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Freies Blatt · 1895-06-02 · 165 (2.6.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
165 (2.6.1895)
Date
1895-06-02
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. I Nr. Iö5. Freies L-cnillcrmi. I tt A cli t und W u n n. i.oman aus Polens i.lorjrit von (Carl ©riat. (7. ,'toiikI‘uiiiV) . cnntcS liapitfl. eine? Jage«* war Froswitha von einer Fahrt hcimgckommcn, die sie im Schlitten und i» Begleitung des Königs gemacht hatte, rosig -und rri'ch wie eine Blnme lachte ihr jugendlich Antlitz, als sic jetzt Gertrude berbeiricf und ihr von den Ännebmlichkeitcn dieser Fahrt crzüblic: dabei ließ sie sich von dem Mädchen ihrer Pelze und der schweren Tunika entledigen, die sie über dem Kleide trug. cs mar zu schön, Ger)rude," rief sie aus, „und ich hätte- >o mit ihm durchs ganze Leben dabinkulichirc» möge»! Hättest du n»S nur geieben!, Tic Ventc auf den Straß--» blieben stehen und blickten uns nach, wie wir so dalsincilken, das Gefährte funkelte in der Somit wie eitel Gold, und das Geschirr an den Pferden blendete die blöden Bauern, so daß. sic aus die Erde »sielen vor Bewunderung als mir vorbeisubren, und hätten fic erst gewußt, daß es .der König mar, der darin saß. da — mm da hätten sich die dumnicn Bauern wohl gar unter' uu'cr Gefährte geworfen, auf daß mir mit all dem funkelnden Htitg über sie hiumcggesahrcn mären — das märe;n toll gewesen!" lind dabei lachte sie ans vollem Halse und schien sich über ihre Bemeiknna an's Köstlichste 711 amüsiren. „Herrin! Ich muß Euch etwas mittheilen," wollte Gertrndc bcginne», aber die'e ließ -sic nicht ausreden und unterbrach de-' Mädchens MitibeUuugen mit cliicnertcn Berichten über ihre herrliche Wintcr- 'abri: „Erst die Stadt hindurch,, vor all den gaffenden Muten, dann i'iuaus über den glitzernden, tnisterndcn Schnee hinweg, über weite Felder lnn in den Wald bincin mit seinen hochragenden Tanne», die,' vom Winde bewegt ihre eiligen Hänvter neigten und;inii Willkommen grüße, auf nuier Hanoi Eiskrnstalle licrabichütlclien, und, da drückte» wir uns aneinander, weißt du, Gerlrude, daß uns recht, recht warm irerde, und .er breitete sorgsani weiche schützende Decken über mich, und da fuhren wir i'o dahin, glücklich lachend und scherzend wie die Kinder!" lind so.plauderte sie weiter, und ihr Gesicht glühte noch von der freudigen Erregung und von dem Genüsse des reizvollen Beisammenseins mit dcui Geliebten. Gertrude lauschte den sprudelnden Worten der Herrin, die sie nie in ic rosiger Vau ne gesehen batte. wie heute und wie überhaupt in der letzten Zeit: Froswitha war wie umgcivandtlt, und sic kannte oft d-e Herrin nicht mehr, wenn diese, die doch früher allzeit so ernst aewe'en und ans deren Vil'vat ein Micheln fast nie zu scheu war, tz'tzi heiteren Scherz und allerlei Kurzweil trieb, ja sie war ganz verändert, und der Herr würde wohl sehr erstaunt sein bei seiner Rückkebr ans dem Böhmerwalde, wenn er diese Beründcrung gewahr würde aber gnade uns l'soli x,nb die heilige Jungfrau, wenn er auch die Ursache die'es' plötzlichen »Frohsinns erführe! Davor bewahren uns die Heiligen, daß das geschehe! In ihrer Herzensangst bekreuzte sich das Mädchen mehrcrcmalc nacheinander, bis die Gebieterin, aufmerk'am gemocht aus ihr seltsames Gebühren, sic plötzlich lackend unterbrach: „Ja, Gertrude! WaS treibst, du denn da?" rief sic lustig ans, „ich glaube gar, dn fürchtest dich und vermeinst den leibhaftigen "'oincibeiuns zu sehen mit eigenen Augen?" Gcrtrude war erschreckt zn'ammeugczucki. Wie batte sic sich aber von ihrer Angst so hinreißcn bclnen, daß sie in Anwesenheit der Herrin derlei Tinge trieb, die jene neibwenLigkani ihr Treiben aufmerksam machen mußten? Berrathen durfte sie aber keineswegs, waS sie bewegt, kenn wozu Irättc cs ge nützi, ihrer armen jungen Herrin jetzt schon das Herz schwer zu mackren'. mit' Bei'orgnisien, die vielleicht grundlos waren; denn vordcrland verlautete ja noch nichts von BogdanS Heimkehr, der noch in h:; letzten Tagen Boten an den König gesandt hatte, und die würde 'ich wohl'auch noch recht lange verzögern, denn der junge König '.'»die ihm'mobb riech keine Botschaft, hcimzukchren, i h m selbst lag wobl auch recht viel daran, den unbequemen Herrn recht weit zu ivi'sen: .w.'-zn alr'o der Gebieterin, an der iie mit ganzem Herzen hing, 4tzt >chon den schönen -1 raum zerstören — mag sie ihn doch weiter träumen! H-jn irüh mußte sie ja einmal daraus erwache»! „Ekle Frau," .begann jetzt Gertrude wieder, „idj wagt' cs vorhin nicht. Euch zu unterbrechen, aber ich Hab' Euch eine Mittheilung zu Blatt. machen: Ihr wart noch nicht lange fort, da kam ein Bote, der meldete, daß Euch sein Herr aufsuchen wolle, der aus fernen Landen .käme. ..." „Auö Thüringen?" frohlocktedie Edclfrau, „von meinem Batcr vielleicht gar? Sag, Gcrtrude, ist's so? Gar lange schon habe ich keine Kunde erhalten von dort, und ich besorge," setzte sic betrübt hinzu, „ob nicht mein Batcr siech geworden. ..." oDas fragt' ich auch, Herrin," cntgegnete die Zofe, „cp. aber verweigerte mir jede Auskunft und blieb dabei, daß Ihr seine» Herrn -noch heut' empfangen möget. . . .". „Noch heut' sagst du, weshalb gemahnst du mich so spät daran?" „Ihr wolltet nicht hören, edle Frau," wagte die Zofe mit .leisem Lächeln zu erwidern. „Ja, ja, ich war in Gedanken bei der heutigen so schönen Fahrt." und ein glückliches Lächeln verklärte ihr Antlitz, doch fügte sic ernst werdend hinzu, „jetzt mag der Ritter kommen; ich bin schon zu begierig, den gchcimnißvollc» Besuch zu empfangen." Sic mußte sich indcffen noch gedulden, denn der Tag ging schon zur Neige, lind für heule würde wohl Niemand mehr kommen. Am nächsten Vormittage aber, FroSwitha hatte sich noch nicht lange von ihrem Lager erhoben, Gcrtrude hatte gerade ihre Morgcntoilcttc beendet, da meldete ein Diener den fremden Ritter an, der die Herrin zu sprechen wünsche; und im nächsten Augenblicke schon stand dieser vor den beiden Frauen. „Eonrad! Junker Eonrad!" riesen Beide wie aus einem Munde, „Ihr! — — Gott zum Gruß!" „Edle Froswitha, Ihr seid wohl mit Recht erstaunt mich wieder znschcn —Ihr zähltet mich wohl längst schon uzitcr die Todten. ..." „Tic heilige Jungfrau sei gelobt, daß dem nicht so ist, u^rd daß 'Ihr' lebt und Euch bcr Gesundheit freut, edler Junker!" unterbrach ihn Gertrude. Froswitha stand sprachlos da. Zu unerwartet, zu jäh war cs über sic gckonuncn. Was bedeutete dieses Jünglings plötzliches Erscheinen ihrem Geiste? Welche Bilder sonniger, glücklicher Mädchcntage wurden wieder lebendig vor ihren Augen, als sic in daS jugendlich schöne Gesicht des Jünglings blickte? Sie sah sich im Hause ilncs- Batcrs — vor ihrem Innern zog jene Zeit auf mit all ibrem frischen, kindlichen Zauber — jene Zeit der holden, mädchenhaften' Reinheit, jene Zeit voll Sonnenglan; und Hcrzcnsrcinhcit! — lind jetzt! Welch ein Abstand! Großer Gott! Bor ihren Augen öffnete sich abgrundtief und gähnend die Kluft, die sic von jenem Einst trennte — die das keusche, reine Mädchcn trennte von der Ehebrecherin! - K rastlos war sic auf ihren Sitz hingesunken, und ihre zuckenden Finger umklammerten die Lehne ihres Stuhles. „Faßt Euch, Froswitha," begann Conrad wieder, der sich ihr Wesen nicht zu deuten wußte, „faßt Euch und hört mich an, doch bill' ich Euch, wappnet Euch mit Muth und betet zu den Heiligen', auf daß sic Euch Kraft verleihen! Tenn BöscS ist's, daS ich Euch .bringe, t . „Jesus! Maria!" schrie Froswitha auf, „Ihr kommt von meinem Batcr?! —" „Euer Batcr ist tobt, Froswitha! Er starb in meinen Armen' und mit einem Segenswünsche für Euch!" Sie war hingesunken; wie leblos lag sic da — starr — die Augen mit wirrem Ausdruck auf etwas Unsichtbares — Schreckliches heftend — dann aber löste sich der Bann, der ihre Glieder gcfangcuhiclt, und die Hände vor das Gesicht drückend, brach sic in laute-?, herzzerreißendes Weinen aus. „Mein Batcr! Mein guter, theucrer Batcr! So ist er hingegangen, und ich habe sein liebes Antlitz nicht wieder gesehen — und ich soll dich nicht Wiedersehen — soll dein liebes, mildes Auge nicht mcbr offen sehen — tobt! oh! mein Gott, mein Gott! Wie wcrd' ich es ertragen!" „Gott und die heilige Jungfrau werden Euch bcistchcn in Eurem Leid," sagte mit leisem Zuspruchc der junge Ritter. Es währte lange, che sich FroSwitha von ihrem ersten Schmcrrtns ausbruchc erholen konnte. Eonrad hatte sich an ihre Seite gesetzt, und bei seinen leisen Worten zog wieder neues Leben in sic ein. Aufs Höchste ergriffen, horchte sie seiner Erzählung, gierig sog stc die Worte von seinen Lippen, und als er geendet, als er ihr von dem sanften, gottergebenen Scheiden ihres BatcrS sprach, da löste sich d;r Schmerz, und heiße Thrüncn sielen auf ihre Wangen. * Eonrad war gegangen. Er hatte Froswitha in ihrem heiligen Schmerze allein gelasicn. FroSwitha aber war in die Knie gcsuntcu und verharrte in stillem Gebet. (Fortsetzung sotgt.)

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