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Freies Blatt · 1895-08-25 · 177 (25.8.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
177 (25.8.1895)
Date
1895-08-25
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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✓ Freies Blatt AboaueiitentrpreiS. AH r Oesterreich<»nga rn: .« -.jäbrig.5 Kranen (st. 2.50) adrig.: ... S Kronen ist. l.so) ,(ür da« gelammte 9lu«lanb: (w :: ihrig. 6 Mark (v: : aidrig .S Mark 50 Pf. Einzelne Nummern 0 kr. »aiiankirle Briele «erden nicht angenommen. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage. '.Htbaction tiitb '.Hbutiiijftrntioii: I. Leilcrsliitte 10. Jnftratf werden mit 20 Helles ■: n/Tr.) für die vier mal geipaltene Nonpareillezeile berechnet. Kleine« «II,ei,er da« Wort 4 Heller (2 kr.). Au-nahm« von Inseraten in nnierer «dminestration sowie io, Annonccnbureau M. Inte». I. L>oll,tile n. Kummer 177. Wien, 25. August 1895. IV. Jahrgang. Aienschenfresser, Unter der Ueberschrist „S ch n e i d c r'S I n d e n b r a t c n" biachte f,ic „Wiener Tagblatt" vom 14. d. M. in der ständigen Rubrik „Antisemitische Bersantmlitngen" einen Bericht, auS dem der Anfang liier Wiederholt sei: „Herr Schneider hat gestern Abendö in einer vom Bezirkswahlcomitv des XI. Bezirkes einberusene» Wählerversainmlnng, die i» Hoyer's Gasthausgarten in der Simmeringer Hauptstraße 28 statlfand, die Mitiheilung gemacht, daß es ihm außerordentlich angenehm sein würde, - wenn er einen Jude» auf den Rost legen und eigenhändig braten könnte. Seine GesinnungSgenostcn jubelten ihm ob McfcS Wunsches begeistert zn, genau so, wie sic gejubelt hatten, als Herr Dr. Lueger seinerzeit erklärt hatte, eS sei ihm egal, ob die Juden geköpft oder gehenkt würden, und Cooperator Schnabl, der Priester der Nächstenliebe, der im Auditorium saß, faltete die Hände über dem Bäuchlein, schloß selig die Augen und schmatzte vergnüglich mit den Lippen — er dürfte im Geiste schon den ersten dicken Inden schmoren gesehen haben." Tie Absicht des Berichterstatterist klar. Indem er ben Hauptschlager des Abends voranstellt, vermeint er den Anführer der Rotte und besten Leidgefolge herabzusetzen. vielleicht habe» ihn Entrüstung und Schamgefühl überwältigt, vielleicht eine maßlose Berwundernng, daß solche Reden fallen dürfen und ein geneigte- Publicum sinden. ES ist aber hier weder für Entrüstung, noch für Berwundernng Raum; denn was Schneider vorgebracht, ist weder neu, noch unerhört, dieweil er mit feiner Ansicht über Iudenbraten, der dochauch zugleich ei» Menschenbraten ist, mit den Anschauungen zahlreicher Böller dieser Welt, der alten wie der gegenwärtigen, iiu Einklänge steht. Blut ist ein besonderer Saft und Menschenbraten wahlscheinlich ei» eigenartiger Genuß. lieber den Geschmack ist schwer zu streiten, doch läßt er sich erklären. Die Antisemiterei ist eine geistige Berfaffuug, die folgerichtig auch zu jedem Barbari-muS und schließlich auch zum EannibaliSmuS führen kann. In früheren Zeiten, als mau den Balg noch beim wahren Namen nannte, hieß Antisemiterei einfach und schlicht „Judensraß". Der Polkswitz fand für die Sache den richtigen Namen. Wenn eS in unseren Tagen zum eigentlichen Fraß auch nicht kommt, so gebührt daS Lob hiefür nicht so sehr der Enthaltsamkeit der Antisemiten als anderen' Factoren, die über den Fortbestand unserer Eultur wachen. j Den Ethnographen überrascht die antisemitische Berpestung der Gemüther nicht; er kann sie freilich nicht bannen, nur beschreibe» und durch Heranziehung paralleler Krankheitsforuien erläutern. Speciell für die psychologische Analyse der jüngst aufgetauchlen Neigung Schneider's ist daS VergleichungSmateriäl in befriedigender Fülle schon gesammelt. Der Wissenschaft zu Ehren muß gleich bemerkt werden, daß die Arbeit ohne Rücksicht auf Individuen von der Oualität eines Schneider gemacht tvotdcn ist. Tic Forschung dient nicht perversen Bestrebungen. Im Jahre 1893 veröffentlichte Dr. pliil. P. Berge niann bei G. Kren schmer in Bunzlau eine ethnographifch-ethuologischc Studie über die Verbreitung der „Anthropophagie über die Erde und Ermittelung einiger WesenSzüge dieses Brauche-" (53 S., gr.-80). Bergemann ist ein Schüler Alfred Kirchhoff's und handhabt vollkommen die Methode neuzeitiger wissenschaftlicher Ethnographie. Seine Studie ist ein wichtiger und lehrreicher Beitrag zur Geschichte menschlicher Culturentwicklung. Es wäre wohl bester, wenn in den Lesebüchern für Mittelschulen statt so nmncher greuliche» Mordgeschichten, die angeblich daS patriotische Gefühl bei der Jugend wachrufen sollen, ein lesbarer, übersichtlicher AuSzng aus dieser Broschüre Platz fände. Nichts erhebt unS trostreicher über die Niedrigkeiten des Lebens »nd auch über die Antisemiterei, als ein Ausblick auf die stetige, wenn auch langsame Entwicklung in der Vergangenheit. Daraus erwächst uus M- Hoffnung, daß die Menschheit auch die jetzige sociale Mrankheit M stehen wird, sowie sic ungleich schrecklichere Zustände siegreich zu über dauern gewußt hat. Bergemann geht von dyn vielfach erörterten Problem aus, ob die ethische Entwicklung des Menschengeschlechtes in auf- oder absteigender Linie vor - sich gehe, oder ob iu dieser Beziehung weder Fortschritt noch Rückschritt, natürlich int Turchschnitt genommen, zu bemerleu sei; so etwa, daß ein irgendwo erfolgender Fortschritt nivellirt wird durch cineu anderswo erfolgenden Rückschritt. Er m ans f'huttb seiner Studien von der lleberzeugung durchdrnugen, daß die Moralität der Menschheit in stetiger, wenn auch nur sehr alliuäliger Zunahme begriffen ist. und daß die scheußlietie Unsitte der Menschenfresserei 'in aushaltsam, wenn auch sehr langsam abitehme. Schneider's Begierde nach Mcuschensteisch ist weder gewohnheitö mäßig noch zufällig oder nothgedrungeu, wie sonst Anthropophagie, sie ist bloß der Ausdruck eines -bis zu Wahnvorstellungen gesteigerten Haß gefühleS, daS man sonst mit Blutdurst bezeichnet. Bergemann b schäftigt sich mit dieser Art pathologischer Zustände, die unter Umständen zum wirklichen Meuscheusraß verführen, nur kurz im Bbruber gehen. Im Jahre tü5>3 soll in Brettenbnrg eure schwangere^.Frau ihren Mann getödtet und, während sie ihn verrehrte, drei Söhne ge boren haben. Dasselbe Verbreche», heißt eS, habe im .Iahte eilte Schwangere zu Droißig begangen. Meißner in den Stizzeu (Leipzig 1798, XIII. Sammlung, S. 1 <»4, erzählt ron einem Manne, der geglaubt habe, er werde fliegen können, wenn er nenn -Herzen von Mittbeut, die noch int Mutterleibe getragen werden, ausgegessen habe. Auch dieser Aberglaube beruhte aus krankhaften Störungen der geistigen Mrästc. Dieser Mann wurde, nachdem er bereits acht schwanger? Frauen getödtet und die Herzen der Minder „warm und zuckend" gesresten, ergriffen und hiugcrichketi Nach H.. Schurtz' ist der EannibaliSmns — mir könnten, dankt „Antisemitismus" einfetzen —eine Kindetkränkheit, die oft die trüitigsten. Völker befällt. Rach Bergemann ist der EaniribaliSInns vielmehr als eine Entartung, eine Berwilderung, eben alS das Smnvtom e^.ier Krankheit anzuscheu, die daS ^Menschengeschlecht ergreift, io lange . noch im Stadium der Kindheit sich befindet. Die beiden Annchten haben ihre Berechtigung, nur ist beiden Gelehrten vorznhatten, daß sie eS Unterlasten, die reichen Speicher der Zeitschi iste» ntr Bolksknnde zu durchsuchen. Tie Ausbeute für daS heutige Eitropa haue ihnen die Mühe gelohnt. Jyt ersten Eapitel weist Bergemann den Mcnschensraß im /Besicht kreis der „Alten" nach und sucht den Zusammenhang zwischen den Cannibalen der Borzeit und denen der (Gegenwart sestzustellen. Auch zeigt er, daß die Annahme der prähistorischen Anthropophagie, wcuu auch nicht unbedingt sicher erweislich, so doch als eine durchaus mögliche, ja wahrscheinliche zu betrachten ist. Im zweiten Abschnitt wird dargethan, daß zu Beginn deö Zeit altcrS der Entdeckungen EannibaliSmuS auf dem asiatische» Eonltneut und auf den indischen Inseln „als ungeschwächler Gebrauch" und in großer Ausdehnung vorgckommen. Sogar in Europa sind noch deutliche

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