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Die Gegenwart · 1867-05-03 · 18 (3.5.1867) · p. Seite 137

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
18 (3.5.1867)
Date
1867-05-03
Page
Seite 137 (sequence 1)
Language
German
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ättcft* EUtt «rtchtiar jtbt« Al ־־ tl.jBnil ointdji ltNMiaU•_ H% Cfilnel. ' IMM*a«1aag ■ab P«p»t ortgtgfnjoreiBinnL / Wtb«ctl•■: ru. berliner Wochenschrift für Jüdische Angelegenheiten. Nü. 18. Erster Jahrgang. 1867. Freitag, den 3. Mai. Inhalt: Dr. Abraham Geiger. — S,rr«»p«ndenzen: Berlin, Berlin, Wien, Würtemberg, Stockholm, Sidney. — Sine kleine Erinnerung. — Die Todtmtanze. — Die Schöpfung. (Schluß.) — Ein altberlinischer Friedhof. — Literatnr-Pericht. — Vermischte«. — Büchertisch. — v«c«azenliflr. -Inserate. Dr. Abraham Geiger. ז: Wie wir in unserer vorletzten Numnier mitgetheilt, hat der Vorstand der Berliner Gemeinde sich für die Wahl des Dr. Geiger zum Rabbiner ausgesprochen. Wir constatiren diese Thatfache als ein Zeugniß des vernünftigen religiösen Bewußtsein S, das heute mehr als je dem Judenthum eine Lebensbedingung ist. Es wäre überflüssig über die außerordentliche Bedeutung Geigers als wissenschaftlicher Capacität ersten Ranges viele Worte zu machen, — seine gründlichen und vielseitigen Kenntnisse, seine auf allen Ge-biotSn jüdischer Wissenschaft bahnbrechenden Arbeiten sind allseitig anerkannt und noch nie von irgend Jemandem in Abrede gestellt worden. Ebensowenig scheint es nöthig, auf die gediegene, schwungvolle, von einem klangvollen und gewaltigen Organe unterstützte Beredtsamkeit dieses Mannes aufmerksam zu machen. Der Kanzelredner Geiger ist fast noch mehr bekannt, als der Gelehrte. Hingegen wird eS Pflicht sein, auf einige Momente hinzuweisen, die Manchem entgehen könnten, und die geräde geeignet sind, die Wahl Geigers als eine besonders glückliche erkennen zu lasten. Jeder tüchtige Geistliche wird neben seiner officiellen Thätigkeit sobald er kann, Gelegenheit suchen, auch auf halb-amtlichem und außer-amtlichem Wege seinen Berns zu üben: Erkenntniß und Gutes zu fördern. In Bezug auf letztere Wirksamkeit wird Geiger von Vielen der ernstliche Vorwurf gemacht, daß er seine sogenannten persönlichen Jntereffen allzuwenig gewahrt habe. WaS die erstere anbetrifft, so hat er in Breölau regelmäßig nicht bloS beim Morgengottesdienst gepredigt, sondern religiös jeden Sonnabend Nachmittag vor zahlreichem Publikum einen wiffenschastlichen Vortrag gehalten;*) bald waren es populäre Vorlesungen über die jüdische Geschichte, bald Vorlesungen über chaldäische Sprache oder sonst ein fachwiffenschaftlicheS Gebiet für Theologen aller Eonfessionen, bald über die Mischnah für Studirende der jüdischen Theologie. Der Lehr- und Lese-Verein daselbst ist von ihm gegründet, •) Wir selbst bekennen, in dm Jahren 1857—60 au« seinen LorttL^ gm über die Pirke Aboch rrichm Gmuß und vielfache Belehrung geschöpft zu habm. ebenso die dortige Gemeinde-Bibliothek. — In seiner Vaterstadt Frankfurt setzte Geiger seine Arbeit auch in dieser Beziehung fort; dieser Arbeit verdanken wir die ״Vorlesungen über daS Judenthum und seine Geschichte." Sodann ist von hohem Gewichte die theologische Stellung Geigers. Man trägt sich an vielen Orten mit der Vorstellung und sucht sie wohl gar geflistentlich zu verbreiten, daß Geiger die radikale Richtung repräsentire. Die in die innere Geschichte de- JudenthnmS der letzten Decennicn Eingeweihten wisten, daß Ewiger von jeher und bis auf den heutigen Tag eine un- »»änderte, vermittelnde Stellung eingenommen hat. Die Reformen, die er in Breslau einführte, erstreckten sich nicht weiteil, ja kaum so weit, als z. B. die EultuS-Einrichtungen in der nöuen Synagoge zu Berlin. Er hat sogar — und es liegt nicht im Sinne der Redaktion, damit ein Lob auszusprechen, — Bestrebungen gegenüber, die weiter gingen, als seine Ansicht von der ge - fchichtlichen Entwicklung des JudenthumS, sich sehr oft ablehnend und protestirend, ja bekämpfend verhalten. Sein reli« Mser»Standpunkt ist kein extremer, wenn auch ein scharf, klar >md bestimmt ausgesprochener. Seine Tendenz ist vielleicht kaum so weitgehend, als die des hochwürdrgen Oberrabbiner Dr. Z. Frankel in Dresden, später Direktor des orthodoxen RabbinerseminarS zu BreSlan, der seine Anschauung in folgenden Worten darlegte: ״Das uns Durchwehende und Durchdringende sei nie ״Satzung, und was sich überlebt haben wird, das kann nicht ״durch Satzung wieder aufgefrischt werden. Wird das Volk ״eine solche zurückweisen, dann muß ihm Anderes, und wenn ״sie auch von der frühesten Mischnah anempfohlen wäre, ge- ״geben werden." Bergl. Orient 1842. S. 54. ES ist mithin weder zu hoffen, noch zu fürchten, daß etwa Geiger in praktischer Hinsicht als פורץ גרר ein Mauernbrecher auftreten werde. Er hat von jeher Wissenschaft und Praxi« streng auseinandergehalten. Man höre was er selbst über diesen Punkt erklärt: ״ES ist aber auch sehr sorgsam zwischen dem Standpunste des Schriftstellers und dem des Rabbiners zu unterscheiden, Schon der Talmud hat einen dahin zielenden Ausspruch: eS ist wohl so recht, aber öffentlich lehrt man doch nicht danach. Während nämlich der Schriftsteller mit wissen« schaftlicher Schärfe die Untersuchung anstellt, während er da« Vorhandene in seiner geschichtlichen Entstehung und Entwicklung beleuchtet, bei jedem Einzelnen sein Derhältniß zu dem Ganzen der DiSciplin und zur Wissenschaft überhaupt im Auge hat, nach dem ewigen Werthe fragt, auch Gegenstände zur Diskussion bringt und eine einzelne Seite zur Anregung hervorhebt: so hat der Rabbiner, als Beamter der Synagoge, die bestehenden Bestimmungen zu achten und denselben die wirksame Seite abzugewinnen, so hat er, als praktischer Führer

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