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Freies Blatt · 1895-09-29 · 182 (29.9.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
182 (29.9.1895)
Date
1895-09-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Abo»iikmc»tSprciS. ftflr Oesterreich.Nngnrn: i^anzjälirig.5 Kronen (fl. 2.50) Halbfälfrig.3 Kronen (ft. 1.50) Kür da» gefammfl A » »Iand: (Manijäficifl.0 SHart Hnldfährig .3 Mark 50 Pf. Einzelne Wummern 6 kr. Uufranlirte Briefe werden nicht angenommen. Organ zur Abwehr dos Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntagc. Nkdüclioii uud Admiiiistratlön:. l. Zcilernätte IN. Inserate werden mit ^0 Heller kr.) sür dir vtern.a! gespaltene ^otivareittezeile derechnet. Kleiner -inzeiger da- Won i Heller (2 kr.). Au'iiadme von Inseraten in , unserer .Idmimllraiion sowie' im Ilnnoncenbureau M. Duke», 1. Wollzcile n. Utouitntr 182. Wien, 21). Zeptcmbcr 1895. - IV., Jahrgang. Nach der Mahl. i. Der Wahlkrieg, der seit Wochen in den Mauer.» unserer Stadt getobt und alle Furie» entfesselt hatte, ist beendet, zwar »üt dein Liege deö Gegners, aber doch beendet, nach der krankliaslen Erregung der letzten Wochen iinincrhi» eu; tröstliches Wort. Die Anlisemilen haben de» dritten Wahlkörper gan; erobert, im zweiten Wahlkörper 32 und im ersten 13 Mandate erhalten, so daß sie 91 Mann stark den Rathhauösaal beziehen werde». I'ojtiilus v»lt. Ob die erste Thal der neuen Stadtväler eö wirk lich sein wird, die „Binkeljnden", die im Ralhhause — nicht sind, a»S demselben zu treiben, wie eö Lneger versprach,' oder ob sie in der Aufhebung dcS vielverlästerten StadlralheS bestehen wird, darüber sind sich wohl die donncrfrohcn Götter des Wiener PolkeS heute selbst noch nicht klar. Genug,, die Wähler jubeln einstweilen darüber, das? sie so geschickt „alle Neune" geworfen haben. Fm ersten SiegeStaumel tauchte die ingeniöse Idee aus, am Tage »ach der Wahl zu — illuininiren. Weil man aber in den nunmehr „maßgeblichen Streifen" dermalen ängstlich nach oben sieht und durch die Entgegennahme einer derartigen Huldigung die po>t tot liiscrimina rerum sehr »öthigr und sehr erwünschte Nachsicht zu verscherzen fürchtet, wurde den Ueberbegeisterten vorläufig abgewinkt. Diese wollen also die Illumination verschieben, bis Lueger Bürgermeister ist. Ob dies freilich in absehbarer Zeit eintreten wird, darüber walzt der Allgewaltige selbst noch die schwersten Bedenke» in seinem Hirn. Wenn man selbst annehinen wollte, daß inan maßgebenden OrleS auö rein constitulivneUe» Erwägungen die Wahl Lueger'S zum Bürgermeister von Wien bestätige» möchte, so werden doch diese» Erwägungen die Rücksichten ans den staatsrechtlichen Ausgleich mit Ungarn als schweres Gegen« gewicht entgegentreten. In antisemitischen Mrciscn rechnet man daher heute schon mit der Eventualität, daß Dr. Lueger bloß erster Bicebürgcrmeister und irgend eine Null, etwa Dr. Knpka, Bürgermeister wird. In diesem Falle wird der nomiilclle Bürger meister bloß den Zeiger an der Uhr spielen, während Lueger die Triebfeder sein wird. Eharakterislisch sür,das geringe Perlranen Lueger'S in die Arbeitsfähigkeit der eigenen Partei bleibt eS, daß er auch heute noch nicht abgeneigt wäre, einem liberalen die ehrenvolle Rolle dieses Uhrenzeigers anznvcrtraucn, natürlich um ihn gegebenenfalls mit dem Odium für alle Schnitzer der eigenen Partei zu belasten. Daß sich unter den liberalen seiner findet, der sich auf diese plumpe Spekulation Lueger'S ciulicße, liegt auf der Hand. Die Männer deö Freisinnes werden Lust und Leid des Regierens ganz der neuen, von der Aura popularis uni fächelten Partei überlassen. Sie werden aber höchst währschcinlich auch ihre früheren Abstinenzgedanken. nicht zur Ausführung bringen, sondern ihre Posten im neuen Gemeinderalhe beziehen und eine wirksame, sachliche Opposition betreiben. II. Wien hat sich selbst gerichtet. Es gibt kein Zögern, kein Znwarten. Wer eS vermag, in die Zukunft zu sehen, schaue: Alle Unabhängigen müssen zusammenstehkn, nur so vermögen wir dem nahenden Gewittersturme zu trotzen, welcher unser geistiges Hab' und Gut, den Glanz des Lichtes der Aufklärung bedroht. Wir haben noch den Stolz unserer Pater in den Adern. >i. innrai».»' für die Freiheit in der .gesunden-, liberalen Benu» vor 47 Jahren gegen die Reaktion. Heute bahnt diese 9icac.tu.. ine neue Umwälzung an, wenn auch eine säst unblutige, hm; du Oberen ruhig zusehc», wie die stirchc mit der soeialen B.-oeguug fralcrnisirl/weil zwei verbündete. Parteien; mehr gelten hurien, alö die Errungenschaften des. ganzen PolkeS. Haß. gegen' di> An; klärung, Rache an den ^lchlnnsvierzigern, das sind die M.,lgren der heutigen Bewegung! Wir' müssen unser mübiamcrebPeles geistiges Gut selbst verlhcidigen, welches wir uns vor fast li-ioiii halbe» Jahrhunderte im Mampfe errungen. Jetzt schreien sie die „constilntionellen Rechte" aus, di» wir ihncn eroberten: sic wollen aber nicht bloß unser „gleiches Recht für Alle", sie wollen „gleiches Recht für Alles". Weil wir liberal sind, sollen wir auch ihre Exlrabagänzen dulden? Zetzt sind ihnen die „conftitutiüiieUeu Rechte" beguei», früher,- als wir obenauf waren, verhöhnten sie dieselben; freilich, sie fördern ja jetzt iljvdunkel» Zwecke; unsere Eontrole ist ihnen.lästig, dariim schreien sie plötzlich »ach ,,F» e i li e i >", der Freiheit - für sich, nicht sür uns, auch nickt -jür oas Poik, t>iu sie ködern und irrAeiiea Wen» eine Reaclion die Ausübung der Bürgerrechte io zur Ea ricntnr herabzerrl, die Gewalt, dev Terrorismus duldet, wenn die Mirche Ehristi sich verbindet mit den Gegnern der Menschen liebe, mit den Gegnern des Besitzes, wo bleibt da Dü’ Ordnung? Wird die todle Hand dem Polke auch nur etwas von ihren Eapilalien ausliefern? Wohl nur so weil nölhig ist, um es .zu lenke». Die frommen Besitzenden brauchen die Massen, um die Liberalen zu schrecken. Wahrer Freisinn läßt sich aber nicht beihören. Er Hai aus der Geschichte gelernt vorsichtig sein, er muß sich der Erhaltung alles dessen weihen, was die Pater AmS erobern balien, er muß schützen, verlheidigen die Burg des Geistes gegen die feilen Unechte der Finsterniß! Hallen wir einst so gewalnhälig gehandelt,, wie die Schergen der Freiheit von heule, welches Geschrei hätte sich damals erhoben! Während sie ihre .sirüste beute der Poksver dnininung, den eitlen, leeren Persprechnnge» weihen, dienen wie iu Wort.und Thal treu der Ansklärung. Es wird poch eininu, wieder unsere Zeit kommen, und die Binde wird dann von d." geblendeten Auge» falldn, das erwachende Polk wird dann --b. », daß eS gefehlt, daß eö eher hülle kümvfcn sollen gegen die n Hirlcn", welche eö wie eine Lchashcerde ans Niutzmerwie’M'Rn un dunkeln Pferche verschwinden lassen wollen, welche du Zügel ließen, ui» sie dann desto strammer aizznziehen! Es' b.eibl doch ehrenhafter, für Licht und Wahrheit einznlrelen, als für die Maul wurfSarbeit der Egoisten, die sich „Polksircunde" nennen! ES bleibt doch erfolgreicher, das Recht zu schützen, als Mittel an wenden zu müssen, wie die Sieger im Wahlkampfe zu Wien, Mittel, welche auf die Dauer den Perwallcnden verwehrt werden müßten. ' Und was werden die - Ehristlich - Soeialen in dem Rath hmise sein ohne Geschrei und Massenaufgebot? Eine, 'armselige Schaar, ohnmächtig in der Repräsentation, schwach in der Per waltung, verschwindend in der geistigen Beherrschung der großen Aufgaben. Wien hat sie gehoben, dasselbe Wien muß auch den Muth haben, sic wieder abzuschütteln, denn die Enlturgcschichte kennt keine Protektionen. Erbarmungslos zeichnet sie die Schwach

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