Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 186 (27.10.1895)
- Date
- 1895-10-27
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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-Seit« 10. Nr. 18Ö. Freies rührende Gebete: „Baker! Vater! Der du in Palästina weilst, an den Stätten von Israels Glan; und Ruhm, der du deinen Fuß setztest ans die geweihte Erde — vernimm meinen Ruf, höre mich und nehme von mir den Fluch, mit dem du mein Haupt beladen! Höre mich, Vater, und erlöse uns, gib mir ein Zeichen, daß du mir vergeben, und befreie, errette durch deine Gebete den geliebten König! Vater! Deine Tochter ruft dich!'Deine Lea! Höre mich und flehe nir'mich bei meiner Stammmutter, bei Lea, des Jacob Weib!" Und ne richtete ihr Antlitz der niedergehenden Lonne zu, die sie mit ihrem röthlich goldenen Scheine übcrgoß, und verharrte in frommem Schauer — da plötzlich zuckle sie, wie von eincr Schlange getroffen, zusammen, und einen Angstruf ausstoßcnd, taumelte sic zurück; im selben Augenblicke wurde aber die Thüre aufgerisien und an der Schwefle erschien mit bleichen Mienen und verstörtem Blick der König. Ihm folgte der indische Arzt, dcr jetzt seil Leas Ohnmachtsansall täglich auf das Schloß kam. «Großer Gon!" rief Lea, indem sie mit dcr Rechten durch das Fenster binwies, „was bedeutet das, und was wollen all diese Menschen! Seht!" Zu Tode er'chrockeu war dcr Arzt vom Fenster hinweg getreten, und jetzt wollte er den König verhindern, auf die Straße zu sehen. „Kommt." Aber da erbrauste cs schon voniilzten herauf wie entfernter Donner, und kosend und btandend schwoll der Sturni an und fluthctc und walzte sich mit wildem Gebraust dem Schlöffe zu. liuu’ii Blick trostloser Verzweiflung warf Boleslaw hinab, dann : aber taumelte er wie vom Blitze getroffen zurück. DaS war Rebellion, das war Autrnbr, der da riesengroß sich auflhat vor seinem verstörten Auge, das war das empörte, zu allem Schändlichen gereizte Volk, das sich da in wilden.' regellosen Massen durch die Straßen dcr Stadt lsiuwälzte. ' . liiit Blick au' diele Rolle genügte, um in seinem Innern jeden ^'.danken a» Rettung zu verdrängen. Es war vergebens! Er wußte es! Die zügellose Rolle, die da in wildem Geheul den Wawclbcrg beranskam, und die;n>ammcngcst<Üt war auö dem niedrigsten Pöbel- Haut, n der Stadl, aus dem veriverflichsten Gesindel der Landstraße, und angcnittet durch 'die verrätbcrischeu Verleumdungen und Läffcrnngen der abtrünnigen Großen, die kannte keine Schonung, und. in ihrer oannibalischcn Wildheit würde sie auch vor dem Furchtbarsten i nicht zurnckichrcckcn! Er wußte cs, und vor seinen starren Blicken; tbai sich weit und gähnend dcr Abgrund auf. j Jetzt -mar die Menge bis an die Burg hingekomnien. Hier machten sie Hall, und m s ihren heisere» Kehlen kamen laute und drohende Rute: „Der König! Wo « er?" „Boleslaw!" schrien sie und schwangen die mit Acxten bewassnetcn ' Hände mir drohender Gcbcrde gegen die Königsburg. ..Mörder!" schrien einige im wilden Rasen, „kemm', zeige dich, oder verkriechst du dich cirva bei deiner Judendirne!" „Ha, ha, ha! Wir wollen dich schon zu sinden wiffcn," scholl cs drohend von unten heraus, „und hast du den heiligen Bischof vom Al:arc geholt, i'o werben wir dich auch schon von dcincin Schlöffe holen!" . . „Wir brauchen keinen solchen König!" tobten sic, „wir wollen tl'n nicht! Wir setzen ihn ab!" „Ja, ,a! setzt ihn ab!" heulten Andere, „gleich! Und wir wähle» .nie,: anderen König!" „Ja, ia, einen der-Edlen, oder gar den Wladislaw Hermann, das ist ei» tromnzer Jüngling!" “ j .„Rein, weg nur den Piaffen! Keinen Piastcn niehr! Fluch den! Piaffen!" ..Fluch' Denn sie haben Fluch gebracht über unser schönes Polen „Fluch! 'Fluch! Boleslaw sei dcr Letzte der Piastcn! Boleslaw ' Er falle!" - ..E, »alle!“ schrie in wilder Raserei die entfesselte Meute, und n N'.udwütdigcul Haffe drängen sie nach vorwärts. Ta war plötzlich die chrfnrchtgcbielcndc Gestalt des greisen Kan-Fers mitten Unter ihnen ausgelaucht, sein hoher Wnchs überragte ' d.. »ud'.tg: Rotte, und scheu wichcw einige von ihnen vor dcr ehr- : würdigen Erscheinung des ritterlichen GreiieS zurück. I „Hört mich'an." ..ffehie er, indem er bittend seine Hände gegen d il Pobelhantcn hin erhob, „hört »sich an, ich bitt' euch, um Christi : iriNen l Waswollt ihr vom König! Was hat er such, dcni Volke w'KanL Weshalb rnrnl ihr ihm Aber da entstand auch schon wieder wildes Geheul, und sie ließen ihn nicht zu Ende kommen. - j Blatt. „Fort mit dir! Das ist auch so ein Königsdiencr! Fort! Schecre dich zum Teufel, Graubart, sonst gcht's dir an die Kehle!" „Was wollt ihr vom König?. . ." sagte der Kanzler, der jetzt wieder den Lärm zu durchdringcu versuchte. „Wir wollen sein Blut!" scholl cS rauh aus der Meute und traf mit Tonnerschlag das Ohr der in LeaS Gemach Verfamneelten. „Sein Blut! Ja! Er sterbe! Gebt uns den König, dann lassen wir euch in Frieden, aber eh' wir ihn nicht haben, eh' ziehen wir nicht ab!" " . „Laßt lnich," sagte BolcSlaw zu den ihn Umringende», „ich will zu ihircn gehen, und dann hört ihr ja, dann wird Friede fern im Polcnlandc, ich."will ..." „Da sei Gdlt vor, Herr König," rief dcr Graf von Rodcc, „daß Ihr der zügellosen Bande Euer kostbar Leben überliefert, das wahrlich wäre ein zu theurer Friede!" * „Oh! daß wir so Wenige sind!" jamnicrte Ritter Wladiwvj, dcr mit dem Rodcccr tn« hielt zu seinem Könige in dieser schwersten Stunde seines Lebens. Lea aber hatte sich ihm entgcgciigestürzt, und mit lhräncnübcrströmtem Antlitze beschwor sic ihn, sich dem erbitterten Volke nicht zu nahen. Eng aneinander geschmiegt standen sic da in dcr Mitte des nun schon ganz dunkeln Gemaches und lauschten angstvoll harrend dem Bransen dcr Enipörung. Da trat dcr Kanzler ei». Seine hohe Gestalt war gebeugt, und seine Füße schwankten. ' „Umsonst, cs ist vorbei!" stieß er hervor, „vorbei! Sie sind zu Allem entschlossen! Herr König, cs bleibt nur ein Weg, Euch'zu rette», flicht!" „Spitihncw! Du! Du räthst mir zur Flucht!" rief schmerzcrfüllt dcr König, „und begreifst nicht, wie schmählich cS wäre?" „Flicht, mein geliebter König," bat der Kanzler mit heißem Flehen, „flieht, denn es ist keine Rettung! Tie thicrische Rotte dürstet »ach Eurem königlichen Blute! Flicht, mein König!" Dcr König mar in sich zusammcngesunken und verharrte in dumpfem Schweigen. „Mein Gott! fliehe», fliehen'auS meinem Königreiche! Aus meinen Landen, aus Polen, daS ich zu stolzer Höhe cuiporgehoben! Wie schändlich!" „Flieht!" drängten jetzt auch Wladiwvj und dcr Rodcccr „cs könnte sonst zu spät werden!" „Und wie entkomm' ich anS der Bnrg, da sie ja umzingelt ist? und dann," fuhr er fort, „ich soll mich von euch trennen, euch vielleicht gar nie mehr scheu im Leben, euch, meine Getreuen, die ihr mir beigcstanden in den Stunden der Gefahr?" „Herr König," nahm jetzt Graf Spitihncw das Wort, „wir sind Greise und unseres Bleibens nicht lange mehr hienied'en — dort oben werden wir uns einstens wicdcrfindcn und Euch segnen." i,Ich aber," sagte Wladiwvj, „ich geh' mit Euch, und sei cs durch die Pforten der Hölle! Ich lebe und lalle, mit meinem Könige!" „Man wird mich erkennen!" „Dafür ist gesorgt," sagte der Jude, „ich habe bei dem drohenden Anblick vorhergcschen, daß Euch nur die Flucht retten kann, und da Hab" ich denn im Einverständniß mit Ritter Wladiwvj schon vorgesorgt, und Euch andere- Kleidung gebracht sowie eine» Euer Antlitz verbergenden Bart." „Habls'Dattk, edler Mann!" sprach'der König. Ter Jude aber kniete vor ihm nieder und küßte den Saum seines Gewandes. „Geht, geht!" bat er dann, „die Menge tobt hnänengleich um das Schloß, und die braven Knechte werden sic njäst lange mehr zurückhalten können." „Und dann wehe uns!" rief Lea angsterfüllt ans. „Eilt!" drängten die Ritter, als sie den König noch immer nn schlüssig sahen, „eilt, ich bitte Euch, lhnt's uns zuliebe!" Mit einem dumpfen Wchlaut raffte sich dcr König auf und er griff die dargercichtcn Gewänder: da ertönte plötzlich wildes Gekreisch im Bnrghofc. Tie Meüge halte die Thorc aufgebrochc» und ergoß sich setzt, einem reißenden Strome gleich, in de» Hof. „Es ist zu spät!" schrie angstgcprcßtcn Herzens der Rodcccr, „eilt, rettet Euch," und er ergriff die hcrabhäugende Rechte des Königs, und vor ihm auf die Knie hinsinkend, küßte er ihn! die Hände, während Graf Spitihncw seine Knie umklammerte und sich laut schluchzend zur Erde hinwarf. Unten im Hofe tobte und raste die entfesselte Rotte, und oben in dem dunkeln Gemache lagen drei Greise -auf ihren Knien und sandten aus schmcrzerfüllten Herzen heiße, innige Gebete zu ihrem Gotte hinauf. Durch eine kleine Hmterpforte der Burg aber schlichen drei dunkle, verhüllte Gestalten in die Rächt hinaus. (Fortsetzung folgt.)