Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 160 (28.4.1895)
- Date
- 1895-04-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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4 Freies Blatt Aboimemeiits-reiS. ^ftr Oesterreich-Ungarn: Auui.ibrhi.K Kronen (st. 2.50) .. 3 Kronen fl. l.W») ^ür )a-^esainmte Au-land: - "Uavrig.0 Warf Viitiähria ..3 Mark 50 Ps. * Einzelne Wummern 6 kr. •lufraijfirle Briese'werden nicht angenommen Organ zur ^Ibwel^r des ^Intisrmitismus. Erscheint a» jedem Sonntagc. ^tcörtctioii »nd ALiiiinislralioii: I. Scilcrftiittt io. Inserate werdcn mit 20 Heller;l‘> kr.) für bic.t>L; mal gespaltene Wonparcilfeieile kerechnct. Kleiner. Anzeiger daS Wort 4 Hell«/ (2 fr.). An'nalpne von Inseraten in unserer AVrninistration sowie im Annoncenbureau W. L ukcS.!. L^oUzette *• Kummer 100. Wien, 215. ^pril 1895.? ' IV. Jahrgang. (yur L.age. TaS EoalitionSministerium wurde bei seiner Berufung von t;riv zwar nicht mit besonderer Begeisterung, aber ininicrhin als im Zeichen der Besserung begrüßt. Wir waren der Meinung, daß eine Negierung, welcher der ■ hervorragendste Führer der denlschlib.ralen Partei angehörl, nicht eine Politik verfolgen könne, die ,uir eine Schädigung und Kaltstellung deö stiberaliömuö im Staateiibeit hinarbcitet, daß antiseinitische Bestrebungen, derdn Endzweck die Beseitigung der rijhmrcichstcn Schöpfungen deö deutsch öfter . rciclnschcn stiberaliömus, der Staatsgrundgesetzc und der freien irinilf, ist, nicht auf ^die Eonnivcn; deö Eoatitionöininisterüimö zahlen können. In dieser Meinung wurden wir bestärkt, alö daö Äinistcrinm am 2;>. November 1803 in beiden Häusern deö MabsralhkS sein Programm entwickelte, und unter den Gesichlöpmikleü, von welchen eö sich bei der Führung der öffentlichen ör. schäfte leiten lassen will, auch eine kräftige, auf der Höhe der Zeit snh.nde Bcrwaltung sowie die entschiedene Abwehr aller de» Frieden ' des Staates und die allgemeine Wohlfahrt störenden liiimnuc mit besonderem Nachdrucke betonte. Unsere Zuversicht wurde aber bald erschüttert. Zunächst kam das Trgan deö Grafen Hohenwart und beruhigte die chriftlichii..n!i’!i Brüder, indem eö bcthcucrte, daß eö dem Eoalitivnöiniiiiftcrium ferne liege, sie alö friedcnstörendc Elemente anziiüln.n. Mur? nachher empfing der neue Ministerpräsident eine Tcvulätion deö Bereincö zur Abwehr deö AntisemitiömnS, die dun Wunsche Ausdruck gab, "daß die Negierung diejenigen lik ineme in die gesetzlichen Schranken zurückweisc, welche den zwischen den christlichen und jüdischen Staatsbürgern bestehenden Frieden tu stören suchen, und daß strasbare Aufreizungen zu Feindselig luten gegen Bolköstämme, sticligionögcsellschaftcn und einzelne '-■■'.•iiftu der bürgerlichen Gesellschaft sowie Beleidigungen vom Llaale anerkannter uirchcn und Ncligionögcnossenschaften auch denn alö solche angesehen und geahndet werden sollen, wenn sic sich g-geii die jüdische Religionögescllschaft und die Mitbürger jüdischer "l'fq'iiüii richten. Kühl biö anö Herz hinan erwiderte der Herr Ministerpräsident, daß die Regierung auch der mosaischen Re ligionsgenossenschaft, deren Mitglieder der Pcrcin geschützt wissen wi.j, erforderlichen Fallcö den gesetzlichen Schutz werde angedeihen lassen. Einige Wochen waren verstrichen, und eö trat der > n ächtigte Fall Deckert ^iii. Deutsch-liberale Abgeordnete sahen sich veranlaßt, diesen Fall in einer Interpellation zur Sprache zu 'ringen, und erhielten nach geraumer Weile vom Cabinelöchcf eine Unlwort, welche sich des ungetheiltcn Beifalles der antisemitischen Presse erfreute. „Der Herr Ministerpräsident hat sich über die liberalen Fragesteller lustig gemacht!" — rief schadenfroh daö Vrgan der deutsch-nationalen Antisemiten.aus, und in diesen Ruf stimmten andere antisemitische Blätter ei», ebenso di» Hetzredner in unterschiedlichen Bersammlnnge». Die Wahrung deö Besitzstandes der Deutschstiveralen, welche als eincö der Hauptziele derEoalition angegeben wurde, begegnete indessen ungeheuere» Schwicrigkeilen. Ein halbes Tuvend Zlovcnen fand mehr ofsieiclle -Beachtung alö die größte. Partei deö Abgeordneten hanseö. Mit großer Mühe und Noth war es geglückt, d»rö steobncr Reichöraihsinandat, welckcö durch däö Ableben deö Dr. Heilsberg erledigt war, der liberalen Partei zu erhallen. Fn Tjrol ging aber ein standtagömaiidat an die elcricalen Eoalilionsgenosfen verloren, und in Salzburg bcniächliglen si»ch die Ultramontanen im Bunde mit antisemitischen' Eoalitionögegnern der Stadtverwaltung. Fn der Rcichöhanplstadt verhalfen znmeist slavij»che Beamteeinem Knappen Schönerer'ö zu einem 'standtagsmandatc und den Ehriülich Sociale» zu einem solchen Siege über die denlstch liberale -Bürgerschaft, daß nun der Eommiinalverwallung die Gefahr droht, in antisemitische Hände zu geralhcn. A'och Schlimmeres ereignete sich in der Landeshauptstadt von Tbervstcrrcich. Bei den dortigen Gcmcindewahlcn im dritte» Wahlkörper erlitten zwar die „Katholisch.Eonscrvaliven", unter denen' sich auch der Gönner der Ehristlich Socialen, Herr Ebeghoch, befand, eine beschämende Niederlage. Eö wurden aber drei deutsch nationale Anlisemit-eu. und ngr zwei stiberalc gewählt, unddas Traurigste an der Sache ist der Umstand, daß viele liberale Wähler in der Zurückstellung ihrer Principien so weil gingen, für die antisemitischen Eandidalen zu stimme». Während all di»ö geschah, unlerstüi-ten die Berlreter der deutsch-liberalen Partei im Abgcordnetcnhanse, wie ein liberales Tiroler Blakt hervorhob. gesetzgeberische Aete, welche mit dem freiheitlichen Grundgedanken unserer SlaalSverfassuug im Widerspruche stehen, und ließen schweigend eine Handhabung der Llaaiö- Verwaltung sict> vollziehen, welche die ivichligsteu staatsbürgerlichen Rechte cinengt oder ganz ignorirl. Angesichts dieser Sachlage sah sich d.er Elub der Bereinigien deutschen stinken bcmüssigt, gleich in seiner ersten Sitzung nach den Osterferien folgende Resolution zu fassen: „Fm Hinblick ans mehrfache Porkommnisse und Erscheinnnge.n der jüngsten Zeit und in der Erwägung, daß die politischen und wirlhschaftlichcn Ans gaben der Eoalilion dringend der stösuug bedürfen, erneuert die- Bereinigte deutsche stinke den Ansdruck ihrer Neberzeugung, daß die Partei in geschlossener Einigkeit innerhalb und außerhalb des .Parlaments unverbrüchlich an ihren freiheitlichen und mrtionalen Principien feftzuhaltcn hat. Gleichzeitig spricht sie ihrem alt bewährten Führer Dr. v. Plcner ihr volles Bertraucn anö und erwartet mit Bestimmtheit, daß die Regierung bie'i» ihrem Pro gramme vom L3.?cvvember 180."« ausgesprochenen Grundsätze ihrem vollen Umfange nach vcrmirklichen werde." Eine jtlärumz der Situation führtdiese Kundgebung allerdings nicht herbei