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Die Gemeinschaft · 1928-04-01 · 11 (1.4.1928) · p. Seite 4

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Journal
Die Gemeinschaft
Volume
1928
Issue
11 (1.4.1928)
Date
1928-04-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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stimmungsgebend und wirkungskräftig erscheinen, sie will vor allem aber auch dahin wirken, daß die häusliche Sederfeier nicht zur festen Form erstarre, sondern — ungebunden durch kasuistische Vorschriften — in lebendigem Flusse sich wandle und so sich ewig erneuere. Mit dem Fessachfeste feiert Israel den Tag, da es seinen Fintritt in die Geschichte vollzog, an dem es seine religiöse und sittliche Erwählung und seine Weihe zum Gottesvolk empfing. Die Erinnerung an dieses Ereignis steht daher im Mittelpunkt des ganzen Festes und beherrscht den Charakter des Sederrituals. .Sederritual bedeutet Beseelung der Vergangenheit. Über allen Symbolen und Gebräuchen steht als Leitwort: Du sollst gedenken! Nicht vergessen, was Deinen Vätern geschehen, was sie getan! Was das Moraur ursprünglich gewesen, die jetzt nicht mehr übliche, den Appetit anregende Vorspeise jeder Mahlzeit, dessen denkt heut keiner mehr. Am Seder ist es zum Symbol geworden, und wenn es heute den festlichen Tisch ziert und zweimal gekostet wird, so will es daran erinnern, in welch harter Leidensschule Israel groß geworden ist, und wie Mose und nach ihm alle Propheten es gelehrt, trotz aller bitteren Erfahrung und schmerzlichen Enttäuschung nicht zu verzweifeln am endlichen Sieg. Und den ähnlichen Gedanken kündet die Mazzo, die ja nichts weiter war als das leicht und schnell bereitete Brot des Beduinen. Aber sie ist mehr geworden als bloß Erinnerungssymbol an die lang ersehnte und doch üherraschend eingetretene Befreiung aus Aegypten. Dieses reizlose Brot ohne jede Würze läßt stets aufs neue das Bild der Armut und Entbehrung der Vergangenheit vor uns erstehen. Es erinnert daran, wie Jahrtausende des Elends, da keine liebende Hand sich ausstreckte, nicht imstande gewesen sind, Kraft und Hoffnung unserer Väter zu brechen. Aber es lenkt auch immer wieder den Blick auf das Elend um uns herum. Mazzo, die große Mahnung: Nicht abgestumpft werden gegen das Elend. Der Sederabend beginnt mit einer Bekundung der sozialen Gesinnung: „Wer hungrig ist, der komme und esse mit uns!" Feiert Israel ein Fest, so ist der Arme zum Mahl geladen. Und wie aufrichtig diese Pflicht in alter Zeit genommen wurde, zeigt der Umstand, daß die Einladung in der damals allen geläufigen Volkssprache, der aramäischen, geschah (ho lachmo anjo), also daß sie jedermann verstehe und ihr folge, auch wer - wie das gewöhnliche Volk — —^ des Hebräischen unkundig war. Wenn wir heute — wie einst die alten Weisen — am Sederabend um den Tisch sitzen, das alte Brot mit den bittren Kräutern essen, die Kelche zur Verherrlichung der Freiheit füllen, Lieder anstimmen zum Preise Gottes, dann vertiefen wir uns in das geheimnisvolle Wunder der Erlösung von einstmals in Aegypten. Mit der dankbaren Freude über die Befreiung verknüpft sich liebende Erinnerung an die Befreier und Führer und 4

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