Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 169 (30.6.1895)
- Date
- 1895-06-30
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10. Nr. 169. Fr eies Mittagsstunde fein, begab er sich, nur von"einem Knappen begleitet, auf den Weg zum Hause deS Jude». Durch enge, winkelige Gaffen und über große, weite Plätze führte der Weg, und als sie vor dem Thore standen, welches das HauS SalomonS von der Straße trennte, da verabschiedete der König den Pagen und klopfte mit seinem Schwerte an das versperrte Thor. Rach einigen Minuten, die dem Harrenden Stunden dünkte», kam langsamen Schrittes Jemand an die Thüre. „Mein Herr ist'nicht;u Hanse!" rief eine weibliche Stimme aus dem Innern des HauseS. „Macht auf! Ich bin's, der König!" Zitternd vor Schreck hatte die alte Magd die schwere Thüre geöünek. Ter König schob sie beiseite, und raschen, eiligen Schrittes nahm er den ihm bereits bekannten Weg zur Wohnstube; diese war. heute festlich geputzt und der blanke Fußboden gescheuert, den Tisch bedeckte ein weißes Tuch auS feinem Tamastzeuge. Lea war allein; sie hatte Festeskleider angelegt, denn es war Sabbath, und wenn ihr Anblick selbst im einfachsten Gewände ein bezaubernder war, mußte dies umsomehr der Fall sein, wenn, wie heute, kostbare Gewänder die volle» Formen umhüllten und glänzendes Geschmeide Hals nud Arme 'chmückleu. Ein Rock aus schwerer gelber Seide schmiegte sich um ilne Hütten und ließ die zarten geschmeidigen Formen durchschimmern und die zierlichen Füße sehen, die in goldgestickten Pantoffeln steckten; um den Leib schlang sich eine Binde aus rothem Stoffe, mit farbigen Steinen geziert, .mehrere Reihen milchweißer Perlen zierten den schlanken Hals, und in dem blau schwarzen leuchtenden Haare, daS in leichten Ringel» auf die Schultern fiel, strahlte ein Goldreifeli, mit Türkisen nud feurigen Rubinen besäet: denselben Schmuck hatte Lea auch in den Ohren, und breite, funkelnde Reifen umspannten das zarte Handgelenk . Sie sah berückend aus, und in dieser märchenhaflen Pracht der Gewänder kam ihr jngendfrischer Reiz noch mehr zur Geltung. Einen Augenblick war der König wie geblendet an der Schwelle siehengeblieben, dann aber eilte er auf Lea zu, und in überströmender Leidenschaftlichkeit erfaßte er die Hände des Mädchens und führte sie an fein hochklopfendeS Herz und dann an seine Lippen, die er mit beißem Drucke darauf ruhen ließ. „Mein gnädiger König!" stammelte in höchster Berwirrung das Mädchen, „nicht doch, gestattet, daß ich Eure Hand küffe. Mein Pater ist nicht zu Hause — in der Synagoge . . „C, baß er. doch noch lange fernbliebe nnd mir daS Glück Eures holden Anblicks allein überließe!" rief der König, indem er sich an LeaS Seile niederließ. Sie hatte ihm ihre Hand entzogen, die er noch ,». der seinen gehalten, und senkte den Blick schüchtern zur Erde. „Ihr seht mir nicht ins Antlitz," forschte der König, „ist Euch mein Anblick i'o zuwider?" „Mein Herr und König," flüsterte Lca, „wie könnt Ihr dies fragen ..." „Ihr seht eS alio gerne, wenn ich bleibe?" fragte der König, indem er sich neigte, um in die zu Boden gewendeten Augen deS Mädchens zu blicken, „sagt, Lea!" „Sk mein gnädiger König! Was kann Euch daran liegen? Bin ick' doch nur ein niedriges Iudenmädchen, und Ihr seid der große, mächtige König von Polen!" , Lea! Begreifst^. du denn nicht, daß deine Schönheit dich erhebt über alle Frauen dieser Erde? Und daß du für mich eine Götti» bist, ja, Lea, eine Göttin, deren Cultus. ich mich geweiht habe'fortan mit meinem ganzen Herzen!" Er hatte es hervorgestoßen rasch, leiden- 'diaftltdi, glühend vor innerer Erregung, nnd diese Erregung spiegelte 'ich in seinen Zügen, in seinem männlich schönen Gesicht. „Lea," 'enke er leise hinzu, „kannst du es vergeffen, daß der König zu dir l'vricht?' Lea, sieh' mich a», gönne mir den holden Anblick deiner Züge — Lea, sieh' in mir nicht den mächtigen König, nein! Höre auf die Stimme, die' aus meinem Herzen zu dir spricht, und die dir!aul unk rückhaltslos zürnst: Ieh liebe dich!" Sie erhob den glänzenden Blick, und ihr dunkles Auge tief in das Antlitz des Königs senkend, sagte sie leise. „Ich wußte es!" ..Wie! Lea, du konntest ahnen? Und auch dir ging bei unserem :.nen Anblicke das Bewußtsein auf, daß unsere Herze» für einander 'chlagen. daß jeder PulSi'chlag unseres Lebens unserer Liebe gilt? ..." „.'i, Herr, ich wußte eS, als ich Euch gesehen hoch zu Rosse, umwallt von dem königlichen Mantel, da — war es mir erschienen w:e göttliche Onenbarung — ja! rief eS in mir, so muß ein Gott ausiehen, und mein Auge konnte von Euch nicht lasse», und — da wußte ich cs - - und als Ihr von Eurem stolzen Rosse herab mich äu'ahet und Euren Blick nicht wendetet, nein, immer noch nach mir w.udeiel — da wußte ich auch, daß Ihr — mein seid!" Blatt. „Meine Lea! Mein süßes Mädchen!" Er hatte sie in seine Arme genommen, und seine Lippen preßten sich auf den rosigen Mund des Mädchens. Immer und immer küßte er sie, und sie entzog sich seinen Armen nicht; beglückt sahen sie einander inS Auge, minutenlang verharrten sie so in glückliches, seliges Anschauen versunken — vergeffen war Alles um sie her — vergessen die Welt und waS in ihr — ver- . geffeu der König und die niedrige Jüdin — dahin all dies — dahin und vernichtet und weggeweht von dem Zauber ihrer großen, mächtigen Liebe! „Ter Vater!" Erschreckt hatte sich daS Mädchen auS der Umschlingung des Königs geriffen. „Mein Gott! was wird er sagen?" „Fürchte nichts, Geliebte," sagte BoleSlaw hastig, und »och. einmal schlang er seine Arme um daS geliebte Mädchen, und sie stürmisch an sich preffend, küßte er sie leidenschaftlich. Sie war hinansgeeilt, dem Vater entgegen, dessen Schritte in, Hausflur sie vernommen, hastig, mit fliegenden Worten theilte sie ihm mit, welcher Besuch sein warte, und wie der Alte dann der Thüre zuschritt, um den hohen Gast zu begrüßen, und dabei aber stets de» Blick prüfend auf den erregten Zügen der Tochter ruhen ließ, da wechselte dir- Farbe auf ihrem Gesichte, und die flammende Pöthe, die darin aufgestiegen war, verschwand plötzlich; bleich und mit leichtem Beben in den Gliedern folgte sie dem voranschreitenden Vater in die Stube. Boleslaw war heftig aufgeregt durch daS Zimmer gegangen, jetzt blieb er stehen, und nachdem er dem ehrerbietigen Gruße deS Juden gedankt hatte, der wieder seinen Segensspruch für daS gekrönte Haupt halblaut vor sich hin gemurmelt hatte, kehrte sein Auge zu Lea zurück, als könnte er sich nicht von den Zügen des geliebten Mädchens losreißen. Aber jetzt hieß es dem Alten Gehör schenken, der, nachdem er seiner Tochter segnend die Hände auf daS Haupt gelegt, jetzt den König einlud, seine Kostbarkeiten anzusehen und zu prüfen oder etwas davon zu wählen. „Ja, ja," sagte der König, als siegln Gewölbe waren, wo die Schätze aufgestapelt lagen, „man hat mir nicht zu viel erzählt von den mannigfachen Kunstwerke», die du besitzest; ich sehe wirklich bei dir viel und Wunderbares."' „Erlaubt, Herr König," sagte geschmeichelt der Jude, „daß ich Euch das Schönste, das ich besitze, noch zeige. . . ." Ein Blick des Königs glitt bei diesen Worten nach Lea hin, die - mit in das Gelaß getreten war. Hatte er doch das Schönste schon gesehen und auch den kostbarsten Schatz schon gehoben, der in diesem Hause war! Leas Liebe! Jetzt hatte der Jude sich zu der schmalen Wand gewendet, und indem er an eine nur ihm sichtbare Feder drückte, wendete sich daS. daran befindliche Bild, und die nackte Mauer wurde sichtbar; nach einem zweiten Drucke löste sich ein Theil der Mauerwand, und man erblickte eine tiefe Rische. Ter Jude nahm einen eisernen Schrein aus dieser Rische, und nachdem er damit zu dem Tische schritt, an dem der König saß, öffnete er ihn, und aus dem Inhalte desselben ging ein Leuchten und Strahlen hervor wie von zahllosen Sternen, glitzernd und funkelnd lagen die Edelsteine umher; der blutrotste Glanz des Rubins wetteiferte mit dem feurigen Grün des Smaragdes und dem farbenspielenden Opal, dem gelben Topas und dem in sattem Blau schimmernden Türkis. „Höll' und Teufel! das ist ja der Werth eines Königreiches!" „Nicht all dies ist mein Eigen, Herr! Wir Juden kommen als Handelsleute weit in ferne Lande, und da erhalten wir Aufträge, Käufe, Berkäufe von mächtigen Fürsten, die, an unser Wort allein glaubend, uns auch die größten Schätze anvertrauen." „Ho, ho! du bist stolz! Salomo»," lachte der König/ „und kann man all deinen Glaubensgenossen gleich dir vertrauen?" „Im Großen ja," erwiderte Saloman, „wer uns sein Vertraue» schenkt, dem kommen auch wir mit Gewissenhaftigkeit entgegen." „Tu hast also große Reisen gemacht, hast ferne Länder gesehen und fremde Menschen u^d Sitten kennen gelernt; und wahrlich, ich möchte deS Oefteren zu dir kommmen, um mir von dir erzählen zu lassen." _ { „Wird der Herr König es nicht verschmähen, in daS HauS des Juden zu kommen?..’." „Nein! Nein!" wehrte der König, „mir gilt daS gleich, und in meinem Lande, in Polen, da darf es keickcn Unterschied geben zwischen Christ und Andersgläubigen, soviel an mir liegt, aber," setzte er hinzu, „die Edlen und daS Volk handeln zuweilen anders/ als der! König will." „Ihr seid ein edler Herr!" sagte der Jude. Äoleslaw hatte sich mehrere kostbare Juwelen ausgesucht, auch einige seltene Waffen, die er ins Schloß zu bringen hieß, dann