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Freies Blatt · 1895-02-24 · 151 (24.2.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
151 (24.2.1895)
Date
1895-02-24
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 151. Freie» Blatt. Haft geheimnißvoll ist der Charakter dieser Abendfeier, und der herkömmlich singende Ton, womit die Agade von dem HauSvater vorgelefen und zuweilen chorartig von den Zuhörern nachgesprochen wird, klingt so schaucrvoll innig, so nrütterlich einlullend und zugleich so hastig aufweckend, daß selbst diejenigen Juden, die längst von dem Glauben ihrer Väter abgefallen und fremde» Freuden und Ehren nachgejagt sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten, wohlbekannten Paschaklänge zufällig j„S Ohr dringen." RcminiSccnzen an die Poesie dcS Seder-Abenhs und an die legenden der Hagada finden sich bei Heine später noch häufig. Und eS wird sicher allgemein interessiren, wenn ich erzähle, daß ich " wahrscheinlich „daS abenteuerliche Buch, das die Ilagada heißt", auS welchem Harry Heine im väterlichen Hause die berühmten Fragen an seine Eltern gerichtet hat, selbst gesehen und in Händen gehabt habe. ES befindet sich jetzt in den Händen meines verehrten Freundes, des Herrn Rabb. Dr. Frank in Köln/''') und ist gnnzj so wie eS Heine schildert: „Ein hübsch in Gold und Sammt gebundenes Pergamentbuch, ein alteS Erbstück. mit verjährten Weinflccken auS den Zeiten des Großvaters, und worin so viele keck und bunlgemalte Bilder, die allerlei biblische Geschichten darstellen, als da sind: wie Abraham dix steinernen Götzen seines BaterS mit dem Hammer enlzweiklopft, wie die Engel zu ihm kommen, wie Moses den Mizri todtschlägt, wie Pharao prächtig auf dem Throne sitzt, wie ihm die Frösche sogar bei Tische keine Ruhe lassen, wie er, Gott sei Dank! versäuft, tvie die Kinder Israel vorsichtig durch das rothe Meer gehen, wie sie offnen MauleS mit ihren Schafe», Kühen und Ochsen vor dein Berge Sinai stehen, dann auch wie der fromme König David die Harfe spielt, und endlich wie Jerusalem mit den Thürmen und Zinnen seines Tempels bestrahlt wird vom Glanze der Sonne!" Auch selbst wenn er die Schönheit der Jüdinnen schildert, tritt eine gewisse Begeisterung unverkennbar hervor; ja, das Wesen dieser Schönheit ist niemals treffender geschildert worden als dies Heine hier mit wenigen Strichen gelungen ist. Die Schönheit der' i “*) Ich erhalle darüber von Herr» Rabbiner Dr. Frank salzende werihvolle Mitiheilung: Z» nieinem Besitze befindet sich die kostbare „Hagada scliel IVssaeli“, die »ach der Traditio» Uber anderthalb Jahrhunderte der angesehene» Familie va» Geldern in Düsieldors gehörte, welcher bekanntlich Heine entstammle. Das Buch ist im Jahre 1723 von Mose Juda, genannt Lob, Lohn des verstorbenen Benjamin Wols Broda auS Trebitsch in Mähre», für den .reichen, hochachtbare», ausgezeichneten Elieser, Lohn deS in Gott ruhenden Vorstehers Joseph ans Düsseldorf nnd Schwiegersohn des verstorbenen Herrn Simon PreHbnrg auS Wien" auf Pergament geschrieben. Jeder AnfangSbuchnabe ist ei» Meisterstück der Schreidkunst; was dieser Arbeit aber einen besonderen Kunstwerlh verleiht, da« sind die den Text begleitende» prächtigen, färbe», frischen Malereien und Initiale». Selbst das Chad gadja ist mit allerliebste» Bildern geschmückt. Man sieht hieran«, daß in der Kunststadt Düsseldorf schon vor mehr al» 150 Jahren auch in jüdischen Häuser» Sinn für die'Malerei vorhanden war. WaS nun den ersten Besitzer der vorliegenden Hagada anbelangt, so steht fest, daß im erste» Viertel de« vorigen Jahrhunderts ein Lazaru» (Elieser), Sohn Joseph'», i» Düsseldorf lebte, welcher am kurfürstliche» Hofe eine hochachtbare Stellung einnähni. Durch eine Urkunde vom 31. Juli 1727 (also 'in demselben Jahre, i» welchem das Buch geschrieben ist) ernannte der Kurfürst den LazaruS va» Gelder» zu seinem Hoffaclor. Dieser Verlrauens- < Posten beim Landesherr» vererbte sich lange Zeit in derselben Familie il»d legt da« beste Zeugniß für deren Intelligenz, sociale Stellnng und Rechtschaffen heit derselben ab. Wie oben erwähnt, entstammt Heinrich Heine dieser Familie van Geldern, deren Stammbaum sich mehr noch als drei Jahrhunderte hindurch Nachweisen läßt. Lazaru» van Geldern war sein Urgroßvater! Professor Dr. David Kaufmann, der di« Hagada auch bei mir gesehen und bewundert hatte, schrieb, mir darüber Folgende»: „Ich erinnerte mich bald, wer der Simon Preßburg sei, dessen Schwiegersohn Ihre herrliche Hagada gehörte. Es ist der iin ersten Viertel deS . vorige» Jahrhunderts in Wien verstorbene Siinon Michael aus Preßburg, der einer der ersten Mäcene und Schutzanwälte in der damaligen österreichischen Judenheit war." Seine Biographie hat Kaufmann jüngst in der „Neuen Freien Presse" Nr. 10.797 ausführlich lzeschriehe». Seite 9. Jüdinnen erscheint ihm vH» wahrhaft rührender Art;57)- „ba«. Bewußtsein des liefen ElLndS, der bitteren Schmach und der schlimmen Fahrnisse, worin ihre Berwandte» und Freunde leben, verbreitet über ihre holdciz GesichtSzüge eine gewisse leidende Innigkeit und beobachlende Liebesangst, die unsere Herzen sonderbar bezaubern." , In dem Seufzer, de» Rabbi Abraham beim Eintritt in die Jnd.engasse und beim Abschied von dem sellsamen Quartett: Trommelhans und Räsenslcrn, Jäckel der Narr und Beitel RinvSkopf auSstößt, liegt der eigene Schmerz des Dichter« über die' Lage seiner Glaubensgenossen verborge». Denn auch für seine, so. gut wie für die Zeit Rabbi Abrahams und für unsere gilt mit Recht die Klage:6*) „Wie schlecht geschützt ist Israel! Falsche Freunde hüten seine Thore von außen und drinnen sind seine Hüter Narrheit und Furcht!" Die Frage der Judcntaufcn war, wie ich schon im Eingang bemerkte, in jener' Zeit eine brennende. Als Heine an seinem „Rabbi" schrieb, beschäftigte ihn dieselbe fast ausschließlich. Wenn aber das dritte Capitel dieses Romanes in der Thal erst fünfzehn Jahre später in Paris geschrieben worden ist, so hat der Dichter auch auf der Sonnenhöhe seines Lebens und fern von Hein Umgang mit alten Freunde» und Jltgcndgcnossen genau dieselben Ansichten über die Taufe und das Judenthum gehabt wie in jener Zeit. Es scheint wichtig, dies festzuslellcn.' Wahre Kernsprüche, merkwürdige Bekenntnisse seiner Liebe und seiner Leiden und begeisterte Apostrophen der Heldenkraft und des Martyriums finden sich gerade in diesem dritten Capitel des Romanfragments. Tie Scene zwischen dem. Rabbi und dem Ritter ist in dieser Beziehung, besonders wichtig.-'''') Don Isaak gehört bereits „der Brut dcS Löwen" a», und der Fuchs mag sich wohl hüten, seinen Zorn zu reizen. „Wie will der Fuchs den Löwen richten?" So fragt er unmulhig. Rabbi Abraham aus Bacharach und Heinrich Heine auS Düsseldorf antworten Beide darauf mit wehmiilhigem Ernst: „O, ich begreife es wohl, wie der , stHlze Leu auS Stolz seinen fürstlichen Pel; abwirft und sich in den bunten Schuppenpanzer deS Krokodils verkappt, weil es Mode ist, ein greinendes, schlaues, gefräßiges Krokodil zu sein! Was sollen erst die geringeren Thiere' beginne», wenn sich der Löwe verleugnet? Aber, hüte dich, Don Isaak, du bist nicht geschaffen für das Element deS Krokodils. DaS W"iser — du weißt wohl, wovon ich rede — ist dein Unglück, und du wirst untergehe». Nicht im Wasser ist dein Reich; die schwächste Forelle kann besser darin gedeihen als der König des Waldes."' Ach, wie manchem stolzen Leu möchte man auch heute wieder zurufen: „Nicht im Wasser ist dein Reich." Und auf tausend Verlockungen alter und .moderner Ritter wird das ti fgekränkle Israel immer mit Frau Sara auö Bacharach antworten: „Edler Herr, wenn Ihr mein Ritter sein wollt, so müßt Ihr gegen ganze Völker sämpfen, und in diesem Kampfe gibt eS wenig Dank und noch weniger Ehre zu gewinnen! Und wenn Ihr gar meine Farben tragen wollt, so müßt Ihr gelbe Ringe auf Euren Mantel nähen, oder esne blaugestrcifte Schärpe umdinden; denn dieses sind meine Farben, die Farben meines Hauses, des Hauses, welches Israel heißt und sehr elend ist und auf den Gassen verspottet wird von den Söhnen deö Glücks." (Forlsetzung folgt.) - M) ib. 228. Vgl. auch ib. 182, wo Heine bei der Besprechung der Jesfika de» „wunderbare» Liebreiz" der Jüdinnen durch die „zagende Scham" und „sonderbare Keuschheit" derselbe» zu erklären jucht. ">) ib. 248. b0) ib. 253 ff. - 1

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