Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 194 (22.12.1895)
- Date
- 1895-12-22
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 104. Freies Blatt. reite Dux barbarorum. (Erzählung aus Groß-Wir» von T—f.) (». Fortsetzung.) Abends wankte Gnhler heim, stolz auf feine Energie; er fang: Sie solle» cs nicht habe», Tai freie deutsche Wien! — — „Ter Gott, der Eisen wachsen lieg!" und als er am Thore lehnte, lallte er »och: „Ich weiß nicht, waS soll c« bedeute», . Daß ich so selig bin? Ein Liedlein a»S alten Zeile», Das geht mir nicht ans dem Sin». Schiumm! Schr»»»»!..." j Er klammerte sich an den Thorklopfcr und fuhr fort: „Die Inden» die sind Canaillen, Nach Asien »reib't sie hinaus. Nur eilen, nur eile», nur eilen l Nach Asien, Jude» hinaus!" Dazu lallte er: „Du Ehristengotk da droben, Wir beten heut' für Wie»! Geh', häng' dich auf du Judas, Wien ist vom Feinde frei!" Da streifte ein Gewand „Guhlcr, Sie Verführer, auch Er wendete sich mühsam, sich auf, er wollte ihr nach; mit den ausgestrcckten Armen lag er wie betäubt, bis zwei chis zum nächsten Morgen auf So endete die berühmte Wildkatze"! sagte: seine Füge und eine Stimme Ihre Stunde wird kommen!" Es war RancttenS Stimme. Er raffte aber, er verlor das Gleichgewicht-und siel er vorne über. Auf dem Pflaster SichcrhcitSwachleutc ihn aufhoben und einem Bette liegen ließen. „Vorbesprechung" in der „goldenen - V. Die Wahlen waren zu Ende. Antisem saß im Sattel! Bonkampf war aus dem Arreste entlasten worden. Seine, vierhundert Gulden konnte er aber suchen. Die Gläubiger erfuhren von seinem Mißgeschicke. Gleich paßten sie ihm auf und drängten auf Zahlung. Er darbte. Nanctte zeigte sich nicht, Frau Bleuler musterte ihn mit neugierigen Blicken wie einen Lumpen, da er »ichrere 'Nächte hintereinander ausgeblieben war. Kein Knopf Geld! Den Ring hätte er verkaufen können, aber er zögerte. Es war so eine Scheu vor diesem letzten Schritte, diesem Aufgebcn alles Trostes, Leise hoffte er auf die echte Liebe, die ja stets glüht, ob man ihr Alles gewährt, ob man ihr Alles verwehrt. Ob es die echte war? Sie ging ihm noch aus dem Wege. Er wußte es freilich nicht, wie Nanctte durch das Schlüstelloch guckte, so oft er kani und sich entfernte, weil der Hunger immer tiefere Furchen auf seinem Antlitze zog, weil er mehr wankte, als er ging. Es zerschnitt ihr das Herz, aber jedes Band zwischen ihnen war ja zerrissen, wenn sie auch tiefes Mitleid für den Verirrten fühlte, für den Gestraften, der. jetzt zu stolz war, fein Unglück zrr zeigen. Diese Haltung ehrte ihn in ihr,.» Augen. Eines Abends, als er mühsam an der Wand tappen), kann, mehr die Kraft besaß, über die Treppe zu gehen, sissncte sie ihm selbst. Sie sah ihm ruhig in die Augen und sagte: „Leiden Sie, Herr Bonkampf? Sie sehen elend aus!" „Ja; ich habe feit drei Tagen nur trockenes Brot gehabt und einmal ein Stück Käse." ' „Sic sind krank. In diesem Falle hört jede Rücksicht auf mich auf. Wollen Sie Bouillon?" Er schritt an ihr vorüber, ohne zu bitten. „Also ja? Reden Sie, Herr Bonkampf." Er wies traurig auf ihre Thür und zuckte die Achseln. Der Zorn wallte in ihr auf, aber das Mitleid siegte dennoch „Herr Heinrich Bonkampf! Hier ist Geld») hier ist mein Erspartes. Ich will es Ihnen geben, wenn Sie versprechen, wieder ein ordcnt licher. Mensch zu werden! ..Sie waren einige Tage und Nächte abwesend. Bedenken Sie Ihre Gesundheit!" „Im Polizeiarreste war ich," antwortete er tonlos. „Po — li — zei — arrest? Das war Wilhelm Guhlcr'S Geschoß! Unverdiept!" „Unverdient, freilich! Aber warum Guhlcr?" „Weil er von unS erfahren hat, weil ich ihn betrunken vor feinem HauSlhore sah an jenem Abend ohne Sie. Er hat Sie wohl vcrhaftey lasten?" „Er? Warum gerade er?" „Wer denn sonst? Ihn wird die Polizei nicht verhiftcn. .Haben Sic vergesten, was ich Ihnen sagte?" ~ ' , Jeßt siel es Heinrich wie Schuppen von den Augen; er hatte es vergesten, was Nanettc erzählt vom Tctectiv Guhlcr. „Und Caplan Riescndorf hat Sie nicht geschützt?" fragte - sie weiter, „der Priester, der christlich Milde?" „Rein! Hcruntergekanzell eher," antwortete er bitter. „Ich glaub« es. Er ist der Bruder einer meiner Eollcginnen aus dem ' Gouvernantcnheim. Ich mar gestern bei ihr. Wistcn Sie, was er von Ihnen gesagt hat? Sie hat ihn mir zu Liebe anSgesoricht.. Er hat gesagt: ,Der Bonkampf ist ein ehrlicher Tölpel, ein Tummkops, der Alle« gerad' hcrauSsagt. Wir arbeiten anders. Er aber geht so hitzig drein und plaudert Alles aus, waS wir gcheinihalte». Total unbrauchbar, nur. durch die Verhaftung werde» wir aus der Verlegenheit befreit', und jetzt — — —" . „Also haben Sic'S gewußt?" fragte er unwillig. „Seit gestern Abend," antwortete sic. „Und Sie haben mich doch gefragt, Fräulein Nanettc, um li) von mir zu höre», mich zu beschämen? DaS ist nicht schön von Ihnen!" Er wendete sich ab. - . . „Um cS bestätigt, von Ihnen bestätigt zu hören; ich habe meine Gründe." „Und die sind?" — —Er wankte zu seiner Tbür. „Erst nehmen Sie Bouillon." Sie eilte in die Küche und kam gleich wieder, eine dampfende Taste in der Hand. Wie lüstern griis er danach. Gierig trank er die Suppe »och im Eorridor aus. „O, daö ist gut!" sagte er. „Sic sind meine Wohlthäterin! Habe ich das um.Sie verdient, Sic edles Herz?" „Wollen Sie, daß ich cS noch weiter bleibe?" Er faßte ihre Hand, drückte sic an feine Lippen, und die Thräuen tiefster Beschämung stürzten ihm auS den Augen; diese Thräuen wuschen Alles fort, waS zwischen ihnen lag. „Nur keine Rührung!" -sagte 'Nanctte, selbst gerührt.. ,,^ie sehen jetzt, daß dgr Caplan der nitcUcctueUc Urheber der Verhaftung war, als Sie sich zu verplaudern begannen, uüd Guhlcr war nur der Ezecutor, dieses Amphibium, dieser Axvnt provooutvnr, der als Agitator und als Spion zugleich verdient,, dem nichts heilig ist als derz eigene Geldsack! Haben Sie von den Teutonen jetzt gcmig? Seien Sie froh, daß ich Ihnen die Augen gcösfnct habe. Der. Kerl ist sogar den Antisemiten zu schlecht! So, jetzt trinken Sic von dem Weine hier, alle. Stunde ein Gläschen. Wollen Sie Geld?" „Die Gläubiger," stotterte er verlegen; dennoch schüttelte er traurig das Haupt, „ich brauche keines." 'Nanctte verschwand in ihrem Zimmer. Am nächsten und an den folgenden Tagen fand Heinrich jeden Nachmittag, wen» er hcimkehrtc, ein Stück Fleisch und ein Ellas Wein auf seinem Tische, als hätten cS gute Hausgeister hingestcllt. Abgc'vart vom Munde, oder von Frau Bleuler? Die Frau sah ihn srcundlicher an alS bisher. Seine Wangen fülllc» sich wieder, die Farbe kehrte zurück. Er fühlte sich wohler, ruhiger; aber ihm fehlte etwas', er wußte nicht was. Die Bücher?' Als ob sie'S geahnt hätte: eines. Tages,- als er hcimkchrtc, lagen sic alle da,- mit seinem Nam^i'aüf der ersten Seite. „Nanctte!" sagte er gerührt zu ihr, da sie den Kopf durch die Thür steckte, „Haben Sie das gcthan?" „Nein!" rief sie lachend heraus, „der hat sie zurückgekauft; n propns! dafür nicht wahr?" Dien st man n 'Nnmmcr l'.E» geben Sie mir den' Ring, (Schluß folgt ) Literatur. Julia Fkstilla. Von diesem vorzügliehen Roman aus Römisch Hctyclicn, der unseren verehrten Mitarbeiter Joses Freiherr,! v. Toblhoss zum Ber saffer bat, ist soeben bei Nierstraß' Erben im Haag eine holländische liebersrtzung erschienen. GalizischkS Handels-Blatt. Organ des gatizischen tileinhaiidel-Schntzvereine« in Lemberg. Erscheint am 1. und lü. jeden Monat« I Jahrgang. Inhalt der 'Nummer I vorn 15. Tccenider: Die Beschränkung de« Detailhandels. — WaS find absolute HandelSgeichästc? — Allgemeiner Börsenbericht. — Empfehle»«,verthe Persönlichkeiten. — Die Behandlung der Steuerträger. — BereinSnachrichten.