Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 173 (28.7.1895)
- Date
- 1895-07-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt AbonnrmentSpreiS. Kür Oesterrrich-Ungarn: (»-»Ifährig.5 Kronen (fl. 2.50) Halbjadrig.S Krone» (fl. 1.50) Kür La« gefammte A»«>anL: iianijährig.6 Marl Halbiährig .» Start 50 Pf. Cinjelue Nummer» 6 kr. llnfrankirte Briefe «erLen nicht angenommen. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage. Redactio» mid Administration: i. Leilerstätte Iv. Iaferale loerden mit 20 Heller (10 kr.) für die viermal gefpallene Nonvareilleieile berechnet. Kleiner Ln>eiger La» Wort 4 Heller (2 kr.). Slufnaömt von Jnferalen in unferer Administration fowie im Annoncendnreau M. Tuke«. I. lll>olljeile 8. Nummer 17H. Wien, 28. Juli 1895. IV. Jahrgang. Der Mahlkampf und die Parteien. DaS Bild, welches die fortschreitende Wahlcampagne in der letzten Woche zeigte, war von dein der vorhergegangenen Tage wesentlich verschieden. An die Stelle der unerhörten Ausschreitungen wider alle Nichtantisemiten sind abwechölungSweise wieder einmal Scaudale von Antisemiten gegen Anlisemiten, häusliche Ccencn ziemlich aufgeregter Natur, getrctcn. Bor Allem dürften wohl die jüngsten Erfolge der antisemitischen Thatpropaganda de» geistigen Urhebern derselben in diesem Augenblicke einigermaßendcplacirt geschienen habe». Man steht vor der Entscheidungsschlacht, mau geht auf Wählerfang in den Kreisen einer gewisse» „Intelligenz" aus, in welchen man die sogenannte Judcnfrage auf eine zwar radicale, aber minder turbulente, den Seelenfrieden und die Sicherheit dcS „redlichen Bürgers" minder störende Weise gelöst wissen will, also etwa durch eine elektrische Hinrichtung sämmtlicher Juden von StaatSwegen nach vorhcrgegangener Versicherung, daß man sich gezwungen sehe, an den geehrten Herrn Mitbürgern israelilischer Eonfeffion diese unangenehme Proccdur beile'be nicht aus persönlichen Motiven, sondern aus unabweisbaren Rücksichten für Staat, Religion und gut« Sitte vorzunehmen Die Initiative deö liebwerthen Mob betrachtet man in diesen Kreisen stets mit scheelen Augen, und seine BerwirklichungSbestrebungen des antisemitischen Programms könnten in diesem Augenblicke gar nicht ungelegener kommen. Die antisemitischen Condottieri ließen daher abblasen. Sic ermahnte» die geehrten Herren Gesinnungsgenossen, über die aufgkstrcislen Hemdärmel wenigstens vorläufig noch einen Rock zu ziehen und die nervigen Fäuste für die Zeit deö WählcrfgngcS f loß in der Tasche zu balle», wie schwer ihnen dies auch kommen möchte; ein immerhin wcrthvolleö Jnterlinearbekenntniß. Inwieweit Lueger die Macht über dir von ihm auS der Tiefe der Gesellschaft herausbeschworenen Geister besitzt, wird erst die Folge -ehren. Jedenfalls glauben wir, daß eS ihm diesmal ernst ist, wenn er feinen Anhängern nicht als zürnender PauluS, sondern -ls greiser Johannes mit einem Filioli, diligite alterutnim entgcgenlritt. Nebst der Rücksicht auf die Prüderie gewisser Wählertreisc dürften ihn zu diesem Rollenwechsel noch andere Umstände bewogen habe». Die Deutsch-Nationalen versüßen dem Manne nämlich gründlich das Leben. Wenn man auf die Elemente zurückgehen wollte, welche hier in Wien zu dem bedrohlichen Anwachsen deS Antisemitismus wesentlich beigetragen haben, so würde man finden, daß einer der Hauptmitarbeiter das slavische Element war; die ungeheuere Menge kleiner tschechischer Handwerker stellte sich im Wahlkampfe instinctiv oder zielbewußt auf die Seite der Gegner jener Partei, welche eins war mit den nationalen Gegnern in ihrer böhmischen oder mährischen Heimat, d. h. sie stimmten für die Antiseiniten, , weil diese auf die verhaßten Deutsch-Liberale» losschlugcn. Nun war und ist aber andererseits eines der vorzüglichsten LockmiUel, deren sich die Antisemiten bedienten, die chauvsnistisch aufgeblähte Phrase vom unbedingten Deutschthum. Wie also der AntiscmitisiuuS eS vermochte, die Kerntruppen der radicalen Demokratie unter den Fahnen der Reaction zu ralliiren, so hat er auch die extremsten Deutsch-Nationalen durch die Aussicht auf eine lustige „Judenhatz" mit den Vorkämpfern für die KomenSky Schule vereinigt; den scrupel- und rücksichtslosen Agitationen Lueger'S ist eS gelungen, diese inneren Widersprüche wenigstens scheinbar zu überkleistcrn; aber just zur Unzeit klafft die wunde Stelle jetzt wieder auseinander. - ' ' Der XVIII. Wiener Bezirk hatte in dem früheren Gemeinde ralhc die Ehre, tünch Herr» Jedliöka vertreten . zu fein, einen Man»^ der zwar die deutsche -Sprache nicht besser beherrscht als der gewisse Bediente von jmne Oberlieutenant, ein Manu, dem Gottlob selbst fein schlimmster Feind nicht den Vorwurf der lieber bildung machen kau», .der sich, waS praktische Moral betrifft,, von Vergant mindestens nicht übertrumpfen läßt und zu allen diesen Qualitäten sich auch als handfester Agitator bei allen antisemitischen Wahlen, besonders bei der Licchtensteiu's hervorthat und über die Quellen der christlich-socialen WahlfonbS wie über die Eoulisien geheimnisse ihrer Taktik sehr genau unterrichtet sein dürfte. Diesen Man» nicht wieder zu candidire», hielt Lueger für nicht gerathen. Jedlü-ka beharrte auf seinem Mandate wie Lhhlock auf seinem Schein, und weil die Dcutsch-Nationale» andererseits, ohne sich vor aller Wcl« zu blamircn, nicht gut für Jedliüka stimmen können, kam cs in dem Wctlerwiutel Währing bereits zu einigen scharfen Auseinandersetzungen zwischen Antisemiten und Antisemiten. In einer am 22. d. M. in Währing staltgefundenen antisemitische» Wahlerversammlung wurde die Eandidatur Jedliöka'S mit erdrückender Majorität und in,nicht gerade schmeichelhafter Weise abgelehnt, trotzdem die Ehristlich Socialen die schärfsten Maßregeln zum Schutze der Versammlung gegen einen dculsch-nationalcn Handstreich getroffen und Lueger in höchsteigener Person daö Commando über die Versammlung übernommen halte. ES mag ein geriizger Trost füx den sieggewohnten Führer sei», daß er in Fnvorite» einige Tage später nicht einer gleich factiösen Opposition begegnite,. alS er, der große deutsche Man», alle Slave» Wiens zur Bundesgenossen, schasl den Deutsch-Nationalen zum Trotze ansriei, und daß er in einer lpeitcrcn Versaminlniig in feinem eigenen Wahlbezirk Margarethen die DcutschGkttionalen durch -den Mund eines,seiner Getreuen als „Judcnknechte" stigmalinren ließ. „Wir werden auch ohne die Deulsch-Nationalen siegen", erklärte Lueger/ während Ortskundige behaupte», der änlisemilijche Erfolg bei einem getrennten Vorgehen der Ehristlich-Socialcn und Deutsch.Nationalen in Währing und anderwärts wäre keineswegs so sicher, als Lueger glauben machen will. Im Ucbrigen sind wir überzeugt, daß eS so weit gar nicht kommen werde, daß sich vielmehr die feindlichen ' Brüder nach einigen harte» Auseinandersetzungen die Hand reiche» und wie bisher immer am entscheidenden Tage vereint zur Urne, schreiten werden. Die Gegner der Freiheit und Rechtsgleichheit erinnern sich zuletzt eben stets an daö, was sie einigt, und opfern ihm völlig die trennenden Sonderstandpunkle, während leider die Verfechter des Freisinnes, immer mehr auf daS Trennende als auf daö Einigende Rücksicht nehmen. Auch i» diesem kritischen Augenblicke, auch in dieser entscheidenden Wahlcampagne bietetdaS freisinnige Lager das Bild innerer Zerfahrenheit und Uneinigkeit. Demokraten und Liberale könne» über rein akademische Hindernisse, die sie. trenne», nicht hinwegkommen. Die Letzteren glauben, jetzt sei der richtige Moment gekommen, um den bedrängten Liberalen den Revolver an die Brust zn setzen, um sie zu weitgehenden Eoncessionen zu bewege», währeild die Liberalen sich halsstarrig weigern, den natürlichen Bundesgenossen auch nur die nöthigen Zugeständnisse zu L