Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 193 (15.12.1895)
- Date
- 1895-12-15
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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I Nr. 193. " Frei.» „Dir Liberalen schreiben: ,Es herrscht ein chaotischer Zustand! Sollen sich anschcn, wie geordnet unsere Versammlungen sind! DaS Licht durchdringt die Finstcrniß, wir erfreuen uns der Freundschaft unserer armen, geknechteten tschechische» Brüder, welche uns die Hand boten zur -vollen Versöhnung; wie edel, weil die gcmcinsainen Feinde, der Semit, der Antichrist, der liberale Atheist gefährlicher sind!" „Hoch Guhler! Hoch Guhler!" „Heute sollt Ihr ein Rednertalcnt ersten RangcS bewundern. Ich stelle Euch vor: den berühmten christlich-socialen Redner Heinrich Bonkampf auS Stettin in Deutschland." Bonkampf trat auf die Tribüne, bleich vor Erregung. Alle kamen mit den Gläsern; er mußte nippe», vielleicht dreißignial, da Bier, dort Wein, dann Schnaps. — Das Blut kam in Wallung. — Er mußte sich Gewalt anthun, um dey Kopf aufrecht zu halten und die Gedanken zu ordnet. „Nur rcsch!" raunte ihm Guhler;», „von der Leber weg." „Die Liberalen stehlen das Gelb, die Socialistcn thcilen," begann Heinrich. „ „WaS ijj^ das für ein Anfang? Etwas Anderes," brummte Guhlcrmx^sich hin. Die Zuhörer wurden stutzig. dÜe Socialisten theilcn, wollte ich sagen, aber die Liberalen stehlencdaS Geld!" vcrbcsicrtc der Redner. „Verzeihet Brüder, er ist befangen," entschuldigte Guhler. „Er kommt gleich hinein." Bonkampf fuhr fort. „Wenn ich diese Worte voraus schickte, so >var meine Absicht, Euch in mellum res zu führen." „Nicht lateinische Floskeln, verstchr'S ja! keiner," fuhr ihn Guhler an. „Die Liberalen haben cs auf dem Gcwisicn, daß Alles zurückgcht, und — Liberale sind Juden!" . „Ja, zurückgeht! Tretet sie, schindet sic, schlag't sic, die Judcnhunbc! — Ajeißt'S ihnen die Gedärme aus! — Unsere Hände sind zu gut dazu! — Sie sollen sich selber aushängcn. — Selber, ja das ist das Beste!" So schrien sie durcheinander. Als dieser reinigende Gewittcrsturm sich gelegt Halle, blickte Heinrich fragend auf Guhler; aber dieser schüttelte daS Haupt, das hieß: „Warten, nicht weiterreden, auStoben lasten." — Und wieder erhob .sich der Sturm. „Gott will's, nieder mit den Feinden Gottes!" — „Der Segen Roms ist Euch gewiß!" rief der Eaplan dazwischen. Heinrich wendete sich an die ihm nächst Stehenden: „Die Rede, liebe Genossen, scheint Euch Nebensache. Wenn Euch die Zwischenrufe wichtiger sind als meine Worte, so gehe ich lieber." „Ja, wenn Sie so kommen,, dann haben Sie anSgcspielt, Bonkampf," wetterte Guhler. „Warten Sie! Die wollen mit Tammthandschuhen behandelt wxrden." „Jeder Redner will gehört sein! Also höret'" rief Boukampf. „Ich will als Mediciner den Blutsaugern den Ritualmord Nachweisen, den Liberalen, den Schwindlern, den Mördern!" „Hört, hört!" „Schweigt! Ruhe!" „Die Blutjndcn!" „Die Ungarn schützen die Juden. Nieder mit dem Ausgleich!" „Hoch Agliardi!" „Sie schreien, traus Leitham, stets von der Intelligenz!" fuhr der Redner fort. „Kann ein Staat nicht ohne Intelligenz eristiren?" „Natürlich!" „Das ist ein Kopf! Hoch Boukampf!" „Der Stettiner soll leben!" „Ja, wozu so viel Geld für die Museen, Theater, Schulen? Das Volk, das christliche, braucht keine Theater." „Bis aufs Fürsttheater!" brüllte. Einer dazwischen. „Es braucht Kirchen; das Volk ist allein fähig, den Staat zu lenken! Wir wollen unser Brot erwerben ohne Giftschlange», ohne Blutvampyre!" „Blut", „Vampyre!" „Das ist gut!" — „Die Juden pieint er." — „Die Judenvampyre!" —„Bampyrjudeu, elende, libcrale'Hundc!" — „Schlag't sie tobt, schlag't sie tobt!" So ging es fort und dann im Takt mit Füßen und Stöcken: Tod«, todt, todl! Schlagt die Jude» todt! „Wahlrcform, Arboiterparlaincnte, Militärfrezheit, Thcilung der Eapitalien!" schrie Bonkampf, vom Trinken erhitzt. „Halt! Geben Sie Acht, der RegierungSvcrtreter schaut!" warnte 'Guhler. „Ach waS! Wir wollen vertheilcn und leben, wie die Herrgötter in Frankreich! Tie Millionen der Capitalisten! Der Rothschild —!" „Schickt'S ihn nach Palästina!" schrie Einer. RoheS Gelächter folgte. Statt. Seite 9. „Ich werde Euch sagen,"" fuhr der Redner siegestrunken fort, „wer die größten Capitalisten sind: Ter Rothschild, wieder der Rothschild und die Kirche!" „Hinunter mit ihni," donnerte Ricscndorf auffahrend gegen die Tribüne: ' ' „Co hören Sic doch. Das Geld vom Rothschild stützt den Finanzminister, die Kirche aber gilrt'S dem armen Volke — den Ehristen — 'für ihre christliche Arbeit!" „Ah so!" sagte der Eaplan beruhigt und setzte sich. „So^-war'S gcmeiizt?" „Sie nennen das Capital der Kirche die .todte -Hand'. Lebendig ist sie geworden und führt Euch durch die Pforten des Himmels!" „Bravo!" schrie der Eaplan, wie zur Entschuldigung. „ES öffne sich die todte Hand! Streuer Ihr Capläne von den - Kanzeln auS das Gold der Befreiung aus den Banden der Millionenfürsten! ' Westen Brot man ißt, dessen Lied man singt! Effet daS Brot der Kirche. Ter Papst zählt nicht die Eaplänc; diese esten das Brot dcS Volkes, das zahlt die Messen, daS gibt in den Klingelbeutel! Sollen sic etwa das Lied des Rothschild singen: Kling — klang? Gold ist nur Chimäre! — Ter christliche xSinn ist Alles, er schafft Arbeit, Zufriedenheit und ewiges Leben?" „Höhnt uns der Kerl?" fragte Guhler de» Eaplan, der mit weit f aufgeristeneu Augen znhörte. „Sie haben da, lieber Guhler, eine socialistifche Vipc.r am Busen genährt." .„Mir scheint, er ist verrückt geworden. Bonkampf, was ist dafür Zeug?" Doch Bonkampf ließ sich nicht, beirren. „Hinweg darum mit der- Schulc, mit der Bildung. Wir wollen sins selbst beherrschen. Wir wollen den Behörden zeigen, daß nur die Anlehnung an Derltschland das katholische Deutschland größ<- macht! Gebet Gott, was Gottes ist; mag daS Reich verloren gehe», wenn nur der Papst die Macht erlangt!" , DaS war das Zeichen zum Ausbruch des allgemeinen Unwillens. „Rein! DaS ist nicht unser Programm!" — „Hinaus mit dem Stettiner!" — „Voyalc Bürger sind wir, christlich-lopale!" „Empörung gegen alle Fesseln!" fuhr Bonkampf, jetzt total betrunken, fort. „Wir wollen daS Capital der Juden! Sehet die Pariser. Mit Bomben mahnen sic daS Capital, daß cS zum Volksvermögen gehört. Jeder von uns soll Anthcil haben. Wir wollen deS Gcldjudeu Kopf, weil er, kein Herz hat!" „Eisi Socialist, ein Commnnist, kein Christlich-Socialer, ein verkappter Social-Tcmokrat. Hinaus mit ihm, hinaus mit dem Stettiner!" Eine schwere Faust legte sich auf Bonkampf'S Schulter. „Sic sind verhaftet." „wieder mit ihm!" rief cs von allen Seiten. Die wilde Horde fluthctc wie die heulenden Derwische durch den Saal gegen die Tribüne mit drohender Gcberde. f „Hört mich doch! Ich bin ja gar kein Stettiner. Ter da hat ' gelogen! Ter Guhler ist ein Tctcctiv!" „Schmeißt'ö ihn hinaus." . „Freunde!" rief Guhler. „Mich kennt Ihr, den nicht! .Glaubet Ihr ihm mehr? Er ist ein Agitator der Social Demokraten, der uns ' stören wollte. Er ist verhaftet." Bonkampf erbebte. „Guhler, Sie sind ein Schuft, ein Betrüger!" „Sic sind ein Anarchist, ein Commnnist! Seien Sie froh, daß Sie verhaftet sind, die VolkSwuth würde Sic.tödtcn!" Unbeirrt schrie aber Boukampf in die Menge: „Guhler hat mich ' bestechen wollen. Hier die Anweisung auf -lUQ Gulden!" Guhler riß sie ihm auS der Hand und zerriß sie in Stücke. Man führte Bonkamps ab. Die. Menge schob hinaus. Mit Stockschlägen bearbeiteten die Trunkenen jeden geschloffenen Rollbalken, aiS wären alle Waarcn dahinter ihr Eigcnthum; dazu sangen sie: * . Voran Ihr »'ackern Kämpfer, die Urne, die Urne rufl:' Und du, bestochener JndaS — geh', häng' dich ans, du Schuft! Wien braucht nicht Roch'cht'ld S Mammon. durch Wiener Ädern rollt TaS-Gold des Christenglaubens und deutscher Treue Gold! Nicht braucht es meiner Worte — ein einziger Jubetlchrei Erbraust vom Fels zun» Meere: Wien ist voin^Feinde frei! Es hebet sich die Sonne und macht zu Tag die Nacht, Voran Ihr wackern Kämpfer, aus denn zur letzten Schlacht! Gott, gib de» Tapfer» Segen, die heul' zum Kampfe zieh'», - Du Christengolt da droben, wir beten heut' für Wien! Den „Kikeriki" und verschiedene clerical-antisemitischc Hetzblätter, welche der Preßfreiheit allein ihre Existenz verdanken, trugen sie und J