Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 148 (3.2.1895)
- Date
- 1895-02-03
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
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/ Nr. 148. _^ ,_Freie, w»»den»ig aller Leser verdient. AlS Heine den vierten Theik des , „Salon" zugleich mit seinem Buche über Börne in die Welt hinausschickle, hegte er die Hoffnung,"') daß „das unschuldige Lamm" von dem „brüllenden Löwen" mit fortgerissen werden würde, aber diese Hoffnung täuschte ihn. In dem betäuben den Väri», den seine Schrift gegen Börne hervorrief, ging der vierte Theil des „Salon" vollständig verloren. Der „Rabbi von Bacha rach" blieb ein Stiefkind der Kritik bis auf diesen Tag. Keiner i der. Beurtheiler Heine's hat sich eingehend mit demselben befaßt; die »teilten drückten sich mit eitrigen billige» Lobsprüchen an dem Werke vorüber. Dabei ist cs interessant zu beobachte», wie gerade die größten Gegner Heiue's dieses Werk am meisten loben. Unter diesen nimmt Karl Goedeke sicher wohl den ersten Platz ei». Er schreibt darüber:"") „ES ist zu bedauern, daß diese Arbeit nicht über die Anfänge hinaus gefördert wurde, da sie unter Allem, was Heine versucht hat, das Gediegenste zu werden versprach. Sind auch die einzeliien Züge in dem Erhalteneii meisteiis aus der Gegenwart hergenomme», zeigt sich auch eine entschiedene Nachahmung der Hoffmann'scheii Bizarrerie», und »iinmt auch die 2aft)re auf das Treiben der Frankfurter Judengasse einen großen Raum ein, so ist die Erzählung doch ruhig und bedächtig mit de», oliarrtftcr der mittelalterliche» Zeit in Einklang gebracht, die Grund leg^ing der Motive geschickt und ungesucht bewerkstelligt, die Dar stellung einfach, fest und gnschaulich gehalten, zugleich der Haß gegen die Verfolger unter den Christen energisch in Thaten der ibeii versinnlicht und vom geschichtliche» wie vompersönlichen Standpunkte wohl begründet; auch sind die Charaktere inhallreich mit) entwicklungsfähig angelegt, leider aber wenig über die Anlage tnnauS geführt." Und ei» anderer Literarhistoriker, Adolf Ster», bemerkt hiezu:"") „Goedeke hätte hinzufügcn dürfen, daß der .Rabbi von Bacharach' außerdem allen buntfarbigen Glanz des Heinc'schen ColoritS, allen Zauber seiner lyrischen Stimmung aufweist." Im gleichen Sinne: wenn auch erheblich kürzer, sprechen sich Julian Schmidt, Rudolf GotlschaÜ, Johannes Scherr und andere Literarhistoriker über das Fragment auS. Soweit ich die Heine-Literatur übersehen kan», ist dem Werke nur ei» einziger Gegner erstanden; und dieser eine Gegner — ist einer der wärmsten Verehrer des Dichters — Wilhelm Bölsche. Dieser meint,"') daß „die übermäßige formlose Fülle von subjectiver GcmülhSerregung", die Heine gegeben war, sich in der Lyrik am reinsten auslcben mußte, daß dieselbe aber im Drama wie im Roman die Knust form sprengen und „hoffnungslosen Schisfbruch" erleiden inußle. Anstatt einzusehen, daß jene strengen Kunstformen — Drama oder Roman —'eben nicht für ihn taugen, weil sie daS Subjeclive i» solcher Fülle nicht vertragen, glaubte er den Knoten gelöst zu liabcn, wenn er einfach das Subjizclive ganz herausstreicht. In Wahrheit unterbindet er sich damit die Herzader. Das Werk, das entsteht, ist allerdings objectiv, aber es ist nicht objcctiv in dem Sinne, daß es eigenes Lebe» hätte, söiidern cs ist vom ersten Satze an todt, leer, schattenhaft, ohne Blut und Wärme." Das ist ein hartes Urtheil, und ich glaube nicht, daß viele Leser, die unbefangen an das Werk heranlrete», dieses Urtheil billigen werden. Der „Rabbi von Bacharach"^ist »ach eigenem Gestündniß ein Denkmal der Liebe des Dichters zu seinen Slainiiicsgenossen, einer riebe, die sich manchmal allerdings recht seltsam äußert, die aber in unbewachten Augenblicken um so stärker hervorlrilt, je eifriger sic sich vorher zu verbergen suchte. Es liegt über dem Werke der Hauch der Stimmung, welche Heine in jenen Tagen erfüllte, da er leichtsinuigerweise die GlaubenScocarde wechselte. Es tritt dies M) ib. 158. 3SJ Grundriß zur Geschichie der deutschen Tichtiing, Bd. Ill, 2. 11!' 3S) Geschichte der neuen Literatur, Bd. VI, S. 267. "*) Heinrich Heine, S. 139 ff. Auch Georg Brandes, Die Literatur de« XIX. Jahrhundert« in ihren Hanptströmunge», Bd. VI, S. 112, findet, daß da« Werk „mit Unrecht mit Lob" überschüttet worden sei. Blatt. ‘ rcilr 9. am deutlichste» in der Selbstschildrrung, welche Heine unter fremder Maske in dem Roman entworfen hat, hervor. Und er behauptete nicht zu viel, wenn er dem Freunde, der an dem Werke so lebhaften Antheil nahm, wenn er MoseS Moser erklärte, daß nur er allein diks Werk schreibe» konnte. Als Heine seinen „Rabbi" zu schreiben anfing, lag der historische Roman i» Deutschländ sozusagen noch in seine» Anfängen. Für den psnchologischen Roman lag in de» „Wahlverwandtschaften" bereits ein erhabenes Muster vor; für den historischen Roman cxjstirte nur das Vorbild Walter Scott's, dessen eifriger Verehrer Heine war, wenn er auch die Uebcrzeugung aussprach, daß cS mehr die Themata der Romane Scott's seien, welche seinen Dichterruhm bewirkt haben, als die poetische Kraft derselben.3') Der Einfluß Walter Scott's zeigt sich bei Heine in der Magie deö Localcolorits und in der objectiven ' Treue der Darstrllüng: gerade darin liegt aber auch der Haupt' wcrth dcS Werkes. Auch von „Hoffmanii'schcn Bizarrerien" hohe ich in dem Fragment nur wenig-siyden können. Es' mag sein, daß bei der Schilderung der Rheinfahrt und im Besoiidcrn bei der Eharakteristik des „stummen Wilhelm" dczS Vorbild I. A. Hoffmann's. den Heine damals eifrig las, wirksam war. Dar über hinaus findet sich aber gerade in dieser Arbeit wenig, was ' an den bizarren Schriftsteller erinnert.3'') j Von den Vorwürfen, die man. gegen dasselbe erhoben hat i dürfte der, den Heine's Vetter, Hermann Schiss,''» zuerst aus j gesprocl en, daß die Vorgeschichte am wenigsten fehle» dürfte,! wenn das Ganze Wahrscheinlichkeit haben sollte, vielleicht am i eheste» begründet sei». „Wer waren die lieben Gäste, welche auf < einen so empörenden Verralh ausgingcn?. Waren eS Ernsten, so > durfte sie der Rabbi nicht in seinem Hanse aufnehmcn. Waren cs Juden, was konnte sic bewege», eine Bartholomäusnacht über sich und ihre GlaubenSgenosseis' l)craufzubeschwörenAuf, diese berechtigte» Frage» gibt Schiff freilich selbst die triftige Antwort: „Es konnten also.nur getaufte Jude» sei»!", eine Antwort, welche der Verlauf der jüdischen Geschichte' im Mittelalter unzähligcmale bestätigt hat. Schiff hat deshalb kein Recht, weiter zu sagen: „Heine konnte nicht gut ohne Erbillcrung an eine Judenverfolgung denken, und hier überließ er sich rücksichtslos seinem llirischen Zorn, was einer Novelle nicht' ersprießlich ist." - Das ist kein lyrischer Zorn, der sich in dickem Werke ausspr.icht, sondern die blutige Tragik der Weltgeschichte. Ein anderer Vorwurf, daß die einzelnen Züge in dem Fragment aus der Gegenwart hcrübcrgciiomme» seien, dürfte eher alS.ein Verdienst deS Dichters anzuerkennen sei», wenn cs ihm gelungen ist, diese Züge glaubhaft in die VcLgangenheit zurückzulegen. Strenge Beurtheiler wollen ja dem historischen Roman nur dann eine künstlerische Berechtigung zugestehe», wenn er in seiner geistigen Sphäre ein Spiegelbild der Gegenwart bildet, Auch ein dritter Vorwurf, daß die Salyre auf daS Treiben in der Frankfurter Judengasse einen zn breiten Raum einnehme, ist unbegründet, da bei demselben nur das kurze Fragment, nicht aber die breite, epische Anlage eines , IIl. 99 si. **) Auch der neueste Biograph Hoffina»»'«. Georg Ellinger, der einer der feinsten .Nenner diese« Dichter« ist, neigt derselbe» Ansicht zu. Er.schreibt »»« biernbee: „Rur die Bision der Sara ai» Ende von Eap. I. zeigt hi» und wieder eine gewisse Achnlichkeit mit Hosima»»'« Weise, doch ist die Berwandlschasl nicht so stark, daß man unbedingt a» eine Abhiingigieil denken müßte. Auch was.sich au Anklängen findet, ist nicht au»schlaggebettd sEap. I, IV, 235>. Ei» EiSstroin ergoß sich i» -ihre Seele; Hoismann (im Fragment au« dem Leben dreier Freunde, Welte l, 112: „Ich ging unler in dem Eisstrom lieisten Ent setzen«"). Au Hossmann könnte» vielleicht noch die Worte aus derielbe» Seite de« „Rabbi von Bacharach" erinnern: „Plötzlich aber glaubte ne dort ihre Freunde und Verwandte»' zu sehen, wie sie mit Leichengenchrern- und wziß wallenden Todtenhemde» schreekhast vorüberlieseii, den Rhein entlang." Heinrich Heine und der ReuisraeliliSmn«, S. 16. In demselben Buche S. 2!» ss. erzählt Schiss von einer Judenverfolgung; die der z» Bacharach sehr t ähnlich ist. Seine sonstigen Mittheiliinge» sind wenig zuverlässig.