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Freies Blatt · 1895-06-23 · 168 (23.6.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
168 (23.6.1895)
Date
1895-06-23
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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* feite 11). ("cift aber war nicht babei, und seine Gedanken wandelten stets nach dein kleinen Hanse hin, zu deni Erkerfenster, an dein ihm das holde Mädchen erschienen, denen Bild ihn nicht mehr verließ seit jenem Tage; „nd oft versuchte er, sich dasselbe in seiner Erinnerung so lebhaft vor Äugen zu führen, wie er eS bei seinem Einzug erschaut; jedoch umsonst, in,d wenn er dachte, das süße Bild vor Augen zu haben, so mußte er sich, dann stelS eingestehen, daß noch etwas fehle, haß es seiner glübenden Phantasie selbst nicht möglich sei,, die holde Jungfrau so vollkommen zu >'e(n% als sie es in Wirklichkeit war, und da war er denn auch jedesmal entschlossen, diesem grausame» Spiele seiner erregten Sinne ein Ende zu machen und daS liebliche Kind wieder zu selten und sich an ihrem Anblicke zu berauschen. Tagsüber waren die Fürsten und die russischen Edellenle wieder fortwährend um ihn gewesen, und er konnte keinen Augenblick des Alleinseins finden, an dem er mit dem Säckelwark ein vertrautes Wort sprechen, ihm einen gebeiitteti Auftrag hätte geben können; ' jetzt aber, als es Abend wurde und abermals ein Tag zur Neige ging, ohne sie gesehen zu haben, deren Reiz seine Sinne so sekir'gefesselt — da hielt er sich nicht länger, und bei der Tafel, als eben ein Zug von Masken allerlei Kurzweil trieb vor den Augen der Fürsten, verließ er seinen Platz am oberen Ende der Tafel zwischen dem Großfürsten und besten Lohne, und das Getümmel der fröhlichen Masken benützend, verschwand der König aus dem Festsaale. Raschen Schrittes begab sich Voleslaw in seine Gemächer, und hier g^rb er den Befehl, sogleich den Ritter Säckelwart zu holen, da er ibtt sprechen wolle. Es hatte Mühe, den Ritter aus dem Maskengewühle herauszusliiden. da sich nach des Königs LKrschwinden die Ritter zu denen ge'ellt hatten und mit ihnen allerlei Scherze trieben: endlich aber kam er athernlos in des Königs Gemach. Tiefer war schon ungeduldig geworden: er war es gewöhnt und hielt stets darauf, daß seine Befehle auf der Stelle auSgesührt wurden. Er empsing daher den hastig eiiitietetibeit recht ungnädig, und als dieser sich.für die unfreiwillige Berrögerung in Entschuldigungen ergehen wollte, ries der König ungeduldig : „Laßt das jetzt, ich Hab' Ench rufen lasten, und eS gilt, keine Zeit zu verlieren! Richk immer gelingt eS mir, so leichten Kaufes mich von der lästigen Gesellschaft der beiden Rüsten frei zu machen — deine aber will ich friert Freiheit benützen. Komm', führe mich zur Jüdin Vea." „Aber eS ist dunkel, Herr König, der Tag geht zur 'Neige . . ." „Ich will!" unterbrach ihn heftig der König. Er hattte einen Mantel umgeworfen, der seine Gestalt und leine königlichen Gewänder verbarg, und so schrillen sie, der König an der Teile seines Schatzmeisters, durch die Stadt zu jenem Hause hin. In einem mäßig erlenchteten Zimmer saß der alte Salomon über einen dicken Folianten gebeugt, in welchem er eifrig las; sein Haupt bedeckte ein schwarzes Sammtkäppchen, das er heftig auf seinem Kopfe bin und her rückte, wenn ihiu eine Stelle in dem Buche, das er las, undeutlich war, dann zuckte er mir den Achseln, und sein ganzer Leib gerierh in Bewegung': ab Und zu, wenn er au eine solch, schwerr-erständliche Bibelstelle gelangte, sprach er leise, unverständliche Worte vor sich bin, und seine Stirne legte sich, in ernste Falten. Lea, die an . seiner Seite saß, blickte zuweilen erstaunt auf den Baker hin, und jetzt zuckle sogar ein verstohlenes Lächeln über ihren vollen MltNd. „"Ja, ja." iagie der Alte, das Haupt wiegend, „dp lachst, die T tnqc, die da in dem heiligen Buche stehen, und über die ich mir den Kops zerbreche, die machen dich lachen." / „Aber Barer," wehrte das junge Mädchen, „ich habe ja gar nicht darüber gelacht: ich babe ..." „Schon gut, schon gut," unterbrach sie der Bater, „du bist eben noch jung, und ein solch junges Ting hat mehr Freude an prächtigen Aufzügen und großen -Festlichkeiten als an der heiligen Schrift. Und du denkst gewiß noch an den Einzug der Polen, dessen Pracht dir. seit jenem Tage nicht aus dem Kopse geht." - „Acki! es war schön und herrlich anzusehen, Bater!" rief Lea, .di: prächtig geschmückten Ritter, die glänzenden Rüstungen und die zan'ch.-nde Musik ..." „'Nun,, ich weiß nicht, ob auch.wir Grund haben, uns mit jenen K".::t zu »reuen," unterbrach hier Salomo» die begeisterte Schilderung 'einer Tochter, „bis jetzt hatten wir ja gottlob keine Klage, aber die '.'i.icheichten, die ich von auswärtigen Brüdern erhalten, sind leider keine giinnigsn, immer mehr und mehr werden wir Juden in unseren Rechten, in der Ausübung unserer althergebrachten Glaubensübungen beschränkt . . ." „Aber der Polenkönig!" rief Lea erregt dazwischen, „der Polen-! könig Boleskaw ist ein edler Mensch!" -■ | Nr. 16S. „Der Polenkönig?" meinte gedehnt der Bater, indem er befremdet . die-Erregung seines Kindes gewahrte, „mag wohl sein, daß er edel ist, aber von Deutschland her kommen böse Nachrichten von unseren Glaubensgenosten, und Gott der Allmächtige gebe, daß der Haß und die Berfolgung von. dorther nicht auch nach unserem Lande kommen-! Wir gehen, fürchte ich, einer traurigen Zukunft entgegen; meine einzige Hoffnung setze ich in Gott den Allmächtigen — noch hat er sein Boll niemals verlosten, und wenn auch eine Zeit der Demüthigung und der Knechtschaft eintrat, so ist doch Israel stets als Sieger hervorgegangen!" „Hörtet Ihr nichts, Bater?" unterbrach ihn Lea, indem sie ihr Ohr der Thüre zuneigte. " „Was foflt' ich hören?" entgegnete etwas ärgerlich der Alte, „wer sollte um diese Stunde zu uns kommen?" „Mir war's, als hört' ich Schritte auf der Gaffe . . „Ich hör' nichts," meinte kopfschüttelnd der Jude, „aber beim Ohren sind gewiß bester, und ich will Nachsehen gehen." Und mit diesen Worten nahm Salomon einen große» Schlüffel a»S einer Lad, und ging an das Thor, um zu sehe», wer Einlaß begehre. „Macht auf, Salomon," erscholl jetzt von der Gaste her die Stimme eines Fremden, „hier ist Jemand, der Eure Schätze sehen will und auch Manches kaufen möchte." „Und kommt so spät?" frng Salomon, noch hinter der verschlostenen Thüre, „kann der Herr nicht früher kommen?" „Macht auf, und fragt nicht lange," rief ungeduldig der Wartende, 's ist ein gar vornehmer Herr, der Euch, Jude, mit seinem Besuche beehrt. Und daün, kennst du mich denn nicht wieder, habe ich dich doch in Gnesen ans den Händen der Menge befreit?!" Schnell hatte der Jude bei diesen Worten den Schlüffel im Schlöffe umgedreht, der Riegel knarrte, und die beiden Ritter traten in den Hof. „Berzeiht, hoher Herr," sagte mit tiefem-Bückling der Jude, „aber die Zeiten sind so unsicher, es treibt sich so viel fahrendes Bolk umher in den Straßen, und da muß man vorsichtig sein." „Schon gar, wenn, man so viel Schätze besitzt wie Ihr," ries der Ritter lachend, „doch weiset uns den Weg." < Indessen war der eine der beiden Ritter rasch vorgegangen, während der Jude mit dem anderen langsamer folgte. Er war in das Gemach getreten, ' und mit, einer raschen Handbewegung den Mantel von den Schultern werfend, schritt er gegen Lea hin. .„Der König!" schrie Lea auf. und einen Augenblick war es, als ob sie umzusinken drohte, doch da hatte schon Boleslaw ihre Hand gefaßt, und sein leuchtendes Auge in das hold erglühende Antlitz des Mädchens senkend, sagte er mit gewinnendem Lächeln: „Ich komme Euch fragen, holde Jungfrau, ob Ihr des häßlichen Erlebnisses nicht mehr denkt, das Euch in meiner Residenz getroffen. Ihr zürnt doch nicht, daß es gerade in meiner Hauptstadt war, wo Euch Unliebsames begegnet? Doch seid versichert, Jungfrau, ich habe den Frevler» strenge bestrafen lasten." Ter König hatte geendet, aber das Mädchen verharrte noch immer in tiefem Schweigen; den glänzenden Blick zu Boden geheftet, stand sie da, die Hände auf das hochklopfende Herz gedrückt, und lauschte seinen Worten, die wie. herrliche Musik an ihr Ohr klangen. Der Jude kam indeß aus dem Gelaß zurück, indem er inzwischen Licht gemachthatte. „Mit Berlaub, edler Herr," sagte er zu dem König, der schnell wieder den Mantel umgeworfen hatte, „wenn's Euch genehm ist, so tretet hier ein, hier sind die Schätze, die Ihr zu sehen wünscht." Einen Augenblick ruhten des Königs Blicke noch an der Gestalt des Mädck^ns, -die in der Wohnstube zurückgeblieben war, dann folgte er, vom Säckelwart begleitet, dem Juden in das Gewölbe. Dieses war ziemlich geräumig, kleine, stark vergitterte Fenster gingen auf den Hof, an einer Wand sah man hohe, eichene Schränke, während ans der entgegengesetzten Seite allerlei Rüstzeug entweder an der Wand oder auf eigenen Postamenten 'angebracht war. Die Schmalwand bedeckten Bilder in allen Größen, schwere Teppiche und bunte, kostbare Stoffe. „Ich hoffe, daß Ihr hier so Manches finden werdet, das Eurer Aufmerksamkeit werth ist, und wenn Ihr Kenner seid „Du sprichst mit dem König!" unterbrach ihn der'Ritter. „O verzeiht, Herr König," sprach der Jude, indem er sich bis zur Erde neigte, daun niurmelte er den Segensspruch: „Gelobt seist du, Gott unser Herr! Herr der Welt, der mitgetheilt hat von seiner Ehre und Herrlichkeit den Mächtigen dieser Erde. Welch' hohe Ehre wird meinem Hause durch Euren Besuch." „Ich hörte schon von deinen Schätzen, Jude," sagte der König, zerstreut um sich blickend, „doch sag', weshalb Hab' ich dich an meinem Freies Blatt.

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