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Freies Blatt · 1895-07-21 · 172 (21.7.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
172 (21.7.1895)
Date
1895-07-21
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Nr. 172. Freie, Eintracht arbeiten, um das große Vaterland auf den Weg des Glücke- und der Wohlfahrt zu führen. Die russischen Unterthancn mosaischer Confession haben ihren Patriotismus, ihre Redlichkeit und ihre Nützlichkeit für den Staat und für das ökonomische Leben des Reichede- Oefteren bewiesen. Wenn sich Leute finden, die den Juden alle diese Eigenschaften absprechen wollen, so ist diesehr zu bedauern, aber die Ernstdenkcnden dürften den Werth solcher Ausfülle gegen die Juden kennen. Möge also die Kluft bald verschwinden und die Ruffen mit den Juden im Frieden leben." In ähnlicher Weise sprachen noch der Vorsitzende de- OberlandcsgerichtcS, Gehfimrath de R o s s i, der Chef der Kosakenrcgimenter, Generalmajor Spitzbcrg, und das Stadthaupt von Charkow, Collegienrath Schtschelk o w. Diese Reden machten auf die Anwesenden, Juden und Christen, tiefen Eindruck. Aus antisemitischen Vereinen und Ver sammlungen. (Mein dkUtschkS Wien.) In einer Wählerversammlnug, welche demnächst ,n Währing stattfinde» wird, soll darüber gewürfelt werde», ob der gewesene Gemeinderalh I e d l i f t o neuerdings als Eandidat für de» Gemeinderath aufgestellt werden soll oder nicht. So hat es da» antiseinitische Centralwahlcomite »ach reiflicher Ueöerlegung beschlossen, und war dasselbe beschließt, muß gut sei». Selbstständig vorzugehen, hat dar-Ccntralwahlcomilö für nicht geeignet befunden. Aber in dein Wetterwinkcl Währing, in einer au« vielen Hunderten von .stopfen bestehenden Bersammluug, soll der Beschluß gesagt werden, de» Herrn Jedlwka als erprobte Schreikrafl auch fernerhin dem Wiener Gemeinderathe zu erhalten. Gewürfelt soll werden, die sehr geehrte» Herren Wähler solle» Uber die Caudidatur de» Herrn Jedlwka abstimmen, und wer nicht für Herr» Jedlwka stimmt, mit dem wird nicht viel Federlesen« gemacht. Ei» kurze» Commando des Herr» Mechanikers Schneider, und der arme Wicht, welcher von der abenteuerlichen Idee befangen ist, daß Wien eine deutsche Stadt ist und bleiben muß, daß die deutschen Bürger dieser Stadt auch im Gcmeinderalhe nur durch Teutsche vertreten sein sollen, dieser Idealist wird ganz einfach bündig an die Luft geletzt und mag nun aus der Gasse über praktisch gehandhabtcs sociale» Chrislenlhnm Nachdenken und sich vornehmen, in Zukunft vernünftiger zu sein und erst dann in eine solche Bersammluug zu gehen, wen» er sich früher bei einem „Begräbiiißkosten-BersicherungSverein" als Mikglied hat aufnehmen lassen. Ein Borposteugefecht wird stallfinden. Ter Ausfall wird au mit» für sich bedeutungslos sein. Eine gut durchgesührte tschechisch-christlich, , sociale Agitation, und au» allen Winkeln werden in Währing die Agitatoren z»- 'ammenlaufen, welche wir aii£ der Zeit der NeichSralhSwahl als seinerzeitige > Avantgarde deS Prinzen Liechtenstein kenne» zu lernen daS mehr ale zweifelhafte Pergnügeu hatten. Tie werden schon dafür sorge», daß da« im Flügelklcide der Unschuld einherwandelnde weiße Lämmchen Jedlwka voUkomme» rcingewaschen und dem>'elben kein Haar gekrümmt werde. Sie wird wohl auch kommen, die Durchlaucht, und in schön gedrechselter Rede die großen Berdienste de» Herrn Jedlwka schildern, die ersich um das Aufblühen der Stadt durch 'eine geivaltige Faust erworben. Innige Freundschaft verbindet ja Se. Turchlaucht mit dein Leiter der Agitation auvo ReichSrathSwahl, und das Gefühl der Dankbarkeit ist auch dem deutschen Fürste» Liechtenstein nicht fremd. Tie Durchlaucht wird schildern, wie sich Herr Jedlwka immer und! z» jeder Zeit der stleingewerbetreibcnden angenommen hat und wie er, von echt christlicher Rächstenliebe durchdrungen, nicht darnach srug, ob der Gewerbetreibende, wenn ihm geholfen werden konnte, ein Christ oder ein Jude war, selbst dann nicht, wenn er Ignaz Faml hieß und um eine Erweiterung seiner SchnapSconceision nachsuchte. Herr Jedlwka wird also alS Eandidat ausgestellt werden, naiürlich nur im Interesse der Einigkeit; daS Centralwahlcoiniw will eS so, und die Herren Wähler, die ja bei einer Wahl an nicht« Anderer alS an die Einigkeit zu denken haben, die werden blindlings ihre Stimmen Herrn Jedlwka geben. . DaS kann gar nicht ander« sein. Ter deutsche Wiener hat ja schon lange vergessen, daß in seinen Adern deutscher Blut rollt, daß er mit Stolz sagen kann: „Ich bin ein Deutscher". TaS StammeSbewußlsein ist ihm schon gründlich durch das Lesen de»Bergani-BlatteS auSgemerzt worden. Au« den Judenhänden will er sich erretten, und im Interesse der Einigkeit macht er seine tiefste Referenz vor dem Tschechenthnm und zieht mit flatternden Fahnen und klingendem Spiele ein in.das Lager des allein selig machend en ClericaliSm uS. Große Ziele strebt die christlich-fociale Partei an, und wer Großes anstrebt, darf sich um Kleinigkeiten nicht kümmern. Kümmert sich doch diese Partei auch nicht um die Pauschalien die dar „Deutsche BolkSblatt" von jüdischen Banken und Jnstitulen erhält, und läßt Herrn Tr. L u e g e r auch die bürgermeistcrliche Wirksamkeit seine» Freundes Bergan! kalt. TaS sind so Kleinigkeiten, cörrupt zwar, aber wa« ficht da» eine Partei, die große Ziele verfolgt, an? Da geht man kalt lächelnd darüber hinweg, erlheilt dem Herrn Jedlwka eine sanfte Rüge und drückt dann den verlorenen Sohn liebevoll an die geängstigle Vaterbrust, und Alleist wieder gut. Schön Blatt. ' - Seite 7. wird die Versammlung werden, in welcher Herr Tr, Lueger seinen Freund Jedlwka unter seine schützenden Fiuigc nehmen wird. Und wenn zufällig ein Deutscher nach jahrelanger Abwesenheit von Wien sich gerade in ^dieie Per sammlung verrennen, sollte und er der Glücke« theilhastig werden sollte, die Reden der Herren Karhan, Pokorny, Pastcirik u. s w. auhören zu könncir, dann kann er auSrusen: „Gott sei Tank, deutsche Worte hoc' ich wieder!" Schön wird, wie gesagt, die Bersammluug auSsallen, und deS Erfolges werden sich am meisten die Herren Schneider und Tr. G e ß m a n 11 freuen. Jeder in einer anderen Ecke drs Saalestehend, werden sie sich ins Fäustchen lachen, da die beiden Herren nur dann lachen, wenn sic sich lischt sehen. — Unsere geschätzten Leser dürften wahrscheinlich der Meinung sein, diese kräsligeu Worte der Abwehr kämen auS unserer Feder; dann irren sie sich aber. So sprechen die einen Antisemile» Uber die andere». TaS sind die Bekennlnisse der erzanliseinitischen „Lstdeutscheu Rundschau" über den Erfolg der ami semitischen Agitationen in Wien. Sie fügt zwar zum Schlüsse hinzu: „Bis hieber und nicht weiter. Ein Fehler war e«, daß uu» -nicht schon lange srüber der Gcduldsaden gerissen ist." Sehr schön; wird dieser Reiße,, de» deuikchnational antisemitische» GeduldsadenS aber auch etwa» nützen und wird e» nicht vielmehr auch Sin Reiße» deS LebenSfadeuS nach sich ziehen'? Und weiter», wer hat den» die Tinge in Wien so weit gebracht,, daß unsere deuiiche Stadt heute einen vollkommen ungebildeten radebrechenden Tschechen i» .den Gemeinderath cntjcndet? Wer, meine Herren von der „Sstdeut'chcu Rundsch.iu". hak es vcr schuldet, daß der deutsche Wiener in der Meinung, sich au» den Jucenhändcit zu erretten, „seine tiefste Referenz vor dem Tschecheiiihum macht und mit flatternden Fahnen und klingendem Spiele in dar Lager de» alle.nselig niachendkii ClericaliSm»» einziehl"? Wir cmvsehlcii dieie Frage den Gelehrten von der „Ostdeutschen Rundschan" einer möglich''! gründlich-'» ph,lo'ovt,iich>-„ Erwägung. ' . Rachspirl zu de» Fiiliskreuzcrtaiiz.j Rach der neulich heim Lwoboda im Prater an der Slälte „Harber Füiiskreuzerlanz" staiigehableu Ber-ainiiiliiiig batte der Satllergehilfe Johann H a m b ö ck in einer dem Geiste de« 'Tue« angeinesseiicii Stimmung den Heimweg aiigelrelen. Ta plötzlich 'nh::e er das Bediirfniß, seiner durch Lucger'S Haranguen ivachgeriiseiikn Begeisterung steieii Lauf zu lassen, und an« voller Kehle schrie -er zii wiederholten»»»»'» -<in „Hcch! Lueger!'', „Hoch Liechtenstein!" in dic »lacht hinaus. AlS i!m deebalb ein Wach niaiin ermahule, rnliig de» WcgeS zu gehen, da er ihn ''onst arretiren müßte, kam I e« zwischen Beiden zu einer AilSeiuandersetzüiigHamböck soll deiii^Wachinaiiue l zugernfen haben: „Dian wird doch ,Hoch Lueger' ni’cn dürfen. Ta» war' uir schlecht, haben wir Christen gar kein Recht mehr? Aller ist verjndet! Sind, Sie nur wegen der Juden da? :>Rir scheint. Sie ''ein selber a Sauind'!" Ta an reihte sich eine Flink von Beschimpfungen, woraus ihn der Wachmann arlciirie. Am 15. d. M. hatte sich nun Hamböck vor dem Sira>'richler de» Bezirks' gcrichleS Leopoldsladt wegen Wachcbclcidigung zu verantworlen, und er versuchte dieS »ach dem bei Anlisciniien altbewährten 'Muster damit. er be hauptete, zu jener Zeit volltrunken gewe-en zu sein. „Hoch Lueger." meinte er, werde er schon gerusen und auf die Juden werde er auch ge'chimv'! rai-eu, er >'ei ein Anhänger Lueger'». Aber von der Beleidigung de» Wachmaniie nallie er »ichlS wissen. Allein der ZicherheirSivachiiian» erzählte den Sach, e-.faalt con sonn der Anzeige. Hamböck habe ihn beschinivsl, iveil er ihn sti' iiien Inden gehalten habe. Ta der Angeklagte eine Reihe von Zeugen nai»!-.-.': .machte, welche über seinen Biereon''ni» bei der Beriaminlnug Au-t-in' können, iah sich der Richter veranlaßt, die Berhandlung zu vertagen. lAiitisemitriiaiiSssusi nach Pari«.' Ter Rieänkiiiker Schneider will nach den Gemeindeiaihswahlen seinen Freunden Pari« zeig'», um'sie dafür zu c»lschädigeii,"vaß der für den heurigen Scinmer geplante „Linzer AnSssug" ab bestellt wurde. Edouard T r » in o » t, ro-ie Traninanu, wird die Wiener Anlisciniien empsangcn und sich von diesen die ''einem B.ällchcn -chon dringe,,d nöthige Rcclame machen lassen. _ ,l5iiic Warniiilg vor dem Besuch einer Alitisciliilenveriainuiiung.^ In'' den Berliner „Mittheiluugeu aus dem Bereut zur Abwehr des Aniiiemilieinn»/ finden wir folgende Erllärung: ,'Ter llnrerzeiclniete erklärt hiemir der'Wahrheit gemäß; daß der in den Bonner Zeilungen vervssentlichte '-'Utfuii*. belr>n« Warnung der Mitglieder de« Tuisdorker Kriegervereinc« vor bin Be-nche der Antiskmilenversaiiimlung vom -><. Mai S. I, von ihm. wlb't ve:'a>gl ivordcn und in seinem Auslrage den Bonner Zeitungen zur ^er'öneiitlichnng übergeben worden ist. Tie Behauptung der .Tenlschen Westwacht in der Rnnimer vom , 2. Juni d. I.. der Kamerad David Israel babe die Uiner-chrisr der Borstande» gefälscht. bcziehiingSweile den Aufruf ohne Aillori'atioii verössentlicht, ist eine ' schamlose Lüge. TuiSdori. den L'i Juni!>!'-'>. Andr. Brünker.- Borützender deS Tuisdorser .KriegervereineS." 2lus antisemitischen Blättern. Ein compromittircudkS Lob.) Im Agramer „Sbzor" wird Herr Lueger überschwenglich gelobt, a>« Gönner der Troaten, Tschechen, Slovcnen und Rumänen gefeiert und zuguterletzt mit Herr» Berga ni auf Eine Stuke

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