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Freies Blatt · 1896-01-12 · 197 (12.1.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
197 (12.1.1896)
Date
1896-01-12
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Nr. 197. Freies Blatt. Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts. Aber die Bestrebungen dieses und des folgenden Jahrzehntes sind noch nicht frei von einem sehr fühl baren und nickt selten irrelcitcndcn Eiuflusse des Christcnthums, dcsten Cultur noch längere Zeit die einzige S-ucllc jüdischer Bildung blieb und dcsten politische und religiöse Institutionen daher auch zum Gegenstände einer »»geschichtlichen Nachahmung in der beginnenden Neugestaltung dcS Judenthums wurden. Und so ist auch -der äußere Anstoß zu einer allgemeine Umbildung der -Gemeinde- und- RcligionSverfastung der Juden in jener Zeit nicht von dicicn, sondern von einer äußeren politischen Macht ausgegangen. Es war bereits zur Thatsache in dem . östentlichen Bewußtsein der Christen wie der Juden geworden, daß diese in den Ländern und untcr den Böllern, innerhalb deren sie lebten, sich nicht länger als Fremde betrachten und betrachtet misten, sondern sich dem neuen Batcrlandc als Staatsbürger anschließen wollte» und alle hieraus fließenden Pflichten zu übernehmen bereit waren. In Frankreich und in Holland sanden sie bei gleichen Rechten Gelegenheit, dies durch die That zu beweise». In Deutschland und in Oesterreich, wo sic dieser Rechte »och entbehrten und größtentheilS auch den wichtigsten Bürgerpflichten nicht nnlerworfen waren, gaben sie davon Zeugniß durrh freiwilligen Eintritt in die Landeshccre während der allgemeinen Rriegskänipfe. In Polen selbst legten sie während der Erhebung RoSeiuszko's Zeugniß ihres nationalen Patriotismus durch Bildung eines eigenen tapferen Frcieorps ab, besten Führer den Heldentod starb. Man konnte nur noch an ihrer momentanen Fähigkeit und Mündig feit zum Eintritte in den Genuß des vollen Bürgerrechtes zweifeln, aber nicht mehr au'der Pflicht der Staaten nick Bölkcr, ihnen dieselbe in Aussicht zu stellen, sobald sic jene erlangt haben würden, und zur möglichsten Erzielung dieses Resultates, zur Hebung ihrer geistigen und sirrlicken Bildung durch geeignete Maßregeln deizutrage». Napoleon faßte zuerst den Gedanken, dem Judenthnm und seinen Bekennern einen geeigneten Platz im Staate und in der Gesellschaft zu verschaffen, und zwar durch eine Organisation der französischen Judenhkit zu einer gegliederten, jüdischen Religionsgesellschast nach dem Borbilde der christlichen Landeskirche Frankreichs und durch eine vermittelst dieser Organisation übereinstimmend durchzuführcnde Reform des Cultus und.des CcremonialgesktzcS im Judcnthnm. Am 30. Mai lHRi erließ er das denkwürdige Dccret, durch welches jüdische Depntirte -Notabel» des ganzen Reiches nach Paris berufen wurden, um zweckdienliche Borschläge zur Beseitigung der unter den Juden Frankreichs noch obwaltende» Mißbräuche und Uebelständr zu machen. Am Ll> Juli traten 110 Deputirte aus allen Provinzen Frankreichs und deS sranzösil'chen Italien nuter Leitung dreier kaiserlicher Commistarien zur ersten Bcrathnng zusammen, die ihnen zwölf Fragen übtr die für Juden berpslichkendeii Ehe- und Wuchcrgcsctze, über Wahl und Bcsugniß der Rabbiner und insbesondere über die Art ihrer Angehörigkeit zur Nation und zum Staate Frankreich zur Beantwortung vorlegten. Diese Antwort siel gegen Polygamie, für Zulassung der Ehe- ' scheidung nach dem Landcsgcscpe und selbst der Mischehen aus und erklärte Frankreich für das alleinige Batcrland und die Franzosen für Brüder der französischen Juden. Sie bezeichnete ferner die Wahl und die Bcfnguiste der Rabbiner als nur herkömmlich und auf bloße Rathgcbung au die Gemeindcglicdcr,beschränkt und erklärte endlich jedes t^werbe und Handwerk für erlaubt, den Wucher aber gegen Nichtjndcn für ebenso 'streng verboten wie gegen Juden. Die Antwort war nach Lage der politischen und socialen Bcrhältnisse Frankreichs eine durchaus angemcsteuc: inmicrerne dieselbe aber eine auf das bestehende und allgemein anerkannte Gesetz begründete war, haben die Depntirten keineswegs nachgcwiescn. Sie haben dieselbe vielmehr' nur als bevollmächtigte Bcrtrctcr der französischen Judenheit nach ihrer persönlichen Ueberzcugung von dem, was zur Zeit Rechtens sei, abgegeben. Dies erscheint uns als das bedeutsamste Moment dieser rigcnthümlichen Epi sodc. Aut Grund der von den Notabel» abgegebenen Erklärungen und zur definitiven officieUcn^Fesisiellung derselben als jüdisches Gesetz berief Napoleon ein Synedrium von 71 Rabbinern und Laien nach dem Muster des altjüdischcu Synedriums nach Paris. Er ließ durch das .selbe jene Erklärungen noch einmal berathen, und als die Cntscheidnngcn des Synedrinms, wie zu erwarten gewesen, übereinstimmend mit den selbon aussielcn, sic als giltigcs Gesetz zur Nachachtnng für alle jüdischen Ilnterthanen des Kaisers proclamiren. Zugleich wurde eine Consistorialversasfung mit einem Ccntralconsistorium in Paris nach dem Borbilde chrisiiichcr Consisioricn angeordnct und so, da dir Consistorien lediglich aus Rabbinern beslaudcn, eine hierarchisch-bureankratische Bcrfasiung der jüdisch französischen Landeskirche organisirt, die in ihren Grnndzügen noch heute besieht, und zwar mit der Erweiterung, daß diese jüdische -Vfirdie als ei» Slaatsinsiitut betrachtet und zur Erhaltung derselben eine änsehnlichc Sublevation aus Staatsmitteln bewilligt wird. (Fousetzaug folgt > Literatur. Ta« »Bregenzer Preßconsorlium" gibt seit Neujahr 1896 ein Togblalt unter dem Titel „Bregenzer Nachrichten" heraus, welche« sein Programm folgendermaßen formulirt: ,A>« gute S Österreicher, aber deutschen Stamme-, werden' wir der cullurrllen, politischen und wirihschafllicheu Entwicklung unsere» gkliebtkn Baterlande« aufmerksam folge», und wird un« sein Ansehen und Gedeihe» »ach innen und außen, seine Wohlfahrt oberste- Gebot sei». Wir legen da- Hauptgewicht ,aus d ie Wahrung de« historische» deutschen Charakter« de« Reiche«, auf eine gesunde, naturgemäße Entwicklung de« öffentlichen Leben« im Geiste der Freiheit und de« Fortschritte«; wir werden daher allen Versuchen, welche dahin abzielen, da« Deutschihum zu schädige» und clerical-reactiouären Bestrebungen Vorschub zu leiste», mit unermüdlicher Thatkraft eutgegentrele». Für die Rechte und Freiheiteu de« Volke« einstehend, erblicken wir in einer thunlichsten Erweiterung de» Wahlrechte«, in der wahrhaft freisinnige» Wahlresorm da« iu nächster Zukunst wichtigste zu erstrebendes Ziel. Frei und unabhängig, nur die Wohlfahrt de« Volke« mid die Wahrung und Pflege seiner politische» Freiheiten im Auge habend, werden wir un« zu alle» TageSsragen stellen, kämpfen für den Fortschritt in geistiger und w i r t b s ch a s l l i ch e r Richtung, für die Kräftigung eine« intelligenten, unabhängigen Bürger- und Bauernstandes; der lcereck Phrase abhold, stehen wir den Echlagwone» de«Tage« jk,pusch gegenüber, werden sie.müchtern aus ihren Gehalt prüfen und e« verineiden, da« Volk durch falsch« Hoffnungen ilre zu führen, seine Phantasie mit unerreichbaren Gaukelbilder» zu erhitze» Nicht mit leere« Versprechungen zu blenden, sonder» da« Mögliche und Eireich, bare mit Ernst und Nachdruck zu fordern und verlheidige», erkennen wir al« die Pflicht einer ehilichen Presse. Und »ach diesem Grundsätze werden wir auch handeln. Mit Kraft, mit Ausdauer und Nachdruck werden wir der Agiiaiio» der rochen Internationalen entgegenlreten, aber auch jegliche clericale Bevormundung de« Volke« bekämpfen; politische Heuchelei, die mit klangvollen Phrasen da« Volk bethöct, um e» veisteckteu Ziele» zuzusühreu, werden wir, wo iiuiner wir ihr begegnen, uneingeschüchtert durch dey Haß der Gegner, entlarveu." Seit jener verhängnißvollen Zeit zu Ende der Siebzigerjahre, al« Hosprediger Stöcker die Flamme de« Judenhaffe« /in die dichtesten Masse» de« druischen Volke« schleuderte, ist eine Lileratur, die' den Kampf für und gegen die Juden zum Zveck hat, entstanden, die iu ihrer Fülle zu überblicken dem Einzelnen kaum möglich ist. Zuerst waren e« Flug- und Witzblätter, die in ihrer »och vcrhältuißmäßig harmlosen Form sogar von Juden selbst viel gekauft und belacht wurden. Während eine« ganze» Jahrzehnt) beherrschten die Broschüre» da« Kampfgebiet. Diese flogen nur so herüber und hinüber, uud e» verging wohl kaum eine Woche, in der Einem nicht irgend eine antisemitische Broschüre oder eine Gegenschrift aus den-.Schieibtisch wehte. Sie waren meist mit marktschreierische» Titeln versehen — wir erinnern un« einer solchen, aus deren Titelbild Juden den Scheiterhaufen bestiegen, der Trül einer andere» war wie die Sliquetle einer Carbölfla che mit Kreuz und Tvdtenkops versehe». Sie dehandelte» da« jüdische Thema in wenig sachlicher Weise. Al« wir in da« letzte Zehntel de« Jahrhundert« traten, da bemächtigte sich endlich eine Reihe Spccialsachblätter der .Judenfrage". Ein Blatt dieser Art, da« stet« in sachlicher und ruhiger Welle alle Angriffe aus da« Judenlhum an der Haud der Geschichte und Wissenschaft zurückzuweise» sucht, ist der in Mainz erscheinende, von dem bekannte» Dr. Lehma » » begründete .Israelit". Dies« Zeitschrift sucht da» zu ei strebende Ziel nicht durch wuchtige Schlagwörter, sie will vielmehr durch Belehrung ihrer Glaubensgenosse», durch Mitiheilungrn au« Wissenschaft und Lebe» wirken und hat daher auch in den 86 Jahren ihre« Bestände« so vielerlei Erfolge aufzuweise». Bon alle» gegen den Antisemitismus gerichteten Litera.urerzeugniflen erscheint un« der .Israelit" al« ei»c« der empfehlen«- werthesten. In RegenSburg erscheint unter der Leitung de» Herrn Dr. Meyer ein israelitische« Familienblatt .Die Laubhütte", welche« gleichfalls einer" Empfehlung im vollsten Maße würdig ist. Der Inhalt der .Laubhütte" ist sehr mannigsaltig; sie bringt gediegene Leitartikel über die da« Judenlhum betreffende» Tagesfragen, belehrende und erbauende Aufsätze, Sadbath-Betrachtungen, historische Skizzen und trägt so dazu bei, die Kenntniß de« Judenthum« und den religiösen Sinn zu fördern. Sie weist Angriffe gegen, da« Judenlhum in sachlich entschiedener, aber formell gemäßigter Weise zurück. In Bezug auf Unterhaltung entspricht die „Laubhütte" de» höchsten'Ausorderungen, die an ei» Familienblalt im besseren Sinne de» Worte« gestellt werden dürfen. Neben spannende» Erzählungeu bringt sie eine intereffanle Rundschau au« allen Ländern der Welt, eine sehr reichhaltige Kleine Chronik, die dem Lese« Kunde gibt von den Begebeuheiten in jüdischen Kreise» aller Erdtheile. Die „Laubhütte" erscheint wöchentlich und kostet pro Quartal 2 Mark. (Directe Zusendung mit Streisbaud Mark 2 25. Lehrer und Cantorcn zahle» bei der Expedition vierteljährlich nur Mark 1 50) v

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