Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 196 (5.1.1896)
- Date
- 1896-01-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4886575-5439173-5439257--2417-4888799- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
V Freies Watt Abonnement-Preis. Für Oesterreich-Ungarn: Sanijibrig ... 6 Kranen (fl. ) Haldjddrig. . . . 8 Kronen 40 Heller (fl. 1.70) Vierteljährig- . . » itrohen (fl. 1.—) Für bot gelammte Bullanb: BanUährig.6 Marl Halbjährig .4 Mark Kiniclne Stummem 6 kr. Unfranfirte Briefe werden nicht angenommen. _ , Redaktion und Administration: l. Sellerstätte 10. CHt iebcilt ,3oU1ltCklC. , werden mit ro Heller (IO kr.) für die Hier. * mal gespaltene Nonpareille,etlx derechnel. Kleiner > »nzeiger da« Work 4 Heller (» kr.), Nnitkahrne von ' Inseraten in unserer Administration sowie im SInnoncenbureau M. Duke«. I. Liollzeile 8. Nummer 196. Uticn, 5. Jänner 1896. V. Jahrgang. , Hammerstein und Arton. Wilhelm Freiherr v. Hammerstein befindet sich auf der unfreiwilligen Rückfahrt nach Berlin. Wer sucht, der findet! Unter dem Cabinele Bourgeois wurde Mußjö Arton, der berüchtigte Bermilt lcr in der Panama-Affaire, in London festgeiioinmen.Auch den preußischen Justizbehörden, denen der ihnen im deutschen Reichstage von socialistischer, demokratischer und freisinniger Seite gemachte Borwurf, daß sie eine Classenjustiz betreiben, sehr zu Herzen ging, ist eS bald darauf geglückt, deS flüchtigen Hammerstein in Athen habhaft zu werden. Im Vertrauen darauf, daß zwischen dem Deutschen Reiche und Griechenland kein AuSlieferungsoertrag besteht, suchte der frühere Chefredacteur der „Kreuzzeitung" sein Asyl in der griechischen Metropole, und er fühlte sich daselbst so sicher, daß er nicht nur fast ausschließlich in deutschen Kreisen verkehrte, sondern sogar nähere Beziehungen zu den Beamten und dem Geistliche» der deutschen Gesandtschaft anknüpfte. Dieses Vertrauen schlug jedoch fehl. Ein Geheimpolizist erkannte den flüchtigen Defraudanteil. der den Namen eines Dr. Herbert oder Herbart angenommen hatte, und daS kleine Griechenland erwies der Großmacht Deutschland ohneweiterS die Gefälligkeit, ihr dabei behilflich zu sein, den Verbrecher vor seinen Richter zu stellen, obgleich zu dieser Hilfeleistung keine vertragsmäßige Verpflichtung vorlag. Ein Theil d.r oppositionellen griechischen Presse macht dies der Regierung zum Vorwurfe, doch sind auch einzelne Organe der Gegner deS CabineteS DelyanniS unbefangen genug, zu erkläre», daß es nicht die Aufgabe Griechenlands sein könne, deshalb, weil kein Auslieferungsvertrag bestehe, allen fremden Lumpen eilten sicheren Schlupfwinkel zu gewähren. Freiherr v. Hammerstein hat, wie nunmehr festgestellt erscheint, nicht nur den sogenannten Stöcker-Fvnds veruntreut und die Schändlichkeit begangen, einem verstorbenen kleinen AdministrationSbeamten diese Malversation in die Schuhe schieben zu wollen, er hat auch die seiner Leitung anvertraule „Kreuzzeituug" auf die verschiedenste Art um hohe Beträge geprellt, falsche Wechsel in der Höhe von 200.000 Mark auf de» Namen des Grafe» Finckenstein ausgestellt und ist überdies dringend verdächtig, ein Sittlichkeitsverbrechen mitverschuldet zu habe», welches von unseren einheimischen Antisemiten der sittenstrenge Steinwender besonders scharf verurtheilen dürfte. Die „Kreuzzeitung" hat' ein eigenes Malheur mit ihren Schriftleitern. Einer der Vorgänger Hammerstein'S, Herr v. NathusiuS, wird ebenfalls beschuldigt, ein EigenthumSdelict verübt zu haben; wegen Ehrabschneiderei büßt eben in Ratibor Schweinhagen die ihm vom Landgerichte Berlin zuerkannte Strafe ab, während Hans Leuß in Celle noch jahrelang in Folge seines Freundschaftsverhältnisses zur liebenswürdigen Familie Schmitz ein beschauliches Leben führen muß. Wenn daS so fortgeht, wird wohl die preußische Regierung sich veranlaßt sehen, der Zersplitterung der Kräfte ein Ende zu machen und in dem nächsten StaatSvoranschlage die Errichtung eines eigenen „Kreuzzeitungs"-CriminalS in Anregung zu bringen. Mit dem Falle Arton hat der Fall Hammerstein insofern« eine gewisse Aehnlichkeit, alS die Verhaftung Beider für eine große Anzahl von Leuten, welche im öffentlichen Leben eine Rolle spielen, sehr unangenehm ist. In der französischen Republik fürchten Männer aller Parteien die Indiskretion des Complicen Baron Reinach'S, welcher angeblich eine Liste von 104 an der Panama-Affaire betheiligten Mitgliedern der Depluirlcnkammcr .und des Senats besitzt. Auch, in Preußen und in ganz Deutschland besorgt tim» in den Reihen Jener, welche sich ats die privilegntcn Vertreter der Gottesfurcht und froinnie» Sitte, der Königstreue und Vaterlandsliebe ansehcn, daß Hamincrstein aus der Schule schwätzen werde. Viel zu lange nahm er sowohl als Publicist, wie als Parlamentarier eine hervorragende Stellung im conscrvatioen Lager ein, als daß man ihn ohne viel Federlesens von den Rockschößcn abschütteln könnte. Cr weiß gar Manches, was sich nicht für die Oeffentlichkeit eignet. Schon die vor Kurzem publicirten Briefe, auS denen die geheimen Ränke der Tivolibrüder gegen den öffentlich von ihnen vergötterten Fürsten Bismarck ersichtlich waren, gewähren auch dem Nichteingeweihten einen Einblick in die Mysterien der reaktionären Kriegführung. Wenn auch nichts weiter herauskommen sollte, als I)pß die eigenthumSgefährliche Thätigkeit Hammerstein'S und seine LebenSführttng anderen Häuptlingen der Conservativen schon längst kein Geheimniß mehr waren, sie aber, sei es auS Mangel an Rechtsgefühl, sei. es auS erbärmlicher Feigheit, es duldeten, daß dieser verkommene Patron noch ferner mit dem Brusttöne der Ueberzeugung „jüdische Corruption" in Wort und Schrift bekämpfe uyd die sittliche Reinheit des Christenthums in Handel und Wandel predige, so wäre das an und für sich genug, um die Conservativen schwer zu compromittiren. Nicht mit Unrecht meinte neulich ein Wiener Aiit'lsemitenführer, es genüge nicht, selbst ehrlich zu sein, man dürfe auch nicht der Unredlichkeit Anderer durch passives Verhalten Vorschub leisten. Für die antisemitische Presse, welcher der kleine Finanzagent Arton eine ausgiebige Quelle bietet, aus der sie alle nur möglichen Verleumdungen schöpft, ist der große Politiker Hammerstein ein Gegenstand, mit dem sie sich nur widerwillig befaßt und über welchen sic gerade so viel MiHHejlungen macht, als es »ölhig ist, ut aliquid t'ecisse videatur. „Die judenliberale Republik unter dem Schandpfahle" — lauten die Ucberschriflen eine's Wiener Antisemitenblattes, des Hauplorganes der Christlich-Socialen, so oft es über den Panama-Skandal ein neues Detail in Erfahrung bringt. Möglichst unauffällig und ohne die üblichen CntrüstungsfloSkeln verzeichnen dagegen die meisten Antisemiienblätter diejenigen Meldungen über den ihnen sympathische» Freiherrn v. Hammerstein, 'welche officicll verlautbart werden und die sich nicht leicht vertuschen lassen. Cs kann aber bei der antisemitischen Wahrheitsliebe nicht Wunder nehmen, wenn sich auch ein ernst sein wollende« Journal findet, daS ad eaptaudam beneroleutiam seiner Abnehmer die Entdeckung zum Besten gibt, daß der Mann, welcher die Conservativen zum Betreten der TivolOWege verleitet und preußische Landräthe dahin gebracht hat, Wahlagitatore» eines Ahlwardt zu sein, eigentlich ein Jude sei, und. daß daher auch auS dem Falle Hammerstein die Nothwendigkeit hervorgehe, die Rechtsgleichheit ohne Unterschied des Bekenntnisses und der Abstammung, diese ärgernißerregende Schöpfung des Liberalismus, gründlich zu beseitigen. Dem antisemitischen Publicum können seine Schriftgelehrten und Wortführer Alles bieten, und wir wären selbst dann nicht überrascht, wenn eine« Tages in Wien der Versuch unternominell werden sollte, aus/ den Stampiglienkünsten des Mechanikers Schneider und der Geldgebahrung deS gewesenen Bürgermeisters von Mühldorf Waffen gegen die „asiatischen Fremdlinge" zu schmieden._ t+t