Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 164 (26.5.1895)
- Date
- 1895-05-26
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Fr eies Polen seinen brüderlichen Gruß zu überbringen, dann waren die Russen da,- kleine, stämmige Gestalten, mit ihrem Fürsten, dem Großfürsten JseSlaw, und deffen Sohne MstiSlaw, der Hilfe wollte von dem Polenkönig und dessen Beistand, um Kiew wieder einzunehmen, da ihn die Bewohner Kiews aus ihrer Stadt vertrieben und ihm ihren Gebvrsam versagt hatte». All diesen Gästen zu Ehren hatte nun König BoleSlav die glänzendsten Festlichkeiten an seinem Hofe veranstaltet. Da wechselten Jagden in die wildreichen Forste der Gegend mit heiterem, fröhlichem Mummenschanz, Kämpfe aller Arten, bei welchen Bolesläv den kriegerischen Muth seiner Söldner von den fremden Gästen bewundern ließ, mit lustigem Spiel und Tan; und fröhlichen Trinkgelagen-. Auch heute hatte der gastliche Polenfürst die Fremden zu froh-, lichem Gelage hieher beschieden, und auf den Mienen Aller herrschte volle, ungeheuchelte Bewunderung für den König, der eS verstand, jetzt, in einer für die Außenwelt so schwer bedrängten Zeit, an seinem, Hofe die Geister der Lust und der Freude wach zu erhalten. In Deutschland tobte und gährte eS, die Streitigkeiten zwischen König und Papst wollten kein Ende nehnien, und daS gequälte Volk fand den >iange»tbehrten und so schmerzlich herbeigesehnten Frieden noch immer nicht. In Rußland war gleichfalls der Zwietracht kein Ende, darum kam ja Großfürst IseSlaw hilfesuchend an Polens Hof, So gährte eS an allen Ecken und Enden, und nur in Polen schien eitel Freude und Lust, denn hier herrschte Frohsinn und Einigkeit zwischen den Mächtigen deS Reiches und ihrem Herrscher, Und man mußte ihn liebgewinnen, den ritterlichen Polenkönig; dieS empfanden auch seine Gäste, die sich bald an dem gastlichen Hofe in Gnesen heimisch suhlten, so sehr wirkte der Zander von BoleSlavs gewinnender Persönlichkeit auf ihre Gemüther. In einer Ecke des SaaleS war eine Estrade angebracht, auf welcher sich die Musiker befanden; und jetzt stießen die Trompetenbläser schinetternd in ihr Instrument, und die Anderen rührten ihre Pauken und vermischten ihre dröhnenden Schläge mit dem zarten Geflüster der Harfen und dem schwirrenden Ton der Geigen, denn der König war, begleitet von seinen Gästen, dem Großfürsten Jseslaw und deffen Sohne, soeben durch die große Mitielthüre des Saales eingetreten, Heller Jubel begrüßte fein Eintreten, und bald war die Gesellschaft bei heiteren Gesprächen an der Tafel versammelt. Der König war voll der ungezwungensten Herzlichkeit gegen seine Gäste, und die Fröhlichkeit nahm imnier zu, während den feurigen Getränken und köstlichen Gerichten eifrig zugesprochen wurde. Soeben hatte bei einem Glase feurigen Ungarw-ines der Großfürst aus die Gesundheit seines königlichen Gastfrenndes getrunken, als Bolesläv mit leichtem Reigen des KopfeS dieser Huldigung dankte, und sein GlaS erhebend, ansrief: „Mit Bergunst, Herr Großfürst! Ihr erlaucht, daß ich auf das Wohl unserer schönen Frauen trinke, die Ihr zwar hier noch vermiffet, deren liebreizende Gegenwart uns aber nach der Tafel noch erwartet! Unsere schönen Frauen sollen leben und lieben!" setzte er übermüthig lachend hinzu. „Ihr seid ein ritterlicher Herr, König BoleSlav," sagte der Großsürst. nachdem er dem König Bescheid gethan, „und nicht umsonst gebt die Mär, daß Frau Minne nirgends so sehr gehuldigt wird als an Polens ritterlichem Hofe." Ja, daS ist wohl nicht zu verwundern," lachte der König, „Ihr solltet aber auch unsere Frauen kennen! Run, Ihr sollt sie ja heut' Abend sehen, und da — ich rath'S Euch, Großfürst — nehmt Euer Herz in Acht und Ihr auch junger MstiSlaw!" „Für niich, Herr 'König, hat es keine Gefahr," meinte der Großfürst, „die Zeit der Jugend ist vorbei, und somit hat auch das schönste | Frauenbild den Reiz für mich verloren," * „Tann also Ihr, Ritter MstiSlaw, hütet Euere Augen, denn so viel Schönheit habt Ihr wohl lange nicht gesehen, als es hier an BoleSlavs Hofe gibt!" „Mit Verlaub, Herr König," entgegnete etwas erregt der junge Ruffe, „auch bei »uns zu Hause wird es Frauen geben, die mit den Euren wetteifern können an Schönheit und Geist . , ." "Doch da traf ihn ein strafender Blick seines Vaters, und er hielt mitten im Satze plötzlich inne; das fehlte" gerade noch, den König zu erzürnen, an deffen Gunst ihm, dem Großfürsten, jetzt ja daS Meiste gelegen war, und gar noch um einiger Weiber willen, was künimerte ihn die Schönheit dieser oder jener; er hatte wohl ganz andere und wichtigere Tinge im Kopfe, als sich um derartiges Geschwätz zu kümmern, und da kam dem jungen Fant, seinem Sohne, nun der unglückliche Gedanke, sich zu dem Ritter seiner Landsmänninnen aufzuwerfen. Run, -um Glück war der Polenkönig heute gerade in der U’itcrften Laune und ließ dem jungen Manne seine Unart hingehen, ein andermal wäre ihm diese übel bekommen, aber heute war Bolesläv Blatt. Nr. 164. voll Uebermuth und Frohsinn; jetzt hatte er sich eben von seinem Platze zwischen den beiden Fürsten erhoben und begrüßte mit freudigen Worten die Ankunft der Edelfrauen, die da, geschmückt mit kostbaren Geschmeiden und schweren seidenen Gewändern, zur Thüre hereintraten. „Run seht selbst, Herr Großfürst," rief er lustig, „habt Ihr je schönere Frauen gesehen als an BoleSlavs Hofe?" Und ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich zu Froswitha und führte sie z„ seinem Sitze hin. „Seht hier die Königin unseres Festes, Herr JseSlav, Ihr aber, junger Ritter, müßt Euch schon gefallen lasten, Euren Platz der schönen Dame abzutreten — etwas Strafe habt Ihr ja doch verdient," fügte er boshaft lächelnd hinzu. Froswitha hatte an BoleSlavs Seite Platz.genommen, sie hatte anfangs den Blick gesenkt in anmuthsvoller Verwirrung; jetzt aber richtete sie ihre glänzenden Augen auf das Angesicht des Königs, und über ihre Züge flog's wie heißes Aufleuchten. Die Gäste waren immer fröhlicher geworden, der viele Wein, die Musik, die Hitze im Saale, Alles hat das Blut erhitzt, die Gesichter wurden inimer glühender, die Worte leidenschaftlicher, und als jetzt der König die Tafel aufhob und die Gesellschaft seinem Beispiele folgte, da bildeten sich hie und da Gruppen, Einzelne fanden sich zu einander, die am Tische getrennt gewesen, und man überließ sich der ungezwungensten Unterhaltung. Der König war mit seiner Tischnachbarin auS dem Saale ge gangen und hinaus auf die Terraffe getreten, sie waren hier ungestört, da man vom Saale aus nicht hinaussehen und auch nicht leicht etwaunterscheiden konnte. „FroSwitha!" „Geliebter!" Sie lagen sich in den Arme», minutenlange hielte» sie sich um faßt, dann wand sich Froswitha loö. „Mein Gott!,Wenn man uns sähe! Wenn Jemand herauskäme!" „Fürchte nichts, Froswitha," sagte der König leise, „wir sind hier ganz nnbelanscht, mein Lieb." Und dabei preßte er seinen glühenden Mund auf ihre rosigen Wangen. „FroSwitha, wie sehr liebe ich dich und nne danke ich dir deine Liebe." „Ich liebe dich, BoleSlav, liebe dich mehr als mein Leben," flüsterte die junge Frau, indem sie sich zärtlich a» de» Geliebten schmiegte. „Hab' Tank!" Er drückte sie an sich, und ihre Lippen vereinte» sich zu langem, seligem Kusse. Im Saale hatte man sich, seit der König verschwunden, um so ungezwungener dem Vergnüge» hingegeben, und heitere Lust uud zügellose Laune beherrschten die Gemüther; nur der junge Russe ivar luißmuthig auf seinem Platze dageseffen. War cz die Wirkung jener kleinen peinlichen Srene bei Tische, die ihm nachher eine zornige Strafpredigt seines Vaters eingebracht hatte, oder verdroß ihn die Nichtachtung des übermüthigen Polenkönigs, der sie Beide so recht fühlen ließ, daß sie zu ihm bitten kamen? Wohl möglich! Denn als der. König mit FroSwitha aus dem Saale gegangen, da hatten ihm seine Blicke gefolgt, und ein zorniger Ausdruck erschien auf seinen Zügen. Jawohl, er hatte Recht, der übermüthige Polenfürst! Er konnte triumphiren, denn sein waren der Ruhm und die Ehre und sein war die Liebe — und sie — sie Beide, sein Vater und er, sie standen vor dem Hochmüthigen und flehten ihn an ui» seine Hilfe. Welch böses, widerwärtiges Geschick! Und wie verwünschte er sein Los! ._ (Fortsetzung folgt.) 3u uiolilthiitigcn Zwecken. Am 22. d. M. faud im Prater die festliche Eröffnung der neue» Anlage von „Venedig in Wien" unter großein Andrang deS Publicum« und im Sern»- zahlreicher Rotabiliiäte» der Residenz statt. Da daS Reiuergebuiß dieses höchü gelungene» Festes zum Theite den Verunglückten von Laibach, zum anderen Thcile der Wiener Freiwilligen Rettuugsgesellschafk zugemittelt wird, hat nun die kunst volle und herrliche Anlage wohj die würdigste Weihe erhalte». Sie üble ihre Zugkraft vor Allem z» Gunsten eines höchst humanen Zweckes. * * * Zu Gunsten der in Laibach Verunglückte» und Brot- und ^bdachio: gewordene» hat eine Gesellschaft von in Wien lebende» Freimaurer» den V e trag von 1000 fl. gespendet. Literatur. Das Mai-Heft der Suttner'schen Monatsschrift „Dir Waffen nieder' <E. Pierson's Verlag, Dresden) hat folgenden Inhalt: Aphorismen zu dem Thema Elsaß-Lothringen von B. v. Suttner. — Ein Zwiegespräch von Wundiam. — Polemik von Dr. 'Walker, UuiversilälSprosessor in Leipzig. — Gedicht von Björnstjerue-Björnson. — Die Friedensvereine und die arbeitenden Elaffen von Fredörie Passy. — Zeitschau. — Literarische» — Correspondenz. —- Verzeichnis! der Mitgliedsbeiträge und Spende» u. s. w. — Preis de« Heftes 30 kr.