Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 184 (13.10.1895)
- Date
- 1895-10-13
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. IH1 Freie» Blatt. Seite y. würdige Herr am!it). d. l'i. neuerlich zu veraiilworlen haben wird, O, diese« „römisch-jüdische" Recht! (Im Freudenräusche.) Die socinlistische Presse saiumt und sonder« weiß ' sich vor Freude über den Ausfall der Wiener Geineinderathswahten nicht zu mäßigen. Reift doch die „Vorfrucht des LocialiSnutS", wie sie selbst den AnliseniitiSmuS nennen, und wenig ficht es die braven Socialistkn alt, daß der in Wien gesührte Schlag nicht allein auS BolkeSkrasl, sondern durch die verschwendertlchen Mittel und die lhäligste Agitation der Psast'en gegen die einzigen Stützen von „Freiheit, Rechtsgleichheit und Brüderlichkeit" geführt wurde. Wir sage» die „einzigen", denn nun steht e» für uns sest, daß selbst der mallherzigste liberale immer stoch eine Säule des wahren Freisinns ist gegenüber jenen berussmäßigen Ausrufern der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit", die in dem Siege der Reaelion in Wien nichts als die Niederlage einer feindlichen Partei sehen. Die Freude darüber macht sie blind und schamlos. Die social revolutionären Blätter Frankreich« jubeln de» Antisemiten alS ihren Brüdtr» zu, daS Hauplorga» der österreichischen Social-Demokratie batf da natürlich nicht zutückbleiben, und ein nordböhmisches Organ, der „Bolksbobe", gehl iu seinem Freudendelirium so weit, mit uns zu polemisiren und tut« — etwas ichüchlern zwar — die Antisemiten alS die besseren Hüter und Betfechter der Grundsätze von „Freiheit, Rechtsgleichheit und Brüderlichkeit" vorzureiben. ‘Jitiit,: vielleicht schließen die nordböhmischen Soeialisten mit Herrn Dr. Schückcr mtb: Probe einen Compromiß? Den antisemitischen Jargon trifft da« genannte „Organ für die arbeitende Bevölkerung" bereit» Ausgezeichnet, und nimntt es sich geradezu reizend auS, ein aus den einzig richtigen Hüter von „Freiheit und Gleichheit" sich hinausspielendes Bialt von den „Preßhebräern" der Wiener liberalen Journale sprechen zu höre». Warum sollen de»» aber bloß die jüdische» Mitarbeiter liberaler Blätter „Preßhebräer" sein. Sind etwa die Genosse» Adler, Ingwer, Ellenbogen :c. „Preßarier", weil sie an der „Aibeiter- Zeilnug" . und nicht beim „Reuen Wiener Tägblatl" arbeiten? Ja, vielleicht fit't im Bureau deS „Bolksboten" selbst so ei» merkwürdiger „Preßarier", der sich in seinem Racendünkel einbildet, der Dr. Porzer oder Spitzer-Weimar z» sei». tRhlwardl'S Gönner.) Mag auch A hl war dt, dieses leuchtende Beispiel deutscher Treue, heute noch so heslig die Psasse» und Junker salS de» Jude» gleich zu schätzende Faclore» bekämpfe», wir haben eS nicht vergessen, daß dieser" brave Piann dereinst nur durch die eifrige Gönnerschasl der Junker und Mucker einen Sitz im Parlamente eroberte; »nd f^ sehr die Stöcker- und Hannnerstein - Partei Grund hätte, an diese Förderung Ahlwardt'S nicht zit erinnern, sie tan» >'S gleichwohl nicht vergesse», mag sein, daß der Stachel der Bitterkeit über so großen Undank in den edlen Seele» allzulies sitzt. Welnnüthig schrieb das „B o l k" am Ai. September in einem Leitartikel: „AlS der Ahlwardt-Rummel in seiner Blüthe stand, erschienen einflußreiche, h o ch st e b e n b e Gönner- ^eS .Herrn Rectors bei »ns und sicherten uns eine» riesigen Abonnenten-! Zuwachs zu, wenn wir für ihre» Schützling Partei ergriffen." Wer wohl djese „einslußreichen, hochstehenden Gönner" sein mögen? Zu denjenigen, welche die Ahlwardl seilen« „einflußreicher, hochstehend»' Gönner"'erwiesene Protection gerne auS dem Buche der Geschichte gleich so mancher anderen Episode der emi- 'etvativen Bewegung auSlilgen möchken, gehört die „Ä r e u z z e i t u n g". Sie sucht ihre Gesitiitungsgeiiosien gegen deS, Freiherrn v. P teil e» b e r g Bedauern „einer gewisse», seinerzeit auch hie und da aus dem Tivolitage zu Tage ,,,clretenen unterschiedslosen Anerkennung deS AtttisemitiSniii/, die selbst einen Ahlwardl mit umfaßte", zu vertheidigen; aber sie vermag eS nur durch eiu lubnes Zittammeuwerfen verschiedener Zeitpunkte; sie schreibt! „In Wahrheit bat sich die konservative Partei als solche mit dem Tivolitage von ,Unterschieds, loste Anerkennung deS AnlisemiliSmuS' durchaus fern gehalten und daran« so tvenig ein Hehl gemacht, daß Ahltvardl seit langer Zeit zu ihren „»versöhn lichsten Widersachern zählt, wie daS namentlich bei der mehrerwähnlen Reichstagsersatzwahl in K o l b e r g - R ö S 1 i n hervorgetrete» ist, wo er die Stimmen r.Scr .autisemilischeu VolkSparlei' den .Freisinnigen^ zuzuführen für gut besunden bat. Mau muß so tvenig ansrichtig sein, alS eS die liberalen im Parteikampfe sind, um dies z» übersehen." „Rein, man muß so ungenirt wie die ..Ureuz zeitnng' sein, um dar zu schreiben," bemerkt die „Rationalzeilnng". „Aus dein T i v o l i t a g e i st da« Eintreten der E o n s e r v a l i v e n für A h lwardt bei der Ar nS Wälder Stichwahl verth eidigt und mit b r a n s e n d e m Beifall ausgenommen worden: erst später alS die Eonservaliveu mit Ahltvardl ttnangenehme Erfahrungen machten, wie, ite ihnen in anderer Art Mit dem Freiherr« v. H - m in e r st e i n Vorbehalten waren, ließen sie ihn falle», und seildent wurde er ihr Widersacher." Sie möchten Ahlwardl jetzt gerne abschütleln, die braven Stützen von Thron und Altar, lind da« finden wir ja recht begreiflich. «-Roch etwas Neues über Friedrich (kugelS.) Ein deutsches Sprichwoti sagt: Wirf die Katze, wie du willst, sie fällt doch immer auf die Peine. So geht'» dem Judeu auch. In irgend einer Weise ist erPmmer die Schuld an allem kledel; l'ttft daS „Wie?" ist der Herr Antisemit nie verlegen. Wie wir gemeldet, halle ein österreichische» Antisemitenblalt den in London verstorbenen Socialiste» Friedrich Engels zum B o l l b l u t j u d e ti gestempelt, um damit den SocialiSmus als Ausfluß echt jüdischer Gesinnung hinzustellen. Ein anderes Blatt, der „A n t i s e m i t i s ch e D e u t s ch e G e n e r a l a n z e i g e r" in Berlin vom -• Cetober, bat dagegen so ziemlich das Gcgenilieil beiausgeiiinde», daß »ämlich Engel« von de n I » d e u ans de in W ege g e r ä u in t w o r d e n i e i. Engels fei,( dem genanalen Blatte znsolge, »u Begriffe gcivesen, einet; Ariilel liegen die Börse zu schreibe». Darm» habe da« Judenthuin da« allerhöchste Jnteresie gehabt, diele Arbeit unter keinen llinnäude» an die Oenenttichkeii ge langen zu lasse» und ltVitn c« auch ein Verbrechen koste» sollte, vor dem da« Jndenthnm in solchen kritischen Angeubticken nieniatS znrückgeicheni habe. Die geehrten „Zeit- und Gesinnizugsgenosien" habe» >,»„ die Auswahl, entweder auf den Bollblutiuden Engels;n schiinpsen. oder ihn alS anineiuttitche» Marti,rer z» preisen oder abwechselnd Beide« »ach Bedarf zu thuu. Jedenfalls fällt die matz' auf die Beine. . i f curtlcton.' ^feudoros. E)>> Fragment au» tzukiaiß« ^iachtaß. In Kephaleia, dcr berütjmtcu Stabt Groß-Phrygictls. ioav eilt gewaltiger Aufstand anSgebrochen. Die Sykophanten liielten aut der Agora vorn frühen Myrgen bis tief in die '.llatyl schwülstige Reden, in denen sie haarscharf nachwiesen, daß die Ursachen aller Unzufriedenheiten einzig und allein ,itnf folgende Welle behoben werden könnten: l. die bisherige» Arcyonte» müßten gestürzt und vorwiegend durch Stikophanlen ersetzt werden, 2. der Sukophani P send o.r v S müsse Archon EponmnoS werden und die Smici, welche in Groß-Phrygien die einflußreichsten Kauf- und Handels teilte waren, müßten landeSverwiesen, ihr vermögen eoniiseirt und. ihre Rückkehr mit Todesstrafe belegt werden. Der Demos von Kephaleia jubelte den Sukophanlen zu, nahni ihre Vorschläge ein . stimmig an nnd führte dieselben auch - durch. Die Sykophanten wurden mit den Archontenstellen betraut, Psendoros wurde Archont EponymoS, und säntmtliche Syrier wurden ans Groß Phrttgien vertrieben, nachdem man ihnen Hab^nnd (Aut hinweggenoinine» und dasselbe unter den Demos von ^kephaleia vertheilt hatte. In Kephaleia herrschte Heller Freudenjnbel. Sussiticn folgie» ans Syssilien, Gelage ans Gelage. Die Handwerker und ihre (Gesinde ließen daS Handwerk Handwerk sein, die Ackerbauer, die. Schiffer, die Fischer n. s. w., Alle, Alle lustwandelten auf dein Marktplatze von Kephaleia, lauschten den Reden Nr Sykophanten nnd zollten ihnen stürmischen Beifall. An den Festzngen, welche den heimischen Göltern zu Ehren wegen der Vertreibung der Surier veranstaltet wurden, betheiligte sich Groß und Klein, ja die Frauen und Jungfranen Kephaleiaö ließen es sich ilicht nehmen nnd zogen im Festzuge den Archon Eponynios« in einem goldeiten Wagen durch die Stadt aus, die Akropolis von Kephaleia. So vergingen im Jubel einige Wochen, allerdings nicht ganz ungetrübt. DaS den Syriern weggenommene Geld ging zur Reige. Die Hausfrauen verlangten von ihren im Freudenräusche dahintaumelnden Männer» Geld nnd wiederum Geld. Die Männer wandten sich in ihrer Roth an die Sykophanten und forderten in. ungestümer Weise, man möge die ihnen gemachten Berspreckmiicy.» sofort, und zwar in anSgiebiger Weise erfüllen. Die Sukophanun versuchten es anfangs mit Bersprechungen, sodann mit Mah »ungen zum Fleiße und zur Arbeit. Da brach der Sturm los „WaS, wir sollen arbeiten, indeß ihr,' Sukophanlen, schivelgt und praßt? Wir nagen am Hungertuche, schafft uns Abhilfe oder eS ist um euch geschehen." Da trat der Sykophant Kallion auf und beantragte: „Ilm der allgemeinen Roth zu steuern, sollen alle diejenigen, die sich durch Syriergeld bereichert haben oder in einer Verwandtschaft lichen Beziehung mit den Syriern standen, ohneweiters auS dem Lande vertrieben und ihr Vermögen eingezoge» tueybe»." Der Vorschlag wurde attgenommen. Kallion selbst aber, dessen Vater syrisches Geld erworben hatte und dessen Frau eine Surierin war, wurde über Antrag deS Archon EponymoS Pseudoros auö dem Lande gejagt. Für diese Tbat wurde PseudoroS mit einem goldenen Kranze beschenkt, mußte aber, als all seine Versprechungen und Verheißungen sich alS eitel Geflunker erwiese», schmählich — — — — — — — — — — — Hier bricht daS Manuskript jäh ab.