Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 159 (21.4.1895)
- Date
- 1895-04-21
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. F r'eies i? 1 a 1t. Nr. 159. stillen, so feiten besuchten Wohnsitze? Geblendit von der weiten Schneeflüche, bedeckte der Baker seine Augen mit de> Hand und forschte spähend nach der Richtung hi», von welcher dir Reiter herankamen. „Tas sind die Polen!" rief er plötzlich. „FroSwitlha, dein Bräutigam kommt!“ Sie halte sich rasch erhoben, und eine glühende Rothe schoß in ihre Wangen. Sie fühlte, wie ihr das Her; bis;n»i'Zerspringen pochte. Jept sollte sich ihr Schicksal entscheiden! Ter nächste Augenblick sollte ihr den Mann bringen, dem sie vom Geschicke zur Gefährtin ans erkoren! Käst gleichzeitig mit dem (Gefährte waren die Reiter vor der Schloßtreppe augelangt. .Gott zum Gruße. Willkommen in meinem Hause!" rief der Pater Froswithens, indem er sich von seinem Sitze erhob und der Tochter aus dem Wage» half. » ..Bogdan grüßt Euch, wackerer Greis, und Euch, schöne Jnngfran!" erwiderte eine tiefe Stimme aus der Reihe der Reiter, und ein Mann sprang vom Pferde herab und trat auf den Baker zu, der seine 'Hand kräftig schüttelte und ihn mit freundlichen Worten begrüßte. Froswitha aber war betroffen zurückgekretcn und starrte den Man» - an, dem sie fortan als treue Genossin angehören sollte, dem sie folgen sollte in die weite, weile Kerne. Tas also war Bogdan! £iefej unansehnliche Mann mit dem lang herabwallenden schwarzen Barte und den kleinen, funkelnden Augen: das war das Ideal ihrer Jugend? Ja, klein und unansehnlich war er, und sie selbst, die. doch ilnem Baker kaum an den '.Hals reichte und wahrlich nicht die größte unter ihren Kreuudinueu war, überragte ihn und mußte sich beugen, als er sie aut dw Stirne küssen wollte. Aber als er dann beim Mahle berichtete von der Macht, die er in Polen besitze, von den ausgedehnten Gütern, die er beherrsche, da gedachte sie der dürftigen Berhältnisse daheim bei den Ihren, und sie entschloß sich willig, ihm die Hand zu reichen, 'und verließ Baker und Heimat. Tann kam die lange und oft beschwerliche Reise mitten unter de» polnischen Edelleuten,, den Genossen. ihres Mannes, die ebenfalls — wie Bogdan — auf dem Rückwege begriffen waren von der Belehnung am Hose des Kaisers Anfangs chatte sie das Kreindartige dieser Männer angezogen, und sie halte Gefallen gefunden an dem ursprünglichen, ungebundenen Wesen der Meisten. Bald aber fühlte sie sich abgestoßen von Ihrem wüsten Treiben und zog sich immer mehr von ihrer Gesellschaft zurück. Tann gedachte sie deS räthselhaften Kampfes a» der.polnischen Grenze, von dem sie freilich nichts vernommen hatte als Schwertrrgeklirr und laute zornige ■ Rufe, und denen Ursache ilrr Bögdan niemals vcrrathen wollte, und schließlich der Ankunft in Oswielice, wo der Ueberfall Conrads den schönen Empfang zunichte machte, lieber -ein Jahr war seit jener Zeit verstrichen, seit jenem Unglückstage ihrer Ankunft. Wie nur toreier unbesonnene Jüngling hieherkam! Noch kur; vor ' ihrer Abreise' Halle sie ihn bei dem Schlöffe des Bakers gesehen, wie er unter ihren Kenstern stand und tirftraurig und vorwurfsvoll zu ihr Innaufblickte. Und damals bei ihrer Ankunft in dem neuen, fernen Heim war er wieder da und brachte tollkühn um ihretwillen sein Vebe» in Gefahr! War er ihr,aus dem Kuße gefolgt? War er ihr nachgezogen von Thüringen her, ivo das heimatliche Schloß sich erhob, bis bieder nach Oswielice? War er unter die Sklaven Bogdans gegangen, um ihr, die er so liebte, stets nahe zu sein? Kannte sie ihn doch »ou jeher als heißblütig and stürmisch, und er hatte ihr daheim oft gmug zugeschworen, er werde. sich das Schwert in die Brust ffoßen, wenn seine treue, heiße l'icbe nicht Erhörung linde. Und jetzt baue er sich in jammervolle Sklaverei, gestürzt um ihretwillen, war ein leibeigener geworden, was doch nicht viel mehr ist als ein elendes Laütliier! Ja, er war wohl ihres tiefsten Mitleids würdig der unglück- . liehe Jüngling, der das goldglänzende Wams des Edelmanues mit dem härenen Gewände des Sklaven vertauscht - hatte, um seiner geliebten Kvvswitha nahe zu sein. Mitleid empfand sie für ihn, für den Gespielen ihrer Kindertage, sogar tiefes, inniges Mitleid, aber lieben — nein, lieben konnte sie'ihn nicht, ebensowenig wie ihren Gatten. ne überhaupt lieben könne? Wirklich und wahrhaftig lieben mit ihrem ganzen Sein, mit jeder Kaser ihres Herzens? £, sie könnte es wohl, aber da müßte der Mann kommen, den sie ersehnte, das Ideal, das sie ffch gebildet hatte in den Träumen ihrer Mädchentage, der große,! edle, ritterliche Manu. keiijf unreifer Jüngling und kein — T och. was war das?! Bom Torfe heraus erscholl ein seltsames, ungewöhnliches (Geräusch,! "'und stärker und immer stärker werdend schlug es wie das Tosen! brandender MeereSwogen an KroSwithenS Ohr. j Sie beugte sich über den Söller herab und blickte in die Tiefe.! Ta sah sie eine zahlreiche Menge versammelt, Männer und Krauen, , und das Bolk wogte auf und ab auf dem Markte des Dorfes, leer standen die Felder, verlassen waren die Geräthe, unbewacht die Pferde und Alles drängte sich geschäftlich auf dem sonst so leeren Plape zusammen. Zahlreiche Gruppen hatten sich gebildet, und Froswitha bemerkte, wie einzelne von den Bauern lebhaft gesticulirend -zu den anderen sprachen. Eine große Erregung — sie sah eö — hatte sich der Bewohner von Oswielice -bemächtigt. <WaS konnte es sei», daS die Bauern von ihren Feldern trieb, daS die stillen und arbeitsamen Krauen bewog, ihre Häuser zu verlassen und auf den Markt hinaus zu treten? Was war es, das die unterwürfigen Leute in solch ungewohnte Aufregung versetzte? Warein Unglück geschehen? War ihre», Gatten etwas zugestoßen? * Ta öffnete sich die Thüre, und Bogdan trat herein. ^„FroSwitha," sagte er, „der Herzog ist gestorben." B i e r t e S E a p i t e 1. Ein harter Winter war ins Land gegangen, und selbst der Frühling vermochte oll daS Eis nicht hinwegzuschmelzen, daS sich auf den weiten Ebenen und ragenden Bergen angesammelt hatte; jetzt aber war hie Sonne hervorgebrochen und hatte die schlafende Natur neu belebt. Auf Polens Thron war nach dem Tode des Herzogs Easimir sein Sohn Boleslav II. gelangt, da er der Aelteste unter seinen Brüdern Wladislav, Miesco und Otto war. Tas Erste, was BoicSlav nach feinem Regierungsantritt unternahm, war, sich der Treue und Ergebenheit seiner Basallen zu versichern, sein Land kennen zu lerne». Und er begab sich, nur von einem kleinen Gefolge begleitet, ans die Reise, um in den Burgen und Schlössern seiner Edlen kurze Rast zu halten. Bom Wartthurme der Burg Oswielice ertönten Hornrufe und verkündeten, daß von der Landstraße her, die man weit hinaus über sehen konnte, sich jemand dem Schlöffe nähere: eö war ein Trupp Bewaffneter, deren Rosse eine gewaltige Staubmasse aufwirbelten, durch die man aber trotzdem das Blitzen der glänzenden Rüstungen der geharnischten Reiter sehen konnte. Beim Näherkommen der Eavalcade unterschied man deutlich, daß sie ans zwei Rittern und deren zahlreichem Gefolge bestand. Als die Reiter in Hörweite des Schlosses vor der versperrten Zugbrücke angekängt waren, stieß einer von den Knechten ins Horn, und nachdem das Signal vom Thurme erwidert wurde, ritt ein Anführer vor und rief: „Bermelde deinem Herrn Bogdan, der Herzog begehre Einlaß als Gast, als Freund!" Sofort wurde ein zweites Signal vom Wartthurme her vernommen, die schwere Zugbrücke senkte sich ächzend, und die Gäste überschritten das Einlaßthor! Hier empfing sie Bogdan, und indem er sich tief vor dem Herzoge verneigte, hielt er die Steigbügel, um seinem hohen Gaste aus dem Sattel zu helfen. Leichtfüßig sprang der junge Herzog vom Pferde, dann näherte er sich Bogdan und umfaßte ihn herzlich. „Seid willkompien in meinem Hause, hoher Herr," sprach Bogdan, iirdein er an deS Herzogs Seite durch den Schloßhof schritt. „Euer Besuch gereicht mir zur höchsten Ehre, und der Augenblick, in dem eS mir vergönnt ist, meinen Fürste» zu begrüße», wird der schönste meines Lebens sein." Ter Herzog nickte mit gewinnendem Lächeln und schritt vom chloßherrn gefolgt in die Gemächer, die er während seiner Anwesen heit in Oswielice bewohnen sollte. Unterdessen war das Gefolge ebenfalls abgeseffen. Knechte über nahmen Roß und Reiter und begaben sich in das Innere.des Schlosses: im Hofe aber war es stille geworden, denn die Mmangekommene» hatte» sicherlich Bieles und Interessantes zu erzählen von ihrer weilen Reise und der fernen Hauptstadt. Bogdan hatte den Herzog verlasse», der noch eine Weile ruhen wollte vor dem Mahle. Um die Mittagsstunde hatte sich dann die Gesellschaft, bestehend auS dem ritterlichen Begleiter des Herzogs, dem Schloßgeistlichen und einigen Edelleuten aus der Nachbarschaft, in der Speisehalle versammelt. Man erwartete die Ankunft des hohen Gaues, den Bogdan von seinem Wohngemach zu holen ging. Ter Speisesaal war im Erdgeschosse der Burg gelegen; schwere, eichene Sessel standen um den viereckigen Tisch, der in der Mitte des Saales sich befand; an der Spitze desselben mit dem Ausblicke gegen die hohen, bunt bemalten Fenster befand sich ein etwas erhöhter Lehnstuhl, der im Gegensätze zu den anderen mit kostbarem Stoffe bekleidet war und auf dessen Rückenlehne das polnische Wappen prangte; rings umher an den Wänden fesselte das mannigfachste Geräthe de» Blick — Jagdtrophäen wechselten mit Waffen, glänzende Rüstungen sandten ihre Hellen Streiflichter und glitzerte» in der Sonne. ,t,>orrsc>sunq wl.ii.) > -