Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 199 (26.1.1896)
- Date
- 1896-01-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Wie i» Nr. 108 des „Freien BlatteS" aus Salzburg mitgetheilt wurde, gefiel cs dem Bischof von ^St. Pölten, Herrn Dr. Rößler, auf einer Generalversammlung des Vereines zur Gründung einer katholische» Universilät den berühmten Gelehrten und eifrigen Kämpfer für Freisinn und Fortschritt Rudolf Birchow als Gewährsmann für feine eigenen lichtscheuen und aufklärungsfeindlichen Tendenzen;» citire». Der hochwürdigste Gönner der Wiener Antisemiten scheint indessen entweder ein sehr schwaches Gedächlniß zu besitzen oder cs mit der Wahrheit nicht sonderlich streng zu nehmen. Wir wandten unS nämlich an Herrn Geheimrath Professor Dr. Birchow mit der Bitte, unS aufzukläreu, wie eö sich denn mit dem Citate des Bischofs verhalte und empfingen folgenden Brief: Berlin, 17. Jänner 1896. Aus dem mir übersandten „Salzburger Tagblatt" ersehe ich, daß auf der Generalversammlung dcS katholischen UniversitätSvereineS in Salzburg am 12. d. M. der Bischof von St. Pölten mich als Zeugen dafür aufgcführt hat,' daß die gegenwärtigen Hochschulen Materialismus und Atheismus befördern und die Grundsätze Nathans des Weisen den Hörern predige». Ich muß diese Behauptung auf das Entschiedenst? zurückweisen. Niemals habe ich mich so oder auch nur in ähnlicher Weise ausgesprochen. Im Gegentheil habe ich durch mein eigenes Beispiel dargethan, daß die Hochschulen in sich selbst die Mittel besitzen, Ausschreitungen der |cf)rer, wo sie hcrvortrcten, zu bekämpfen. Denn der einzige Fall, auf welchen sich der hochwürdige Bischof berufen kann, war meine Rede über die Freiheit der Wissenschaft auf der Münchener Naturforscherversammlung, welche gegen die meiner Meinung nach nicht mehr wissenschaftlichen Forderungen der Darwinisten gerichtet war; und wer dieselbe Nachlesen will, wird sich leicht überzeuge», daß darin nichts von dem enthalten ist, was mir jetzt in die Schuhe geschoben wird. Ueber die Grundsätze Nathans des Weisen zu sprechen, habe ich als Universitätslehrer keine Veranlassung gehabt. Um den Standpunkt der Toleranz, den ich im Parlament und in nicht akademischen Bersammlungen stets vertreten habe uud vertreten werde, zu vertheidigen, bedurfte es des weisen Nathans nicht. Dazu genügten mir der gesunde Menschenverstand und das humane Gefühl. Sollte die geehrte Redactio» diese Erklärungen gebrauchen wollen, so stelle ich ihr das gern anheim. Hochachtungsvoll R. Birchow. * Wegen anderer angeblicher Aussprüche Birchow'S, die der Bischof in seiner Rede anführte, wurde der berühmte Gelehrte in einem Salzburger Briefe um eine Aufklärung angegangen, woraus er Nachstehendes erwiderte: Berlin, 17. Jänner-1896. Hochgeehrter Herr! Die,,Salzburger Chronik" vom 14. d. M. bringt in einem Berichte über die Generalversammlung des UuiversilätSvereineS scheinbar wörtliche Citate aus einer Rede des Bischofs Rößler, wonach ich Folgendes gesagt haben soll: 1. Im Jahre 1874 ausdrücklich bei einer öffentlichen Versammlung, daß ich mich ganz und gar gegen jede religiöse Erziehung und Bildung erklären müsse; 2. einige Jahre später: „Dem gewöhnliche» Volke mag man seinen Glauben lassen, für die Gebildeten reicht die Wissenschaft des Unglaubens aus;^ .3. ein andermal: „ES gibt heutzutage keinen gebildeten Menschen, der an ein Jenseits glaubt." Ich fordere hiedurch den Herrn Bischof auf, anzugcben, wo ich diese Worte gesprochen haben soll und wo die in Häkchen angeführten, also von demselben wörtlich wiedergegebenen Sätze veröffentlicht sind. Vorläufig fehlt mir ein parlamentarischer Ausdruck für das Wagniß, welches der hochwürdige Herr unternoipmcn hat. Ich erinnere mich nur des alten Satzcö: ..0aIni»uiiu'>: atnlacter.“ Wenn das als Motto für die neu zu gründende Universilät gewählt werden soll, so werde» die Herren sich bald übcrzeugcus daß auch die gegenwärtigen Universitäten, wie die (kalholücheu > des fünfzehnten und sechzehnte» Jahrhunderts, das Gegengift gegen Lüge und Verleumduug zu finden wisse». Keiner der drei mir i n d e n M u » d g e l e g l e n S ä tz e i st j e m a l s von mir gesprochen worden. Den einzigen genauer bezeichneten Hinweis' auf eine öffentliche Versammlung im Jahre 1874 verstehe ich nicht. Dagegen darf ich ja wohl auf meine in Druck erschienene Rede auf der Natstrforscherversammluug zu München im Jahre 1877 (über die Freiheit der Wissenschaft) verweisen, in welcher ich (gegen Herrn Haeckel) de» Ersatz der Religion in dem Schulunterrichte durch den Darwinismus bekämpft habe. Wer ein wirklich heiliges Werk uuternchmcn will, der darf sich nicht un heilig Cr Mittel bedienen. Wollen Sie, hochgeehrter Herr, von diesen Zeilen öffentlichen Gebrauch machen', so stelle ich es Ihnen ganz anheim. Mit vorzüglicher Hochachtung R. Birchow. Mit Bezug auf letzteren Brief erklärt Bischof Dr. Rößler in einer Zuschrift an die „Neue Freie Presse", daß d^e in seiner Salzburger Rede angeführten Citate über Birchow wörtlich in „Die Ziele der Social-Demokratie und die liberalen Ideen" von Michael Pachtler, Priester der Gesellschaft Jesu, Freiburg im