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Die Gegenwart · 1867-04-26 · 17 (26.4.1867) · p. Seite 134

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
17 (26.4.1867)
Date
1867-04-26
Page
Seite 134 (sequence 6)
Language
German
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134 Dir •<9cnttart Widerstand gebrechen, den sie bei dem zur Zeit al- „religiöser Eeremonienmeister" bestätigten Ort-rabbiner Samuel WigdoVfand, und dieser Umstand gab die erste Veranlassung zur Trennung der Gemeinde in zwei Parteien, von deiiy» die wohlhabende und ge« bildete sich mehr und mehr in sich abschloß und sich nur in soweit an dem Gesammtverbande betheiligte, aldessen materielle Verhältnisse es nothwendig erheischten. Die Abweisung ihrer auf Hebung der Jugendbildung und Förderung einer geläuterten Religionsanschauung gerichteten Vorschläge mußte die Gebildeten um sü schmerzlicher berühren, al« sie ihren staatsbürgerlichen und socialen Gegnern men Borwand zu fernerer Aufrechterhaltung bestehender Abschließungen und Beschränkungen bot. Jndeß die Guten und Bessern ließen sich hierdurch in ihrem edlen Streben nicht aufhalten, und gerade so wie sie 1777 Alles thäten, um die angeordnete Beaufsichtigung des öffentlichen Gotte-dienste« wegen de- Alenu-GebeteS zu befestigen, so fuhren sie jetzt fort mit Wärme für die Fortbildung des religiösen Sinne» reformatorffch zu loirken und das einträchtige Nebeneinandergehen der Parteien zu ermöglichen. Die Schöpfung. Aue den frühesten Jahren unsrer Kindheit, so lange die Sprache den schwankenden Vorstellungen in unsrer Seele noch nicht Dauer und Festigkeit gab, können wir un» an das, was wir gesehen oder gehört haben, wenig oder gar nicht mehr erinnern. Wir hatten noch keine Merkmale, woran wir unsre eignen Vorstellungen von einander unterscheiden konnten; diese stoffen daher entweder in eins zusammen, verdrängten sich einander, oder verwirrten sich untereinander. Wir konnten die Sonne noch nicht von dem Himmel unter- \ scheiden, an dem sie glänzte, und da» Gemälde nicht von der Wand, woran es befestigt u>ar. Die Vorstellungen von den Tönen stoffen mit den Vorstellungen von den Farben zusammen und verwirrten sich auf mancherlei Art, so daß eS beinahe so gnt war, al« ob wir gar nicht« gesehen oder gehört hätten. Mit den ersten Tönen aber, die unser Mund stammeln lernte, fing eS auch an, in unsrer Seele Licht zu werden. Als wir zuerst die süßen Namen: Vater und Mutter, lallten, da konnten wir in ihnen schon unsre zärtlichsten Freunde, sowohl von der leblosen Wand, als von allen übrigen Menschen unterscheiden- Nun lvar schon ein feste« Bild in unsrer Seele, wo sich mehrere anschießen konnten, die demselben eines nachdem andern folgten; und so entstand allmählich da» wunderbare, starke Gewebe unsrer Gedanken, welche« nun durch die Zeit so fest ineinander gewirkt ist, daß nicht leicht mehr ein Faden daran« verloren gehen kann. Jene süße Erinnerung an unsre verflossenen Tage, wa« wäre sie ohne die Sprache? Ein öde« Labyrinth halbverwischter Eindrücke durch tausend Lücken unterbrochen, worin sich wiederum die Gegenwart eine« jeden Tage« verlieren würde. Allein die Sprache ist der unzerstörbare Knäuel, von welchem wir den Faden abwickeln, der un« aus diesem Labyrinth unsrer Vorstellungen den einzigen Weg zeigt. Wir machen e«, wie ein Wandrer, der in einem dichten unwegsamen Gehölze den Weg, den etz wandelt, gerne wiederfinden will und sich einen Merkstab nach dem andern hinstellt, nach welchem er sich richten kann, wenn er wieder umlehrt. So oft wir etwa« sehen oder hören, befestigen wir durch da« tönende Wort einen solchen Merkstab in unsrer Serie; und wenn wir vn« dcSjenigen, wa« wir gesehen oder gehört haben, wieder erinnert: wollen, so dürfen wir un« nur nach diesen Merk« ftäben, algetreuen Wegweisern richten. Thäten wir danicht, so würden wir mit unsrer Erinnerung nicht grade auf die Ding«'! fallen, an die wir unwieder erinnern wollen, sondern würdrw j mit ungewissen Schritten bald zur Rechten; bald zur AMn ait». weichen und niemals anderaldürch Zufall auf den rechten-! Fleck treffen. Ist r« nicht die Sprache, durch welche wir einer jeden Gattung von Dingen ein untrügliche- Merkmahl aufdrücken, all welchen wir sie wiedererkennen, wir mögen sie antreffen, wo und in' welcher Mischung wir wollen? Ist-sie enicht, welche un« > mit einem Worte die ganze Natur umfassen und dann wieder das i kleinste Sonnenstäubchen in derselben auf da« genaueste bezeichnen! läßt? Ist e« nicht da« Wort, welcheder BorstrlluUg die Gränzen! vorschreibt, die sie nicht überschreiten soll, indem e« den Umfang : de« Gegenstandes, den wir betrachten wollen, eS sei nun ein Eich« i bäum oder ein Grashalm, auf ein Haar bezeichnet? — Dadurch^ ’ daß wir da« Ganze und da« Einzelne in der Natur benennen - lernen, werden wir immer vertrauter mit ihrem Anblick; und so I oft wir sie Wiedersehen, freuen wir uns, wie über da« Antlitz eine» Freunde-, mit dem wir täglich bekannter werden, jemehr wir ihn : von andern Äenfchen unterscheiden lernen. — Freilich liegt j dieser Unterschied schon in den Dingen selber, von denen ein jede«! hie Linien seine« Umfange« um sich her zieht. Auch inacht un« , die Durchsichtigkeit der Luft den Unterschied der Dinge auffali lender, indem beständig Lücken zwischen denselben zu sein scheinen. Aber diesen Unterschied selbst muß doch die Sprache erst bezeichnen, , wenn er un« nicht in demselben Augenblick, da wir ihn bemerkt | haben, ryieder entwischen soll. Der auffallendste Unterschied der! Dinge in unsrer Vorstellung mußte zwar zuerst das Wort hervor» preffen, aber eben durch das Wort mußte nachher der Unterschied! selbst wiederum genauer bezeichnet, und die Grenzlinien der Dinge | immer bestimmter gezogen werden. > Unterscheiden und benennen scheint also unzertrennlich j mit einander verknüpft zu sein, — Nun lese ich die Schöpfung«- j geschichte Mosi«, lind finde die Begriffe von Unterscheidung! und Benennung, immer unmittelbar anfeinander folgend, dieser; ehrwürdigen Erzählung eingewebt. Gott unterschied, Gott - nannte, heißt eS bei der Schöpfung de« Licht«, deö Firmament«, j und der Erde. Wir sehen, wie in der schönsten Stufenfolge erst« : lich die größten und auffallendsten, und dann allmälig die Heine* | ren Unterschiede bezeichnet werden. Waö für einen auffallender» Unterschied giebt es in der gan-! zeu Natur, als zwischen Licht und Finsterniß! Dieser wird zu-! erst bezeichnet, indem eö heißt: Gott scheidete oder unterschied I da« Acht von der Finsterniß, und nannte das Licht Tag, und die | Finsterniß Nacht.; Auf den Unterschied zwischen Licht und Finsttrniß folgte der zweite große Unterschied zwischen Himmel und Erde. Gott scheidete das Waffer unter der Veste von dem Wasser über der' Veste und nannte die Beste Himmel. Dann folgt der dritte große Unterschied zwischen Erde und Wasser. Gott sprach: E« sammle sich da« Waffer an besondre Oerter, daß man da« Trockne sehe, und Gott nannte da« Trockne Erde und die Sammlung der Waffer nannte er Meer. Nun kommen erst die steinen Unterschied« zwffchen den Arte» der Bäume und Pflanzen, die auf der Erde, und dem großen nnd kleinen Lichte, wie auch den Sternen, die am Himmel befindlich sind. Zuletzt die Unterschiede zwischen den Arten der Fische und Vögel, die im Waffer und unter dem Himmel, und den Arten der Thiere, die auf der Erde leben und sich bewegen. Wa« ist nun wohl natürlicher, al« daß wir ein Ganze«, von dem wir un« eine deutliche Vorstellung machen wollen, erstlich

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