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Freies Blatt · 1895-05-05 · 161 (5.5.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
161 (5.5.1895)
Date
1895-05-05
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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freies Blatt. Seite 4 gfgcit dic Eoalition Stellung genommen wurde. Als erster Redner sprach RcichSrathsabgeordncter RoSke über die Rückwirkung der letzten GeiticinderathSwahlen auf dic politische Lage. Es wäre zu optimistisch, sülirte der Redner aus, wollte man den Ausfall der GemcinderathSwablen als eine vorübergehende Episode hinstellen. Im Interesse der liberalen Partei muffe man die kritische Sonde anlegen, da die letzten Wablcir die Vorboten künftiger Ereigniffe seien. Eine Partei könne nur mit einer Majorität regieren, und dieser werde nun die Fortschrittspartei im Gemeindcrathe entbehren, da cS dort Viele gibt, die, obwohl auf das fortschrittliche Programm gewählt, dennoch offen oder versteckt mit dem Gegner unter einer Decke spielen. Daher stehe man im Gemcinderathe vor dem Ungcwiffen. Aber der eine leitende Grundsatz muß nun fcststehen: Ein Zusammengehen mit dem Gegner wäre Selbstmord. Daher keine Vereinigung, kein Eompromiß, sondern ständige, dauernde Opposition! Zweifellos habe eine gcwiffe Mißstimmung der Beamten und Lehrer zum Ausfall der Wahlen bcigetragen; aber dies könne daS Wahlcrgcbniß »och nicht rechtfertigen. Tie Ursachen hängen . mit der Stellung der liberalen Partei in der Eoalition zusammen. In frcibcitlicher Beziehung war die Partei in derselben nicht in der Lage, Hervorragendes zu leisten. In wirthschaftlichcr Beziehung sei sogar der Vertrauensmann der Partei bei der Krone für wirthschaftlichc Bcschränkung cingelrctcn. Und was spcciell die materiellen Interessen 'Wiens anlangt, so inüffe leider anerkannt werden, daß dieselben durch eine Reibe in Ausnchr stehender Gesetze empfindlich geschädigt werden. Der Redner beleuchtete in eingehender Weise die Steuerreform! Offen müsse es ein'gcstandcn werden, daß die liberale Partei innerhalb der Eoalition sich ans wirthschaftlichem Gebiete die Zufriedenheit der Wäbler'chait nicht erworben habe. Aber vollends stand die P a r t e'k n i ch i a n f d c r H ö h e i h r c r A n f g a b c, als e S sich darum handelte, ein kräftiges Wort der Abwehr gegen die n n f l ü l h i g c n Angriffe der häßlichsten, der dcstructiren El eine ntc, der Antisemiten, zu finden. Der Redner erinnerte au den Fall Decker! und an die diesbezügliche verblüffende Antwort des Ministerpräsidenten auf eine von ihm gestellte Jnterpetlaiion, die dabin ging, daß der Staatsanwalt keinen Anlaß zum Einschreiten ge'undcn habe. ES seien wohl die Schwierigkeiten, mit welchen die Partei in jeder Beziehung zu rechnen habe, nicht zu verknittert, aber in dem Punkte der Abwehr gegen die dcstructiven Elemente l abe sich die Partei einer großen Untcrlaffungssündc schuldig gemacht. D re Partei, welche dic Staalsgrundgcsctze geschaffen, habe zuerst die ,Ps::chr, ein kräftiges Wort der Abwehr' zu finden, denn diese Frage sei kerne I u dcn fra ge, sondern c i n e G c s e tz c sirage. Alle diese Einstüffe haben bei den Wahlen zusammcngewirkt, und die Unzufriedenheit habe sich im Stimmzettel kundgegeben. Es >rär dies allerdings ein Fehler und zeige von politischer Unreife, wenn man die eigene Partei schwächt. In der zukünftigen Gestion der Partei müsse die': Unzufriedenheit bekämpft werden. Rur im Iutercffc der Partei und der Eoalition, schloß der Redner, habe er den gekennzeuchnetcn Standpunkt vertreten, und er fordere in diesem Sinne Alle aus, in Zukunft dic Partei tbatkräslig zu unterstützen und ihren Abgeordneten nnninwnnden ihre Anschüttungen zu übermitteln, damit so eine Wechselwirkung in denselben platzgreife, Rach diesen mit Beifall au'genomineuen Ausführungen ergriff Viccbürgermcister Tr. Richter das Wort und sprach in sarkastischer Weise,über die „Unterstützung, welche die Regierung der liberalen Partei zuthcil werden ließ". Wenn d:e liberalen Abgeordneten ferner so für die Jntereffcn Wiens einti.ten werden, wie sie cS bei Bcrathung der Steuerreform gethan, so tiiiü' man sich über weitere Wahlniederlagen nicht wundern. Die Unzufriedenheit in der Wählerschaft sei so groß, daß ein Abgeordneter, der beule aus der liberalen Partei austreten möchte, einen Fackelzug erhalten würde. Es sei Zeit, daß die Abgeordneten die Jntereffcn der städtischen Bevölkerung mehr schützen, sonst würde die Partei bei den wachsten Wahlen in sehr verminderter Zahl ins. Abgeordnetenhaus zurnckkebren. Äber cs sei auch höchste Zeit, daß endlich einmal unumwunden die Meinung der Wähler zur Geltung komme. Hierauf, wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: ö» Erwägung, dag die Vereinigte deutsche Linke bisher in der Eoalition;r-.'.[•(itli.tu'r P.Ziehung wesentliche EEolge zu erzielen, nicht vermochte; i» C :.:t!l!a. :e.ü die von allen coalirien Parteien als gemeinc:ut »litt erklärte Ab weh r der extremen Parteien, ir c r. 5 <; c gegenüber dem Antisemitismus, nicht geübt c r ' >' >n E :: ä-z: ng. daß bisher eine Berücksichtigung der Interesse» Wiens 'einer?:e.n.!r>'.:-e nicht in austxiebenrem Maße in Aussicht genommen . : .i»:. 'reich: die l>i der Versammlung de- Vereines der Fortschritt-freunde an. Arril d. D vereinigte denllch forlichriilliche Wählerschaft die Erwartung ans. :sk die Vct.inigie deut'che Linke in Ausführung ihrer am 23. April ». ... Nr. I«>l. gefaßte» Resolution den der Partei gebührende» Einfluß in der Coalilion mit allem Nachdrucke und in thatkräftigster Weise zum Schutze der sreiheitliche,, und materiellen Intereffc» der Wiener Bevölkerung und behufs energischer Stellüngnahnie gegen die extremen Parteien zum Ausdrucke bringe. Sollten diese Bemühungen nicht von Erfolg begleitet sei», so müßte der Austritt der Bereinigten deutsche» Linken aus der Coalilion inS Auge gefaßt werden. t Zu gleicher Zeit hielt der „Fortschrittliche Reforinvercin" eine Versammlung ab, in welcher, nachdem mehrere Redner über die Consequenzcn der letzten Gcmeinderathswahlen gesprochen hatten, nach, stehende Resolution zur Annahme gelangte: Tie Plenarversammlung des Deutsch-fortschrittliche» Reformvertines sprian ihre lleberzeugnng dahin auS, daß die politische Ehre eS verbiete, mit den Feinde» des ösfenllichen Frieden» im Gemeinderaldc irgendwelches Cpinproiniß einzugehc», fordert vielinehr alle £uf - Grund des freisinnige» ProgranuneS gewählten Mitglieder deS GenieiiideralheS auf, geschloffen bis ans den letzten Mann für die Erh altung der kinhciilichc» Leitung deS GcmeinderatheS und der Gemeiiideverwaltiing einzntretcn. (Alls beiden Lagern.) Man schreibt UNS: Die angekündiglc Versammlung von ReichSraths- und Landtagsabgeordncten sowie von Wiener Gemeindcräthen deutsch-fortschrittlicher Richtung war äußerst Zahlreich besucht, und eS herrschte vom Beginne bis zum Schluffe eine animirte Stimmung. Dic nach einer mehrstündigen Debatte gcfaßlci, Beschlüsse, betreffend dic Reorganisation der Partei und die Her stellung eines innigeren ContactcS mit dcL Wählerschaft, wurden einem sicbengliedrigcn Comitö zur raschesten Durchführung übertragen. Dic anwesenden Gcmcinderäthc erklärten, daß für diePicebürgermeisterwahl ein strammes Zusammenhalten aller dem fortschrittlichen Verbände angehörigen Mitglieder zu gewärtigen sei. Ebenso dürfe erwartet werden, daß die Mehrzahl der „Wilden" für die Wiederwahl des Dr. Richter zum Viccbürgermeister stimmen werde; dic fort schrittliche Partei könne also in diesem Falle mit Zuversicht auf 72 Stimmen rechnen. Man thäkc aber, meinen wir, im liberalen Lager gut, wenn man so streng auf Verschwiegenheit hielte, wie dies die Antisemiten thun. Tie Letzteren, die seit etwa zwei Jahren ihr Ecntral-Hauptguarticr im „Hotel Hammcrand" ans geschlagen haben, mußten ihrem Führer Tr. Lueger durch Handschlag 'geloben, über alle Vorkommnisse, Beschlüsse :c. das tiefste Stillschweigen zu beobachten, und in der That ist dieses Gclöbniß bis auf einige wenige Ausnahmen strenge eingchalten worden. Kurz vor de» Gcmeinderathswahlen ging zweien Mitgliedern des großen antisciniiischcn Agitationscomit'is in ihrem Ucbercifcr denn doch der Mund über; sofort verfügte der Führer die Ausschließung beider Plauderer,, und nur der Vermittlung des Prinzen Liechtenstein hatten sic cs zu verdanken, daß sie nach cincm neuerlichen Gelöbnisse in den Geheim club wieder aufgenommen wurden. Von den beiden Begnadigten, einem Seifensieder und cincm Schlaffer, soll, indessen der Erstcrc rück, fällig geworden und nun rettungslos verloren sei». , (Beim „gcmüthlichcn Schwabe»".) Man schreibt UNS: Am 1. Mai trat in das dem Georg Peter gehörige Gasthaus „zuIII gcmüthlichcu Schwaben" im IX. Bezirk, Marktgaffc 16, etwa gegen 6 Uhr Abends ein alter Jude, der Regenschirme feil bot. Das Local war dicht gefüllt und der Hausirer schritt von Tisch zu Tisch, .in der devotesten Weise seine Waare fcilbictcnd. Im zweiten Zimmer, dem sogenannten Extrazimmer, saßen an einem Tische der Schuhmachermeister Josef Kurfürst und der Schloffermeistcr Franz M u l i k, ein Sprachlehrer und eine ältere Frau mit einem etwa zchnjährige» Mädchen. Als der Hausirer sich diesem Tische näherte, sagte das Kind: „Schau, Vater, da is scho wieder a Iud!" Mulik rief den alten Mann zu sich, riß ihm das Bündel Regenschirme, etwa 6 bis 8 Stück, aus der Hand und warf cs durch das offene Fenster apf die Straße hinaus. „Ta Judcnh . . d, hol dir deine Schwindclmaar', Gauner elendiger!" Starr vor Schrecken stand der arme Jude di. Das kleine Mädchen lachte und klatschte wie wahnsinnig vor Freude in die Hände, während der Schuhmachermeister Kurfürst dem Hausirer einen Stoß gab, daß er zu Boden stürzte. Der Wirth eilte aus dem Schankzimmer herbei, half dem alten Mann wieder auf die Beine und forderte dic rohe Gesellschaft auf, sofort sein Local zu verlasse». Ein Kellner hatte mittlerweile die Regenschirme von der Straße geholt und gab sie dem Hausirer. Ter im selben Zimmer sitzende •- Fleischhauer Johann St üf fiter fragte: „Was kosten die Schirme'?" ✓50 Kreuzer per Stück," antwortete der Hausirer mit zitternder Stimme. „Ta hast einen Fünfer und geh z' Haus, glaub' aber ja nit, daß alle Leut' in Wien so Flegeln sein wie die zwa sauber» Herrn dort." —r. <

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