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Freies Blatt · 1895-07-07 · 170 (7.7.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
170 (7.7.1895)
Date
1895-07-07
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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AbonnementSpreiS. fra ^Oesterreich-Ungarn: (»niiiiStrig :;;ibial)rig 6 Kronen (fl. 2.50) 3 »tonen (fl. 1.50) ftffr »a» gefammte flnllanjb: («.miiälirig.0 Mark V) ilbjabrig .3 3Jlart 50 Pf. Einzelne Nummern 6 kr. Unfiankirte Briefe werden nicht angenommen. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage. Redaktion und Adiniiiistratwu: l. Leilerftätte 10. 3iiferate werden mit 20 Heller (10 le.) für die vier, mal gefallene Nandareillezeile beredinet. Kleiner Itnjeiger da» Wort 4 Heller <2 kr.), Aufnahme von Inseraten in unserer ildministralion sowie im Unnoneendureau M. Duke». 1. wollzeile 8. Nummer 170. Wien, 7. Juli 1895. * IV. Jahrgang. Saybufd? und Cangcnlutjcb. Die Saybuscher Affaire, welche vor dem KreiSgerichte Wadowicc ein gerichtliches Nachspiel fand, wurde von den TageSblättern vielfach gewürdigt. Für die Rechtsbegriffe der Antisemiten presse ist es bezeichnend, daß sie von der „Provocation" deS jüdischen Advocalurö-Concipienten sprachen, der im Vertrauen auf die SlaalSgrundgesetze eine Wohnung in Saybusch bezogen' halte. Die antisemitischen Redacteure wurden wohl auch keinen Anstand iikhnitn, eineil jüdischen Juwelier seines provocatorischeu Beiithmens wegen zu vexrcißen, wenn ein arischer Strolch seinen Laden a»Srauben sollte. In der gesetzlich zulässigen Aufbewahrung von Gold- und Silbergeräthen in einem „Judenladen" wäre ihalsächlich keine geringere Herausforderung zu erblicken als in der Niederlassung eines Juden in einem galizischcn Städtchen. Tic antisemitischen Wortführer in den Bereineu und der Presse halten ohne Zweifel alle Ursache, mit dem Verlaufe der Verhandlung in Wadowice unzufrieden zu sein; sie zeigen aber große Uugeschicklichkeit, nlenn sie in ihrer Mißstimmung allen Verstand verlieren und denjenigen, zu dessen Schaden eine Gesetzesverletzung verübt wurde, für den provocirenden Theil erklären. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verlheidigung führten Umstände an, welche den Antisemitismus in ein richtiges Vicht stellen. Der vieljährige Bestand der SlaatSgrundgesetze hat, wie ein polnischer Advocat hervorhob, /S doch nicht bewirken können, daß ein Jude BezirkShauptmann oder OberlandeSgerichtSrath' werde. Nach wie vor herrschen in oberen Kreisen Vorurtheile, iliid da solle eS Wunder nehmen, daß die staatSgrundgesctzlich gewährleistete Gleichberechtigung noch nicht iuS Fleisch und Blut von Leuten gedrungen sei, die zum großen Theile Analphabeten sind. Der Vertreter der Slaatsanwaltschaft konnte begreiflicherweise diese Seite des Saybuscher Falles nicht berühre». Er hob aber nachdrücklich hervor, daß die angeklagle» Excedenten größtentheils Verführte sind und daß die intellectuellen Urheber der Ausschreitungen sich feige versteckt haben. Feigheit ist allerorten daö Merkmal der Antisemitcrei. Stets werden catilinarische Existenzen oder lcichlsinnige junge Leute in den Vordergrund geschoben, so osl die Antisemitenhäuptlinge von den Worten zur Thal übergehen. Ja, selbst im Wortkampfe sind antisemitische Größen gewöhnlich nur unter dem Schutze der Immunität, welche ein parlamentarisches Mandat gewährt, außerordentlich couragirt. Auf dem Gebiete der Action machte nur einmal Georg Schönerer in 'Gesellschaft von Zechgenossen eine Ausnahme, aber ein anderer Antisemitenführer sagte unverblümt, daß der Mann, welchen Lob-, hitdler als den besten in der Ostmark preisen, eine Dummheit begangen hat. Wozu die eigene Haut zu Markte tragen? Man hat ja seine Leute. UnS erinnert der Fall von Saybusch an eine Geschichte, die sich zu Ende der Sicbzigerjahre in Mähren abgespielt hat. Nach Langenlutsch kam ein jüdischer Unterlehrer, um an der dortigen Schule zu wirken; er konnte aber kein Obdach finden, denn die Bewohner des Dorfes wollten aus eigenem Antriebe oder in Folge 'wohlwollender Belehrung von hochwürdigcr Seite keinen Juden in ihr Haus aufnehmen. Der damalige BezirkShauptmann von Mährisch-Trübau, Ferdinand Ritter v. Pfefferkorn, war aber ein energischer Staatsbeamter, welcher von der Ueberzeugung -durchdrungen war, daß cö ihm obliege, den Staatsgrundgesetzen auch bei den Langenlutschern Achtung zu verschaffe». Sein Ein schreiten verhalf denn auch dem Unterlehrer zu einem Quartier. Nach einige» Wochen wollte der BezirkShauptmann als Vorsitzender deS BezirksschulratheS den jüdischen Jugendbitdner von Langenlutsch nach einem anderen Orte versetzen, von welchem anzunehinen war, daß seine Bevölkerung keine-Vorurlheile gegen Juden habe. WaS geschah nun? Eine Deputation der Gemeindevertretung von Langenlutsch erschien in Mührisch-Trübau und bat de» Herrn BezirkShanptniann inständig, den Unterlchrer, welchen sie während der kurzen Zeit seines Aufenthaltes liebgcwonnen haben, auf seinem Posten zu belassen. Wären die Verwaltungsbehörden in Saybusch von demselben Geiste beseelt gewesen wie der »achherige Hofralh Ritter v. Pfefferkorn, so hatten die Saybuscher vielleicht mit dem jüdischen AdvocalurS-Eoncipienlen dieselbe» Erfahrungen gemacht wie die Langenlutscher mit dem jüdischen Unterlchrer. . 111 verständlich und unverständlich. Der Ant'isemilenverein, der sich „Bund der' Deutschen in Böhmen" nennt, hielt am 2*., 2l>. und üO. Juni in Lcilmeritz seine erste Hauptversammlung ab. Die Versammelten antiscmitclten mehr oder minder unverfroren, und fast auS allen Reden ging hervor, daß sie mit Hilfe deS Racendünkels und der Judcin hetze das Heil des deutsche» Volkes in Böhmen begründen und sicherslellen wollen. Dr. Barcuthcr machte, sich über das Polenthum seines ReichSrathscollegen Dr. Bloch lustig", obwohl er einst die Opfcrwilligkeit eines Dr. ReitzeS für deutsch-nationale Zwecke mit der ihm unler allen Verhältnissen eigenlhümlichen bieder männischen Herzlichkeit anerkannte. Volkliche Futharker, die ihre jämmerliche Existenz noch eine Weile fortfristen können, weil ein christlich-socialer Buchdrucker, der sich unvorsichligerweise in ein „nationales" Geschäft eingelassen hat, einen günstigeren Zeitpunkt für die „Abwicklung" desselben abwarten will, hatten die Dreistig feil, von dem vergiftenden Einflüsse der „juden - liberalen" Presse zu schwätzen. Und jener Knotz, der schon in Böhmen als Politiker Bankerott gemacht hat, wagte sich wieder in einer deutsch böhmischen Stadt hervor. Während er in Niederösterreich, um sich vor Antisemiten vom Schlage der Lueger und Schneider als brauchbar zu erweisen, Töne anschlägt, die schwarz-gelben Ehristlich- Socialen behagen, sagte er in Lcilmeritz: Es sei nölhig,,in einer so ränkevollcn Zeit wie der gegenwärtigen, daS Volk auch auf seine Schwächen und Fehler zu verweisen. Er habe jedoch freudig bemerkt, daß das jetzige Fest eine» ausschließlich deutschen Eharakter ohne morgenländischeil, Beigeschmack und orientalische Färbung trage. Anläßlich des - BiSmarck Festtages haben cs gewisse Elemente unterlassen, den Geburtstag des größten Deutschen zu feiern. ES sei die Partei deö Eugen Richter gewesen, die mit Juden alliirte „freisinnige Partei". Dieselben Elemente haben auch bei unö ein Gleiches verschuldet. Die Deutschen im Reiche, fuhr er fort, seien ein Volk mit unS, keine Grenze, kein Strich dürfe sie trennen, das Jahr 1L66 sei das traurigste in der Geschichte des deutschen Volkes gewesen. Währeild kleine Volks stämme, wie die Magyaren und Tschechen, durch ihre Entschieden-

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