Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 162 (12.5.1895)
- Date
- 1895-05-12
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Freies Blatt. Nr. 182. znwohnen, da ihr Fürst die Königskrone cnipsing. Hatte er doch alle seine Böller nach Gnesen entboten, hatte sie eingelade», Zeugen zu sein leint? großen Triumphe?, Zeugen zu sein, wie er Pole» hoch erbebe zu ungeLhntein, zu lang verinißtein Glanze! lind die ganze, gewaltige Menschenmaffe hastete schwatzend und lärmend und stoßend, jubelnd und kreischend gegen den Platz vor der Kathedrale zu, wo der Herzog seinen Einzug in die Kirche halten und >vo später die Bertheilung von Almosen an das Bolk stattfinden sollte. So strömte die ausgeregte Menge dahin, die Straßen füllendvon einer Seile zur anderen, und wie das dumpfe Brausen empörter MeereSwogen scholl das Getöse der schweren Fußtritte und der durcheinander schwirrenden Stiminen des Bolkes. Ter weite Platz vor der großen Kathedrale zu Gnesen war bald bis in die letzten Vinkel von der herbeigeströinten Menschenmaffe erfüllt 1'iiir in der Milte des Platzes, da, wo die Proeession zur Kirche ziehen sollte, war der Veg frei gemacht, und die überall aufgestellten Tiener des Herzogs suchten das Bolk von diesem Wege zurückzuhalten. Aber freilich ward ihnen das schwer genug gemacht. Tenn die ungeheuere Menschenmaffe befand sich in steter; unaufhörlicher Bewegung, wie die Vellen deS Meeres, und hätten die Diener nicht schließlich ihre Schwerter gezogen und gedroht, die Nächststehenden niederzumachen, wenn sie nicht aufhörten, zu drängen und zu stoßen, so wäre auch der Veg in d'er Mitte vom Bol*e besetzt worden, und die Proeession hätte keinen Blatz gehabt, um zur Kathedrale zu ziehen. Nun aber dielt sich die eng zusammengedrängte Menge ein wenig untief, und man entschädigte sich dafür durch bittere Spottreden auf die herzoglichen Tiener, die ihren Knechtsstand vergäßen und freien Männern zu befehlen und zu droben wagten. Namentlich die Polen führten gar stolze imd. hochmüthige Neben. Tenn >'ie waren da? herrschende Bolk, ans ihrer Mitte war der Fürst entsprossen, der heute König werden sollte, und so wie Boleslav der er»'te war unter den i'lavischen Fürsten, so waren sie die ersten unter all den Böllern, die seiner Macht und seinen Befehlen gehorchten. Ta ertönten Filötzlich .Hornsignale, und blitzschnell verstummte das lärmen. daS Schwatzen und Schelten des Volkes: aber nur für einen Augenblick Vas kümmerten denn die Menge diese Edelfrauen, die da von herzoglichen Pagen in die Kathedrale geleitet wurden! Diese konnte man ja auch an anderen Tagen sehen, und wenn sie auch prächtig angetban ivaren mit. kostbaren Kleidern und herrlich strahlendeni Scb»nick: andere Tinge waren es, um derentwillen all die Männer h'tb.igekommen waren ans weiter, weiter Ferne, andere größere und herrlichere Tinge, und in Erwartung dieser ließ man die Edelfrauen '.ist ibeilnabmslos vorüber in die Kirche ziehen, lind von '.Veiten, ei-’d'jü d.r Vii;:n, der anS -er wogenden Menschenmenge emporstieg und die l'n'l mit gewaltigem, weithin vernehmbarem Geiöse erfüllte. Da-ertönt Tromvetenichall, und herzogliche Reiter eilen herbei, um an dem ■ ■ Eingangstbore der Kirche Stellung zu nehmen. Sie drängen das : Bolk zurück, nach beiden Seiten hin. Fetzt geht eine gewaltige Be-! wegnng durch die Menge. Ans tausend Kehlen erschallt der Ruf: j .. Sie kommen„Der Zug nabt!": noch einmal und mit aller Wucht! drang: die ganze Menschenmaffe nach vorne, und Alle recken die Hälse! empcr, aewürtig des kommenden Schauspieles. Tann wird es still, ' und nichts regt »ich, und kein Lant-eriönt aus der Milte des harrenden Bolkes. Ernste, sanfte Munk verkündet daS Nahen des ZugeS. Die ' Munter ziehen vorüber, der Kirche zu, und ihnen folgen Schaaren; von weißgekleideten Chorknaben, die fromme wieder singen iuid Gott j und den Heiland preii'en in ergreifenden Gesängen. Nun fölgen die 'Ministranten, Veihrauchsäffer schwingend: die niedere Geistlichkeit schreitet vorbei, lind die Leute aus dem Volke nehmen demüthiq ihre Mützen ab, den Vertretern Gottes auf Erden ihre Ehrfurcht erweisend. In prächtigen Ornaten ziehen jetzt die Prälaten, Domherren :c. vorbei Ta gebt ein Vogen und Schwanken durch die Menge, und im nächsten Moment liegen Alle aut den Knien und falten andächtig die Hände. Denn unter einem purpurnen Baldachin - schreiten jetzt die beiden höchsten Kirchensürsten Polens vorüber: der Erzbischof von cssne'en, ein ehrwürdiger, tief gebeugter Greis, der von zwei PreS: bvtern gerührt wird, und ihm zur Seite Bischof Stanislav von Krakau, ffolz aufgericbtek, das Bild des Gekreuzigten hoch haltend deni Volke entgegnt. Nun erschallt lautes fröhliches Trompetengeschinetter. Das Volk erhebt ffch von den Knien, und die ehrfurchtsvolle Temuth,' die sich eben noch auf allen Gesichtern ausprägte, weicht heiterer und hochgespannter Erwartung. Ta jagen auf stolzen Noffen Polens Edle vorbei in goldgestickten Kleidern, die Schwerter zum Gruße über ihren Häuptern schwingend. Lauter Jubelruf empfängt und begleitet sie. Vergessen sind die Unbilden,, die so Viele unter der Masse des Volkes von ihrem Hochmuth, ihrer Wildheit erlitten. Eins schienen Adel und Volk an Polens Ehrentage zu fein. Dem polnischen Adel folgen die Vornehmen der anderen Völker, die Boleslav seiner Macht unterworfen, dann die Gesandten, die fremde Staaten zur Krönungsfeier geschickt hatten. Da glänzte vor allen Anderen der Bote König Belas von Ungarn durch die Pracht seiner über und über mit Gold und Edelsteinen geschmückten Kleidung, und wahrhaft stattlich sah die Gestalt des Ritters' von ArpaShoköm aus auf seinem prächtigen, reich geschirrten Pferde und in seiner malerischen Tracht. Den Leib umgab ein Wams aus weißem, goldgesticktem Atlas, das ein breiter, mit funkelnden Edelsteinen besetzter Gürtel zusammenhielt, an dem hing ein mit kostbaren Steinen ver zierter Pallasch, rothe Beinkleider reichten bis an die gelben Stiefel mit goldenen Sporen, um die breite. Schulter hatte der Ritter einen Ueberwurf aus Leopardenfell, an dessen äußersten Enden zwei goldene Pranken befestigt waren.' Die Kopfbedeckung bildete eine Pelzmütze, mit kostbarer Agraffe verziert. Ein Ach! der Bewunderung entfuhr der Menge, um die Lippen des ungarischen Ritters zuckte ein Lächeln über das Staunen, das seine Erscheinung hervorrief. Auch die anderen Gesandten fesselten durch die Pracht ihres Aufzuges die allgemeine Aufmerksamkeit. Aber mit Freuden vermißte man den ehernen Panzer der deutschen Ritter beim Krönungszuge. Denn Polen war jetzt f re,i, völlig frei durch BoleSlavs tapfere Regierung, und kein Kaiser konnte seine Gesandten nach Gnesen schicken, um den Herzog zu beaufsichtigen und zu beobachten. ■* Noch ist die Schaar der Edlen nicht ganz vorübergezogen, da erschallt aus der Ferne durchdringender Jubelruf und pflanzt sich fort durch die unzählbare Menge des Volkes bis zur Kathedrale hin, aufschwellend, mächtiger werdend, bis zuletzt ein einziger Ton aus der Mitte der wogenden Massk emporzusteigem scheint, und die Luft durchdringt mit ungeheuerer Gewalt: „Der König! Der König!" Aus stolzem, reich geschmücktem und mit glänzendem Metall gezäumtem Schimmel ritt Boleslav, die Herzogskrone noch auf dem Haupte, den wallenden .Herzogsmantel um die Schultern. Siegesfroh, glückstrahlend, das schöne Haupt stolz emporgehoben, blickte' er auf das Volk hin, das ihm da begeistert zujubelte und immer und immer von Neuem ihn als König begrüßte. Jetzt gab es kein Halten, kein Verwehren mehr. Durchbrochen wurden die Reihen der herzoglichen Diener, und alles Bolk drängte zu Boleslav hin, ihm die Hände küssend, die Kleider, den Saum seines Mantels mit den Lippen berührend und in inbrünstiger Verehrung seine Füße küssend, glücklich, selig, ihn von der Nähe gesehen und begrüßt zu haben, ihn mit den Fingerspitzen berührt zu haben, ihn, den über Alles geliebten, den vergötterten König. Tie Eeremonie war beendet: voll und tönend erklangen die Glocken und vermischten sich mit den brausenden Orgeltönen und geleiteten mit ihren Klängen den Zug, der jetzt aus dem Hauptportale der Kathedrale trat und seinen Weg durch die Straßen der Stadt nach dem Königspalaste nahm. Ernst und feierlich erschollen die Töne, und die. Menschen, die Zeugen waren der herrlichen Handlung, waren tief ergriffen, und eine Ahnung dänimerte in ihrer Brust, daß es etwas Hohes und Herrliches gäbe, und daß dies Herrliche ihnen nahe war in diesem Momente, wo sich ihr tapferer junger Fürst die Krone seines ruhmreichen Ahnen auf sein Haupt gedrückt, wo sie ihn als ihren König begrüßt hatten. - Jetzt waren die Edeldamen aus der Kirche getreten; unter ihsten Froswithä, alle Anderen überstrahlend an Schönheit des Leibes und an der kostbaren Pracht der Gewänder. Gleich darauf schritt an der Seite des greisen Erzbischofs, der die Krönung vollzogen hatte, der König Boleslav. Das harrende Volk war in die Knie gesunken, und Boleslav verharrte eine Weile zögernd an der Kirchenpfo.rte, sein Blick schweifte über die zur Erde Gesunkenen hin, und ein freudiges Leuchten zuckte auf in seinem Auge. Das waren seine Polen, die sich da vor ihm neigten und ihn grüßten als ihren Stolz, als den Ruhm ihres Vaterkandes! Der Erzbischof hatts' die Hände erhoben, und nachdem er sie einen Augenblick auf des jungen Königs Haupt ruhen ließ, breitete er seine Arme aus und hielt sie segnend über die Knienden. Der Zug bewegte sich langsam unter den brausenden Jubelrufen des Volkes über den Platz hin. ' (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. , R , Kava. „Die Judeu in Spanien" kommen gelegentlich. T., Sarajevo. Besten Dank. Kommt nächstens.! -T