Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1867-04-19 · 16 (19.4.1867) · p. Seite 121

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
16 (19.4.1867)
Date
1867-04-19
Page
Seite 121 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4889892-5434108-5434142--153-4890023
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

jtbot «V, e*r. "twst - SdMUMra «a» roMoaMaiig nb V»ß-An-M mtgfjoigaunuBe*. Die Gegenwart. Rcd»rti»,7 wkumxiHer.Errite «. . 3of«rtlmi Berliner Wochenschrift für Jüdische Angelegenheiten. Ro. 1k. Erster Jahrgang. 1867. Freitag, dm 19. April. Inhalt: Conflikt zwischen Religion und Leben. — TorrebPonbnyrn: Berlin, Berlin, BrrSlan, BreSlau, Danzig, Gera, Leipzig, Pest, Alzey, London. — Die Judenverfolgung im Mittelalter. (Schluß.) — Da- Institut zur Förde, rung der israelitischen Literatur. (Forts.) — vermischte«. — Vacanzenlifle. --userate. ConstiKI zwischen Religion und Leben. Eine Reflexion. Eonflikte zwischen Religion und Leben, zwischen den Lehren und der Anforderung der Religion und den Ansprüchen, Richtungen und Einrichtungen deS Lebens dürfe es — so hört man heut zu Tage oft urtheilen — eigentlich' nicht geben, denn die Religion müsse den Bedürfnissen, den Einrichtungen und Gestaltungen deS Leben« gerecht werden und nicht hinderlich, müsse mit ihm in Einklang fein und nicht in Conflikt, wenn sie auf Treue und Anhängigkeit ihrer Bekenner zählen wolle und fest bauen. Wie weit dieses vulgäre Urtheil historisch und rationell gerechtfertigt ist und wie weit rö einer Beschränkung unterliegt? Da e« für daS jüdisch-religiöse Leben der Gegenwart von Wichtigkeit ist, diese Frage zu lösen, so möchte die folgende Reflexion einen Beitrag zu dieser Lösung geben. Geht man zurück in die Anfänge der Religion, die freilich in mancher Beziehung sehr dunkel sind, auf die Art und Weise ihrer ersten Einführung und Ausbreitung, so findet man keineswegS diesen Einklang, dieses Hand-in-Hand-gehen ihrer Aussprüche und Ansprüche mit dem, waS sie draußen im Leben gestaltet und fest eingenistet vorgefundcn hat, keinen einfachen Reflex desselben, so daß man mit Grund behaupten könnte, wie manchmal behauptet wird, sic sei die Ausgeburt desselben und auS ihm leicht hervorgegangen; man findet vielmehr Kämpfe, harte Kämpfe, welche sie zu bestehen hatte, oft Jahrhunderte lang, ehe sie mit ihren Lehren, mit ihren Anforderungen durchdringen und zur Geltung gelangen konnte. Wer die vielen kategorischen Imperative in den Büchern MoseS liest, der ahnet nicht, wie viele Zeitarbeit und Mühe es gekostet hat, sie in daS Leben cinzuführen, der ahnet nicht die Conflicte, in die sie dadurch mit dem damals „gegenwärtigen" Leben gerathen ist, bis allmälig daö Bessere und Höhere, welches sie enthalten, den Sieg errungen. Fast ein Blick in die prophetischen und historischen.Bücher der Schrift deckt uns diese Kämpfe, diese oft schroffen Conflikte auf, giebt unü ein, wenn auch nur flüchtiges Bild derselben. Die ersten Grundlagen uiiserer Religio», die ersten zwei Aussprüche des DecalogS — wie selbstredend und selbstverständlich durchdringen sie. unö, wie übereinstimmend mit unserem geistigen Leben und Denken! Die prophetischen und historischen Bücher aber belehren uns, daß diese Uebereinstimmung in der ersten Zeit keineswegs vorhanden war, daß von MoseS an fast ein Jahrtausend verfließen mußte, bis sie ein Gemeingut auch nur des größten TheilS des israelitischen Volkes geworden, ja der zweite Theil des JesaiaS läßt uns vermuthen, daß auch noch zur Zeit de« zweiten Tempels viele Hinneigung im Leben des Volkedagewesen, diesen Grundlagen entgegen zu handeln, denn sonst würde der unbekannte Verfasser dieses zweiten TheileS nicht so oft und so eindringlich darauf zurückkommen. Ein anderemehr specielleS Beispiel solcher Eonfiiktc sei auS Jeremias 34, 8 ff. entnommen. Daß im MofaiSmuS die Sklaverei bekämpft, gemildert und wenigstenin engere Schranken gewiesen wird, weil sie noch nicht ganz verpönt werden konnte, obgleich die Lehre sie ganz verwirft, ist unserer Gesinnung und Lebenseinrichtung ganz angemessen, und es giebt sogar Manche, welche es tadeln, daß der MofaiSmuS sie nicht sogleich mit Stumpf und Stiel auSgerottet, sondern dein Leben noch Rechnung getragen habe. Wie sehr aber daS Leben sich dagegen gespreizt und wie nicht Jeder die Schranken sich gefallen lassen wollte, das erfahren wir aus der citirte» Stelle. Jeremias hatte den König ZedekiaS, die Vornehmen und das Volk dahingebracht, ein Freijahr zu verkünden zur Erfüllung der mosaischen Vorschrift, daß im siebenten Jahre die Sklaven und Sklavinnen entlassen werden sollen. Der augenblicklichen bessern Anwandlung jedoch folgte bald wieder die Reue und der Conflikt, die Sitte desLebens machte sich wiederum geltend und die Patricier und Sklavenhalter hatten nichts Eiligeres zu thun, als ihre entlassenen Sklaven wieder einzutreiben und Jeremias vermochte Nichts dagegen, hielt aber der Umwandlung in pejus eine strenge Strafrcdr. Ebenso muß eS sich verhalten habe» mit dem in der Schrift scharf ausgeprägten Sabbatgebote, wie aus NehemiaS 13, Ibff. und JesaiaS 56, 2 ff. sich ergiebt. Einen vollständigen Ruhetag zu halten und den Seinigen zu gewähren, Handel und Wandel zu treiben und den täglichen Beschäftigungen nicht nachzugehen, war, so scheint es, gegen die Sitte und Einrichtung des Lebens. Die Religion aber bequemte sich nicht, dieser Sitte und Einrichtung sich zu fügen oder sie stillschweigend zu dulden, sondern sie bekämpfte dieselbe, und mit Erfolg, wenn auch anzunchmen ist, daß der volle Erfolg erst später eintrat. — Solcher Beispiel ließen sich noch mehrere anführen. Was lehrt dieser Einblick? nicht diese«, daß daS Leben gar keine Berechtigung habe, von der Religion zu verlangen, daß sie feinen Forderungen und Einrichtungen Berücksichtigung einräume und auf sie reflectire. DaS angeführte Beispiel der Sklaverei führt auf da-'Gegenthcil. Und wer mit der Geschichte deS IudenthumS vertraut ist, weiß, wie auch sonst die Schroffheit der abstracten Vorschrift, im Sabbatgebote zum Beispiel, nachgelassen hat und sich gemildert hat wegen der Roth- Wendigkeit, welche die modificirte Lebenseinrichtung herbeigeführt, wie indeß andere Vorschriften, das Jobeljahr z. A., Ideale geblieben sind, welche in ihrer Verwirklichung an den Klippen des realen Lebens gescheitert sind; weiß, daß überhaupt das Judenthum den Einflüssen des Lebens sich nie verschlossen hat. lv

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.