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Die Gegenwart · 1867-04-12 · 15 (12.4.1867) · p. Seite 118

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
15 (12.4.1867)
Date
1867-04-12
Page
Seite 118 (sequence 6)
Language
German
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118 Die Gegenwart. gelt, blieb der Nachwelt im Ganzen verborgen bi« auf die neuere Zeit." Sein bedeutendste« philosophische« Werk, der „Leben«- quell", ist nicht einmal im arabischen Urtext auf un« gelangt, sondern ein Au»zug desselben in hebräischer Uebersetzung, die auch ihrerseit« nicht vi^l Beachtung in der jüdischen Literatur fand. Wenn da« Buch noch später bei einem jüdischen Schriftsteller auftaucht, so ist die Anführung christlichen Quellen entlehnt, meist mit Verstümmelung de« Bersassernamen«, in dem die Wenigsteu Gabirol mehr erkannt hatten. „Denn früher al« in'« Hebräische war der „LebenSquell" in« Lateinische übersetzt worden; der Archidiaconu« Do minie u« Gondisalvi vollbrachte diese« Werk mit Hülse eineübergetretenen spanischen Juden Avendeath gegen 1150. Der Name de« Verfasser« lautete: Avcncebrol, bald noch mundgerechter: Avicebron. Dieser lateinischen Übersetzung: fons vitae bemächtigten sich die Scholastiker, Scotisten und Thomisten; erstcre, al« Platoniker, erhoben, letztere, al« Aristoteliker, bekämpften die Lehren Aviccbron's, alle aber sahen in ihm einen christlichen Weisen und zwar von großer Bedeutung. So ist er durch die Jahrhunderte gewandert bi« auf die neueste Zeit, unerkannt, von Einigen genannt, doch immer in fremde« Gewand gehüllt, bi« ihn Salomon Munk in Pari« wieder neu im Jahre 1846 entdeckt, dem genialen Urheber sein Werk zurückgab und ihn auf höchst würdige Weise in da« Publikum einführte. Während gleichzeitig ein christlicher Gelehrter, Herr vr. Seherlen in Ulm, die volle Aufmerksamkeit diesem „LebenSquell" zuwandte, haben über ihn noch Senior Sach«, gegenwärtig in Pari«, und Or. M. Joel in BreSlau gründliche Untersuchungen angestcllt." Se strahlte Gabirol'S Ruhm durch die Zeiten, wenn man ihn auch nicht seinem tieferen Wesen nach erkannte. Wa« man geschichtlich nicht erfaßte, suchte man sagenhaft auszuschmücken; er ward zum Wundermanne, dessen verwester Leib noch wundcrthätig sich erwiesen habe. „Ein Maure, so erzählt der leichtgläubige Gedalia Jachia im Namen der „Weisen der Zeit", ein Maure war eifersüchtig auf Gabirol'S Weisheit, da erschlug er ihn und begrub ihn in seinem Garten zur Leite eines Feigenbäume«. Siche da, frühzeitig reifte der Baum seine Früchte, und die Feigen wäre» wunderbar schön. Alle« staunte den herrlichen Baum an, der so plötzlich sich umgewandelt. Da« drang zu den Ohren de« Khalifen; begierig nach der Ursache de« seltenen Vorfall«, ließ erden Cigenthümer de« Ga,len« holen und fragte ihn, wie e« ihm gelungen, den Baum so zu veredeln. Al« dieser die wiederholte und immer dringendere Auflage de« Khalifcn unbeantwortet ließ, ward er der Folter übergeben. Nun bekannte er, daß er den Juden ermordet, und daß wohl sein dort begrabener Leichnam die Frühreife 'der edlen Früchte bewirke. Nus Befehl de« Khalisen ward der Maure an denselben Baum gehängt." Erst gründliche gelehrte Forschung, erst die Studien von Zunz» Steinschneider, Munk, Carmoly, Luzzatto, Geiger, Ducke«, Grätz, Rappoport u. A. haben, wie über weite Strecken de« altjüdischen Geistesleben«, so auch speciell über den Denker und Dichter Gabirol hellere« Licht verbreitet; erst in unserer Zeit ist er gewissermaßen wieder neu entdeckt und in seiner Höhe erkannt worden. Wir stehen ihm fern; ein langer zeitlicher Zwischenmum, die unterdessen breit angcschwollenc Entwicklung trennt un« von ihm, in fremdem Gewände, in fern liegender Anschauung, tritt er vor un« auf. „Aber die hohe, tiefgefurchte Stirn de« Denker« flößt un« Ehrfurcht ein, da« glnthvolle Auge de« geistvollen Dichter« leuchtet un« entgegen und so sprechen wir mit Charisi, .dem späteren Dichter und ästetischen Kritiker: Ein König steht er da, erhaben, groß!" Man muß sich, sagt Seiger im Vorwort der Schrift, man muß sich liebend in die Seele" eine« Menschen versenke», wenn man ihn vollkommen erkennen will; mau muß ohne Vorllebe an ihn Herangehen, um ihn unbefangen würdigen zu können. E« bedarf großer Achtsamkeit, beiden Anforderungen zu genügen. Ferner müsieo, damit ein Dichter au« längst vergangener Zeit, ein Dichter in ftemder Sprache von unsereu Zeitgenossen erkannt werde, seine Dichtungen nicht in wörtlicher Uebersetzung, sondern au« dem Geiste de« Dichter« heraus neugeboren werden. Da« sind die großen, besonderen Schwierigkeiten der Aufgabe. Geiger war sich dessen wohl bewußt und zögerte daher, da« vor schon 15 Jahren begonnene Werk zu vollenden. Wie er geschwankt, gekämpft und sich schließlich bewogen gefunden, die Idee zu verwirklichen, da« spricht er an der Spitze de« Buche« in folgendem Gedichte au«. r Bedenken. Wa« mächtig in der Brust der Sänger fühlt, Waö ihm der Seele tiefsten Grund aufwühlt, Wa« ihm die Flammen schürt, die Flammen kühlt, Da« prägt er au« in feurig kühnen Worten. Noch haften sie untrennbar am Gedanken, Um den al« Zweigt sie empor sich ranken. Entgleiten zögernd de« Gemüthe« Schranken, Durchbrechen mühsam, schwer der Lippe Pforten. — ' v \ Kann ich hinab mich in den Grund versenken, ' In einer großen Menschenseele Denken, r Von ihrem Geistesstrome satt mich tränken. Daß neu in mir der Dichter aufersiehe? Was lebensvoll an seine Brust geschlagen, WaS liebend er in seinem Geist getragen, Was halb verhüllt nur seine Worte sagen, r Gelingt'« daß e« mein GeisteSaug' erspähe? Ich Hab' der Seele muth'gem Kampf gelauscht, Mich an de« Geiste« kühnem Schwung' berauscht, Bald hell ertönt mir, tief gedämpft bald rauscht, Sein Kosen, wie sein schmerzlich hittres Klagen. Ich ließ von seinem Flug mich gern beschwingen, Mich faßt sein Schmerz, sei» Ahnen, Sehnen, Ringen, - Ich m u ß ihm nach in deutscher Zunge singen; — Das Werk ist kühn, und dennoch muß ich'« wagen. Er hat« gewagt und man muß gestehen, daß eö ihm nicht schlecht gelungen ist. Nach einem kurzen persörrlichen Vorwort und einer gedrängten sachlichen Einleitung gicbt Geiger im ersten Kapitel (die Juden im arabischen Spanien) eine eingehende Schilderung der Blüthe »nid der Eigenthümlichkcit de« arabisch-spanischen Volksleben« im Allgemeinen, und dann besonder« der merkwürdigen Stellung, die ininittcn diese« reichen Leben« die Juden einnehinen. „Da« Judenthum unter den Arabern, zumal in Spanien, steht einzig in seiner Art da und wird auch nie mehr so wieder« kehren. Mittelalterlich gesondert und dennoch in freiem Anschlüsse Antheil nehmend an allen geistigen Gütern, Juden in alle» Le« benöbeziehungen, in jeder Empfindung auch dcS bürgerlichen Leben« für die gegemvärtigcn Zustände wie für die Zukunftöhoffnungen, und dennoch zu der weitesten Unbcfaugenheit iin Reiche de« Geiste«, der Wissenschaft sich erhebend; daher eine scharfauS« geprägte, aber verklärte, weitherzige jüdische Eigenthümtichkeit.

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