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Die Gegenwart · 1867-04-12 · 15 (12.4.1867) · p. Seite 113

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
15 (12.4.1867)
Date
1867-04-12
Page
Seite 113 (sequence 1)
Language
German
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IV. Berliner Wochenschrift für Mische Angelegenheiten. r* r- Freitag, bm 12. April. Mü. 15. Erster Jahrgang. 1867. Inhalt: Di« freie Kirche im freien Staat. — C«rre»»nidt»)e>: Berlin, Berlin, Prag. -^-,Dir Judenverfolgung im Mittelalter. — Zwei jüdische Antiquitäten in der Knnfiauestrllung zu Pch. — Bemerkung. — Da« Institut zur Mlrde. rnng der israelitischen Literatur. — Vermischte«. — Büchrrtisch. — Vacansru« liste.-- -nsernle. r. •> ■_;_. I : -ie freie Kirche im freien Staat. Die „freie Kirche Im freien Staat", wie sie in den Bereinigten Staaten bestehe, ist'erst kürzlich von Hrn. v. Ricasoli als nachzuahmendrs Muster hingestellt worden. Ob man aber in Europa je zu einem völlig klaren Berständniß der amerikanischen Bedeutung dieses Satzes gelangen wird, gelangen kann, ist sehr zu bezweifeln. Der abstrakte Begriff „Kirche" und der abstracte Begriff „Staat" als ireale Wesenheiten, die außer und über dem Jndi- .viduum stehen, existiren in Amerika nicht. Der Mensch ist hier nicht in der Kirche^ sondern die Kirche im Menschen. Dem Staate gegenüber ist die Religionögenoffenschaft lediglich eine freie Bereinigung einzelner Staatsbürger, der, wenn sie e« wünscht, korporation-rechte verliehen werden, gerade so wie einem Gesang¬ oder Turnverein. Die allgemeine Voraussetzung ist, daß alle religiösen Vereinigungen die sittliche Hebung ihrer Mitglieder zum Zweck haben, aber ihre besonderen Glaubensbekenntnisse sind dabei etwas so absolut Gleichgültiges wie die Wahlsprüche und Mottos geselliger Vereine. Wenn man sagt, daß in Amerika unter vollkommenster Freiheit die Religion besser gedeihe als in Europa, so ist daS zwar richtig, nur muß man sich über den Sinn klar sein, in welchem es richtig ist. Zahllose religiöse Sccten gedeihen hier ans das vortrefflichste, Kirchen wachsen wie Pilze aus der, Erde, und viele von ihnen sind an Sonntagen voller, als die besuchtesten Theater an Wochentagen. Auch existirt eine so mächtige Summe sogenannter praktischer Religion, d. h. werkthätiger Nächstenliebe, aufrichtigster Freundnachbarlichkeit und opferfreudigen Gemeinsinns, wie in allen mit Staatsreligionen beglückten Ländern Europa'« zusammengenommen nicht. So weit ist alles richtig und schön. Aber nach jener intensiven Hingebung deö Individuums an die Dogmen einer positiven Religion, nach jener seelischen Vertiefung in die Mysterien deS Glaubens, jener beschaulichen Verzückung und den geheimnißvollen Schauern eines ahnung-reichen Dämmerlebens der Seele, das man in Deutschland vorzugsweise Religiosität nennt, wird man hier vergeblich suchen. Da ist alleklarer, scharfer Realismus — kaum Berständniß, geschweige denn Sinn für die Anschauungen, welche bei dem Deutschen, auch wenn er zur jüngsthegel'schen Schule gehört, die Betrachtung der vom religiösen Drang einer früher» Zeit geschaffenen Wunderbauten erweckt — Gleichgültigkeit gegen das Dogma, aufrichtige Anerkennung und Werthschätzung nur desjenigen Elements an der Religion, welches allen Religionen gemeinsam ist, des ethischen, rein menschlichen. Man könnte sich fast versucht fühlen, zu"sagen: die herrschende Religion der Bereinigten Staaten sei — der DeiSmuS, ««-geschmückt durch mannigfache Sectcnbezeichnungen. Kam r» dckh erst kürzlich zu Eincinnati vor, daß, als der Prediger einer BffÄgregationalistcngemeinde, Hr. DickerS, eine Reife zu machen htzttc, er für die Dauer seiner Abwesenheit den — Rabbiner einer bennchbarten Judengemeinde als seinen Substituten bestellte. Warum nicht? Die Gemeinde war ganz zufrieden damit, und erbaute sich an der Predigt des Rabbiner» ganz ebenso wie an der des Herrn Vickers. War er doch ebensowohl ein „wahrer Christ". Denn thatsächlich versteht der Amerikaner unter einem „trae Christian“ nicht mehr und nicht weniger, als einen sittlich guten Menschen. Komisch ist nur der Ernst, womit er gleichwohl seine Religion deS sittlichen MenschcnthumS für fpecifischeS Ehristenthum hält und sich in demselben Athem gegen alles Nnchristenthum {exwahrt, in dem er voll inniger Andacht den Worten 'eine» Rabilber, eines MormonenpriestcrS oder eine« Ulemck lauscht. Aber^wie verhält sich hierzu eine Kirche, die, ihrem Wesen nach, die Berechtigung anderer negirt — die katholische? Ja, daS ist eine kitzelige Frage. Thatsächlich, oder bester gesagt, äußerlich, acceptirt sie ihre Gleichstellung als eine Serie mit andern Seelen, denn — sie ist viel zn ohnmächtig, um e» zu verhindern. Aber daß sie sich nur in eine unvermeidliche Nothwendigkeit ungern genug schickt, daß ihre Stellung als einfacher Gemeind everband von Individuen ihr nicht behagt, dafür legt der Ton ihrer zahlreichen Organe beredte» Zcugniß ab. Und hier ist eö, wo Hr. v. Ricasoli sich die Sache zweimal überlege» muß, che er die amerikanische Lehre, oder vielmehr die von ihm au« der amerikanischen Praxis abgezogene Lehre von der freien Kirche im freien Staat, auf Verhältnisse zu übertragen sucht, die den dortigen entgegengesetzt sind. Die Lehre ist nur ungefährlich unter der Voraussetzung, daß alle vetschiedenen ReligionSgenoffenschaften sich ohne Unterschied ihrer Dogmen als vollkommen gleichberechtigte gelten lasten. Wo diese Voraussetzung fällt, fällt auch der Schluß daraus. A. A. * Berlin, 1. April. Gestern fand die zweite öffentliche Sitzung der Repräsentanten - Versammlung statt. Die Sitzung wurde vom Vorsitzenden vr. Posner um 1l Uhr eröffnet. Eommistar de» Vorstände»: Jakobi. Nachdem der Schriftführer vr. Jona» da« Protokoll der vorigen Sitzung verlesen und dasselbe von der Versammlung angenommen war, wurde zur Tagesordnung geschritten. 1. Revision des Statuts der Beerdigungs-Anstalt. Nachdem in den Hauptpunkten eine Vereinbarung zwischen den verschiedenen Eollegien (dem Vorstand, der Repräsentanten-

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