwaltenden Umstände, sein kann, getreu bleiben. *) Kritische Streiflicht« ans da« Berii»« Judenthum. Berlin 18a«. Wir haben, um die Stellung, die Geiger in dieser Hinsicht einflimmt, in unserer letzten Nummer*) eine Stelle au» seiner Strift ״die letzten zwei Jahre" (S. 14) wiedergegeben. Noch erAchtlicher ist, wie er darüber denkt, ans dem IV. Bande seiner ,Wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie" zu entnehmen, ttcj er sich (S. 327 ff.), nachdem er ausführlich die erhabene Aus« gatze des Forscher- und Schriftstellerdargelegt, sich über den Beruf de- Rabbinerfolgendermaßen au-spricht: ׳ s ״Wenn ich nun der festen Ueberzeugung lebe, daß eine grüod« liche,Heilung der Gebrechen, an welchen das Judenthum unserer Zest tzeidet, nur auf jenem Wege erzielt werden kann, durch die unflmwundene Enthüllung alle- Ungeeigneten, durch die Nachwei« sung der schiefen Stellung, in welche wir gelangt sind: so bin ich doch sehr weit entfernt, das andere, zwar sehr partielle, aber auch in gewisser Beziehung sicherere und friedliche Verfahren nicht in seinem vollen, oft selbst großattigen Werthe anzuerkennen, ich meine da- Verfahren, welcheder Rabbiner als solcher nothwendig zu befolgen hat. . Während der Schriftsteller immer die gesammte Juden- £$ und die Verschiedenheit unter den einzelnen Theileu derselben und deren Stellung zum Geschlechte der Gegenwart überhaupt im Auge hat, richtet der Rabbiner seinen Blick auf seinen en« geren Wirkungskreis, seine Gemeinde, deren Bildungsstufe, deren gesellschaftliche Beziehungen. Viele Disharmonien, welch« ein umfassender Blick gewahrt, schwinden oft in diesem engrrn Kreise, indem bald die äußere Zeitbildnng denselben noch gar nicht so mächtig berührt hat und er sich daher in seiner ur« sprü»glichen Unschuld noch einige Zeit forterhält^ bald auch Manchedort bereitso durchgedrungen ist, daß ein Kampf dafür nicht mehr von Nöthen ist. Was die Idee eng zusammen« rückt, was sie in ihrer Eonsequenz in ursächlicher Verbindung er.« blickt, ist im Leben oft sehr weit getrennt; eS gehört nun einmal zur Eigenthümlichkeit der menschlichen Natur, daß sie manche Ge« wohnheit in sich duldet, ja hegt, ohne deren Wurzeln zu bewahren und sie weitere Schößlinge treiben zu lassen. Dem Tiefer« blickenden stellt sich hier fteilich ein Zwiespalt dar, der nach einer Seite hin gelöst werden muß; aber der Mann des prak« tischen Lebenmag sich wohl damit begnüge», die allgemeine Ansicht zu begründen und somit die schlimmen Folgen, welche die Gewohnheit haben könnte, zu verhindern und sie selbst dann als etwas Unschuldige« stehen zu lassen. Es liegt ferner in allen religiösen Einrichtungen ein gediegener Kern, wenn auch aus diesem heraus die äußere Erscheinung nun sehr seltsam sein mag; dem Rabbiner muß es immer auf die«^ sen Kern ankommen, und da sich dieser nun einmal in der bestehenden Form äußert, so muß ihm auch die Form von Be« •) Lu» Versehen ist die ntthere Bezeichnung der citirten Tchrist «egge, taff« worden, fluch Hab« sich einige stnnpSrendr Druckfehler in dm bett. Artikel eingefchlichm, s. Berichtigung am Lchluffe. D. NW. 1V