Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 205 (8.3.1896)
- Date
- 1896-03-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Abomiemeiit-prei-. Kür Oefterrrlch-Ungarn: Gauijibrig ... 8 Ikonen (fl. S.—) Lalr,«bri, . ... i Kran» 40 Heller (fl. 1.70) vierteljährig .8 fkronen (fl. l.—) Kür da« gesammle Ausland: «anUihrig.8 Mark Hald>ährig .4 Mark iinzelne Nummern 8 kr. Unfronkirte Briefe^werden nicht angenommen. Erscheint an jedem Sonntage. Redaktion und Administratio»: I. SeiUrftättc 10. Inserat« werden mit 20 Heller (10 Tr.) für die vier, mal gespaltene Nonpareillezeile berechnet. »leiner Anzeiger dag Wort 4 Heller kr ). Aufnahme von Inseraten in unserer Administration sowie im Annoncenbureau Dt. Dukes. I. Wollzeile ft. Stummer 205. Wien, 8. Mär; 1896. V. Jahrgang. Der Mahlkainpf in Mien. Mit dem Ausfälle der Wahlen am 2. März, an welchem Tage der zweite Wahlkörper zur Urne schritt, war der Kampf um die Majorität deS künftigen GemeindcratheS in Wien endgiltig entschieden. Der erste Wahlkörper konnte ^keine wesentliche Acnderung mehr herbeiführe», und eS war von den Antisemiten und ihren Organen keineswegs voreilig, wenn sie schon am Abende des 2. März SiegeSfeste abhielten, denen wie gewöhnlich lärmende Straßenauftritte folgten, und in das Triüinphgeschrei auSbrache»: „Wien bleibt antisemitisch!" Mit Ausnahme deS I., II. und IX. HezirktS wählten alle übrigen auch im zweiten Wahlkörper die von den Antisemiten ausgestellten Kandidaten mit großer Majorität, so daß sich hier die Borgänge vom September des vorigen Jahres neuerdings abspielten. Der Erfolg war übrigens de» Feinden der Rechtsgleichheit selbst im ersten Wahlkörper günstig. Sie behaupteten am 5. März ihre frühere» Positionen und entrissen den Liberalen noch vier Mandate. Nach dem gesummten Wahlergebnisse besteht die neue Gemeindevertretung auS 96 Antisemiten und 42 Liberale». Es wäre ungerecht, die stereotype Klage über mangelhafte Parteiorganisation der Liberalen wieder vorzubringen, ein verspätetes Eintreten in die Wahlaction zu rügen sowie über geringe Betheiligung liberaler Führer an derselben sich zu beschwere». ES geschah diesmal seitens der Leitung der liberalen Partei Alles, was Pflicht gebot und Anstand nicht verwehrte, um die Bedeutung der Wahlen klar zu machen, die Jrregeführten auf Veit rechten Weg zu bringen und die Säumigen und Lässigen vor der Mitschuld a» den Gefahren zu warnen, die ein antisemitischer Sieg herauf, beschwören würde. Das Beispiel der gegnerischen Agitation konnten achtbare liberale Männer allerdings nicht befolgen. Die Antisemitenhäuptlinge schraken vor gar nichts zurück. Sie zerrte» die Frauen in die Agitation und verpflanzten den Wahlkampf auch in das Familienleben. Sie forderten von den Männern nicht etwa ein ehrliches, gesinnungstreues Verhalte», ein offenes Bekenntniß zu den Lehre» des Antisemitismus und Opferwilligkeil für die „gute Sache", nein, ohne jede Scham riefen sie den Kleingewerbetreibenden zu: „Verseht euch mit doppelten Stimmzetteln, zeigt den Liberalen denjenigen vor, auf welchem ihre Candidaten stehen, werft aber in die Urne den Zettel mit den Namen der antisemitischen Vertrauensmänner. So werdet ihr euch geschäftlich vor Schaden bewahren und zugleich eurem Herzensbedürfnisse als Christen und Arier vollauf Rechnung tragen!" Es fiel auch den Antisemitenführern nicht ei», den Staatsbeamten und Lehrern die Ueberzeugung beibringen zu wollen, daß es das StaatSintereffe, daS Gemeinwohl erfordere, einen Sieg der Antisemiten bei den Wiener GemeinderathSwahlen herbeizuführen: weit zweckentsprechender erschien eS ihnen, dieselben auf die Vortheile aufmerksam z» machen, welche sie bisher der antisemitischen Agitation angeblich zu verdanken habe», und die Vorschläge der Regierung zur Besserung ihre« Loses, ihrer Witwen und Waisen wurden bald als .werthloS hingestellt, bald aber als eine Frucht deS volksfreundlichen Wirkens der Lueger und Genossen gepriesen, welches die inaßgebenden Kreise zu einer eaptatio bsnevolontiao gegenüber der Beamtenschaft nöihigte. ES wurden allerlei Märchen von einem .Zimmerarreste" am Wahltage verbreitet, um die zum Trotz geneigten jütigere» Herren Accessiste», Officiale re. anzuspornen, sich ja nicht zu absentircn und zur Wahl zu erscheine». Gleichzeitig aber wurde auch zur Beschwichtigung furchtsamer Oberlehrer, HUfsämierdirectoren re. betont, daß der Wahlzcttel „vierfach zusammengefaltel" abgegeben wird, und daß sie doch in der Lage sind, ihr Mienenspicl soweit zu beherrschen, um nicht Vorgesetzte erkennen zu lassen, daß sie antisemitisch gesinnt sind und demgemäß gewählt haben. Die Agitatoren ans dem rückschrittlichen Lager fanden in den Reihe» der Beamtenschaft um so willigeres Gehör, als dieselbe, wie der Verlauf einer Versammlung ans der Landstraße zeigte, genug Radauelemente'' zählt, die sich nicht scheuen, sich rückhaltlos zu jenen Staatslehren zu bekenne», welche den liberalen Grundsätzen der von ihnen beschworenen Verfassung diametral entgegengesetzt sind. Auch ist der Umstand nicht zu übers»hen, daß Wien eine stattliche Menge von Beamten slavischer Abstammung hat, welche "in Prag oder Lemberg kaum zu bewegen wären, für antisemitische Eandidaten zu stimmen, die aber gar keine Scrupel empfinden, dies in Wien zu thun, weil sie damit ein verdienstvolles nationales Werk zu verrichten glauben, indem sic die Stellung der der Länderautonomie feindlichen deutsch-liberalen „Cenjralistrn" schwächen. Aus dem ganze» Verlaufe der jetzige» 'Wahlcampagne konnte Jedermann, der vielleicht noch Zweifel hegte, die Gewißheit schöpfe», daß der Antisemitismus mit seiner der» Pöbel mundgerechten Hrpp-Hepp-Parole in erster Linie dem Liberalismus gefährlich sei. Bei allen Paraden der mit dem Abzeichen der weiße» Nelke ansrückenden männlichen und weiblichen Streiter sah man daS Bestrebe», Alles hcrabznsetzcn, was dem freiheitlichen Gebaut » entsprossen ist, und RückschrittSplänen die Bahn zu ebnen. ES zeigte sich aber noch ein' anderer, sehr bedenklicher umstand, für welchen diejenigen „Staatsmänner" verantwortlich sind, die in früheren Jahren die antisemitische Bewegung geduldet und sie haben groß werden lasse». Diese Bewegung ist heutzutage nicht nur den Juden unbequem, nicht nur dem Liberalismus s.chädli»!,, sie ist auch für den österreichische»,Patrioten in hohem Grude ärgernißerregend. AuS den Burschenschafter», welche zur Verherrlichung des „besten ManncS der Ostmark" am Denkmale der Kaiserin Maria Theresia die „Wacht am Rhein" sangen, wurden im Laufe der Jahre k. k. Staatsbeamte, die, treu ihren Jugendidealen, eS mit ihrer amtlichen Position vereinbarlich finden, in Uniform — Schönerer-Lieder anzustiinmen. Staatsbeamte sind Mitglieder einer Gruppe innerhalb deö AiiliscmitcnbundeS, welche die Gegnerschaft wider die „polnische Regierung" bis zum Aeußersten predigt und rund heraus erklärt, daß sie mit allem Nachdrucke dafür Sorge tragen werde, daß sich in der vom StaalSo.berhaupte schon einmal entschiedenen Wiener Bürgei meistersrage nichtbei irgend wem eine „Neigung zum schwächlichen Nachgeben" zeige. DaS sind Erscheinungen, deren Beseitigung nicht bloß das Interesse Wiens, sondern das Ansehen deS gefajmnteii Staate« unbedingt erheischt. Wie wir schon wiederholt betont haben, ist nächst der Wahlreform und der Erneuerung des Ausgleiches nnit Ungarn die Sanirung der Wiener Zustände die Hauptaufgabe deS jetzigen Ministerpräsidenten. An. Mitteln hiezu fehlt eS ihm nicht, und wir haben keinen Grund, zu zweifeln, daß er von denselben Gebrauch machen werde. "fif