Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 178 (1.9.1895)
- Date
- 1895-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt Adoinirmenlspreir. -ür Oesterreich-Ungarn: Ganzjährig . ..5 Kronen (fl. L.50) Halbjährig.... . . 3 Kronen fl. I.5U) ^ür SaS gesammre Au-land: Ganzjährig.« Mark Halbjährig .3 Mart 50 Pf. Einzelne Wummern ti ft. Unsrantirte Briese werden nicht angenommen Organ zur ^Ibwehr des Aiiliisemitisiiius. Erschkiilt a» jedem Soniitligr. 'Jlctmüioii imD Aduiiiiislraiioii: I Lkilcrslättt Hl. Jnftra» nxrbnt mit -*o £o0cr~i" fr.) Mir 'm< »irr mal gcfimltrne «oiumrriUeifilr brrtitjiu-i. Jtirmr: «ntttgrr di>S Wort 4 Hrllrr (, fr.), «u'iubmc i<nn " dnftrateii in unfercr Adniiiufiralion iowi. flnnonctiibiircau 1H. Tute«, I. Jr'oltvilt -.. Nummer 178. ' Vien, I. September 1895. IV. Zahrgäng Graf Rcideni und die Rechtsgleichheit. Uebereinstimmendeu Meldungen zufolge sind die Tage des Provisoriums bereits gezählt, und binnen Kurzein wird daS inicrimisklsche Ministerium, welches daS EoalitiouS Eabincl ablöste, eincr definitiven Regierung Platz mache», an deren Spitze der bisherige Statthalter von Galizien, Graf tS^fimiv Badcni, treten wird. Dem künstigrn Ministerpräsidenle» geht der Ruf erncS lhalkräftige», zielbewußten Staatsmannes voran, der mit alten Einzelheiten der Berwaltung gena» vertraut ist und die Ordnung unter allen Umständen aufrecht zu erhalten versteht. Es werden auch verschiedene Aussprüche des Grafen Badcni verbreitet, auS denen hervorgcht, daß er die gegen die Rcchlögleichheit gerichtete reactionäre Bewegung, welche n»ter dem Rainen „Anliscmilismus" bekannt ist, auf daS Entschiedenste verurthcilt. Können wir demnach von einem Ministerium Badcni erwarten, daß eS jenen Kreisen, die dem G>istc der StaatSgrundgesetzc znwiderhanbcln und «ich auch um daS Strafgesetz nicht kümmern, in nicht mißzuverstehenoer Weise dcivringen werde, oaß Oesterreich ein Rechtsstaat sei, i» welchem Jedermann den Gesetze», ob sie ihm nun zusagen oder nicht, Gehorsam schuldet? Die Hetzereien, die Aufreizung zu Feindseligkeiten, Drohnnge» und Boycoltirnngen vermehre» sich leider von Tag zu Tag. Ter A»tisci»iliSi»nS hat daS RechtSbewußtsein erschüttert nüd das MenschlichkeitSgcfühl so ^gründlich zerstört, daß man sich abscheu licher, unrechtmäßiger Handlungen und inhumaner Gesinnung nicht mehr schämt. ES ist auch früher vorgekomme», daß rin Gemeindcausschuß aus engherzigen coiifessionellcn oder nalionnte» Gründen „Zugereiste" scheel ansah, ihnen nntcr nichtigen Borwände» Schwierigkeiten bereitete, ihre Eingabe» »in Berleihnng der Zuständigkeit abschlägig beschick» n. s. w. Allein erst jetzt wagt cs die Bertretiing einer Provinzialhauptstadt, sichUn ösfcntlicher Sitzung ganz lingcnirt gegen „mißliebige Zuzügliugc" auSzllspreche». Es ist auch in früheren Jahren in Wien vorgckomine», daß irgend ein Individuum mit einer ungiltigen Fahrkarte die Tramway zu benützen versuchte. Doch blieb eS der anlisemitischcii Aera vorbehalte», zu den gebildeteren Elassen zählende Männer aufzuweiscn, die sich eines solche» Streiches rühmen »nd im Waggon die Vtfjie verbreite», cs sei verdienstlich, eine jüdische Gesellschaft zu benachlheiligen. Schnöde Selbstsucht machte sich jederzeit gellend, aber für die Definition der Nächstenliebe, welche ein geistlicher Herr gab, indem er sich selbst als feinen Nächsten bczeichnete und den krassesten Egoismus befürwortete, war Wien vor anderthalb Deceiinie» noch nicht reif. Damals hätte es auch allgemeine Ent. rüstung hervorgerufcn, wen» eine in Wien erscheinende Zeitung, wie dies neulich geschehe» ist, die benachbarte Eurstadl Baden belehrt Hütte, daß bei der Zulassung der jüdischen Eurgästc zu den Bädern die Humanität nicht i»S Spiel zu komme» brauche. Will man ein weiteres Umsichgreifen der moralischen Ber wahrlojuizg hindern, so muß endlich zu einer planmäßigen SanirungSaclion geschritten werden. Persönlich hat auch Graf Badeni nnstrestig die Eignung hicfür; ob eS ihm jedoch die Berhältnisse gestatten werden, wird von den politischen Parteien abhäuge», welche jeinki» Regime zur Stütze dienen solle». Rach den Geständnisse», welche die Abgeordneten Dr. Ebenhoch und Baron Dipauli in Wählerversammlungen ablegtc», kann nicht mehr i» Zweifel gezogen werden, warum die Antisemiten unbehelligt blieben, als Fürst Windischgrätz EabinetSchcf war. Sie Hallen eben warme Fürsprecher in der nach dem Grafen Hohenwart benannten parla mentarischrn Gruppe, deren Wünsche und ReiguugsiG die Regierungsgewalt selbst i» Fälle» beachtete, in denen es erforderlich -gewesen wäre, antisemitischen Execdenten entgegenzulrelen. Riemals werde er sich, gelobte der edle Freiherr von Miiltmi, einem Schritte anschlicßen, der de» christlich socialen Brüdern verderblich werden könnte. Werden also Die um Hohenwart auch fürder eine Regierungspartei bilde», dann haben die voni Prinzen Alois, tzicchtcnstein angeführten Slreitschaarcn nicht zu - besorgen, daß ihnen von regicrungöwegen auch nur ein Haar werde gekrümmt werden. Unsere frommen Eoirservalivcu erblichen ja in ihnen Baschi-BozukS, die für sie kämpfen und ihren Besitzstand aus Kosten der liberalen vergrößern. Die antisemitischen Seuchenherde werden, falls der gesummte Hohenwart'Elub zur künftigen Parlainenlsmehrheit gehören wird, höchst wahrscheinlich »och znnchmen und daS öffentliche '/eben immer mehr und mehr verpesten. „W.. r. .......e..!" einst Anton v. Schmerling, welchem eine feinfühlige Bcrehrerin aus Anlaß seines UU. Geburtstages in dieser Rümmer des-..,Freien Blattes" herzliche Worte pietätvoller Erinnerung wedmel. 'Wir aber müssen warten, um unS vor Illusionen zu bewahren. So lange wir nicht wissen,, ans welchen Elemente» die Mehrheit, im RcichSralhe zusammengesetzt sei» werde, mit deren Hilfe ein Mi nisterium Badcni die RegieruugSgcschäfle besorge» will, sind wir außer Staude, auch nur eine Bermulhung über den Wewlh des selben für die Wahrung der Richisgleickheit zu äußern 'Wir können daher trotz'Allem, was verlautet, an ein Avancement des bis herigcn Statthalters von Galizien zum, Minister Präsidenten noch nicht die Hoffnung knüpfe», daß in dem Berhalteu der Regierungs' organe gegenüber dem AnliseinilisninS eine wünjchenswerthe Aenderung eiulrete» werde. Wir müssen warten! , t!‘- Pon einem vLo^ten. * ■ (;}!! Sdimfiliiig'Ä!Hi. (''cl'iir:' > ' Draußen auf dein kleine» Hietzinger »vriedhofe, in den'-'» alleneiu Thcil, auf dein stillsten, ahgeschlosscnste» Pläväicn von alle», rukt Anton v. Schincrliiig a» der Seife seiner früh verlorene», treu bc trauerten Lebensgefährtin. So war 'es sei» Wnnsch. T icies t^rab, zu dem er in alle» Tage» seines Witwerlhums bis in die teuren slahre, bis i»S höchste Greisenalter seine Schritte gclcntl, dieses Grab, das zun, Altar seiner heiligsten Empfindungen geworden, vor dem er Andacht hielt, daS sollte auch ihn dereinst umschließen. So fiat er denn die Stadt Wien der Pflicht enthöbe», ihm, ihrem großen Sohne, ein glänzendes Ehrengrab zu weihen . . . Aiciu Denkmal aus Erz - keine lobgetragenc Inschrift! Nicht Künstler-- »och Dichierhand sollten seiner letzte» Ruhestätte ihren Tribut zolle». Und doch ist diese in ihrer .vornehmen Einfachheit seiner würdig. Eine große Tafel aus weißem Marmor überdeckt da? Grab. Die Tafel trügt in goldenen Lettern in lateinischer Sprache die Inschrift: .Anton Ritter v. Schürer ling, geboren 23. August 180Ö, gestorben 23. Mai 1G.E> " Darüber, am Kopfende des Grabsteines, den er seiner Gemahlin setzen L'E