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Freies Blatt · 1895-06-16 · 167 (16.6.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
167 (16.6.1895)
Date
1895-06-16
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Freies Blatt. Nr. 187. „Bor Allem entbieten Euch der Herzog und die Herzogin von Bobinen ihre» Gruß! Die Tinge an Böhmens Hofe haben sich so gestaltet, wie Ihr, Herr König, es gewünscht habt. . „Erzählt, erzählt Alles!" Und io begann Bogda» seinen Bericht von seiner Ankunft am ii'hmi'diett Hofe und allen Einzelheiten der Dinge, die sich während 'einer Anwesenheit dort zngetragen; von dem Anträge des Königs Heinrich an Herzog Bratislav von Böhmen, ihm, dem Könige, Heersolge zu leisten nnd beiznstehen gegen die aufrührerische» Sachsen, wofür er dem Herzoge von Böhmen außer seiner Gnade auch noch die Königswürde über Böhmen nnd Mähren verleihen wolle; wie sich dann im Inneren des Landes Streitigkeiten bildeten, der Herzog beinahe in Zwist gerieth mit den Basallen und dem ClernS; nnd wie eS ibm, Bögdan, dann gelungen war, durch Ueberrednng und Klarstellung der Dinge die böhmischen Herren Zu dem Resultate zu bringen, daS sein König gewünscht habe. Insbesondere aber sei es die Geistlichkeil gewesen, ans die er habe Einfluß auSüben können,, denn die waren ja am wenigsten geneigt, dem König Heinrich, dem erklärten ,Feinde des Barstes, zu Hilse zu kommen: im Gegentheil, sie waren dasiir, sich nur stets recht ferne zu halten, nm nur ja nicht den UnwillenPeS mächtigen Gregor heraufzubeschwören, und Fo war eS denn kci(^Wunder, als bei einer ReichSversamnilung, die der Herzog einberies, Alle einstiinniig sich gegen den Antrag erklärten, dem deutschen Könige Heerkolge zu leisten. So gab Herzog Bratislav von Böhmen dem Könige den Beschluß kund, daß die Zustände im Inneren des Landes ibm vorläufig nicht erlaubten, ein größeres Heer aufzntreiben nnd ans dem Lande zu führen, „find so sind den» " schloß Bagkan seinen Bericht, „die Zustande im Böhmerlande wieder geordnet nnd »ür uns günstig." Einige Tage später verließen berittene Herolde die Stadt, nm d>e Baiallen des Königs ans ihren Edelsitzen auszusnchen und sie im Raine» des Königs ausznsordern, alt ihre Mannen zu samnielii und üe dem Könige zuzi>sübren als Heeresbann zum Zug nach Kiew. Schnell halte Boleslaw ein stattliches Herr beisammen, das er gegen :eiw führte. Eine kleine Abtheilung davon sandte er mit Mstislaw voraus, der den Kiewern die »Forderung des Königs überbringen sollte: linier dieser Borhui befand sich auch Bogdan von Dswielice. Zwölftes Eapitel. Mstislaw war vor der Stadt angelangr, die er nun zwingen wollte, sich ihm zu ergeben: cs bedurfte aber keines Kampfes und keiner besonderen Vitt, denn kaum hatte er den Kiewern durch die; Boten, die mit ihm zu unterhandeln kamen, seine Bedingungen sagen [ lauen, als diele auch schon auf die Unterhandluugen eingingen und; dem Borirabe des Bolenheeres mit denen Anführer Mstislaw gut-! willig die Thore der Stadt öffneten. Kaum aber war der Ruffe Herr der Stadt, als er auch nichts ron der Gnade walten ließ, die er den bedrängten Einwohnern vor . der fiebergabe der Stadl versprochen hatte; im Gegentheil, er verübte j die abscheulichsten Greuel, ließ seiner entfeffelten Wuth freien Lauf,,' insbesondere an allen denen, von welchen er glaubte, daß sie den i Äus^ibr angeslittel, mordete und plünderte, und er scheute sogar vor der ärgsten Grausamkeit nicht zurück, manche unter ihnen'blenden zu la>'eu! Seine wilde Grausamkeit kannte keine Schonung, und die Bedrängten, die getäuscht durch die lügnerischen Bersprechungen des Runen, der ihnen vollste Gnade und Berzöihung gelobt und sie so schmäl,lich hintergangen hatte, planten einen zweiten Aufstand gegen j die grausamen Großfürsten — aber da stand schon König Boleslaw ' an der Stütze seines Heeres vor Kiews Thoren.! Aus Befehl des Großsüttten war die Stadt zum Empfange deS ' PclenkönigS festlich geschmückt, und .Feierlichkeiten aller Art waren an geordnet worden: wohl waren die gepeinigte» Leute durchaus nicht in 1 ttesttimmung, aber es galt dem Großfürsten zu Willen zu sein, ' und clwas mochte wohl auch die Neugier dazu beitragen. Darum , malen denn auch die Straßen und Plätze mit Menschen gefüllt, die ' &•*”. Einzug des weilberühmken Polenfüisten neugierig betrachteten, i Aber der König, der zwischen den beiden Großfürsten zu Pferde saß, : l’iirfic tülu und gleichgilrig aus die gaffende Menge herab. Doch da de.eilen nch vl'sylich seine Züge, und in sein müdes Auge kam ein feuriges Leuchten: einen Moment parirte er sein Roß und sah unverwandt nach einem Punkte hin. Tie beiden »Fürsten, aufmerksam geworden durch das Gcbahren des Königs, wendeten ihre Blicke gleichfalls nach jener Seite, aber sie konnten dort'nichts finden, das ihre .'lu'merlsamkeit hätte in solchen, Maße fesseln können, wie dies beim König.' der »Fall war — und dennoch hielt dieser sein Pferd an nnd i wendete nicht den Blick von jenem Hause. An einem Erkerfenster des Hauses, das sich durch seine zierlichere Bauart vor den anderen auszeichnete, war der Kopf eines Mädchens sichtbar geworden, dahin richtete der junge König sein bewunderndes Auge, und wahrlich, daS Aussehen dieses Mädchens war wohl werth, daß ein »Fürst nach ihr daS Auge wende — von solch sieghafter Schönheit war daS Angesicht der Jungfrau, die' da, den glänzenden Blick auf das Antlitz des jungen Königs hefteicd, am Fenster lehnte. „Herr König," sagte JsaeSlaw, der jetzt den Gegeitstand, der BoleSlawS Aufsehen erregte, bemerkte, indem er dessen Arm leicht berührte, „Herr König, Ihr seht daS schönste Mädchen von Kiew aber 'S ist nur eine Jüdin, des reichen Juden Salomon Tochter, die schöne Lea!" „Eine Jüdin! sagt Ihr, mag sei»! doch schön wie eine Göttin," rief Boleslaw, warf noch einen letzten Blick voll Bewunderung »ach Lea hin, deren Antlitz mit glühendem Roth übergoffen war, nnd spornte dann sein Roß; der Zug bewegte sich langsam weiter dem Schlosse zu. Das schöne Frauenbild am Erkerfenster des zierlichen Hauses halte aber nebst der Aufmerksamkeit des Fürsten auch die eines Ritters erregt, der sich im Gefolge deS Polenkönigs befand. „Zum Teufel!" rief der Ritter, „das ist ja die schöne Jüdin wieder mit ihrem Bater, denen ich beigestanden, als sie zur Krönung in Gnesen waren! Das trifft sich gut, und daS wollen wir uns nierken — die schöne Jüdin wird sich wohl dankbar erweisen für den Dienst, den ich ihr damals geleistet!" Sobald die Gelegenheit sich darbot, war der Ritter zum Könige geeilt, nm demselben die 'Nachricht mitzutheilen, daß die Schöne, die des Königs Aufmerksamkeit in so hohem Grade erregt hatte, niemand anderer sei denn seine alte Bekannte, sein Schützling ans Gnesen. ' „Und von der du damals so viel erzähltest," unterbrach ihn Boleslaw, „nun wahrlich, bei litciiicitt königlichen Schwerte! sie ist ein wunderbares Weib! nnd du hast wohl Recht gehabt, ihr deinen Schutz zu leihen." Jetzt war aber nicht lange Zeit mehr zum vertrauliche» Reden, denn soeben war Großfürst Jsaeslaw auf den König zugetreten, um ihm seinen Dank auszusprechen für dessen Hilfe, durch die er wieder als Herrscher einziehen durfte in die rebellische Stadt. -- (Fortsetzung folgt.. Literatur. Piounier. ZeinchrisI für volkswirtbschaftlichen und sittlichen Fortschritt, sür Schulwesen, Hygiene und Mediein a Iresorm. Berlin S\\\, .stöuiggräyerstraße Tu. XI. Jahrgang. ■Jir. 11 vom 7. Juni bat folgenden Inhalt: Adols Gras Zedtwitz t. Bon Altred l’ill v. Lilienbach. — Tie rationelle Benutzung der Sommerfrilche. Bon Tr. Scharfenberg. — Tas englische Genossenschaftswesen und seine Bedentnng sür die Arbeiterbewegung. — Zur Entwicklungsgeschichte der Atbeiter<Baugenossenschasten in Tentschland. — Es regnet Brei, aber es fehlt der Löffel. — Organisation deS Personalcredits der „mittleren Stände". — Tie Bereinigung von Geitosse»>chafts- und Gewerkschastsbestrebnugen in England. — Literarisches. — .kleinere Mittheilungen. — Aphorismen. Frau Jutta. Ein neues lustig Spiel von Frau Jntten.... gemacht vor vierhiindertsünfzebn Iabr A. I). 1480 von einem Meßpfasjen, benamset Schcrnberk, jetzt aber Neuerlich gefunden, in schöne hochdeutsche Reim gebracht, mit weisen Svrüchen nnd Klugreden gezieret und in Truck geben dies Jahr von Hugo Z ü r n e r. Zürich 18!»ö. Berlagsntagaziu (I. Schabelitz). Preis M. 1 öO. Hugo Zürner's Spiel in drei Tagewerken mit an „Faust" sich anlehnenkem Borwiel im Himmel ist eine Satire auf unsere Zeit, ihren Byzantinismus, ibre Scheinheiligkeit und Rückwärtierei, wie sie unvetblümter nicht sein kann. Ter Teufel bittet sich von Gott eine Seele aus, um an ihr alle Betkehrlheit, allen Blödsinn der-Zeit sozusagen in der Reinrnltur zu zeigen. Gott gestattet ihm das, nnd der Teufel führt nun die Nonne Jutta zu jvkain; ans die breite Lasterftrasie. Unsere Preßfreiheit läßt e» nicht rathsam erscheinen, auf den I». halt deS Spieles näher einzugehen. Nur das sei erwähnt, daß Jutta in der Berkleidung eines Mönches „Johannes von Engelland" zu Rom aus den Straßen das Lolk gegen die Juden hetzt in Redewendungen, welche direct aus dem Katechismus Ahlwardt's, den sie merkwürdigerweise schon im XI. Jahrhundert prophezeit, entlehnt sind. Diese Rede trägt dann dem fromme» W'iblein die Erreichung der höchsten Sprosie der hierarchischen Leiter ein- Jedes Wort in dem Spiele Zürner'S ist ei» Nachllopf, und kein leerer; für ästhetische Tbren ist das nichts. Aber ein merkwürdiges.Denkmal für die Stimmung, welche unsere Tage erfüllt, wird „Fran Jutta" sein und bleiben.

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