Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 154 (17.3.1895)
- Date
- 1895-03-17
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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.frei** Blatt. Seite 9. > Nr. 154. HOtioneir da« Tebaele beschleunigen, nicht aber aufhalten werde. Loch mit solchen der einfachen Logik entspringenden Deduclionen wollen wir de» Autor,, dor doch in erster Reihe auf den Unverstand seiner Leser baut, nicht behelligen. Piel interessanter ist e« un«, daß die Antisemiten auf einmal die russischen Znstände al« ernst und besorgnißerregend ansehen und nachdrücklich vor zu großem Vertrauen gegenüber dem Nachbar im Osten warne». Ob wohl da« Uriheil lvenso abfällig ausgefallen wäre, wenn die russische Regierung di' Judenv.-rsolgungen nicht sistirt, Herr Witte keine Jüdin geheiratet und die russische -.".»leihe nicht an da» Finanzconsortium begeben hätte? , . ((vine Erinnerung an Julius Stahl.) Die „Xreuzzeitung" ichrieb uu dem Tage, an welchem sie die letzten Hetzreden der Ahlwardt, Förster, v. Langen und Genosien im Reichstage mjttheilte, da» Nachfolgende: „Zur Ermnerung an Ernst Ludwig v. Gerlach (geboren den 7. März 1795). ,Tas .wcdächtniß de» Gerechten bleibet in Segen? Ludwig v. Grrlach» Name ist sclieinbar schnell vergeffen worden; aber sein 1V0. Geburtstag darf in der „xreuzzeitung' nicht übergangen werden; denn die conservative Partei dankt wriig Männern so viel wie ihm, der, ein Charakter durch und dnrch, zusammen »nt Julin» Stahl sie begründet und jahrelang geleitet hat?' E« ist, bemerkt trejsend die Berliner „VolkSzeitung", hübsch von dem seudal-antiseinitischen Vl/ne. daß eS gerade an diesem Tage die Verdienste de» „Inden Stahl" um die. Begründung und Leitung der conservativen Partei in Preuße» rühmend trrvardebt. Rührend ist es auch, daß da» Blatt, welches noch vor wenigen Tage» außer sich darüber war, daß ein Dr. Josephson seinen Name» i» Metbausen umwandelte, die Lerwandlung des Namen» Schlesinger in T:abl mit dem Mantel der christliche» Liebe bedeckt. Daß die äußerste Rechte i>>. preußischen Herrenhauses sich den Namen „Fraetion Stahl" beilegte und daß die Büste Stahl'» in den Räumen de« Herrenhauses Ausstellung fand, wird lungeren Zeitungslesern kaum bekannt sein. . . . Wir glauben, dclß auch Herr v. bange» nicht« davon weiß, denn sonst hätte er schon wohl eine Agitation eingeleitet, um die Enlsernung dieser- „Judenbüste" zu betvirken. ,Eiu unparteiisches Unheil.) Han» v. Mosch hat im „Bundschuh" vom 97. Februar da» Wort ergriffen, um zu den antisemitischen Zwistigkeiten Stellung zn nehmen und sich Uber die «ampsesweise, die gegen Ahlwardt und Böcke! geübt wird, bitter zu beschweren; er schreibt: „Wenn nun schon der trainvs der führenden Geister recht schmerzlich und unerquicklich wirkt, so berührt die Art und Weise. >vie einzelne aus dem Troß den jtamps führen, geradezu widerwärtig! Bon Widerlegung ist da keine Rede mehr, sondern nur von Beschimpfung, vom Uriheil nicht, sonder» vorn blindem Haß, von Idealen nicht, sondern von den allerschmutzigste» Interessen! .. . Wen» man jetzt oft von Leuten, deren ganze» Verdienst um die Sache bisher im Grölen und Biertrinken bestanden hat, diese» und jenes Urtheil Uber ihn (Ahlwardt) hört, so hat' man geradezu das Gefühl, al» wenn eine Anzahl von schmutzige» Krähen über einen Adler zu Gericht sivt, der sich die Schwingen gebrochen hat!! Undank ist der Welt Loh», und die deutsche Treue sangt an zu verjuden!! —" Das Bild,' welche» Herr v. Mosch von den Schildträger» und Troßleuten des Antisemitismus entwirft, ist bi» auf den Vergleich AKlwardl'S mit einem Adler (Geier wäre schon besser) zutreffend. Wir wissen nur nicht, war e» diese sittliche und geistige Verrohung des deutschen Volke», »ie den Antisemitismus überhaupt möglich machte, oder ist .diese Vergemeinernng eine Frucht und Folge de» Antisemitismus; jedenfalls liegt nicht» Merkwürdige» darin, daß sich nun die von den Führern so oft gegen die Jude» anempsohlene Methode, bei welcher „von Widerlegung keine Rede mehr ist, sondern nur von Beschiitipsung, von Urtheil nicht, sondern von blindem Haß, von Ideale» nicht, sondern von den allerschmutzigsten Interessen" — »un gegen die Erfinder selbst wendet, und daß die Herren nun am eigenen Leibe zu fühlen bekommest, wa» sie Anderen zugedacht haben! Wohl bekomm'»! Feuilleton. , ' Heinrich Heine und Dev Hiclbbi von Wclchcrvcrch. Von Gustav Karpeles. (it. Fortsetzung. sLchlustst Mit aller Mühe und trotz eifrigen Suchens habe ich nur wenige größere. Fehler in der Darstellung finden können. Unrichtig jcheint mir der Angstruf der schönen Sarah zu,sein: „Schadai, voller Gnade!" 73) Auch ist es nicht aus jüdischem, sondern aus heid- ») IV.232 ff. nischem Geiste heraus, wenn der Rabbi das silberne Waschbecken in den Rhein hinabwirft mit der Motivirung: „Damil iinö daS litt glück nicht verfolge, habe ich ihnen das letzte meiner Habe, das silberne Becken, zur Versöhnung hingeworfen." Unrichtig isl cs auch, daß Heine den biblischen Bericht über die Opferung Isaaks am Passahfest in der Synagoge verlesen läßt, während, diese Borlejuug^thatsächlich nur für den zweiten Tag des Neujahrsfestes vorgcschrieben ist,") und endlich, daß er beim HerauSheben der Thora-Rollen aus der Lade den Borbeter einen schönen Psalm singen läßt. De» schönen Psalm hört man vielmehr beim ZnrücksteUen der Thora- Rollen nach der Borlesung aus derselben. Ebenso ist cs falsch, daß „aus der geöffneten Pergamentrolle in jenem singenden Tone, der. am Passahfeste noch ganz besonders modulirt wird",75) vdzgelesen wurde. Die besondere Modulation findet sich nur an den beiden Rcujahrstagen und bei dem MorgengolteSdiensie deö BcrsöhnungötägeS, während sie an de» anderen Feiertagen dieselbe ist wie an den Sabbathen. Fast scheint es, als hätte der Schalk, der ja die alten Bräuche so gut kannte, die Opferung Isaaks absichtlich nur deshalb hineingcbracht, um seine bekannlcn Witze daranzuknipsen. Aber waS bedeuten alle diese kleinen Fehler und Irrthnmer gegenüber der großen historischen Auffassung des Ganzen? Der Geist der jüdischen Geschichte halte sich ihm offenbarl, und er ahnte in dem Helden- und Märtyrcrzng dieses Volkes durch die Weltgeschichte eine große, sittliche Mission. Darin liegt vor Allem die. Bcdelltung des „Rabbi von Bacharach". kl ad auch seine Hoffnung, daß ihm diese geistige Rüstung auch i» Zukunft zu statten kommen werde, ist in Erfüllung gegangen. Durch sein ganzes,Leben folgen ihm jene Erinnerungen heiterer oder wehmüthiger Art,7") und knnner und immer wieder hören wir aus Scherzen und Klagen, aus Liedern und Worten die tiefen Töne der Trauer, die Melodien jeneö altersgrauen Judenschmerzes, der zwar nur eine einzelne Provinz im großen Reiche des ^Weltschmerzes bildet, der uns aber doch Heine'S Herzeusvorhang anfdeckt und deutlich zeigt, wie er im letzten Grunde immer nur ei» armer Nazarener geblieben, der sich zwar in glücklichen Stunden gern zum sonnenfrcudigen Hellenen ausschwinge» wollte, der aber doch, selbst als ihn dib Wogen. des Judenhasses nicht mehr so stark umbrandeten, das Leid seiner unglücklichen StanimcSgcnossen nimmer vergessen konnte. Und immer, so oft ihn jene Stimmung der. Wahrheit überkai», aus der sein „Rabbi" hervorgegangcn, gestand er cs sich selbst ein, daß auch er im Grunde nur ein spirilualistischer Jude sei, und daun entströmte seinem Herzen das offene Ge- . ständniß: „Wenn ich am Tage wohlbeleibt und lachend dahinwandle durch die funkelnden Gassen Babylons, glaubt mir's, sobald der Abend herabsinkl, erklingen die wehmüthigeu Harfen in meinem Herzen, und gerade dcS Nachls erschmclleru alle Pauken und Eymbcln des Schmerzes, der ganzen Janilscharcnmusik verhaltener Quell, und cS steigt empor der entsetzlich gellende Mummest. schanz..."77) ") Itz. 24»;. ») Ib. 251. ,A) Vgl. Alfred Meißner, EharaklermaSken, Bd. II., S. 17«!, wo die'er er erzählt, daß Heine sich »och in den letzten Lebensjahren mit der Idee trug, einen mehrbändigen Roman zu schreiben. „Jr.halt desselben sollte — charakterislisch genug — die Geschichte der Gräsin^xosel sei». Nicht nur die Scenen des üppigen Hoflebens inochten ihn zur Schilderung reizen, aus seine Phantasie wirkte besonders da» Ende der Gräsin. die, wie bekannt, in ihrer Gefangenschaft auf dem Schlöffe Slolp eine Hinneigung zum Judenthüme fühlte, nnd dort ähnlich wie Lady Esther Stanhope in der Wüste des Libanon lalmudöche Weisheit zu ftudiren begann. So traten die zurückgedrängien Mächte des Glauben«, die Erinnerungen seiner Kindheit und seine» Xnabenaller» am Abende seine» Leben» »och einmal an ihn heran. Ich fand bei der Mouche den Band der Vehse'schen Memoiren, welcher die Geschichte der Gräfin .Hofei cntliält; iie hatte ihn zu wiederholtenmalen dem Dichter vorlese» iniisssen." . ”) VII. 354.