Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 157 (7.4.1895)
- Date
- 1895-04-07
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. .freies Blatt. Nr. 157. ganvir Größe über die Wolken hinaus und alhincii unter einem blauen Himmel eine reine und strahlende ZRft. Das ist es, waS ich Len^ Franzosen von Deutschland, was ich den Deutschen von Frankreich gesagt." „Deutschland," schrieb Börne, „bildet die Gebirgskette, welche sie Zivilisation von der Barbarei, die Franzosen von den Kosaken irennk. . . Deuischland allein kann Frankreich von der traurigen Wahl zwiichen dem populären und monarchischen Despvlisinus reiten aber unglnckiichepweise wurde diese ZRge der Dinge von den. Franzosen jeder Meinung und jcd.r Partei seit säst fünfzig Fahren verkannt... Zein i Deutschlands) Tag wird ko m men... Alsdann wird Frankreich, welches sich über nichts mehr verwundert, dieses Frankreich, welches in drei Tage» das mühsame Werk eines Fahrhunderls aus dem Stegreife vollbracht iind ausgchört hat, sich über sich selbst zu erstaunen — cs wird sich über das deutsche Volk erstaunen, und dieses Erstaunen wird nicht bloß Ueberraschung sein, sondern Bewunderung. .Frankreich sollte endlich Deutschland, diese Quelle seiner Zukunft, kennen lernen: es sollte sich endlich überzeugen, daß cs sich nicht selbst genug und nicht alleiniger Herr seines Schicksals ist. Für die Freiheit kämpfen, das heißt noch nicht frei sein, das heißt nur z'.iaen, daß man der Freiheit würdig sei. Gin Bolk, das Tag und Nacht seine Freiheit bewahren muß, ist nicht frei - wie ein Mensch, der aus seine Gesundheit Acht haben inuß, nicht gesund ist. Frankreich hat in nicht weniger als fünfzig Fahren das Veden von fünf Fahrhunderlcu verbraucht: cs ist groß und bewunderpugs würdig, aber sein Ruhm Hit keine Früchte getragen." Börne hielt von frühe an sein Auge ausmerksam auf Nuß-- lauds Bordringen in Gurova gerichtet. Gr wies auf die ungeheure Geiahr hin, die für unseren Weltthcil aus der Grobcrung Kon stanuuopels durch das Zarciithum entstünde. Gr bezeichncte die Türkei als „das eiserne Gitter, welches Guropa vor den wilden Thiercn Asiens schützt", und er sagte: „Und ihr wagt, es durchzubrechen?" Veble Börne heule noch, wie hätte er den neuesten ■ französischen Nusiculaiiincl von Kronstadt, Toulon und Paris aegeißelt! Aber Pllifesior Psteiderer meint über die Dreißiger Fahre: „Man wurde glcichgiltig in nationalen Dingen. Doetrinarismus, der auf fremde Muster sich d-.rief, und valerlandsloies Well büracrlhum fanden Anklang, Die revolutionären Polen, die ärgsten Feinde des Deutickuhunis, wurden gefeiert." Darauf werden daun iclbsivcistandlick, als Ausbünde 1 aller Schlechtigkeit, die jüdischen ■viieranit Heine und Börne vvrgcführt Also Heine, der das grimmig satirische, politisch jedoch wenig mustergiltige Vied von den „Zwei Rittern" gedichtet hat: „Kra pulinski, iir.D Wa'chlapski, Polen aus der Polakei" — er war. ein solcher Schwärmer für das Polenthum? Doch was verlangt Brefenor Psteiderer eigentlich? Daß man sich 1*30, statt für die ruhmitiche Grhebung der Pole» in Rußland, der das ganze gebildete und freiheillicbeiide Guropa zujauchzle, für die russische Autokratie und den Zaren Nikolaus, brr*!“-:?.'» durch das Blut der eigenen nach Berfassuiigsfrciheit ringenden Unierlhauen zuin Throne gelaugt war, Hütte begeistern sollen? Warum müssen denn Deutschland, Qestcrrcich Ungarn und Ftalieu seit vielen Fahre» eine immer wachsende Heereslast tragen? Hat sich das Farenthum mit seinen an die Grenzen Mittel Guropas vor geichobeneii Truppcnaiihäufungcit nicht als einer der „ärgsten Feinde des Deurfchthums" erwiest'»? Man konnte 1"3<) ebensowohl, wie 1 *«>?>, auf T utichlands Recht und Besitz in feinen Qstmarken bestehen und doch den Aufständen in Ruistich Pole» gute» Fortgang wünschcir. Fm Uebrigeu möge Professor Pfleiderör sich ercniur», daß das Geichlecht, welches de» „jüdischen Viteraten" Börne als einen Mitkämpfer für teul'chcs Berfastungsrecht, für naiivuale Bolksverlreluug, für Abschaffung der Gcii'ur, für Ginfübrung von Geichworiieiigerichiem und i'onstigcr Freiheiteii anerkannte, im Fahre 1^4^ kein Klein-Deutschland, sondern ein t^csatnini-Deutschland :ur rosiliig nahm. Auch sei nicht vergessen, daß, gleichwie Schleswig, io auch Qst und Westpreußc» und Posen erst durch di» Revolution von 1*4* zum Deutschen Bunde gelangten. Wie Tchleewig dann.durch königlich preußische Politik uns bis I>*«>"> wieder vcrlorcn ging, und was 1 *•>•'> aus fast einem Drittel unseres Bakerlaudes wurde, das braucht ja nicht näher ausgeführt zu werde». In einem io verkleinerten, in eine Anzahl Staaten zerspaltcnen Deutschland können wir jedenfalls iiicht mit Professor Psteiderer „den Traum der deutschen Ginheil verwirklicht" sehen. Borne wä.e da sicherlich lerselöeu Meinung gewesen. DaS „Junge Deutschland", unter dem — wie Börne bemerkt — doch nicht ein einziger Jude war, wurde einst von Herrn von R a u m e r, wie von Wolfgang M c n z c l, der Baterlandslosigkeii, des flache» KosmopoliliSmus beschuldigt und von den Mitglieder» desselben und den politischen Flüchtlingen fälschlicherweise behauptet, sic seien dem deutschen Bolke nicht entsprossen, sondern Abkönini linge eines fremden Stammes. Da schrieb Börne: „Wen» ich bemerkte, daß fick unler den dcutschen Flüchtlingen keine Juden bcsinden, so geschah.es gewiß nicht, die Juden darum zu loben; daS Gegeutheil wäre besser. Aber enlschuldige» muß ich sic. Der Jude kann einmal dumm sein, aber. zweimal ist er cs selten. Gs hatten eine große Menge Juden' -gegen Napoleon di: Waffcn ergriffe» und für die Freiheit ihres deutsche» Baicrtandeö gekämpft. Doch als sie unter de» Liegern zurück gekehrt, wurden sie gleich wieder unter die Helotcn gesteckt, trotz der gcrühinlcn deutschen Tr>uc and Rcchtlichkeit. Ja, man wartete nicht einmal überall, bis sie znrückg-k-hrl. GS geschah in Frank furt, daß. während die jüdische» Freiwilligen im Felde waren mau ihren Bätern zu Hause die bürgerlichen und politischen Rechte wieder entzog, die sic unter dem Ginflusse der französischen Gesetzgebung genossen hatten. Damals, als ich noch jung war und eine größeie Vebeuszcil zum Hoffen vor mir hatte, kam mir die sache komisch vor. Mein eigener Bruder war unter den Frankfurter Freiwilligen »ach Fraütreich gezogen, und während' meine Mutter in Angst und Küinnierniß war, ihr geliebter Philip» — so heißt er, ich bitte seine Majestät den König von Preußen ganz unterlhünigst um Gnlschuldigung — möchte für die deutsche Freiheit tvdlgeschvsseu werden, entsetzte mau mich meines Amtes, weil ick, ein Jude war. Darum haben die leicht gewitzigten Inden an de:, Freiheitsbewegungen, welche nach der Juli Revolution in Dcutich land stallsanden, nur geringen Aiuhetl genoininen . . . sie dachte», wir wollen abwarlcn, was die suche für ein Gnde nimmt: wen» die Freiheit siegt, haben wir immer noch Zeit, uns als Palrivlcii zu melden." Menzel, der einst selbst über Börne sagte: „Deutschland sei seine Braut, und wenn er cs hart ansahre, so sei das nur das schmollen des Viebendcit"; Menzel, der vordem gemcint hatte: „Börne zu tadeln, läute ihm vor, wie von der Polizei zu sein": Menzel wollte später Börne halb entschuldigen, indem er schrieb: „Fn Frankfurt am Main, wo der große Goethe als Patricicr kind aufgehätscheli wurde, kam ein kleines, kränkliches Kind zur Welt, der Jude Baruch. schon den Knaben verspotteten die Ghristeukiiider. Täglich sah er an der sachsenhäuser Brücke das schändliche Steinbild, das Juden vorstelll, auf das Anstößigste gruppirl mit einer sau. Der Fluch seines Bolkcs lastete schwer auf ihm. Als er auf Reist'» ging, setzte man ihm höhnisch in den Paß: .liiit' ,!,> Ki am-fort. Bi» ich nicht ein Mensch wie Andere? rief er aus. Hat Gott nicht meinen Geist ausgestaltet mit jeder Straft, und ihr solltet mich verachten dürfen? Ich will mich auf die edelste Weise rächen, ich will euch kämpfen helfen für euere Freiheit." Dazu bemerkte Börne: a „ Das wäre Alles sehr schön, wenn es nur wahr wäre; ja, würde mich freuen, wen» es wahr wäre; aber so ist cS nicht. Nie glonit» auch nur ein Funke des Hasses gegen die christliche Welt in meiner Brust; denn ob ich zwar die Berfolgung der Juden lange schmerzlich an mir selbst gefühlt und immer mit Grbittcrnng verdammt, so erkannteich 'doch gleich darin nur eine Form des Aristokratismus, nur eine Aeußerung des angeborenen menschlichen .Hochmuthcs, von de» Gesetzen, statt gebändigt, frevel Haft begünstigt. Ich stieg dann, wie gewohnt, zu der Quelle des Berderbcns hinauf, mich um seine Ausflüsse nicht bekünimernd. Nie habe ich mich für erlittend Schmach, nicht einmal auf eine edle Art, zu rächen gedacht. Und wie hätte ich eS auch vermocht seit den Jahren, da ich durch die Schrift zu wirken versucht Hätte ich lausend Dolche und tausend' trifte und tausend Flüche und das .Her; eines Teufels, sie alle zu gebrauchen — was könnte ich meine» alten Feinden denn »och anlhun? Lind sie jetzt nickil meine Glaubensgeuossen und Veidensbrüder? Ist nicht Deutschland der Ghetto Guropas? Tragen nicht alle Dcutschen einen gelben Vappen am Hnlc?" Das wird Jeder verstehen, der die traurige, schmachvolle Zeit der Unterdrückung erlebt hat, aits welcher die Umwälzung von kK4* erst eine Grlösung brachte. Börne wollte „für die Deutschen, für das gebildetste, geist reichste, tüchtigste und tugendhafteste Volk der Welt das fordern, was Portugal und Spanien, Frankreich und Gngland, Belgien,