Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 207 (22.3.1896)
- Date
- 1896-03-22
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Freie» Blatt. Nr. 207. nehmen Sie ei, Sie gehen ja in keinem Verhältnisse zu mir, außer daß Sie Artikel für mich schreiben. Ich werde also jetzt die Artikel gegen ihn selbst schreibe» " BemerkenSwerth war ferner die Zeugenaussage de« bekannten Lasttier« Seidl, König sei eines Tages;u ihm gekommen und habe ihn aufgefordert, den „VolkSboten" zu abonniren. Als er diesem Ansinnen nicht entsprach, habe ihm König gedroht: „Sie werden bereu'», i wer Ihnen alleweil packen!" Demgemäß werde er auch seither ieden Augenblick im „Volksboten" verrisien Die den Gelchwornen vorgelegten Schuldsragen wurden von denselben theil« einstimmig. tbeilS mit eilf gegen eine Stimme verneint und auf Grund diese« Verbiete« die Angeklagten freigeiprochen ((vrbimnlid). I Dian schreibt NN«: Die Wahlen sind vorüber, Wien ist durch die weikthätigste Hilfe der sogenannte» Tentsch-Nationalen einem clericalen Geineinderathe auSgeliefert worden, jetzt können die deutsch-nationalen Charakterdänmlinge wieder ihre freisinnigen Lapriolen schlagen. Die „Ostdeutsche Rundschau" ist an ihre HanSwurstrolle schon so gewöhnt, daß sie e« nicht mehr empfindet, wie lächerlich jeden ernsten Menschen die EntrüstungScomödie berühren muß, welche die „Ostdeutsche Kneipzeitung" deswegen aufsührt, weil L u e g e r ^nizlängst in Gesellschaft des Iesuitenpater« B a u ck i n g e r einen rein clericalen Bauernverein inaugnrirte und sich von diesem zum ersten Ehrenmitgliede ernennen ließ. Ist e« schon utlächerlich, wenn sich ein politisches Tagblatt so stellt, alS iiberra'che diese Haltung Luegers, als hätte e« den gefeierten Führer einer solchen „schwarten Thal" nicht fähig gehalten, so berühren die versteckten Drohungen deS Organ« der Deutsch 'Rationalen n ch kläglicher. Tie „Ofideulsche Rundschau" traut sich in ihrer Erbärmlichkeit selbst nicht mit einer ofienen Absage an den Psaffenknecht- Lueger heraus, weil sie recht wohl weiß, daß ihr da« nur Unannehmlichkeiten bereiten würde, und daß die alten „Lazzi" — die sich biSber nach jeder Wahl wiederholten — Niemand, auch nicht die clericalen Drahtzieher des AutisemitiSmnS ernst nehmen. Heute entrüstet sich Earl Herrmann, wcil'S nichts kostet und schön ist, morgen — wenn wieder eine Wahl ist — hinkt er läppi'ch hinter den Pfaffen einher, und wehe ihm, weit» er'S nicht thäte: wer sind denn seine Gesinnungsgenossen ohne die ciericale Protection? Pfui, wie erbärmlich! Tuiseo. ((riitrocöcr — Oder.) Die Fälle, daß sich Antisemitismus mit Irrsinn paart oder ersterer zu letzterem steigert, bäusen sich-erchi tcklicb. war angesichts der temperamentvollen antisemitische» Agitatiou Riemanden Wunder nehmen darf. Wie wir seinerzeit ausführlich berichtet, hatte der Zimmerputzer AloiS Ring am 16. November v. I. eine jüdische Frau, Eharlcne P e k a r e k, in der Hirschengaffe in Döbling mit den Worten- „So einer Sauiüdin könnte ich eine Ohrfeige bernnlerbaue»", attaguirt. Ring drängte die Frau in ein HauSlhor und verseute ihr einen derart wuchtigen Schlag ins Gesicht, daß Frau Pekarek einen Nervenchoc und eine Ruptur de« Trommetfelles erlitt. Die bebauet liSwerlhe Frau war über zehn Tage berufSnnfähig. und Ring wurde vom BezirkSgerickle zu einem Monat Arrests verurtheilt. Der Vertbeidiger meldete dieBetuinng an, und vor Kurzem fänd die Äppellverhandluiig stau, die jedoch behusS Reguirirung der Protokolle über den Geisteszustand des Ring vertagt werden mußte. Der Pertbeidiger erklärte, Nachweisen zu wollen, daß Ring schon im November an Paraln e. erkrankt war. Ldat'ächlich war der Angeklagte, wie dieser Tage nach Wiedet anfnabtne der Perbandlniig constatirt wurde, bereit» im December in die Landesirr'enanstalt gebracht worden, weil er in einem Tobiuchtsantall in einem Gemiichtwaarengeschäfte, dessen Eompagnon er war, Alles zertrümmert halte. Im Protokoll wird Ring als geistig völlig heruittergekoninicn und hochgradig gemeingefährlich bezeichnet. Er schlägt die Patienten, will keine Kleidung tragen, weil, wie er sagt. „Kleider io hohe Perjönlichleilen nur verschandeln"^ Er zeigt auch BlödsinnS- und Lahmung»- erscheinunge». Der Bertheidiger des Irrsinnig?« hob hervor, daß er zeigen wollte, daß man e « h i e.r nicht mit derTHateiueS a n t i i e i» i t is ch e n W ü t h e r i ch s, sondern eines Geisteskranken zu t h u n habe. Der Gerichtshof hob das erstrichterliche Urtheil auf und.sprach den Angeklagten frei mit der Begründung, „daß Ring schon bei Verübung der Thal irrsinnig war". Wenn die antisemitische Presse in ihrer corrnpten Rechtsanschaunng diesen Freispruch alS eine Art Triumph binstellt, so machen wir sie darauf auimerksam, daß durch denselben vielmehr Herichtrörtlich die für die Mehrzahl ihrer Anhänger geltende Alternative bestätigt wurde: entweder antisemitischer Wülherich oder geisteskrank lGin „gefährliches" Musikstück.) Tie „Ostdeutsche R u n d s ch a u" nimmt eS dem deutschen Turnvereine in Reichenberg sehr übel, daß er ein „Prachtstück von Jndendienerei" verübt habe, und erbebt zugleich gegen die „liberale Reichenberger Zeitung" den Vorwurf, bei dieser Gelegenheit einen wackeren pflichttreuen Magisiratsrath „angeflegelt" zu haben Wa« da eigentlich geschehen ist, datüder gibt unS eine Notiz der „Reichenberger Zeitung" Aufschluß, die wir hier folgen lassen: „Herr MagistratSralh Lr. Ringelhaan ließ Sonntag >8. d. M » den Obmann des hiesigen deutschen Turn-, vereineersuchen, dar dritte Stück auf dem Programme für das AhonnementSconcert der Turnvereine», welches Abend» in der Turnhalle von der Capelle des!56. Infanterietegiments gespielt werden sollte, nicht zur Aufführung zu bringen, da der Vortrag desselben .stürmische Scenen' Hervorrusen könnte. E» bandelte sich um eine Conipositio:'. von Max B r u ch„ betitelt ,Kol Nidrei', Adagio für Bioloncell. ,Kol Nidrei' ist ein hebräisches Gebet, und auS diesem Grunde .befiirchtete' der Herr MagistratSralh .stürmische Scenen'. Die Befürchtungen deS Herrn Dr. Ringelhaan erwiesen sich als überflüssig; die Compofition gelangte zur Aufführung, ttnd das erschienene Publicum spendete sogar nach Vortrag deS Adagios lebhaften Beifall. Welche Befurchltutgeu aber hätte erst der Herr MagistratSrath gehabt, wenn auf dem Programme das berühmte Oratorium Bruch'« ,Mose«' sich befunden hätte?" Und da« nennt ein Organ vom Knechtfinn und von der Rohheit de« Wiener „Spatzenblattes" — ..Judendienerei" und '„Anflegelii"! (Gelogen wie gedruckt.) Der Wiener antisemitische Lngenmoniteur au« der Linken Bahngaffe brachte unter dem sensationellen Titel „Spionage u n d I u d e n t h u m" am 20. Jänner d. I. die Nachricht, daß in Köln ein Oberseuerwerker Nürnberg (!) von der Siegburger Geschoßfabrik verhaftet - worden sei, weil er in dem Verdachte stand, militärische Zeichnungen, darunter solche von Geschützen sowie deren Bedienung, angefertigt und verkauft zu haben. Weitere Verhastunge» stünden bevor, nachdem die Behörde Spuren aufgesunden habe, wonach Nürnberg mit weiteren Personen in lebhafter Correspondenz ge standen sei. Bei seiner Verhaftung sind auch wichtige Schriftstücke beschlagnahmt worden. Selbstverständlich machte da» „Deutsche B o l k« b l a 11" den Obersenerwerker „Nürnberg" rasch-zum Juden und bauschte die Affaire zu einergroßen Verschwörung der JndenthnmS wider daS Deutsche Reich auf. Wie nun unsere Berliner Abwehrcollegin eruirte, ist der Oberfeuerwerker Nürnberger (nicht Nürnberg) weder der Religion nach, noch der Abstammung nach Jude. Er ist der Sohn protestantischer Eltern und in Thüringen gebürtig. Aber a» der ganzen Spionagegeschichte ist überbaupl nicht« Gefährliche«, und in dem „Siegburger KreiSdlalt" vom 25. Jänner war folgende, offenbar ofsiciellc Schilderung des Sachverhaltes zu lesen: „In letzter Zeit brachten sehr viele Zeitungen über den hier bei der königlichen Geschoßfabrik in Diensten stehende» Oberfeuerwerker Nürnberger vielfach Aufsehen erregende Nachrichten, dio aber zum größten Theil aus Unwahrheit beruhen, wa« uns veranlaßt, den richtigen Sachverhalt nachstehend kurz mitzutheilen. Herr Nürnberger halte von einem Industriellen den Auftrag übernommen, einen neuen Entwurf zu einem Mililär-InstructionStaschentuch, wie solche Tücher schon mehr alS zwanzig Jahre für alle Waffengattungen zum Zwecke der Veranschaulichung der Instruction in' Gebrauch sind, auch für die deutsche Feldartillerie anzufertigen. Bei der Untersuchung ist hierin etwas Ungesetzlichenicht gefunden worden, und hat Herr Nürnberger, welcher als pflichttreuer und begabter Militär bekannt ist. seinen Dienst al» Lberfeuerwerkcr hier am 20. d. M. wieder angetreten." Abgesehen al>'o von dem Umstande, daß Nürnbeiger kein Jude i.st und keinen LandeS oerralh begangen bat, enthält der betreffende Bericht deS „Terusilien VoUsblaites" nicht mehr viel grobe Umvahtheiteu. (TaS unerreichbare Vorbild Wien.) Tie „Staatsbürger.Zeitung" äußert sich schmerzlich: „Eine verhängnißvolle 'Lauheit und Schlaffheit macht sich seil Monaten in d?r Leitung der Berliner antisemitischen Bewegnng geltend. Uederall im Lande wurde den Winter durch stramm gearbeitet, in Berlili begnügte man 'sich jedoch fast ausschließlich mit der Abhaltung von Kränzchen, Maskenbällen, Familienabenden, Kegelfestlichkeiten :c. Von einer ruhigen agitatorischen Thätigkeit war nichts zu merken. So hat;. B. der Deutsche Antilemilenbuud' seit beinahe einem Jahre keine öffentliche Versammlung abgehalten, trotzdem der Stoff zu solchen wahrhaftig in überreichem Maße vorhanden war. Ans solche Weise wird man das Vorbild unserer Schivesterstadt Wien niemals erreichen und die noch nickt ganz iiberzeugungstreuen Gesinnungsgenoffen unserer Sache sicherlich nicht erhalten. Ohne Arbeit kein Sieg, deshalb halten wir es für dringend erforderlich, daß in unserer Berliner antisemitischen Bewegung etwas mehr Zug hineinkomme. Mehrere treue Antisemiten " ES ntacht der deutschen Reitbshanptstadt alle Ehre')' daß sie sich nicht mehr zum Tummelplatz der Ju'enheyer eignet. Auf die Mehrheit im „Rothen Hause" und auf den Berliner Bürgermeisterposten «averden die Herren Antisemiten einfür allemal verzichten müssen. Aus derselben Nuntmer der „Staatsbürger-Zeitung" ist übrigen; zu trieben, daß in Berlin ein Kegelclnb „Hepp! Hepp!" existirt. Tie antisemitische Internationale sollte eigentlich allerorten diesen paffenden Namen führen. * t , In Den lebten Zügen.) Einer Melkung d-S „Reichsboten" zufolge wird da» in N ordba u i e n erscheinende „D rutsche Tageblatt" am 1. April eingeben. § i t e r a t u r. A. Hartleben'S Kleines StalistischrS Taschenbuch über alle Länder der Erde. Dritter Jahrgang 1895. Nach den neuesten Angaben bearbeitet von Professor Tr. Friedrich U m lauft. (Eleg. geb. 80 ft. 1 M. 50 Pfg.) Stet« weiter und weiter dehnt sich täglich der Bereich desjenigen, wa» heute dem zu wiffeu nothlhut, der sich im öffentlichen Leben bewegt oder wenigsten» dessen Vorgänge autmerksainer verfolgen will, und ganz unmöglich ist e« dein Einzelnen geworden, ohne eine Schaar von Führern durch das geistige Leben zu wandeln, die ihm in jeder Lage mit Rath und That stet» zur Seite stehen. Unter der Zahl dieser geistigen Führer nimmt da«