Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 175 (11.8.1895)
- Date
- 1895-08-11
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit* 10. Freies Blatt. un&ratb#amtti.ticr Zeile die Besitzer dara if.aufiiierksam gemacht wurden, daß sie da- Bieb nicht verschleudern sollten, da sür baldige Unterkunst und Futter .te'vrgt wurde," Der „Babnche Volkrbote" bat niemals, ohne gerichtlich dazu gezwungen zu werden, eine von ihm gebrachte Lüge rectisicirt. Er wird also auch i» dem vorliegenden Falle die Richtigstellung unterlassen, weil eine solche sicherlich seinem ohnehin zweiielhaiken Ansehen Abbruch thu» wurde. Feuilleton. I n A cli t u ti 6 W n n n. Voman ans Polens Vorzeit , von <farl Kriot. (l»i. ^ottkpunj.) Achtzehntes Eapitcl. Bolcslaw und Lea Hallen unterdesien reizvolle Tage'verlebt, und die Zeit, die bis zur Ankunft des allen Salomon verstrich, war für die beiden Liebende» eine glücklich!: gewesen, denn sie konnten sich ungcttörl l'che» und stundenlang miteinander bleiben und sich ihrer Liebe weiben. Die alte Magd hätte cS nicht gewagt, Einsprache zu erheben gegen die häufigen Besuche des Königs; wohl hakte sie anfangs 'chllchtern Lea daran zu erinnern versucht, daß der Vater vor seiner Abreise cS aufs Strengste untersagt hatte, Jemanden cinzulasicn, und nun schon mir einen jungen Ritter, Wen» aber dieser junge Ritter der .Honig Vlber war. da konnte auch kein noch so strenges Bcrbot mehr 'nutzen? so dachte tue Magd in ihrem Inneren, und da hätte 'e'.t-st der strenge Alte nichts dagegen einzuwcndcn gehabt, aber dem wäre eS ja auch gar nicht in den Sinn gekommen, daß ein König '0 oit und so zwanglos sein bescheidenes Haus, das Haus eines Juden, l etlichen werde — sonst hätte ihm dicS wohl selbst sehr geschmeichelt: aber sie ivolltc cS ihm schon berichten, wenn er wieder käme, und da würde er dann recht stolz sein über eine solche seinein Hause wider- 'alnenc Ehre, Sie selbst aber konnte sich gar nicht genug verwundern iiler dieses Königs Freundlichkeit. In ihrem ganzen Leben hatte sic noch nie einen König gesehen, cs sei denn von der Ferne, Und nun kam der mächtige König in ihr HanS, und sie war stolz auf ihre Lea und deren GcMesgaben, die cs ihr möglich machten/ 'sich mit mein Könige zu unicrhaltcn, und daß diese nebst ihrer außcrgcwötinlichen Schönheit auch so trefflich die Gabe der Rede inne hatte; denn gar prt erscholl ans dem Gemache, in welchem Lea den König empfing, heiteres 'Lachen und fröhliches Geplauder; zuweilen rührte daS Mädchen auch die Läute und begleitete ihr Spiet mit ihrer melodischen Stimme; und die alle Magd hielt inne in ihre» häusliche» Arbeiten und horchte auf die zanberhaste» Klänge gleich dem junge» Könige, den die Spickende mit ihren leisen, schwcrmüthigen Tönen umwob wie mit einem'mächtigen Zauber, Fetzt Hane Lea die Laute aus der Hand gelegt, die märchenhafte Musik erfüllte noch den Raum, und der Reiz, den sie verbreitet, malte sich aus den Züge» der beiden Liebenden, Ter König hatte zu de» Füßen bcr Spielenden geruht, jetzt, als sic geendet, ergriff er ihre berabhüngende' Hand und zog sic an seine Lippen, „Tu bist eine kleine Zauberin, »reine Lea," sagte er, „und du entführst mich mit deinem Spiele in ein märchenhaftes Land voll Glück und Wonne," „Und Ihr seid ein loser Schmeichler," erwiderte in gleicheni Tone daS junge Mädchen, „was hätte denn uiein einfach kunstloses Spiel mit einem Märchenlande zu schaffen'? „Zn dem du selbst die Märchenprinzessin bist, die den armen Sterblichen zu sich emporhebt in ihr Feenreich und ihn zum Glücklichsten macht unter den Sterblichen," „Und wenn dieser Sterbliche ein König ist, und seine Prinzessin nur ein niederes Mädchen," scherzte Lea, „was dann, mein Herr König?" „Tann verließe wohl der König sein Königreich und zöge ein in oas Reich der Fee^die ihn bezaubert und die seinem Herzen mehr gilt cc'.ui alle Königinnen und alle Prinzessinnen , , ," „Wie selig macht mich deine Liebe, mein Angebeteter!" rief Lea au-, indem sie ihre Arme fest um den Hals des vor ihr Ruhenden schlang, der trunkene» Blickes zu ihr aufschaute zmd ihre zarte Gestalt »l'l seinen Händen umfaßte, *Tcr Abend verstrich den Liebenden in zärtlichem Gekose und in '»Jen, sich immer wieder erneuernden Versicherungen ihrer unwandeltareu Liebe und unverbrüchlichen Treue, und dann wieder ward eS Nr. 175. stille, und daS Geflüster der beiden Glücklichen hörte für eine Weile auf, ihre Lippen fanden sich, und ihre Blicke hingen aneinander wonnetrunken, glückberauscht. Seit einet Weile aber war Lea plötzlich in Nachdenken versunken, aus dem sie ein zärtliches Wort des Königs weckte, „WaS ist meinem süßen Mädchen? Weshalb blickst du plötzlich so düster und warst doch vorhin voll Frohsinn und Laune?" „Ach, Geliebter, ich weiß nicht," gab das Mädchen zur Antwort, „mir wird's mit cincmmal so schwer umS Herz, und eine namenlose Angst schnürt mir die Kehle zu , . ." „Angst? Und was märe cS, das meiner kleinen Lea Furcht ei» flößen könnte? Bin ich nicht dein Beschützer und hat mir nicht ein glückliche« Geschick auch die Macht gegeben, dich, mein Lieb, gegen jede Unbill zu schirmen?" „Ich weiß nicht," flüsterte Lea, und ihr Auge richtete sich träumverloren in die Ferne, „ich könnt's nicht erkläre», waS mich drückt — und doch, mich übcrkam'S mit cinemmale, und ei» schneidend Weh fuhr mir durchs Herz, , ," „Lea, süße, kleine Lea!" flehte BolcSlaw, indem er sie fest an sich drückte, „was könnte cS denn sein und welche Unbill könnte dich treffe», so lange ich bei dir bin?" „Ich weiß nicht," wiederholte daS Mädchen, wie abwesend vor sich hinstarrend, „aber eS ist etwas UrincnnbareS, etwas GeheimnißvollcS, das mir plötzlich den Sinn bedrückte und wovor mir graut." Und sie barg ihren Kopf an seiner Brust und schmiegte sich an ihn mit ängstliche». Bangen Plötzlich fuhr sie auf, „Weißt du, mein Ge liebtcr, daß die Tage unseres Glückes gezählt sind?" „Lea!" rief der König erschreckt, „du willst mich verlasien?" „ Tich verlasien, mein Geliebter, o nimmermehr! Ich liebe dich ja mehr als mein Leben, aber ich fürchte den Vater, desicn Ankunft, mein.geliebter König — und was bann?" „C dann," rief Bolcslaw, indcnl er seinen Ton scherzhaft zu' Machen versuchte, „dann werde» wir wohl auch »och Mittel und Wege finden, uns zu sehen ..." „Ja — aber nicht alle Tage," unterbrach ihn das Mädchen. „Auch an jedem Tage," gab der König mit ernster Betonung zur Antwort, „Tu wirst cs sehen — und du könntest wohl gar einen Tag Vorbeigehen lasse», ohne von mir gehört zu haben, daß ich dich abgöttisch liebe?" „Ich fürchte, daß cS dennoch so sein wird," seufzte das Mädchen, und ihn mit heißer Zärtlichkeit umschlingend, fuhr sie fort: „Aber ich crtrüg' cs nie! Ich muß dich sehen, sonst sterbe ich vor Bangen," TeS Königs Antlitz strahlte in seligem Entzücken. Er hatte ihr die Wolken von der Stirne geküßt, und nun waren sic wieder heiter und lachte» und scherzten wie zwei glückliche Kinder, Und er war wirklich glücklich, denn er vergaß bei dem Mädchen Alles, was ihn sonst bedrückte, vergaß bei ihrem sorglos heiteren Geplauder die ganze schwere Bürde, die auf seinen Schultern ruhte, nichts gemahnte ihn an die. Lasten und Sorge» der Regierung, er war heiter und sorglos wie ein großes Kind, Es war dunkel geworden, als Bolcslaw sich auf den Heimweg begab: in de» Straßen der Stadt halte das geschäftige Treiben aufgehört, und nur ganz vereinzelt begegnete Jemand dem in Gedanken dahinschrcitcndc» König, Dieser war erst einige Schritte von Leas Hause entfernt, als bei der Biegung einer engen, winkeligen Straße ihm Jemand rasch und heftig entgegentrat; die Begegnung war eine derart heftige gewesen, daß der König einen Moment zurückprallte. Ter Fremde, den ein dunkler Mantel und ein tief in die Stirne gezogener Helm unkenntlich machten, mußle um des Königs Rahen gewußt und ihm offenbar hier aufgclaucrt haben; aber schon hatte sich Bolcslaw gefaßt, und einen Schritt vorlretend, suchte er die Dunkelheit zu durchdringen, um den Fremden zu erkennen; doch die Rächt war dunkel, und aus der vermummten Gestalt konnte er nur ein dunkelglühendes Augenpaar sehen, das mit häßerfülltem Ausdruck sich in sein Antlitz bohrte. Der Unbekannte murnielte etwas leise vor sich hin und war im nächsten Augenblick de» Augen des Königs entschwunden, „Zum Teufel auch! Ich glaube gar, der Mensch hat mir hier aufgelauert! Es scheint ja, als ob man mich überwachte — doch wer kann, im Grunde genommen, Jnteresie daran nehmen, w o ich meine Abende verbringe?" — und er schritt weiter, indem er leise vor sich hinsprach: „Und wer könnte es sein? Ter Gestalt »ach schien es mir ein Ritter — und doch," setzte er nach einer Weile hinzu, „ich muß diesen Augen schon einmal begegnet sein im Leben — ja gewiß! Ich hibe diese dunkle», stechenden Augen schon auf meinem Gesichte ruhen gefühlt — aber nur nicht mit diesem Blick, nicht mit diesem bösen Blick!" Rachdenklich schritt er weiter, (Fortsetzung folgt.) f