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Freies Blatt · 1895-09-15 · 180 (15.9.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
180 (15.9.1895)
Date
1895-09-15
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seit« >0. Nr. 180 Freies und Treiben dcr französischen') Plutokratie während des achtzehnten JaKilniHöeris veröffentlicht: rLh vi«> privce des financiers an XVIlle s.j>ar H. Thirion (l’aris. I’lon Nuurrit et Cie. 1805J. Ein Buch von reichhaltigem, kulturhistorischem Werlh, das uns in die geistige und sociale Atmosphäre der höheren Gesellschaftskreise in Frankreich unter deui anoien n'-gime hineinvcrsetzt, um uns die leichtfertige Sorglosigkeit und den verfiihrerischen Reiz im Leben der danialigen oberen Zcbntauscnd, niitten unter dem steigenden Elend und der immer drohender werdenden Feindseligkeit ber unteren Volksschichten verständlich zu machen. Damals wie jetzt bewunderte man die Schnelligkeit, tiiit dcr die Parvenüs das Genießen und Verschwenden erlernen, sich abschleifcn und die Manieren — mitunter freilich als Caricatur — dcr vornehmen Welt anuehmcn Und ebenso rasch zeigt sich die Aristokratie bereit, ihre sonst fest geschloffenen Thüren den plebejischen Millionen zu öffnen, durch Heiraten oder auf andere Weise mit den jungen Millionen ihre alten baufälligen Stammschlöffer zu restaurircn. Und dies halte schon zur „>}eit Law's begonnen. Freilich, Graf Horn, dcr mit »och zwei Adeligen einen Makler ermordete und für l 00.000 Tbalcr Aciicn.raubte, handelte noch in dcr plumpen Weise dcr mittelalterlichen Raubritter: aber der Prinz von Condö gewann damals l.'> Millionen an Börscnspeculalionen, der Prinz von Conti spcculirtc auf das Steig, n des Goldes, der Marschall d'Estrecs in Kaffee lli:d Chocolade u. f w. Wie die Herzogin Elisabeth Charlotte von £ rlcauS berichtet, baden vornehme Marquisen cS nicht verschmäht, dem fdiotti’dien Finanzkünstlcr Law die Hand zu küffcn. Minder genial und auch minder ehrlich als Law, ein geriebener - iernpelloi'ec Geschäftsmann ist S. Bcrnard, schon ein Millionär zur Zeit Ludwigs XIV.; kein l^eneralpächter, ober Spcculant und Crcditqeber tür die Regierung. „Sein Snstcm," sagt Thiriop, „ist, die (''nohnic cinziistreichcn, die Verluste von Anderen tragen zu lassen. Bankioitircn wird bei ihm zur Gewohnheit, und nach jedcni Bankrott wird cr reicher." Cr besitzt hundert Millionen, bevor Law auftritt, I'nnteit'iinszig nach.-dem Krach. Und dcr Mann wird Ritter des Michaelsordens, dann Baron, endlich Graf. Sein Salon wird von detki Cardinal Roban und dessen Bruder, vom Marschall Viücrvy und ihresgleichen besucht. Sein ältester Sohn heiratet die Tochter eines M'aronis und Statthalters von Poitou, der zweite ein Frqulein aus der lehr vornehmen Familie dcr BoulainvillierS, die Tochter den Sohn des ParlamcutSpräsidcntcn Mole: und selbst seine natürlichen Kinder lassen sich nidit da;» herab, Bürgerliche zu heiraten. Von den Brüdern PäriS, Söhnen eines Gostwirihs, die sich bei Armeelieferungen bereicherten, heiratete-einer die Tochter des Grafen von .Bethunc. Bei dcr-Taufe seines ersten Kindes schenkt cr seinem Schwager, dem MarguiS B-tliunc, das Patent eines Generalobersten der leichten Cavallcrie, däö er nin OOOOOÜ Livres gekauft hatte. Bcrthclon de Pl-'-ncuf hatte sich ebenfalls ein Vermögen gemacht durch Lieferungen oder vielmehr durch das, was er nicht lieferte. Ein ArmeccorpS in Italien soll durch seine Schuld beinahe verhungert sein: ihm schrieb inan die große Sterblichkeit in den Militärspitälern zu, und cr wurde auch in gerichtliche Untersuchung gezogen. Das Alles hindcric aber den Marquis de Prie, französischen Gesandten i» Turm nidit, dessen Tochter zu heiraten, auf deren großer Mitgift der Fluch so vieler elend zugrunde ergangener braver 'Soldaten ruhte. Vrondre, ebenfalls Lieferant und Wucherer, dcr wiederholt fallirt hatte und nidit gan; unversehrt dem Strafgerichte.entronnen war, .verheiratete von seinen Töchter» die eine an den Marquis von Rochksoucauld, die andere an den Marschall Grafen Clcrmont Tonncrre. Ter Parvenü La Mosson verheiratete seine-Schwester mit einer Mitgift von l.'.M'lUJOu Livres a» den Herzog von Pecquigcy. „Lieber Sohn," sagte die alte Herzogin, „cs ist eine passende Partie, wir brauchen Mist, um unsere Felder zu düngen." C Dinier, dcr Sohn eines Trödlers und Wucherers, der sich auf idiniutiige Weise ein großes Vermögen gemacht hatte, heiratete Fräulein von Viriville, Cousine der Herzoge von Tallard und von Villeroi. Zvainiq Jahre später verheiratete er seine Tochter, der cr 1,200.000 v Mitgiit gab, mit dem Grafen-Luc«', Sohn des Fürste» von aus der Familie Montmorcncy-Lurcmbourg. r anq- Hane als Lakai angcfangen, dann als Stcuerbeamtcr get: t t unk mit Hilfe eines rechtzeitige» Geschenkes von 200.00O Livres an .me hechsschende Person eine Gcucralpächterftelle erhalten. Millionär .gewcrdcn, konM er sich de» Gesandten und späteren Minister Marquis t '.>ll zenie» zum Schwiegersohn kaufen. Cr behielt aber die Manieren und An'chaunngen dcr Bedienteustube .und blieb bis zu seinem Tode -1177e,c Zielscheibe boshafter Witze. Tie Cinvorkönimllnge haben aber noch' andere Wege, um ihre schnell erworbenen Rcichthümer loszuwerden. Sie wetteifern an Sittcn- B l a tt. losigkeit mit den Aristokraten, und wo diese die für Mesalliancen erhaltenen Millionen nicht verschwenden, thun cs die Finanzlcutc selbst in vielleicht noch unsinniger Weise. Vor Allem sind eS die Dämchen von „mittelmäßiger Tugend", wie Thirion sagt, Schauspielerinnen, Sängerinnen u. s. w., von welchen die Finanzmänner, jung und alt, gerupft werden. Wer von diesen Dämchen nur einiges Renomnu'-c hat, besitzt seinen Protector in dcr Finanz, der sein Gold nicht spart und jeden Adeligen mit beschränkten Mitteln aussticht. „Möchten doch," höhnt ein Satiriker jener Zeit, „die Mädchen, denendie Cafse eines Generalpächters zur Verfügung steht, nicht mit Verachtung auf jene hcrabsehcn, die nur einen Herzog besitzen." Landhäuser,« Schmuck, prunkvolles Ameublement, lebenslängliche Rente u. s. w. werden den gefälligen Schönen verehrt, und niituntcr wird eine auch geheiratet. Saint-JameS, Schatzmeister der Marine, gibt seiner Maitrcsse, Fräulein Beauvoisin, 20.000 Tholer jährlich und schenkt ihr außerdem Schmuck für eine Million Livres. Ohre Anzüge, und sic besitzt deren achtzig, sind kostbarer als die der Königin. Tie DeSäiamps, eine ehemalige Tänzerin, führt ein wahrhaft fürstliches Haus mit zahlreicher Dienerschaft, Equipagen u. dergl. Als sie alt geworden und, weil das Geschäft schlecht zu gehen anfängt, fromm wird, veranstaltet sie einen Ausverkauf ihrer Einrichtung, welcher Hundcrttausende einbringt. Und von wem hat sie diese Einrichtung? Vom Herzog von Orleans und vom Generalpächter . Brissart. Letzterer soll für sic im Lauf« einiger Monate eine halbe Million ausgcgebcn haben. Nicht viel besser trieben cs nianche Ehefrauen von Finanziers, und Thirion's Buch wird stcllcnweise zur Chronique scaudaleiise. ES ist begreiflich,' daß diese Leute, welche für ihrie NebenhauShaltungcn so viel aufwendeten, ihre eigene legitime Haushaltung nicht minder verschwenderisch einrichteten. Und sie hatten deren gewöhnlich zwei: ein Palais in der Stadt und ein noch prächtiger eingerichtetes Schloß auf dcm^Lande; denn Grundbesitz, womöglich mit einem Titel dazu, zu erwerben, war für jeden Parvenü unerläßlich. Und cs herrscht zwischen ihnen ein förmlicher Wetteifer, wessen Palais großartiger, wessen Einrichtung luxuriöser sein wird. Tie beiden Brüder Villemur, Pächter und Pächterssöhne, bauen so viele Paläste um Paris, daß sie die Eifersucht des Königs erregen. Der eine von ihnen hat einen Stall von vierzig Reitpferden, der andere zieht Menschenfleisch vor, hält sich ein Serail und zahlt der Schauspielerin Clairon 20.000 Livres für eine Schäferstunde. Dcr Hofbanquicr Bcanjon ist so unwissend, daß cr nid)t einmal weiß, wer Corneille war; aber kein Frcnidcr, der nach Paris kommt, unterläßt es, das Hotel Beaujon in Faubourg Saint-Hoiiore und das Landhaus deS BanqnierS in Chaillot zu besichtigen. Es werden dazu Einlaßkarten ausgegeben wie zur Besichtigung der königlichen Schlösser, und die Besucher sindc», daß beim Banquicr Schöneres und Werthvollcres zu sehen ist, als in lnanchcm Königsschlossc. Das Volk schwieg dazu nicht. Es bezeichncte sie als Tyrannc», welche gegen eine gewisse Summe von dem König das Recht erworben hatten, seine Unterthanen zu brandschatzen. Im bitteren Hasse nannte man sie „die mit dem Blute der Unglücklichen genährten Schurken", und unzählige Epigramme und Spottgedichtewurden auf ihre Koste» in Umlauf gesetzt, um sich wenigstens dadurch zu entschädigen. Ein beißendes Bonmot über die Generalpächter wird von Voltaire erzählt. Zn einer Gesellschaft von Finanziers, wo der Reihe nach Jeder eine Erzählung von einem Abenteuer oder einem Ganuer zum Besten geben sollte, kam die Reihe auch an Voltaire „Es war einmal ein General pädjtet,“ begann er, „den Rest der Geschichte habe ich vergessen." In einer damaligen Flugschrift heißt cs: „Diese sechzig Geldmänner, welche in goldenen Palästen wohnen und Generalpächter genannt werden, haben beim Könige das Recht gepachtet, seine Unterthanen zu tyrannisiren . . . Sie behandeln das Volk ärger als Negersklaven, haben sie doch die Erlaubniß, Leute zu Galcercnsclaven zu machen, ja sic hinrichten zu lassen ..." Und der bekannte Advocat Linguet warf ihnen in einer Proceßschrift wegen eines unter dem Verdachte des Schmuggels confiScirtcn Schiffes vor, daß sie durch Agents provocutenrs zum Schmuggel verlocken und sich dieser dann als Spione und Zeugen bedienen, um große Strafgelder cinzichcn zu können." Dieser kleine Auszug aus dem hochinteressanten Werke Thirion's gibt einen Beweis von dcr Corruption, wie sie riesige Vermögen in unlauteren Charakteren Hervorrufen. Da ist cs gleichgiltig, ob diese Ricsenvermögen in christlichen oder jüdischen Händen sind. Es zeigen fid) stets die' gleichen Erscheinungen dcr moralischen Entartung, wenn die Vorbedingungen dieselben sind.

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