Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 188 (10.11.1895)
- Date
- 1895-11-10
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr. 188 Frei« „Wir miissen fort,"- klagte der König, „fort und uns von per geliebten Reiche trennen — trennen, mein Gott, für immer! Nie mehr soll mich ein Strahl aus diesen süßen Augen treffen, nie mehr der Zauber ihrer holden Stimme mein Ohr berühren! O Gott!" Ein heftiger Schauer schüttelte seine Glieder, und ein heißer Thräncnstrom entquoll seinen brennenden Augen. „Geh'," setzte er fort, „ich gebe dir daS, waS mir das Theucrste war auf Erden, geh' und übergebe den süßen i’eib der Erde . . . geh', mich aber laff' allein deS WegcS ziehen ..." „C, mein König, weshalb. wollt Ihr mich, Euren treuesten T jener, auS Eurer Nähe bannen? Hab' ich Euch nicht allzeit treu gedient, und war ich Euch nicht stets ein ergebener Freund'?" „Ja, weiß Gott! DaS warst du, und der Treuesten einer! Aber wenn du mir wirklich noch treu ergeben bist, so achte meinen Willen, und taffe mich allein. Mein Weg führt zum Tode . . . nein, nein, Wladiwoj." fuhr er aus des RitterS bestürzten Ausruf fort, „ich werde mich nicht lödtcn, das ist dem wahren Ehristen nicht erlaubt, aber ich weiß cS, der Tod wird mir in den Weg treten und mich von all dem schweren Veto erlösen! Geh', mein Wladiwoj, und wesne nicht . . . sieh', es muß sein, bewahre deinem König ein treues Angedenken : geh' heim und grüß' mein schönes Polenland von seinem unglücklichen, geachteten König! Geh', und die Thcure, die mein Alles war, bring' aus jenes Schloß hin, das Pich deinen Blicken zeigt: dort wohnt der Deutsche Conrad und seine Gattin Froswitha, des Bogdan von Oswielice Witwe, dort geh' hin, und sag' ihr, Froswitha, das wäre das Bermüchlniß eines Königs, und sic, die mich einff geliebt, und der auch ich zugctha» war in Freundschaft, ehe ich dies EngelSbild gesehen, sie möge cS erfüllen als heilige Pflicht und meiner Voa ein ehrlich Begräbniß in einer Judcnstadt verschaffen. Sag' ihr, Froswitba, sie möge glücklich sein, und nun geh'!" Wladiwoj war einige Schritte in den Wald hineingegangen, er wollte nicht Zeuge sein deS Fürchterlichen, das sich da zutrng, er wollte de» heiligen Schmer; des unglücklichen Königs nicht entweihen durch seine Gegenwart. Aber durch die Acste der Bäume hindurch hörte er den verzweifelten Aufschrei einer gemarterten Seele — dann schritt er hin aind sahffch allein im Angesichte der l'eiche (Fortsetzung folgt.i per TKciitber. > Äneldoie aus dem Ruisöchen Ein armer Jude halte eine cnlseplich böse Frau. Eines Tages geciclh ne gegen ihren geduldigen (Fakten in heftigen Zorn, warum andere Weiber in Uepvigkeil und Uebeisluß lebten, sie aber mit ihren .ti indem fast Hungers ffürbe „Du bin ein Faullenzer, ein Tagedieb," schrie sie ihrem Mann zu, „werde ineiuclwegcn Räuber, ernähre nur deine Familie! Fort anS meinen Augen!" Und ohne auf etwas Weiteres zu hören, jagte sic den Unglücklichen zur abür hinaus. i'ange wankte der Arme, niedergeschlagen und Blatt. traurig, in den Straßen umher, dachte und dachte und erdachte nicht- Gescheites. Endlich kam er zu einem Entschluß: Komme, was da wolle, ich will es mit dem Räuberhandwerk versuchen... Er ging aus der Stadt hinaus, verbarg sich am Rande de- Walde-, wo die Landstraße vorbeiführte, und harrte der Beute. Ein Bauer kam de- .Weges daher. „Nein, den darf ich nicht anrühren," dachte der Jude, „wird mich noch durchprügcln und mir den Rock abnehmen. Sieht selbst wir ein Räuber aus!" Ein altes Weib, das mit Bündeln und Packen beladen war, ging vorüber. Der Jude sann nach. „Fremde Weiber anrühren, noch dazu christliche, ist sündlich," sagte er zu sich. Ein Stutzer kam mit der Post gefahren. Der Jude schaute wieder aus. „Nun, diesem Bogel könnte ich ein paar Federn auSrupfen, nur schade, der Kutscher sieht mir zu robust aus." So kam der Abend heran und die Stünde deS Abendgebetes. Der Jude sing an, eifrig zu beten. In der Gluth deS BetenS bemerkt er, daß längs der Landstraße ein Glaubensgenoffe auf einem mageren Klepper kommt. „Nun, endlich Einer nach meinen Kräften," frohlockte der dcbülirende Gurgelabschneider. Aber die Lage des RäuberS war eine sehr kritische: er hatte sein Gebet noch nicht geendet, folglich nicht das Recht, von der Stelle zu weichen oder ein Gespräch zu beginnen. Er j winkte dem herantretenden Glaubensgenoffen also bedeutsam mit den j Händen zu und stieß unarticulirte Laute aus. Dieser -hielt, als er den betenden Bruder erblickte, an und wartete geduldig, bis deri selbe mit seiner frommen Handlung zu Ende sei. Sobald der Räuber sein Gebet beendigt hatte, lief er, sich innerlich Muth zusprechend, auf den Reisenden zu. „Guten Abend!" wandte er sich an sein Opfer. „Guten Abend!" antwortete der Reisende. „Schülern aleichem!“ (Friede mit Euch!) — der Räuber streckte dem Fremden seine Hand entgegen. „Gleichem schalem!“ — dieser drückte die dargebotene Hand. „Woher kommt Ihr?" fragte der Räuber. Der Reisende erklärte daS Woher, Wohin und Warum seiner Reise. v „Habt Ihr nicht eine Prise?" Ter Fremde bot dem Räuber bereitwillig seine Dose an.! „Aber wißt Ihr auch, wer ich bin?" brüllte der Räuber plötzlich! mit Grabesstimme. | „Nein, ich weiß eS nicht; wer seid Ihr?"! Der Räuber trat zwei Schritte zurück und erhob die Faust, i „Ich ... ich . . . bin . . . ein . . . jüdisch^ . . . Räu . . . Räu . .. j Räuber!" brüllte er.! Der Fremde sprang, mehr todt als lebend, entsetzt zurück. „WaS wollt Ihr von mir?" fragte er niit zitternder Stimuie. „Gebt mir, um Gotteswillen," flehte der jüdische Räuber mit ' kläglicher Stimme, „ein Almosen! Die Frau . . . neun Kinder. ..." Nlikündiflnngen des „Freien Blattes". Inserate we::en angenommen, >owoh> ui'unierer Administration, als auch im Annoncen-Bureau W. Duke». Etablissement R ONACHER. Au.-rserorHentltch reichhaltiges Programm Uii-t .ien 5 Sisters Barrison. •r!r>;d>t 7 I Helion ]>räci*e st Uhr. F. Krlebaiini. Kur-'uu. tVu-uau»e Nr. 33. — Telephon 636. : Täglioli; Internationale Künstler-Vorstellung. Neues Programm. -WM Anfang 1 ,st UUr. jCccafvcz ät i dezi iny. zc micfi Siedflittfieilung zu macficn, dass mein ffitiat- Scsc/iäft (I. Slctfienttiuzinstzassc <?h. 19) sicfi vcm SlcvemC'ct /S95 a6 I. §zaScn dlz. 10 im neuezf-auten 6hi4ez-cPa(ais 6cfindet. 3. dt Scämcidtaz 4. ii. 4. cHofc§ummi* und <2ettu.(ci2uaaien* cFa6ii4atit.