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Freies Blatt · 1896-05-24 · 216 (24.5.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
216 (24.5.1896)
Date
1896-05-24
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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AbomiewentSprei». Air Orftrrreich-llngarn: «nnzjzhrig . . . « Kronen (fl. S.—) Halblihri,. . . . » Kronen 40 Heller tl>- 1™) .2 Kronen (fl. l.—) Aür do» gesnmmte Rnslaad: VanilLhrig.« Marl Halbjälirig .4 Morl Cinjclnc Rümmer» 6 Ir. llnlrantirtt Briefe werden nitfit onaenommrn. Erscheint an jedem Sonntage. Redaktion und ftbmiiiiftrntiou: / i. Stiltrftfltlc 1«. , \ Jnfcratc «erden mit SO Heller (tu kr.) für die vier» mal gespaltene Nonvareillezeile berechnet. Kleiner Anzeiger da- Wort 4 Heller (2 kr.). Ausnahme von Inserate» in unserer Admiu»st'iation sowie im Annoncenbureau M. Duke-, l. Wollzeile H. Nummer 216. i Wien, 24. ütai 1896. V. Jahrgang. Der (Craum von dein unverdorbenen Sohn der Natur. Bon Dr. Bernhard Münz. Aus Anlaß dcS hundertjährigen Geburtstages Schopenhauer'S hat Wilhelm Gwinnrr, einer seiner Apostel, eine Denkrede von Stapel gelassen,, in welcher er deS Meisters Weltanschauung als die klarste Anweisung;ur Lösung der obersten Aufgabe dcö Menschen, der sich selbst verleugnenden Liebe, preist. Er verstcigt sich sogar zu einein Vergleiche Schopenhauer'S mit MoseS, denn jener habe die Menschheit durch daS Meer und die Wüste deS werkgerechten SelbstgenügenS und deS titeln, nichtigen ZeitwerkcS geführt, ohne daß eö ihm indeß gegönnt gewesen wäre, in daS gelobte Land seinen Fuß zu setzen. Gwinner hat dabei im Widerspruche zu dem überschwenglich verherrlichenden Grundton, auf welche» die Denkrede gestimmt ist, selbst dafür gesorgt, daß Schopenhauer'S Bäume nicht in den Himmel wachsen; denn er verlegt daS Verdienst der Schopenhauer'schen Ethik nicht in die Wellverneinung als solche, sondern in dir nothwendige Ergänzung derselbe», in die positive HeilSordnung, zu welcher sie hinübcrleilet, in die auf die Selbstverleugnung folgende Wiedergeburt, welche stufenweise zur Lobpreisung deS Unaussprechlicheil hinaufführt. Bon diesem aus den Ruinen blühenden neuen Dasein hatte Schopenhauer aber keine Ahnung. Indem er die Bestimmung deö Menschen in die Verneinung dcS Willens zum Leben setzte, achtete er nicht im Geringsten der vom grünen Baume des Lebens herabhängenden goldenen Hesperidenäpfel. Danach ist eS jedoch keineswegs ungerecht und verkehrt, seinen Pessimismus der Verführung der Jugend anzuklagen. Eine Weltanschauung, welche die Rückkehr in das leere Nichts predigt, nimmt dem Leben nicht etwa die falsche Sicherheit, sondern die Sicherheit überhaupt; sie entzieht die Menschheit nicht dem Banne der trügerischen Ideale, sie raubt ihr daS Ideal schlechtweg. Der Weltschmerz ist an sich unfruchtbar. In dieser seiner Unfruchtbarkeit stellt er sich als individuelles Stimmungsgebilde, nicht jedoch als Ergebniß einer tieferen Betrachtung der Thatsachen dar. „Wir beginnen aber," wie Eduard Sueß als Oberhaupt der Wiener alma mater in der bei Gelegenheit ÜeS Antrittes seines Ehrenamtes gehaltenen Rede „Ueber den Fortschritt deS Menschengeschlechtes" treffend bemerkte, „erst dann daS Weltall zu begreifen, wenn wir darauf verzichtet haben, den Maßstab zur Beurtheilung desselben aus unS selbst zu schöpfen. Dann erst fühlen wir unS als ein Theil, und dann erst können wir auch rückkrhrend die Erlebnisse deS Menschengeschlechtes selbst gleichsam auS der Ferne prüfend überschauen." Bor dieser Uebersicht schmilzt der ethische Pessimismus unserer Tage wie Schnee vor der Sonne; denn sie entrollt vor unseren Augen ein glänzendes, farbenprächtiges Gemälde von der wunderbaren Entwicklung der Menschheit, sie offenbart uns ein blinkendes, strahlendes Meer von Licht, welches das Füllhorn der Amalthea über sie auSgegosscn. Welch großartiger, gewaltiger Contrast besteht doch zwischen dem vielgepriesenen Zeitalter deS Naturzustandes und unserer Zeit deS sieghaften. naturwissenschaftlichen Aufschwunges! DaS Paradies liegt micht hinter unS im grauen Alterthum, sondern vor unS in der Zukunft; wir haben eS nicht verloren, sondern steuern ihm vielmehr mit den mächtigen Waffen deS Geist und Gemüth gleichmäßig adelnden und klärenden Wissens-entgegen. Schon-ist durch tausendfältigen Verkehr ein Gewebe über die ganze Erde gezogen, und jeder neue Gedanke ist sofort ein Gemeingut. Die Idee deS Wahren, welche vor noch nicht langer Zeit den gewöhnlichen Menschenkindern unzugänglich war, stellt heutzutage ihre Reize mit Vorliebe auf dem Jahrmärkte dcS Lebens zur Schau, um die Schaar ihrer Bewerber zu vergrößern, mit den breite» Volksschichten Fühlung zu bekomme» und sie zu sich zu erheben. Ein Rückfall wie im vierten oder fünften Jahrhundert ist durch die räumliche Ausdehnung der Cultnr fast zu einem Ding der Ilnmöglichkeit geworden. Die tcchnischcn Ergebnisse der Erforschung der Naturkräfte greifen immer tiefer in daS bürgerliche wie in daS staatliche Leben ein. D"ie verbesserte» Mittel des Verkehrs rücken die Völker zusammen und verkleinern den Erdball. Im Wasscrdampfe ist der gewaltigste Knecht gefesselt und zur Arbeit gezwungen worden. Mit dem Blitze senden wir Berichte durch die Tiefen deS OceanS, und ein schwacher Knpferdraht trägt mcilcn weit die zartesten Tonwellcn der Sprache. Wie ist eS nun aber mit den Naturvölkern bestellt? Diese haben, da in der Entwicklung des Individuums sich die Entwicklung der Art spiegelt, mit dem Kinde' den vollständigen Ntangel an Selbstbeherrschung und die rückhaltlose Hingabe an die jeweilige'Stimmung gemein. Vieutcnanl James Cook, welcher in den Jahre» 17t>S—1771 seine Entdeckungsreisen im Stillen Ocean anSführle, meldete von den Bevölkerungen der dortigen Insel», daß sie die wechselnde Farbe der Stunde zur Schau tragen. Bei der geringsten,Veranlassung vergossen sie Thränen und warfen sich ohne Vermittlung wieder der. -Heiterkeit in die Arme. Andere Beobachter haben ähnliche Er fahrungrn gemacht. Dumont d'Urville erzählt von einem- Neu seeländer, welcher wie ein Kind weinte, weil die Matrosen sein Kleid mit Mehl eingestaubt hatte». Darin, daß der Wilde ein Sclave seiner Laune ist, sich lediglich von den Eingebnagen des Augenblicks leiten läßt, liegt der Schlüssel zu seiner Treulosigkeit. Neben dieser kennzeichnet ihn die entsetzliche Furcht vor den Ge walten der Natur, deren Aeußerungen er wahrnimmt, aber nicht zu enträthseln vermag. Aberglaube und Scheu sind seine -unzertrennlichen Begleiter. Er kennt nur böse Geistee. Der Wirbel sturm, das Erdbeben, die Dämonen des WgldeS und des MccreS sind die unbegriffenen Wesen, welche der Bewohner der Anda inanen fürchtet und um Gnade anflcht. Wie der in der Vollkraft des Schaffens stehende 'Manu sich nicht im Ernste nach der Zeit zurücksehnt, in welcher er ohne Ahnung seiner selbst, gleichsam ein Schlafwandler, dahinlebte, so kann nach dem Gesagten die denkende Menschheit nicht mit Neid auf' die Naturvölker blicken, denen uoch nicht ein Dümmersch.-in deS Bewußtseins aufgegangen ist. Der poetische Traum Rousseau"» von dem unverdorbenen Sohn, der Natur ist ein Ritt in da» märchenhafte Reich der phantastischen Romantik und das gerade Widerspiel der Wirklichkeit. ES laßt sich freilich nicht verhehlen, daß der Krieg Atter gegen Alle in dem Ringen nach menschenwürdiger Existenz gegenwärtig auf dem weitaus größten Theile der Menschheit -wie ein schwerer, drückender Alp lastet. Wer aber vorurtheilSlos erwägt, waS war und>waS ist, wer die Extreme der Menschheit in ihrem psychischen und physischen Zustande vergleicht und das ,Leben der unsterblichen Fackelträger verfolgt, an welchen es keinem großen Volke und ke«>pt Epoche gefehlt hat,

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