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Freies Blatt · 1895-08-18 · 176 (18.8.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
176 (18.8.1895)
Date
1895-08-18
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Freies B a t t. Nr. 1K. Seite 10. etwa verdient, daß ihr mich verkästen wollt, jetzt verkästen, wo ich noch so Großes, so Kühnes geplant? Habe ich euch nicht stets zum Siege geführt, und nennt man Polens Namen jetzt nicht unter den ersten 7 War ich euch nicht stets ein gnädiger König, ja mehr ein Freund, denn König? Und wie? Wolltet ihr euch nicht schämen vor anderen Ländern, wenn es hieße: Seht die braven Polen, sie lasten . ihren König in der fremden Stadt unt laufen heim zu ihren Weibern? Wahrt ihr, so Polens Ehre? Ist es für Polens. Größe, daß ihr dies lhut, oder vielmehr für Polens Schmach? Denn Schmach, unerhörte, unglaubliche Schmach wälzt ihr damit auf euer Land und auf euren König!" Seine Augen füllten sich mit Thränen, und bitteres Weh malte sich in feinen Zügen. Flehend hatte der stolze König feine Hände gefaltet^ und hinzufchreitend zu den Versammelten, vergaß er seiner königlichen Würde und erniedrigte sich mit demüthigen Bitten. „Zum Teufel mit dem hündischen Selavenpack," rief mit lauter Stimme Ritter Wladiwoy, „mögen sie verrecken! Ich bleibe bei meinem König, und Ihr bleibt auch, Szymon," wandte er sich an seinen Rackbar, „und Ihr auch, Freund Wassilko? Wir werden doch unseren König nicht vergebens bitten lasten! Erniedrigt Euch nicht, Herr König, wer Euch verläßt, ist ein Verräther!" „Brav, mein tapferer Wladiipoy," rief der' König, „wer uns verlaßt, ist ein Berräther, ist ein Verräther!" „Ein Feind des Landes!" rief Szymon dazwischen, „und ein Berräther an seinem König!" „Ja. ein Verräther an seinem König!" nickte dieser, und sich an die Edlen wendend, setzte er hinzu: „Ich hoffe, daß euch die Ueberlegung eines Besieren belehren wird und daß ich euch Alle wieder versammelt finde bei unserem nächsten, morgigen Rathe." Und dann wandte er sich und schritt zur Thür hinaus, begleitet von den bei- 'älligen Rufender Einen und von dem trotzigen Murren der Anderen. Neunzehntes C a p i t e l. Ernst und in sich gekehrt hatte sich BoleSlaw in seine Gemächer -rurückbegeben: eine Wolke des ZorneS thronte auf seiner Stirne und beschattete sein Antlitz mit düsterem Unmuthe. Wie hatte er sich gedemüthigl vor diesen schurkischen Höflingen, die sich stark genug glaubten, ihm, BoleSlaw, zu trotzen; er hatte sie angefteht, sich zu Bitte» erniedrigt, wo er zu befehlen gewohnt war. Heiß wallte es auf in seine», Herzen, und sein Fuß stampfte zornig den Boden. Feige Verräther! Wie sie sich auflehnten gegen ihn und wie sie unter glatten, ehrlich scheinenden Worten nur die häßlichsten Beweggründe ihres Thuns verbargen; ja auch dieser Rodecer, den er immer für einen treu ergebenen Freund gehalten, selbst dieser Alte wußte die schnöde That mit scheinheiligen Worten zu maskiren, als ob es so sein müßte, als ob sie int gute» Rechte wären, wenn sie den König in Feindesland zurückließen, und nicht er, der ihr Bleiben verlangte, nicht zu seinem Schutze fürwahr, denn er bedurfte keines Schutzes und konnte sich getrost auf seinen Gott und sein gutes Schwert verlosten — aber für Polen, für seines Landes Ehre hatte er es erheischt — und das.hatten sie gewagt, ihm abzuschlagen. Er hatte es wohl bemerkt, daß mehrere unter ihnen , zuletzt unschlüssig waren,- aber eine geheime Triebkraft schien stets aufs Neue ihren Widerstand anzuspornen, und er kannte sie wohl, diese Kraft: es war Bogdans aufreizendes Beispiel, und der, das wußte er ja, würde nichts unversucht lasten, 'eindm Feinde, dem König, zu schaden. Nun, mochte er nur wühlen, der scheinheilige Schuft, seine Reden hatten trotzdem einen lebhaften Eindruck auf die bester Gesinnten hervorgcbracht, das fühlte, das wußte er! Und darum wollte er denn auch nicht verzweifeln, und friedlichere, ruhigere Gedanken überkamen ihn; auf 'einen. Gesichte erschien wieder das sonnige Lächeln, und von seiner Stirne verschwanden allgemach die Falten deS Unmuthes. Jetzt zu Lea! rief cS freudig in ihm auf, und auf seinen Zügen spiegelte sich im Voraus schon der Abglanz jenes Glücksgefühles, das ihn jedesmal ■a tes geliebten Mädchens Nähe durchschauerte. Im Begriffe, das '"emach zu verkästen, trat ein Diener ein mit der Meldung: Ein alles Weib begehre dringend, den König zu sprechen. „Daß euch die Hölle verschlinge, dich mit dem alten Weibe!" fluchte der König. - „Tie läßt sich nicht abweisen," wagte zitternd der Diener, „und besteht darauf, Euch eine Botschaft zu bringen ..." „Alte Weiber bringen stets böse Kunde!" „'S ist eine Jüdin, Herr König..." ' „Eine Jüdin sagst du?" rief hastig der König, und wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke, daß sie von Lea gesandt sein könne, ..laß sie ein, rasch!" „WaS gibt'S, Deborah?" frug BoleSlaw, auf die alte Magd Solomons zueilend, die eben unter zahllosen Bücklingen in des Königs Gemach eintrat. „Ist Eurer Lea etwas widerfahren?" Angstvoll fragend heftete sich sein Auge auf die Dienerin, und drohend, erschien vor seinem Geiste daS Bild des nächtlichen Spähers. „Nein, gnädigster Herr König, unser Kind befindet sich ganz wohl und munter — aber — sie läßt den gnädigen König bitten, heut' nicht zu kommen. . ■ „Bist du von Sinnen, Alte?" fuhr BoleSlaw auf, „ich soll nicht und weshalb nicht?" Und aufs Aeußerste gespannt, hingen seine Blicke an der Miene der Alten. „llnser Herr, Leas Vater, kam heut' Morgen an, und da läßt die Jungfer den gnädigsten König bitten ..." Mit einer abwehrenden Bewegung winkte er der Dienerin Schweigen zu, die denn auch vor gewaltigem Schreck in sich zusammenzuckte. „Geh'!" herrschte er sie an, „was suchst du noch hier?" - Die Alte rührte sich nicht von der Stelle, und als BoleSlaw, nach, einer Weile den Kopf erhob, den er sinnend zu Boden gesenkt hielt, stand sie noch wie festgewurzelt da und sah mit ängstlicher Scheu und mit flehender Miene zu dem erzürnten König hin. „Was willst du'noch?" fragte jetzt etwas milder der König, „dacht' ich eS doch gleich: von einem alten Weibe muß eine Unglücksmär kommen! Rede!" „Herr König," sagte bebend Deborah, „zürnt nicht Eurer Magd und wollt mich gnädigst anhören. In Leas HauS könnt Ihr jetzt nicht, da Solomon angekommen; hicher in des Herrn Königs Burg, zu all den Rittern und großen Herren kann sie auch nicht gehen," der König stampfte ärgerlich mit dem Fuße bei des Weibes langathmiger Rede, „so würdigt denn, hoher Herr König, das HauS Deborahs mit Eurem Besuche..." „Du wohnst nicht bei Salonion?" unterbrach sie BoleSlaw. „Schon lange Jahre dien' ich meinem Herrn und hob' auch meine Lea von Kindesbeinen an aufgezogen; da Hab' ich mir ein wenig Geld erspart, und von dem Ersparten hob' ich mir ein kleines Haus gekauft, dort am anderen Ende, am Brunnen, wo der Weg führt zum..." „Weiter, weiter," drängte der König. „Vergebt, Herr König, aber ich bin alt und finde die Worte nicht für einen so hohen König Das kleine HauS steht leer, ich hab'S für meiner Schwester Kind gekauft, Gott Hab' es selig und schenk' ihm den Frieven, wißt, Herr König, das gute Kind starb, und ..." „Vollende!" gebot BoleSlaw. „In das Häuschen, Herr König, könntet Ihr kommen und da meine Jungfer ungestört sehen..." „Ach, daS ist etwas Anderes, warum hast du mir das nicht gleich gesagt und versetzest mich in Angst und unbegründete Furcht? Und ist Lea mit deinem Plane einverstanden?" Und auf ein bejahendes Zeichen Deborahs fuhr er fort: „Aber Salomon, wird er Lea gestatten, allein auf die Gaffe zu gehen? «Er, der sie behütet wie seinen Augapfel!" „Allein wohl nicht, gnädigster König, aber mit der alten Deborah wohl." „Ha, ha!^ lachte BoleSlaw, „dich muß ich also mit in den Kauf nehmen! Nun, wohlan, du wirst der Schatten sein auf dem herrlichen Bilde!" Tie Alte lachte mit, und alle Falten in dem runzeligen Gesichte zuckten und geriethen in Bewegung über des Königs Scherz. „Wann werde ich Lea sehen?" „Heut' Abtnd, mein gnädiger Herr, wird Lea Euch erwarten, und vor Sonnenuntergang will ich hier in der Nähe sein und dem gnädigen Herrn den Weg weisen; ich werde vorangehen und Ihr, hoher Herr, werdet mir folgen, sonst verirrtet Ihr Euch in den vielen engen Gaffen." „Meinetwegen," stimmte lachend der König bei, der nun seine gute Laune wieder gewann, „meinetwegen, für eine Stunde mit der süßen Lea, gehe ich auch, mit dir, Alte!" Deborah wandte sich zum Gehen. „Gott sei mit Euch, Herr König." BoleSlaw aber rief sie zurück, und aus seinem Wamms einen vollgefüllten Beutel ziehend, reichte er ihn der Jüdin hin. Mit Bangen hatte BoleSlaw dem Abend entgegengesehen, und arge Bedenken stiegen auf in seinem Herzen, ob das geplante Zusammentreffen auch wirklich und gefahrlos für Lea vorübergehen werde. Aber der Abend kam, und mit dem Sonnenuntergang begab sich BoleSlaw auf den Weg und brachte in das niedrige Häuschen in der entlegenen Gaffe den Sonnenaufgang einer glücklichen, weltvergeffenden Liebe. (Fortsetzung folgt.)

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