Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 170 (7.7.1895)
- Date
- 1895-07-07
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. HO. J Seite it. " Fr ms Angstgeschrei zurück, denn gerade vor ihr war ei» Ritter mit raschem Sprunge über die Mauer gesetzt, die den Garte» von dem menschenleeren Gäßchcn trennte. „Lea! mein Lieb!" rief er, nahm die Erschreckte in seine Arme und hob sie auf und jauchzte und frohlockte wie ei» glückliches Kind; sie wehrte ihm scherzend, und da trug er sic auf seinen Armen yu einer.Rasenbank hi»; seinen Mantel ausbrcitcnd, ließ er sie darauf »icdcrsitzen. und seinen Arm um ihren schlanken Leib legend, lehnte er sich an ihre Seite. - „Mein geliebter König!" flüsterte Lea, indem sic den Kopf an seine Schulter lehnte, und andächtig zu ihm aufsah wie zu einem .Gotte. „Und darf ich Euer» Worten glauben, mci» König, liebt Ihr mich wirklich?" „Mit all meinen Sinnen, heißgeliebtes Mädchen ..." „Und habt Ihr nicht daheim an Encrm Hofe ci» Weib, das Ihr liebt, Herr König?" forschte ängstlich das Mädchen. „In »icinem Herzen hat kein anderes Bild Raum als das deine, fuße Lea." „Und werdet Ihr mich auch stets lieben," fragte das Mädchen ivcitcr, „und zürnt nicht, daß ich so in Euch dringe, werdet Ihr mich nicht vcrgcflcn, wie Ihr vor mir wohl schon Biele vergesse» habt, n»d ^ann ..." „Nein, nein, Lea!" rief der König, indem er sic »ngestüm an sich preßte, „ich werde dich lieben, so lange ich alhmc — und — die Andere», Lea," setzte er hinzu, „die Anderen, ich habe wohl einige >$ttt Gefallen gefunden an ihnen, aber daö ging vorüber, und »nr mein Auge war cS, das Wohlgefallen an ihnen fand, aber mein Her; war nicht dabei — ihre Liebe ließ mich kalt, und glcichgiltig wandte ich mich von ihnen — dich aber, dich,^ Lea, liebe ich mit der Allgewalt meines ganzen ScinS, dir habe ich mich ergeben mit jedem Pulsschlag meines Herzens — dir will ich mein Leben weihen lind meine Liebe — so wahr ich mein ewiges Seelenheil erhoffe, und, Lea, io wahr du das schönste Weib >bist, das je unter der Sonne gewandelt!" Lea war still dageseffen, und ihr glänzender Blick hing an den Zügen des Königs. „Aber," salzte dieser jetzt, nachdem er eine Weile wie trunken in ecS Mädchens Angesicht geschaut, „aber, Lea, liebst auch du mich und mit derselben Innigkeit, dir dir mein Her; cntgcgeubringt?" „Ach, ich wollt', Ihr wür't kein mächtiger König und ich kein verachtet Jndcnmädchen — und ich könnt' Euch lieben so recht nach Herzenslust — Ihr wär'l ci» Niedriggcborncr und ich, ich tön nt' meines BatcrS Rcichthuni mit Euch thrilcn und Euch folgen bis ans Ende der Welt ..." „Und was hindert meine kleine Lea, dies zu thun,. wenn ich ein König bin — steht unS nicht Alles, Alles zu Gebote??u wirst bereiche», Lea, und Alle werden dir nntcrthünig sei», Alle, Lea, selbst e.r König " „Ich will nicht herrschen, ich will Euch dienen als Eure Sclavin." Er küßte ihr die Worte vom Munde und flüsterte ihr heiße, glühende Worte inS Ohr. Sic hatte den Kopf an feine Schulter gce.chnt,' der volle Strahl der leuchtenden Mondcsfchcibc übcrgoß ihL weiße? Gesicht, und der Blick ihrer großen, dunklen Augen glänzte durch die Nacht. Bcrzückt sah Boleslaw auf die ruhende Gestalt. Er i;ättc aufjauchzcn mögen vor Glück, und doch — kein unlauterer Gedanke kam in seine Seele beim Anblick der verführerischen Gestalt des Mädchens — keusch und rein war die Liebe, die er zu ihp empfand, und ein heiliger Schauer der Bcwundctuitg malte sich auf seinem Angesichte. Es war traumhaft stille geworden um sie her — nichts regte sich, und nur in den Wipfeln der Bäume raschelte und flüsterte cs wie mit gehcininißvollcn Stimmen, und die ragenden Wipfel neigten ihre Häupter und flüsterten und rauschten und erzählten einander von dem mächtigen König und der wunderschönen Jüdin, die sich einander zu eigen gegeben für immerdar — von fern her, aber dnrchzilterte der -Klang einer Laute leise die Luft. Plötzlich riß sich Lea ans Bolcslaws Arme» und horchte angstvoll spähend nach einer Seite hin. „Laßt mich gehen, mein Gebieter," sagte sie, „cS ist Nacht geworden, und man wird mich vermissen." „Noch nicht," bat BolcSlaw, „bleib', mein Lieb!" Und er zog sie wieder »eben sich, und seine Lippen suchten ihren Mund. „Lea, bist du nicht da? Wo bleibst du, Lea, hinein Kind?" erscholl da vom Hause her die Stimme des BaterS. „Ihr hört'S! Ich muß gehen! Der Batcr darf mich hieher nicht suchen kommen — wenn er Euch fände!" — — Schweren Herzens hatte er sich von dem geliebten Mädchen loSreißen können — immer und immer wieder kehrte er zurück und um- Blatt. schlang ihre zarte Gestalt mit seinen Armen, und bedeckte'ihren Mund mit seinen glühenden Küssen.. 'Nun war er gegangen, und daS Mädchen' sandle ihm einen 'Blick voll heißer, inniger Liebe nach. Trunken var Glück und namenloser Wonne schrill der König durch die sinsteren (Waffen der Burg zu. In il,m jubelte nnd jauchzte cs, und noch, glaubte er de» süß:» Leib des geliebten Mädchens zu sühlcn, »och vernahm er den melodischen Laut ihrer Stimme und berauschte sich an ihren glnthvallen Nüssen. Im Schlosse herrschte wirreö Dlirchcinander, und kaum war BolcSlaw in sein Gemach getreten, da wurde ihm anclp. schon die An .kunst mehrerer Edlen gemeldet, die in dringender Sache noch heute mit dem Könige sprechen mußten. ' ' . „Was gibl'ö?" rief.der König den jetzt Eintretenden z», „weshalb verlangt ihr mich zu sprechen?" ■ ■ fl Aus der Reihe der Edlen trat der greise Kanzler hervor, und dem Könige eine Pergament rolle überreichend, sagte er in tiefernstem Tone: „Lest. Herr König, welche Botschaft Euch der Russe sendet." Boleslaw hatte rasch die Rolle cutsaltet, und nachdem er einen Blick darauf geworfen, reichte er sic dem Kanzler bim „Lest cS u»S vor, Herr Grat," sagte er, „eS ist von dem Großfürsten Wsoslaw von Polotzk, was ivill er von mir?" Tann be schattete er seine Augen mit der Hand', und sein Geist eilte wieder zu Lea und zu jener herrlichen Stunde in ihrem Garten zurück, nr.-b einen Moment nur das geliebte' Bild festbaltcn, daini wollte er sich ja losreißcn und um Ehristi willen auch anhörcu, was der Rune _ bcgcbrc — noch einen kurzen, süßen Augenblick selige» Gedenkens. Der Kanzler halte z» lesen begonnen, und, jetzt wurde der König aufmerksam, und den Kopf vorgcncigt, horchte er nach dein Bor lesenden hin. . ~ „Höll' und Tcnfcl!" rief plötzlich Boleslaw, indem er sein Schwert ans den Boden stieß. „WaS, der erbärmliche Russe wagt es, mir de» ,Fehdehandschuh hinzuwcrfe»? Nnn wohlan! Ich will ihn ausnehnien, - nnd wahrlich, ich will den heidnischen Hunde» zeigen, ^was meine Polen vermögen. Wie! Er wagt cS. mir, dem Polenkönig, etwas vorzuschrcibc»? Berlangt, daß ich Kiew verlasse, daß ich. mich der Rechte freiwillig begebe, die ich mir angeeignel? Daß. ich die Grenzen meines Reiches noch bis ins Rnfsenland hinein ausdehne, fürchtet der feige Hund? Nun'denn, so sci's! Und wir, ich, Boleslaw von Polen, und ihr, ihr Edle» Alle, wir wollen ihnt auf seine Kriegserklärung mit blutige» Lettern antworten! .Kommt, folgt mir! ES gilt Polens edler Sache!" . _ ' Er halte in heiliger Begeisterung gesprochen, und der feurige Mnth ihres Königs wirkte auf die Anwesenden wie zündende Junten: »nr einige unter ihnen blieben stumm nnd enthielten sich der lauten ZustiminungSrnfe der Anderen. ' . „Nun, Ihr schweigt, Gras Iaromir? und Ihr auch, Herr « Kanzler, nnd Ihr, Ritter Bogdan? Ihr seid nicht gleichen Sinnes? Und wart doch stets unter bei} Ersten, wenn cö^gali, in den Kamps. zn ziehen?" > ' „Berzciht, Herr König," imhm Gras Iaromir von Rode, das Wort, „verzeiht, wenn des Alters träger' Sin» sich nil Euerem. Ieüergeiste nicht nicsscn kann, verzeiht — aber ich rallsi Euch, Herr, nehmt die Kriegserklärung nicht an ..." * „Ja, schickt friedliche Boten an den Russen," siel hier k r .Kanzler ein, „und versicherst ihm, daß cs Euch ferne fei. Euer Land nach Russenland hin auszudchncn. Ihr seid zufrieden mit dem großen Polcnlande nnd körrnt'ü auch sein „Mich dürstet'S nicht nach russischen Landen." unterbrach ilm der König, „nur züchtige» ivill ich. ihn, den Ireckie», der cs wagt-, mir Borschriften'zu gehen!" „Der König weiß wohl, rvaS sich ziemt," warf hier Wladiworj ein, „Und an Euch wäre cS, -Herr Gras, den König in seinem Entschlnsse zn festigen nnd nicht, wie Ihr es thul, ihn davon abznbringcn." . I ,sHört nicht aus die Rathschläge des Kanzlers," riesen einige aus der Bcrsammlnng, „und des Rodeccrs, sic sind alt, nnd ihnen zicmt'S, beim warmen Herd zu sitzen, statt das Schlachtroß zu de steigen." , „Ihr aber, Bogdan," wandte zich jetzt der König zu diesem, „waS hält Euch ab, i» unseren Schlachtruf mit cinzuslimme»?" Bogdan war bei diese» Worte» etwas vorgctrctcn. „Ich bi», wie Ihr cS jagt, Herr König, dein Kriegshandwerk nicht abhold; wen» ich heut' aber dennoch zögere, jo ist's nur weil ich fürchte, daß unsere Hccrcsmacht zu gering..."