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Freies Blatt · 1896-04-12 · 210 (12.4.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
210 (12.4.1896)
Date
1896-04-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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i Adounemrut-prei«. Für Oesterreich-Ungorn: B-Iiijälirig . . . 0 Ikonen (fl. 3.—). dalklitria . . . . 3 »roaen 40 Heller (fl. 1.70) Vierteljährig... * Jtroncn (fl. 1.—) Für da« gelammte Jullanb: BanuLhrig ....... 1.6 Mark Haldlührig .4 Mark lkinjelne Wummern 6 fr. llnfranfirte Briefe «erden nicht angenommen. Redaktion iiub VlDiiiiuiftratioii: i. Seilerftätte 10. Erscheint an jedem Sonntage. ^nferale «erden mit ro Heller (10 kr.) für di« viermal gespaltene Wonpareillelkile berechnet. Kleiner ktn>eiger da« Wort 4 Heller (3 kr.). Aufnadme von Snferaten in unserer ktdministralion fowie. im kinnoncenbureau M. Duke«. I. wollzeile «. n Nummer 210. ' Wien, 12. Äpril 1896. Y. Jahrgang. - -- - - ---• -— --— — -—- - , -•- Ein Froschmäusekrieg. So mächlig die antisemitische Partei während der letzten Jahre in Oesterreich und besonders in Wien angcschwollen feiti mag, so klein ist sie in ihrem geistigen Horizont, so kleinlich in ihren Mitteln, so niedrig in ihrer Kampfesweise geblieben. Im weiten Raume verengerte sich eher noch ihr Sinn. DaS rein persönliche Monient steht im Vordergründe deS ParteiintcrcsseS — nirgends die Sache. Der persönliche Angriff, zum großen Theile die persönliche Berleumdung ist die vorwiegendste Waffe dieser Partei; um eine persönliche Frage, ob Lueger Bürgermeister werden soll oder nicht, dreht sich die ganze sogenannte Communalpolitit der Antisemiten, und persönliche Ambitionen, Eifersüchteleien und Kämpfe im eigenen Lager kennzeichnen die Ruhepause» im Kampfe gegen den Liberalismus, die Perfonenfragc wird zuletzt auch das Ende dieser rasch emporgekommenen, aber von Geburt auS angefaulten Partei sein. Bon diesem Gesichtspunkte auö, und nur von diesem, betrachten wir den Sturm, der in den letzten Tagen in dem antisemitischen Blätterwaldc raschelte. Wie ein schlecht gelungenes Theatergewitter ging es im Lager der vereinigten Antiliberalen nieder, mächtige Eolophoniumblitze zuckten durch die Luft, ohne zu zünden. WaS sich auch Schönerer'S Procuraführer ereiferte und in die deutsch-nationale Brust warf, Lueger, der als Rosenkranzplapperer und Kutlenküsser Gebrandmarkte, kann der -stimmen auch jener Deuschnationalen sicher sein, welche, wenn eS Niemand sieht, Herrn Earl Hermann Wolf durch einen biderben, deutschen Händedruck beglücken; der christlich-sociale, roets clericale Weizen ist in Wicif in schönster Blüthe, und Bergaui'S ZeitungSspeculation wirft reiche Zinsen ab, während daS Organ der sogenannten Deutsch-Rationalen sich nicht über daS Niveau einer witzlos redigirten Kneipzeilung erhebt. Der ganze deutsch-nationale Rummel läuft ja doch zuletzt auf deif erbärmlichen Abonnrntenneid zweier geistig gleich unbeholfener, wenn auch geschäftlich nicht gleich geriebener ZettungSherauSgeber hinaus. Nachdem die Wahlcampagne vorüber ist^ in der man sich voif Pfaffen den christlichen Lesern gegenüber eine Art geistlicher Approbation jertheilen ließ, schlägt man die große Trommel deS Deutschthums, producirt den teutonischen Heldenmuth, sich einem Lueger auf der Höhe seines Erfolges entgegenzustellen — wenn daS nicht noch einige zutäppische Bierphilister anlockt, dann ist fürwahr auf die Methode Barnum's überhaupt kein Berlaß mehr. Auf diese rein persönliche Angelegenheit der Herren Wolf und Lergani reducirt sich wohl in letzter Linie der ganze lärmende Fehdezug der sogenannten Deutsch-Nationalen gegen die Berclericalisirung deS Antisemitismus. Aber wenn wir selbst wohlwollender von dem Geschäftsführer Schönerer'S denken würden, wenn wir an ein sachliches Interesse glauben könnten und zugeben wollten, es stecke in der Brust einiger Deutsch-Nationaler unter der Menge antisemitischen llnratheS noch ein Funken deutscher Scham, welche ja bekanntlich am stärksten unmittelbar nach einem begangenen Fehltritte zu brennen pflegt, wird deshalb der antisemitische Bruderzwist auf ein-höhere« Niveau gerückt, hört er auf, ein Frofchmäufekricg zu fein, oder verwandelt sich da« Bild des halb verhungerten und erprügelten Sclaven, der mit seiner Kette rasselt, etwa in daS deS gefesselten Prometheus? Wer soll denn hier in Wien die Phrase von der Entclericalisirung deS Antisemitismus ernst nehmen? Hat doch die Antisemite,ei hierorts just mit Schönerer, und je einen Deutsch-Nationalen begonnen, die sich heute so gern eine» freiheitlichen Anstrich geben. Es wäre ja für diese viel leichter und natürlicher gewesen, den Antisemitismus gleich nicht''zum'auserlesenen Werkzeug 8er Reaction werden zu lassen, wenn anders der bornirte Judenhaß nicht selbst schon das Symptom einer thurmhoch aufgcstapclten Rückschrittlichkeit gewesen wäre. Man kann nicht freiheitlich sein und dabei zwischen Menschen erster und zweiter Güte unterscheiden, man kann aber auch nicht Antiseznit sein und von dem confessioncllen Momente absehen. Was man in der Theorie auch immer von Raceir faseln mag, tu der Praxis erkennt man den Juden doch immer nur durch seine Zugehörigkeit zur israelitische» Glaubensgemeinschaft, und alle praktischen Lersuche, die antisemitischen Grundsätze zur Geltung zu bringe», müsse» daher einen konfessionell christlichen und in zweiter Linie clericale» Charakter bekommen. Der Antisemitismus iii Wie», welcher rein deutsch-national begonnen,, ist trotz der unbedingten Kirchthurmpolitik u»d trotz der deutsch-volkiiche» Erziehungsarbeit Schönerer'S dem ElcricaliSnius verfalle», und eS macht einfach einen jämmerliche» Eindruck, wen» sich daS etwa noch vorhandene letzte Häuflein ehrlicher nationaler Ehaiivenisten den Anschein gibt, alS ließe sich die dem Antisemitismus angewachsene Kutte einfach abschütteln wie ein Nachthemd. Wenn eS wirklich noch solche ehrliche Narren gibt, so sollen diese bedenken, daß ihr Widerstreben gegen die clericale Unterjochung mit der Hinwegräumung jenes FactorS beginnen müsse, der eben dem ElericaliSmuS Thür und Thor geöffnet hat. Wer deutsch sei» unh frei bleibe» will, der darf kein Antisenut sein. Der Nationalcharakter der Deutsche» ist der eminente Sinn für daö Weltbürgerthum, und die größte deutsche BefreitingSthat bestand in der Emancipation deö deutschen Geistes von Rom. Dixfe Emancipation erfolgte aber nicht unter der Parole der confessionellen Unduldsamkeit, sondern unter dem Drange deS deutschen Geistes »ach confessioneller Freiheit. Der Antisemitismus macht also nicht bloß die Freiheit, sondern auch daS Deutschthum zu Schande», und wer ein freier Deutscher bleiben will, muß zunächst diese Fessel der Knechtschaft von sich werfe». Im anderen Falle bleibt sein vorgeblicher Kampf gegen den,Elericalismnö ein erbärmlicher Froschmäusekrieg, wen» nicht gar eine schlecht gelnngene Thcaterkomödie. ' Zur socialreformatoriszchen Thätigkeil des Abgeordnetenhauses. Wir haben schon in der letzten Rnimner unseres Blattes ans jenen Beschluß des Abgeordnetenhauses hingcwiescn, welcher der Regierung die Bollmacht erthcilt, den Umfang der Detail-HandclSgewcrbe mit geringem Waarenvorrathc und localem Betriebe im BerordnnngSwcgc abzngrcnzc». In Uebereinstiinnlung mit dem Abgeordneten Dr. Krona Wetter, einem sehr genauen Kenner der kleinbürgerlichen ErwerbSver hältnissc, haben auch wir die Ansicht .vertreten, daß dieses nach der Schablone der znnftlerische» Socialreform geschaffene und znm Schutze der Schwachen aufgernfene Gesetz in der Praxis weit eher zum Schutze des Starken gegen den Schwachen ausjchlagen müsse. DaS vom.Ab-

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