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Freies Blatt · 1896-02-09 · 201 (9.2.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
201 (9.2.1896)
Date
1896-02-09
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Freies Blatt. Nr. 201. drücklicheS Wort Gottes, sondern daS des Teufels ist, begegnete bei ihm beständig tauben Ohren. In Folge der maßlosen Ueberhebung seiner Richter gerieth er in eine gewaltige Aufregung, gegen welche e« für ihn nur ein Beruhigung-mittel, die heilige Schrift, gab. Ta diese ihm von seinen herzlosen Richtern vorenthalten wurde, fühlte er sich feinem wackeren Leidensgefährten, dem neapolitanischen Edelmanne Pompejo de Monti, welcher sie insgeheim durch einen Diener zu verschaffen wußte, zu tiefem Tanke verpflichtet. Wie sehr die Bibel Balsam in seine Wunden träufelte, bezeugen die Stellen, welche er zur Erinnerung an einzelne Tage in seinem Kalender notirte. So bemerkte er zum 15. Juni: „Ps. 1-13, 3. Der Feind verfolgt meine Seele und zerschlägt mein Leben zu Boden; er legt mich in das Fiüstere, wie die Todten in der Welt"; ei» andermal zum 20. Juni: „ff. 51, 19. Ein geängstetes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten": am 24. Juni: „Lucas 18, 7 und 8. Sollte aber Gott nicht auch retten feine AuSerwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen? Ich sage euch, er wird sie erretten in einer Kürze!", und am letzten Tage deS Juni: „Ps. 34, 19. Ter Herr ist nahe bei denen, die zerbrochenen HerzenS sind." In den letzten Tagen eines jeden Monats pflegte sich eine Comniission Don acht Cardinälen mit den, Gouverneur der Stadt in daS JnquisilionSgebäude zu begeben, wo ein großes Zimmer für sie hergerichtet war. Hierher wurden die Gefangenen der Inquisition, und zwar jeder besonders, vorgeführt, und sie mußten auf die an sie gerichteten Fragen Rede stehen. Camerarius hatte von dem ihn jetzt erwartenden Auftritte durch seinen treuen LeidenSgenosien bereits vorher Kunde erhalten z derselbe mahnte ihn auch, darauf zu achten, welcher der Cardinäle ihn zuerst ansprechen würde, denn gewöhnlich werde jedem Cardinal ein bestimmter Gefangener zugewiesen, und von desien strenger oder milder Gesinnung "hänge nicht selten daS Schicksal der Untersuchung ab. CameroriuS war daher weniger überrascht, als er eines TageS von dem Gefäugnißdiener vor die Commission beschieden wurde. Er sah sich in dieserdem durch seine Schroffheit und Heftigkeit wie nicht minder durch seinen tödtlichen Haß gegen die Protestanten berühmten Tominicanermönch Cardinal Michael GhiSlieri, dem späteren Papste PiuS V, gegenüber. Bei dieser traurigen Gestaltung seines Loses war eS ein Glück für den Gefangenen, daß er Alles, was er zu seiner Rechtfertigung Vorbringen wollte, vorher gelassen überlegt und erwogen hatte. Er legte in gewandter und fließender Sprache dar, wie er nach Italien gekommen sei, um an seinen berühmten Universitäten sich in der Rechtsgelehrsamkeit fortzubilden, und wie er es dann sich nicht habe versagen können, die wunderbare Roma zu besuchen. Zwar hätte ihn die Verschiedenheit der Religion stutzig machen können, allein 'er sei der Ansicht gewesen, wer durch sein Perhalten keinen Anstoß gebe, könne überall ohne Gefahr reisen, wie denn auch in seinem Paterlande viele, der römischen Kirche Angehörige unangefochten unter den Protestanten leben. Auch erinnere er sich wohl, daß nicht wenige von jenen von seinem Pater in jeder Richtung unterstützt und gefördert wurden. Nachdem er schließlich noch der hohen Privilegien und Ehren Erwähnung gethan, mit welchen die beiden Kaiser Karl V. und Ferdinand seine Familie begnadigt hatten, knüpfte er daran die Bitte, man möge ihn aus der Haft befreien und sicher zu den Seinigen zurückkehren taffen; er werde dieser ihui erwiesenen Wohlthat gewiß sein ganzes Leben lang dankbarst gedenken. Obwohl.diese. Rede von mehreren Cardinälen mit sichtlicher Befriedigung aufgenommen ward, so blieb GhiSlieri doch hart und unerbitttich. Er gab ihm zu bedenken, daß er offenbar durch eine besondere Fügung GotteS nach. Rom gekommen sei, um daselbst die angestammte Ketzerei abzuschwören. AlS CamerariuS diese Auslegung entschieden ablehnte, gab ihm sein Richter einen Monat Bedenkzeit. Wenige Tage nach dieser Begebenheit wurde CamerariuS von einem ruhrartigen Fieber überfallen; er war außer Stande, Nahrung zu sich zu nehmen, und fühlte sich bald -so schwach, daß er sich nicht aufrecht halten konnte. Diese schwere Krankheit, welche er um keinen Preis einem von den Inquisitoren abgeordneten Arzte zur Behandlung überlaffen mochte, nahm er mit inbrünstiger Andacht als eine hohe Gnade GotteS auf, weil sie ihm als eine Erlösung von irdischer Pein winkte. AuS eben diesem Grunde sah er erleichtert die Zeit herankommen, wo er abermals vor der Commission erscheinen sollte. Als er bleich und körperlich gebrochen in den Saal hineintrat, ließ GhiSlieri lange schweigsam und mitleidig den Blick auf ihm ruhen und verlieh dem in seiner Glaubensstärke Verharrenden wider alle Erwartung noch einmal Bedenkfrist. Bevor diese jedoch noch abgelaufen war, wurde ganz unverhofft ihm und dem Freunde Rieter die Freiheit verkündet und ihnen AlleS wieder zugestellt, was man ihnen bei der Berhaftung abgenommen hatte. Für Camerarius war sogar ein Pferd bereit gehalten, das ihn in seinen Gasthof bringen sollte, da er zu schwach war, um den Weg dahin zu Fuß zurückzulegen. Seine Genesung schritt indeß nur langsam vorwärts, obwohl er sich durch die liebenswürdige Fürsorge deS kaiserlichen Gesandten am römischen Hofe nunmehr der aufmerksamsten Pflege und vor Allem der Behandlung eines sehr geschickten ArzteS zu erfreuen hatte. Endlich — am 27. September 1565 — schlug die Stunde der Abreise, zu welcher Freunde und Bekannte immer mehr drängten, weil sie die beiden jungen Leute, so lange sie in Rom weilten, noch nicht vor aller Gefahr sicher wähnten. Camerarius athmete leichter, als er von einer Anhöhe der Straße nach Narina noch einmal einen Blick auf die Burgen und Thürme der Stadt zurückwarf, welche so leicht sein Grab hätte werden können. Daß sie eS nicht geworden, dankte er seinem Bater, welcher AlleS aufgeboten hatte, um sich die Fürsprache mächtiger Fürsten und selbst deS Kaisers Maximilian II. zu erwirken. Dazu kam, daß um dieselbe Zeit ein päpstlicher Abgesandtxr auf einer Reise durch Thüringen von vermunimten Reitern überfallen, sein Gefolge getödtet und er selbst in die Gefangenschaft geschleppt worden war. Diese Thatsache schüchterte die Inquisition ein, welche befürchtete, daß man in den deutschen Landen auch fernerhin. Gleiches mit Gleichem vergelte» würde. Literatur. Bertha v. Sutlutr: „Wohin? Die Etappe» des Jahres 1895." Berlin, „Guienberg", Druckerei und Verlag, Actiengefellfchaft Preis 1 Mark Wir leben in einer bewegten Zeit. Wie in einem bunten Kaleidoskop rauschen die Ereigniffe an n»S vorbei; der Wirbel von gestern wird durch den Taumel von morgen abgelöst. Im wüste» Tobe» drängt sich das Gefecht der Parteien, der Zusammenstoß der alten Welten und der jungen Sonne», aus deren Anprall da« Lich» in Hellen Funken sprüht, und über unser Leben hinweg rollt in gleichmäßigem, erhaben ruhigem Gange die Zeit. Wohin? — — „Wohin?" Diesen Ruf läßt eine Kämpferin eben ertönen, die selbst in der Kämpfenden ersten Reihep steht, eine Kämpferin für das Hohe, Edle und Gute, die Baronin Bertha v. Suttner. In ihrem eben erschienenen Buche, das de» Titel „Wohin? Tie Etappe» des Jahres 1805" trägt, wirst sie die große Frage auf: „Gehen wir dem Kriege entgegen oder dem Frieden? Führen die Geschehniffe, die Thaten und die GeisteSkämpse unserer Zeit zum Umsturz oder zum Umschwnng — zum Ausstieg oder zum Zusammenbruch, zur endlosen Befehdung oder zur Versöhnung? — Wohin?" Sie hat n»r i» diesem Buche eine. kritische Geschichte des Jahres 1895 geschrieben. Eine Weltgeschichte eines an Ereigniffen reichen Jahres. Sie schrieb diese „Weltgeschichte von 1895" aus der hohe» Warte edler-Menschlichkeit, auf den Zinnen der Civitisation und der Humanilät, sie beleuchtet unS mit der helle» Fackel ihre« Geistedie Ereigniffe von gestern und läßt u»S den kommenden Morgen erkenne». Dorthin! ruft sie mit emporgehobenem Arm, dorthin! und hoch schwenkt sie die Fahne der Menschlichkeit in ihrer Rechten. Wir könne» diese hochinteressante Erscheinung aus der Feder der gefeierten Autorin Jedem auss Beste empfehlen, der an den Offenbarungen eines edlen Geistes Erbauung. Genugthuung und Freude zu finde» vermag. Nnkündigungen des „Freien Blattes". DM" Inserate werten angenommen, sowohl in unserer Administration, als auch im Annoncen-Bnreau M. Duke». "Mg Etablissement R ONACHER. Töglich mzz ausserordentlich reichhaltiges Programm. Banze^s Orplxevuna Direction: F. Krlebaum. Kosssp, Wasagusse Xr. 33. — Telephon 636. TäglicH I Internationale Künstler-Vorstellung. zM- Neues Programm. Cmm-Eröffnung 1 ,7 ULr. C*s»&-lMülTuuntf 7 l'br. Hegiuu präciae 8 Lbr. Anfang ».,8 Ubr.

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