Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 177 (25.8.1895)
- Date
- 1895-08-25
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Freies Blatt. Nr. 177. „ Taxi Silomoa willen," warf der Jude ein, „zu welchem Zwecke und »sie doch die Summe . . ." „Tau'eud Pfund -Silber," schnitt der Großfürst des Juden Einwendungen rasch alr. „Tausend Pfund Silber!" wehklagte Salomon, „ich bin ein armer Mann . . ." „Mach' uns nichts vor!" sagte barschen ToncS Mstislaw, „wir wissen, daß der Jude Salomon ein reicher Mann ist und daß tausend Pfund für ihn nicht;n viel sind, schon uni cincS solchen Zweckes willen " „Tarf ich eifatjien, edler Herr, welchem Zwecke mein Geld dienen soll?" „ Tn sollst es wissen," belehrte 'ihn der Großfürst, „Alles sollst du von unS erfahren, aber erst gib mir das Geld." „sich hab'S nicht!" jammerte der Jude. „ Sciit Jakuincrn hilft nichts," bcharrte Jsaeslaw, „ich will'S j haben - denn damit wollen wir die verhaßten Polen vertreiben ■ . .„ - „Las flimmern mich die Polen'? Las habe ich gemein mit jenen? ..." s „Tn freilich hast nichts mit den Pole» zw thun," lachte der (Großfürst, „dagegen aber" - und ein Zug thierischcr Grausamkeit erschien auf seinem verschmitzten (Gesicht — „ja, dagegen deine Tochter, deine -Vca, die die Geliebte des Polenkönigs ist." I „Meine Vea?" sagte mit verächtlichem Achselzucken der Jude, „da seid Ihr fatsch berichtet: ein jüdisch Kind ist nicht die Geliebte eines freindcn ManncS, auch eines Königs nicht..." „Armer Pcrblendeter!" rief der Großfürst, „so frage doch alle . Höflinge und die halbe Stabt, und Alle werden cS dir bestätigen, daß ' ein jüdi'ch Kind" — spottend äffte er dem Unglücklichen diese Worte -nach — „daß Euer jüdisch Kind dcnnockx.dcs Königs Tirnc ist." Mit einem lauten Wehruf war"dcr Alte zusammcngcftürzt, und jetzt ächzte und stöhnte er wie ein zu Tode getroffenes Thier. ,,'Ju-iti! Re-u! Gewaltiger Gott! Eine Tochter Israels — meine tüchtige Lea. mein frommes Kind — eine Buhlerin! Tas ist nicht möglich, daS ist nicht wahr!" „Und wenn ich dir's bei meinem Heiland schwöre und bei der heilige:t Jungfrau, und dir mein fürstlich Wort gebe?" Ter Jude verhüllte sich das Haupt mit seinem Kaftan, und ein heftiges Schluchzen erschütterte seinen Körper. „Steh auf!“ gebot der Großfürst, „und laß das Winseln, du kanrisl s nicht mehr ungeschehen machen, der wüste König hat nun einmal deinem Kinde die Ehre geraubt — aber rächen, Salomon, rächciz, könntest du die Schmach, die Euch der Verhaßte zufügt..." „Tagt,.redet," kreischte der Jude, und seine Augen glühten ans in wilder Rachlust, „ich will Alles lhun, Alles, AüeS sollt Ihr bekommen, aber helft mir, ihm zu vernichten, den Bösewicht. £f)! Ich Unglücklicher!" - „Rnn, siehst du wohl ein, Salomon," begann. Jsaeslaw von Renern, „wie gut wir cs mit dir Nieinen. Und jetzt, da du so klug bist,*unS mit Allem zu versorgen, jetzt sollst du auch erfahren, wozu wir dein Geld bcnöthigcn." Und in knappen klaren Worten, in kluger, woklge>'evter Rede enthüllte er dem mit allen Linnen aufhorchenden Juden seinen Plan: er vergaß in seiner wilden Rachgier jede Borsicht, io daß sich seine Stimme steigerte zu lauter Rede. Ta ertönte plötzlich vou unten heraus ein Geräusch. Erschreckt waren die Trei zusamniengezuckl — „dann fiel dröhnend die HauSthüre ins Schloß. „Es ist meine Tochter, die hcimkchrt." Und laut weinend stürzte Salomon zu Boden. f Aort'ehuug folgt) TlnttfemiftfcBe Dol'Lisüunde. Richtung der GeftkeSwiffenschaften, die sich der naturwissen- . 'ciiait.:dv:n Methode bedient, war bisher von der antisemitischen Verleuchung ftei geblieben. Ter Grund hicfür liegt eben in der^ exclusiven Sachlich!.» der erhabenen Forschung. Ebenso lächerlich als der Ausdruck „'pantsche Anatomie" klingt, ist auch, die Wendung anlis c in l i iickte Volkskunde. Wie könnte die Wistenschaft vom Menschen, ohne aur de» hebrcu 'Rainen zu verzichten, sich mit den Ausgeburten - krankhafter Phantasien, des TünkelS, der Unwisienheft und- Bildnngfc'ndlichkcit verauicken? Und doch liegt jetzt so ein Versuch vor, der deutschen Volksforschcrwelt zu Ehren sei cS gleich bemerkt, der erste feiner Art Ich will ihn bekannter machen und erbitte mir hiezu ein wenig Geduld^-denn die Ge'chichte ist ziemlich albern. Ein gewister Tr. Hans Stumme, der sich mit der Sprache und Literatur der Beduinen von Tunis und Tripolis beschäftigt, angeblich Privaldocent an der Universität zu Leipzig ist und ein erbärmliches Deutsch schreibt, veröffentlichte kürzlich ^.Märchen der Schluh von Tnzerwalt" (Leipzig 181*5, I. E. Hi»rich s, XII und 208 S., Großoctav). Unter seinen Rainen setzte er aufs Titelblatt auch feine Ehren und Würden, wie dies in solchem Maße und Umfang unter ernsten Gelehrten nicht üblich ist. Er nennt sich auch „Mitglied deS Vereines für Volkskunde zu Berlin". Ter naive Leser muß annehiuen, Tr. Stumme sei wohl seiner besonderen Verdienste um die Volksforschung willen zun, Ehren- oder correspondircndcn Mitglicdc des besagten Vereines ernannt oder erwählt worden. Dieser Verein hat! aber bloß zahlende Mitglieder,, die für ihren jährlichen Beitrag von - 12 Mark die Zeitschrift erhalten und auch das Recht haben, an jedem VcrcinSabend theilzunchuicn. Herr Tr. Stumme mag die „Gartenlaube" pränuiuerircn und dann »och zu seinen Titeln hinzusctze»: „Wirklicher Abonnent der Gartenlaube". Möglich, daß er damit dem und jenem Spießbürger iniponircu wird. Ich führe dies nur an, um den Manu zu charaktcrisircu und um der Vcrinuthung vorzubauen, als ob /Tr. Stumme ganz gescheit sei. Er hat Märchen ausgezeichnet, die ihut daS Mitglied einer wandernden berberischcn Koinödiantentiuppe zu Leipzig initgcthcilt, und hat dazu eine Verdeutschung und spärliche Anmerkungen geliefert. Vom minimale» Wcrthc seiner Leistung für die Volkskunde hier zu rede», wäre nicht am Platze; die Parallelen sind für die Katze. Der Laie braucht sic nicht und der Gelehrte weiß die Fundstätten genauer als Herr Tr. Stunnnc. Selbstständig und originell ist Tr. Stumme nur ein einzigmal, bloß in drei Zeilen, aber das gibt ans für ein ganzes Buch. Tas dritte Märchen (S. 77—81) ist eine Coinbination des Genoveva-Motivs mit dem bekannten Märchen vom Marjenkind bei Grimm Rr. 3. Ein Vater verstößt seine Tochter in die Wildniß, weil mau sie ihm verlästert hatte. Tas Mädchen lebt mit Gazellen'in der Einöde. Ein König erblickt, sie und verliebt sich in sic. Einem Juden gelingt cs, sic durch eine Speise dem wilden Leben zu. entreißen und dem König zuzuführcn. Aber das Fräulein, daS bald darauf dem König ein Kind gebar,''blieb stumm. Durch eine List bewog der Jude das Mädchen zur Rede. „Ter König kam herbei und freute sich. Wiederum feierte er ein Fest von siebe» Tagen auS Freude, daß die Frau sprechen konnte. EineS Tages kam der Wesir herbei h*) und begehrte eine Gunst von der Königin; die erwiderte ihm aber: „Geh' weg von mir!" — „Ta nahm der Wesir den Knaben und schleuderte ihn gegen die Wand. Hierauf verließ er das Zimmer." Mit dem Stern im Texte, den auch wir angebracht haben, verweist unS Tr. Stumme auf feine tiefsinnige Anmerkung unter dein Striche. Sie lautet wörtlich: „Ter Wesir ist entschiede» der Jude, der zur Belohnung dafür, daß er dem Mädchen wieder zur Sprache vcrholfcn hat, in dieses Amt eingesetzt worden sei» dürfte.". Für Jedermann, der nicht auf de» Kopf gefallen, ist cS klar, daß ein Märchen jeder realen Grundlage entbehrt, d. h. daß cö nicht die Wiedergabe einer thatsächlichen geschichtlichen Begebenheit, sondern dichterische Ersindung ist. Tie Frage, wer die oder jene Gestalt cincS Märchens de facto gewesen, zzugt von einer Raivelät, die man bei einein fünfjährigen Kinde für reizend finden mag. Tie Veruiuthung, daß der Jude in das Amt eines Wesirs „eingesetzt worden sein dürfte", ist der Gipfelpunkt der Einfältigkeit. Wenn der Erzähler den! Juden zum Mörder des Prinzen hätte machen wollen, würde er cs j ohnewciters gcthan haben, aber er hat es nicht gethan, weil darunter! selbst das Bischen poetischer realer Wahrscheinlichkeit, die auch im Märchen ihr Recht behauptet, zerstört worden wäre. Dr. Stumme! wirdselber zum Märchendichtcr, indem er dem Leser weismachcn , möchte, daß in den Barbarcskenstaaten ein Jude es zum Amte eines j Wesirs hätte bringen können. So etwas fabelt kein Berber, dagegen ' verwendet er geschickt die Gestalt des Juden, wo er einen besonders : findigen und klugen Acteur in d^r Geschichte braucht. Die Mittel des j Juden sind ebenso wirksam als harmlos. Sie sind auch als Leistungen so unbedeutend, daß ein königliches Geldgeschenk hicfür zur Belohnung auSreichen mochte. Doch das sind sowohl für den Erzähler als für . einen Zuhörer selbstverständliche Sachen. Es mußte erst der Leipziger! Privaldocent Tr. Stumme auf der Bildflächc erscheinen, um aus dem Juden einen Wesir und Mörder zu fabriciren. Das wird ihm in der Meinung Ählwardt's, Fritsche's und Eonsortcn nicht schaden; sic sind auf wuchtigere Verfälschungen und Entstellungen cingcwöhnt. Wien. Tr. F. S. Krauß.