Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 10 (8.3.1867)
- Date
- 1867-03-08
- Page
- Seite 73 (sequence 1)
- Language
- German
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CfcfrtSUtt Cft. taaL r ' aak P»ß» tirtfcia Die Gegenwatt. Mtkactl**: mwnipB fcny ». *<tü «tj Berliner Wochenschrift für Jüdische Angelegenheiten. FreUag, de« 8. Miirs. Ro. 10. Inhalt: Ueber staatliche Freiheit. — ««rr»,p»pdrn,en: Berlin, Frankfurt a. O., Göttingen, Wien, Pesth. Lincinnati. — Da« BreSlaner Seminar und feint Parteilichkeit. — -euitleton: Skizzen au« neuerer Zeit. I. „Tin fromme« Han«" (Fortsetzung.) — Biichertifch. — VaranMistt.- Inserate.. v / Arber staatliche Freiheit.*) Freiheit — giebt es ein Wort, ein,Gut, welches einstim- --miger gefeiert, öfter, volltönender besungen worden wäre von den Dichtern aller Zeiten und Zungen; hat auch Einer Unfreiheit und Knechtschaft je gepriesen? Doch .nicht mit den abstrakten Begriffen und Gegensätzen haben wir es hier zu thun. Wir reden nicht von der geistigen, der WillenSfteiheit, nicht von der „Gedankenfteiheit", die rem Menschen Niemand zu gewähren, zu garantiren braucht, weil sie nicht geraubt werden kann, reden nicht von einer absoluten Freiheit und Unabhängigkeit deS Menschen, die nur für den allein auf wüster Insel Lebenden denkbar wäre; wir meinen die Freiheit im Staate, die aber ihre Grenze haben muß. Wo ist diese Grenze, wo fängt das Recht der bürgerlichen Gesellschaft und der Staatsgewalt an? Diese Frage hat natürlich verschiedene Seiten, und da wir immer von den Einzelverhältniffen auSgehen wollen, so rede ich zunächst von der persönlichen Freiheit im Staate. Ich darf eS als anerkannte Wahrheit bezeichnen, daß die staatliche Freiheit ihre Wurzel und Bürgschaft in der Rechtsgleichheit hat. Wie groß das Maß der Freiheit oder der Unterordnung und des Gehorsams, ja selbst der Bevormundung, im Staate sei, ist nicht so wesentlich; nur ein gleiches muß eS für Alle fein. Aber eben diese Zusammenstellung von „Freiheit und Gleichheit" ist eö ja, die de» Schrecken der bürgerliche» Gesellschaft gebildet, viele edelste Seelen der Sache der Freiheit abwendig gemacht hat, für Tausende grausenerregend klingt; also daß derjenige unter den deutschen Dichtern, der am begeistertesten von Freiheit gesungen, von „den ewige» Rechten Die droben hangen unveräußerlich Und unzerbrechlich, wie die Sterne selbst," der auch dem „Worte des Glaubens" von der Freiheit des Menschen wohl hinzuzufügen weiß: „laßt euch nicht irren des Pöbel- Geschrei", daß, sage ich, auch Schiller die Schrecken de- Rufe« nach Freiheit und nach Gleichheit im Liede geschildert und rin Wehe gerufen hat über diejenigen, Die dem ewig Blinden De- Lichte« Himmelsfackel leih'»! •) Wir geben hier mit Bewilligung de« Herrn Verfasser», Rabb. vr. Zmttnfd« in Stettin, eine Prob« aubesten demnächst erscheinenden Borlesun» gen über bewegenden Ideen der Gegenwart in ihrer geschichllichrn Ent. Wickelung und in ihrem Berhöltniffe zur Religion." Erster Jahrgang. 1867. Aber nein, da« ist, wie dem Kundigen schon de- Bilde« Gewand anzeigt, ein dem Hridenthum angehöriger Gedanke. Es soll nicht ewig Blinde geben; de- Lichte« Himmelsfackel haben wir nicht erst anzuzündSV, nicht zu verleihen, nicht zu verweigern, sie leuchtet, längst. „Das Volk, da« im Finstern wandelt, sieht große- "Licht, die da wohnen im Lande der Todesnacht, Licht geht über ihnen auf", spricht JesaiaS, „zu öffnen blinde Augen, audem Kerker zu führen die Gefeffelten, au« der Gefangenschaft die Bewohner der Finsterniß." Wohl, daist zunächst da» Licht de« Gedanken-, die Befreiung des Geiste« vom heidnischen Wahn; zunächst! — aber nimmer wie diejenigen wollen, die von dieser dem Menschen gebrachten Erleuchtung und Erlösung so viel zu reden wissen, bis — man sollte fast sagen: bi« eihnen gelungen, die Menschen vergeffen zu machen, daß sie auch einen Leib haben, und dieser unterdessen deS Joche« Laste» geduldig weiter trägt. Jndeffen Auslegung streitiger Bibelstellen ist hier nicht mein Thema. So blicken wir denn in die „älteste Urkunde de« Menschengeschlechts", wie sie Herder nennt — ja wohl, die älteste Urkunde, aber nicht blo« in dem Sinne, den Herder im Auge ffat, sondern auch die Urkunde für da« Menschengeschlecht, feine ma^na charta, sein Ursprnngüattest und Adelsdiplom. Die Worte sind da so klar, daß all«. Sophistik und Schwarzkünstelei sie nicht wegdeuten oder eSkamotiren kann. Auf dem ersten Blatte der heiligen Schrift, in der Schöpfungsgeschichte, heißt es: „Gott schuf den Menschen in seinem Ebenbilde," — wen? den Menschen; jeden, der „Mensch" ist — „Mann und Weib schuf er sie" heißt eS weiter. Mann und Weib, das ist der einzige, von der Natur, von Gott selbst, unveränderlich gesetzte Unterschied innerhalb der Menschheit; alle« andere, wa« eure Gelehrten, eure Historiker, Naturforscher, Staatskünstler und Nationalpoliliker ersonnen haben oder ersinnen mögen von wcscnhaften Unterschieden der Farbe, der Race, der Abstainniung, des Blutes und Geblütes, der Nationalität — oder was sie Als nothwendig zu staatlicher Organisation und Gliederung hingestellt und dreist genug alS „GotteS-Ordnung" bezeichnet. haben — das Alle«, insofern darauf Rechtsungleichheit gegründet werden soll, das alles ist nichtig, wird zerbröckeln im Laufe der Zeiten, wie da« Meiste schon ^zerbröckelt ist, oder eS wird zusammenbrechen unter den Keulenschlägen der Geschichte. Aber, wimmert cS un« entgegen, soll denn die ganze Welt in einen demokratischen, unterschiedslosen GleichheitSbrci verwandelt werden, in dem alle höhere Bildung Wissenschaft, Kunst, geistige Jntereffen, aller wahre Adel der Gesinnung und alle Liebe untcrgehen muß? — Gemach, ihr Herren, Gott hat euch nicht zu seinen Vormündern bestellt, braucht euch dazu nicht I Es ist gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen (so citire ich nach Göthe'S Vorbild ein kräftige- BolkSsprichwort); die Unterschiede, die nothwendig sind, um da« Leben mannigfaltig, schön und edel zu gestalten, bringt die Natur Jahr au« Jahr ein.