Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 190 (24.11.1895)
- Date
- 1895-11-24
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. ISO. Seite i*. Freie, Heinrich Bonkampf war noch Student. Die Medicin aber paßte ihm nicht. Sein Batcr hatte schon viel Geld geopfert für diese Lieblingsidee. Jetzt mußte freilich weiter studirt werden, denn cS war unmöglich, dem armen alten Herrn cinzugestehc», daß fei» Heinz einen unbezwingbaren Ekel vor dem Studircn empfinde, daß er eS satt habe, sich mit Secircn den Hunger zu vertreiben. TaS konnte er nicht; cs wäre des armen Mannes Tod gewesen, denn er sah ja schon einen künftigen Bezirksarzt .in ihm, welcher, ein Wohlthättr der HcimatSgcmeinde Wildering, die Försterei im Doctorwägclchen aufsucht, Frau und Kind mitbringt. „Ach, du guter Alter!" seufzte Byukamps. „Waruui.hast du dich als hoher Bierziger noch vermählen müssen'?" Dann dachte er an die rührige Mutter, an den Pfarrer, welcher den Baker mit der braven Tochter deS GuISverwaltcrS, die 25 Jqhrc jünger als er war, vermählt hatte. Der Pfarrer verkehrte int Hause, ein Philantrop, nur zu zopfig in seinen Ideen; verlangte zu viel Ehrlichkeit von der Welk und tadelte die Jugend wegen ihrer ideal losen Bestrebungen, verdammte alle antichristlichen Bewegungen der Neuzeit, fand aber das Studium der Mcdicin vom katholischen Standpunkte für „höchst gefährlich". Wenn ich, dachte Heinrich Bonkampf, heute vor meiucu Batcr hintretc, und der fromme Pfarrer hört von incincr Abneigung gegen die Medici», dann hätte ich doch eine» Alliirtcn, und, Papa hält viel aus den Seelsorger von Wildcring. Er würde seine Bitten mit den meinen verbinden, und es würde gefragt werden: WaS willst du aber jetzt werden'? Und wenn ich ihnen erzähle, waö ich am gestrigen Abend gethan, würden sic nicht entsetzt zurrickweichen'?-Wer weiß es'? Er warf sich wieder hin; doch die Gedanken quälten fein erhitztes Gehirn. Freilich, Slundengebc» wäre wohl ehrlicher, aber wenn's zum Examen geht, da zeigt sich Alles — und der Antrag war ja so gut gemeint. Mein Golt! Ein Bißchen Uebcrzcuguug — man streift cS ab — war cS den» überhaupt Ucberzcugung'? Aufgcdrungcnc Alt herrcnwciShcit dieser liberalen Zöpfe. Die nobelsten Vcutc treiben heute den „Judcn-HinauS-Sport". Der Pfarrer mag prolestire», die christkatholische Kirche dulde den sogenannten Mcnschenhaß nicht: dummer Ausdruck, als ob die Juden Menschen wie wir wären! längst über! wundcncr Standpunkt, Gefühlsduselei. ,.S, wie ich reden könnte! Sic habe» cs gestern gesagt, ich wäre ein aufgelegter BolkSrcdner, hätte Alles: Stimme, Statur, Blick, Gewandtheit, Kenntnisse. Was könnte eigentlich der Pfarrer dagegen haben'? Wen» der Papst die Bewegung schützt und ich trete sitr die Christen ein gegen den Unglauben, die Bcrjudung der Hochschule, was kann er meinem Batcr dagegen sagen'? Fand er doch selbst die Medici» gefährlich! Beruhige dich. Heinz: daß ein Stück Geld dabei abfällt, was macht es'? Ein JudaSgroschcn ist'S nicht. Berkaufe ich die Freunde'? Nein, sie stoßen alle i» das gleiche Horn ' Thu' ich den : Ettern weh' dabei'? Die Kirche kann doch nur die Partei frommer Christen ergreifen, und sie sind fromm. Abgcwirthschaftcle Inden liberale — Halle der große Techniker gesägt — wie hieß er nur? Sie reden heute nicht mehr mit, hat er gesagt sic sind tobt, die Judenliberale», politisch gcmoßregclt, und das blöde Geschwätz der Indenblätlcr mit ihren geistlose» Leitartikeln, ihren flachen Feuilletons, ihren JudcnhochzcitSannonccn, ihrem .Geld für Alles' — Alles ist bezahlt, bezahlt, bezahlt; pfui Teufel! Eine rosige Zukunft, so würde ich sprechen, lacht den Gewerben." Er sprang auS dem Belle, zündele an, holte den Spiegel und studirte die Mienen seines verlebten Gesichtes, wie ei» Schauspieler vor der Probe. „Rosige Zukunft!" Man vernahm Schrille im '.'tebeir,immer, cs klopfte . .! „Aha, bin ihr zu laut, der Zimmerfrau, nun ich geh' schon zu Bett." Er schaulc auf die Uhr und löschte nochmals auS. „Geld verdient man. Ich habe Geld!" Erst wollte er cS sich nicht zugcstchcn, aber cS war doch so. Woher'? Run, der Große meinte ja, wenn man so unter seinen Freunden wirbt, braucht man Geld, man macht Gänge, Hunger und" Durst stellen sich ein, bisweilen muß man fahren. Es ist ja nur so eine kleine Entschüdignng für eigene Koste», verdienen kann man ja so etwas nicht nennen, und ich gebe ja dafür meine Bildung, im Reden meiner Slimme Kraft: „Rosige Zukunft erwartet Euch," probirtc er. Natürlich, wen» man dann zu Fuß geht und nicht'reichlich ißl und fünft, kann man sich seine Mühe belohnen! Die Wahle» sind vor der Thür; cS handelt sich Harum, der Wahrheit zur» Siege zu verhelfe», die Corrnplion »iedcrzuwcrfen. Sogar Beamte tragen die. weiße Nelke, das Abbild des unverdorbenendcntschcn Charakters; v l a t t. »ach, Antwort schreien die zahllosen frechen Reden der in ihren Wahlver samtnlunge» die größte» Rohheiten begehenden liberalen. Im Takte sollen sic bei dem Name» „z'ncgcr" ansgespnckl haben, gemeine Band:, der große Techniker hal's gesagt. Es handelt sich weiter darum, vom wissen schaftlichen Standpunkte nachzuweiscn . . .. darum brauchen sie mich, einen Fachmann, einen U'niversitätshörer: . . . cS handelt sich darum, nach zuwciscn, daß der Ritnalmord möglich sei, eine Thalsache, daß cs bei, Jude» bisher nur mit großem Geschicke und mit Hilfe ' der Jude» blüttcr gelungen sei, die Sache zu vertuschen. E ' Der Kopf fiel ihm zurück; er? sah, wie ne Wein brachten, wie der „Bund* besiegelt wurde: wie die 4o Silbergnldcn über den Tisch rollten und zehn Gulden in Kronen. Er sah eine Anweisung .ans 400 fl. Aber er zögerte. Wie'? Ein Heinrich Bontampi zögern, wo die gute Sache cs will'? Die Gläubiger käme», der Schneider, der Schuster, der Buchhändler, die Zimmerfrau, der Tischler: im Ganzen 200 sl., bleibenl-lO sl'. rein! Die liebe Ranelte lachte ihm zu: „Kindchen, gib mir endlich den Oeing. Schatz, hast du'mich lieb, da»» verloben wir uns, nur ein kleines Reifert!" Die niedliche Gonver nante kommt täglich in den Stadlpark, blcibr ans £ teilt Ring — o, die Weiber. - : Er fuhr aus dem kurzen Traume aui. Die Ernüchterung war gekommen^ Bleiche Dämmerung erhellte die Fenster, dann kgm die . .Morgcnrörhe . . . Jetzt lag Heinrich Bonkampf» mit oisene» Augen, da, nicht wachend, nicht schlafend.' Ei» ziehender Schmerz am ^Kopie erinnerte ihn a» den reichlichen Genuß von 'Knnstwein Müde, müde war er. WaS cs doch ist, daß die .'>0 sl. aui den, Tuche dort io glänze»? Als wollten sic ihn höhnen! ... . , . Er erhob sich, wusch Kops und Brust, dann legte er stch weeder Jetzt endlich, fand er Ruhe. ■ Die Sonne stand schon hoch, als er erwachte; ohne eranntl;» feilt, dehnte er sich. Er wollte ebx'n zum Feilster gehen, da klovii: cs- . Dic.S.uartierfrau stand draußen mir dem Frühstück. l Rasch zog er einige Kleider übernnd ösineic. Die alte Dame schaute ihm ins bleiche Gesicht. „Es ist schon Uhr vorbei n»d der weite Weg bis zum Svual. wie wollen Sie daö leisten? Meinlstoll, ich klopilc vor.zwei Stunden vergebens^ Sic kamen auch so spät heim und redeten laut im Schlote, Herr Bonkampf. Meinen Sic, Ihrem Batcr wird dieses z'eben vaste»?" „WaS kümmert das Sie, Frau Prohaska?" „No. »o! Sind wir auf dem Slandpnnktc? Einer, der teil dem letzten Termine die Wohnung schuldig geblieben ist! Ich Hab' 'Rdnld, - aber heute wär' wieder der zwölfter Ich Hab' ja nur gemeint." „Sie haben nichts zu meine», Frau ProhaSta Ich danke Ihnen für die Erinnerung. Ich brauche dieses Voch von -Kammer nicht mehr. Ich will einmal besser wohnen. Machen Sic die Rechnung!"! Er griff aus de» Tuch und warf 25 Silbergulde» hin. „"Bitte aber gleich saldircn! Dann soll die Viiti einen Dicnstmann hole» und meine Sachen tragen. Ich gehe, eine ändere Wohnung zu suchen." Jetzt war kein Znrückweiche» mehr: der Besitz des Geldes, das ihn brannte, war ciugcstanden Er hatte sich verpflichtet, er mußte ein feineres Cuarticr suchen, den Ring kaufen für Ranelte,, die Schulte» zahlen. Jetzt waren die -100 ti schon eiubezogcn, die er noch gar nicht halte. Welch ein Wahnsinn, dachte er. Die Wahlen sind erst in vier Tage». Ach was, den Rest der Schulde» nichtbezahlen. Und was dann? Es sind ja noch öfter-Wahlen. Die Kerle selten Alle >o :r. deutsch und ehrlich auS So biedere Charaktere werden doch dem Worte die That folge» lasten. Borwärrs also! Für 5 Uhr hatte er zugct'agt, In das Gasthaus „zur ge-Lenen! Wildkatze" zu kommen. Man mußte ihn mit anderen Ge'innungS. genossen bcka»»: machen, auch ein Kanzelrcdncr, der strebsame Eazst.au Riesendors, wurde genannt Richtig, die Bücher, die mußte er jei-i -vcrklopfcu. Wozu Bücher?. . Ganz der Politik ergeben! Das ist eine andere Earri'wc und da»» Herausgeber eines ZuInnstsblattcS: .Die rouge Zukunft" sollte cs heißen.... Erster Artikel: „Todlcngräberci im Reiche der JudenWibcralcu", der „Große" haue noch einen Titel, richtig: „liberale Schnapphähnc" . . wie lustig! Braucht nur ein wenig Phantasie, die Feder hätte ich! . . Allgcunincr Beiiall^begleiteic des „Großen" Bori'chlag. . . Also, die Bücher Für die Anatom:.' von Hyrtl 5 sl. . . ., sagen wir sl., für die übrigen Bücher 20 bis 25 fl., ist schon der ZinS hcrin, 200 "fl bleibe» wir schuldig, der Ring kostet 55 bis 40 fl. . , . : wenn nur die Wahlen vorbei wären wegen der 400 fl.! . . Zeche zahlen laff ich den Großen, eh, letzt fällt mir der Nameein: Wilhelm Gnhler. Der kan» aber auch reden. Er war einmal liberal gewesen, wie er behauptet in seiner »er . blendeten Jngendesclci. Im 50. Jahre ändert jeder Mci.isch^ieinc An