Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 146 (20.1.1895)
- Date
- 1895-01-20
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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eite 10. E r ej e s iluinifrau auf dem Felsen des Rheins. Ehe er dies Lied erdachte, war das klingende Schiefergcstein nicht so sagenumwoben wie jetzt. Er hat die germanische Hexe Lorelei so schön erfunden. Run will man, zufolge jenem Eompromiß-Vorschlag: er solle ihr. in Stein gehauen, alltäglich und allnächtlich Gesellschaft leisten, damit int guten Main;, in allen.Kriigen;um grünen Kranke, der Landfrieden erha.ten bleibe. Das ist eine erbauliche Verbessernng nuferer sragwcis und ziemlich unwirsch gehaltenen Acußerung: „ob man kenn vielleicht bttibsichlige. dem Fräulein Lore Vd) allein ei» Standbild;u er richten, den Dichter aber sich bei Seite drücken zu lassen?' Bei aller Anerkennung der genannten Perbesserung möchte» wir indessen erg bcnst die weitere Frage stellen: Könnte nicht vielleicht doch, der Eine oder der Andere sogar daran Aergcrniß nehmen, daß an einem so urdeutschen Felsen Heinc's Bild angebiachl wird? Um cs überhaupt zu sehe», hätte freilich Mancher den Operngucker zu gebrauchen. Doch der bloße Gedanke, daß das Bild da ist, könnte jemanden unangenehm berühren; und was thut man nicht Alles um der Ruhe und der ungestörten deutschen Gemüthlichleit willen! Ferner ist zu bedenken, daß auch andere, poetisch angehauchte Gemülher der Meinung sein könnten, die Anbringung solcher künstlichen Bildhauerei an dem Raturwulbs des Felsens. würde schließlich die Dustgestalt der Lorelei ganz sortscheuchen. "Was ist da zu lhun? Machen wir unsererseits einen Vorschlag zur Güte. Wie wäre es, wen» man daS rheinische Riss nächtlicherweile insgeheim an einer Stelle öffnete, das Denkmal still und stumm hincinschöbe und dann die Höhlung wieder so vermauerte und mit Schiesergestei» verschlösse, daß zuletzt, ganz märchenhast, Niemand mehr den Zugang fände? Wir haben ja in unseren Sagen aller Hand bergcntrückle alle Götlergestallen, Kaiser und. Helden — v B. Karl den Großen und de» grimmen Rothbart, den nimi freilich jetzt auch aus feinem Loche herausbeschwören und im naturwüchsigen Stein aushauen will. Wir haben ferner den R a l l e n f ä n g er von Hameln, der die Felsspalte anslhal und die Kinderschaar hincinniarschircn ließ. Warum sollten wir also nickt Heinrich Hei » e mit der Lore v e i in ähnlicher Art als steinerne Gäste drinnen im Berge bis zur Götterdämmerung zusammensperren? Wenn dann die Herr schäften, die an der Errichtung eines Heine-Denkmals in einer Stadl leicht Anstoß nähmen, am Lurlci Felsen vorbcisahrfn, so würde ihr empfindliches Auge nicht gekränkt. Jeder aber, der von dem geheininißvollcn versteckten Bildnißhort gehört hätte, könnte sich selbst einen Vers drauf machen: und da wäre der edlen Dichtkunst ei» neuer Vorschub geleistet. Es kommt mir, wenn ich es recht bedenke, ein vielleicht noch glücklicherer Gedanke. Nufere höhlenvcrzauberten Helden werden inanchmal als in Wassersriese weilend gedacht. Sie leben liirchenhast zugleich im Schacht und in den Finthen weiter. Der Entrückung im Berge, dem Verwünschen in die Erde — sagt der Altmeister F akob Grimm — ist auch das Versinken in die Gewässer ähnlich und erfolgt aus gleichen Ursachen. „Was öoft die Elsen, empfangen hier die Rixen- und Seegeistcr. Holla wohnt nicht nur in dem hohlen Berg, auch im Brunnen und Weiher. König Karl sitzt im Brunnen zu Nürnberg, mit dem Barte in den Tisch gewachsen. Der Ribelungenhorl liegt im Rhein versenkt; dav weiß nicht blos uni'er Heldengedicht, sondern auch die Edda." So weit Fakvb Grimm Fa. und hier kömmen wir aus eine Mar, die wir gleich für das Heine-Denkmal vcrwerlhen möchten. Es wird nämlich sogar gesungen und gesagt, daß der Ribelungenhort im „Lu rlen" ' Berge versenkt sei!. . . . Berqhöhle und Wasserslicse, L ur l ei und Lurlen Berg: wie stimiul das Alles zusammen, um uns den Gedanken nahe zu vlatt. ___Nr. 146. legen,, es ließe sich das Heine-Denkmal mit der schönen Zauberin und des Dichters Bildniß eigentlich am besten kurzweg, nach Ribelungenweisc, in den grünen Rheinstrom versenken! D>r Entwurf für das Heine-Denkmal weist ganz richtig am Sockel allerhand Rixen und Wassergelhier auf. Die waren nun gewiß am sichersten da unten im Belte des Flusses aufgehoben, wo cs so wohlig ist dem Fischlein auf dem Grunde. Um die Sache recht ausdrucksvoll im Sinne eines Märchens aus alten Zeiten durchzusührcn, möchle. ich folgenden Vorschlag machen. Rachdem aus den Bcrgesgipseln der Abendsonncnschein auSgc funkelt hat, die Lust kühl und eS ganz dunkel geworden, lasse man ein gespenstisch ausgctakeltcs Schiff, eine Art fliegenden Holländer, mit dem Denkmal aus dein Rhein dahinschweben und es an einer Stelle, die dein vcrchrl'chen Publicum auf ewig unbekannt bleiben soll — sagen wir mit dem Nibelungen Liede: ze Loche in <ü>„ liiii — gcheimnißooU versenken. Die Sckisssmannschaft könnte man auf die bekannten nibklungischcn Slromgcister oder Meer weibcr Hadeburg und Sigel in de, aus alle deutschen Rixen und Wassermänner, auf die pordischen Meercsgotlheiten Degir, Ran, Riörd und seine Riescngcmahlin Skadi rinschwören, daß sie die Stelle nicht verrathen wollen. In alter Zeit hätte man das noch besser machen können. Man Hütte die Schiffsmannschaft hinterher selbst ertränkt; doch so schneidige Maßregeln sind in unserer Zeit außer Ucbung gekommen. Ich habe O e g i r -rso, und nicht Acgir, heißt er' eigentlich, und wer kennt ihn heule nicht? — und die anderen skandinavischen Mecresgoltheitcn genannt. Da "fällt mir ein, das Heine Denkmal ließe sich ja auch in die Rordsee versenken, die ja nicht blos von den Engländern das „deutsche Meer" genannt wird, sondern schon seit Ptolemaios, dem griechischen Erdkundigen deS zweiten Fahrhundcrts, so heißt. „Okeaiios (iennanikos“' nennt er cS, wie andererseits zu Tacitus' Zeilen, als die Sueven oder Schwaben noch an der Dstsce saßen, dies Meer »Mare Suevicuni“ genannt wurde. Ru» hat Heine in seinen Rordsee-Liedern des Meeres Stnrm und Stille, also Dcgir und Riörd, besungen, die ihm zwar wohl nicht geläufig waren;- denn zu seiner Zeit hielten sich die Dichter noch an Poseidon, die Okcaniden und anderes bewegliches Wagalaweia-Gesindel des hellenischen Allerlhums. Doch mit der Geschichte vom fliegenden Holländer war Heine vertraut; er hat sie aus Rordörnet) gehört. Wie wäre es also, wenn man ein zur Rachtzeit auSsahrendes, gespenstisch ausgezierteö Schiff mit dem gleich dem „Ewigen Fuden" immer noch ruhelos und bodenlos umherwandernden, unglücklichen Denkmal belüde und von Hamburg, dessen Sladlgöltin Heine so liebevoll besungen hat, in See stechen ließe, um cs, etwa aus dem Wege nach Helgoland, über Bord gehen zu lassen? ..... In seinem „Schönen Fischermädchen" ruft ja der Dichter aus:', Mein Her; gleich! ganz dem Meere, Hat 2lnrm und Ebb' und Ftnili. Und manche ichöne Perle Zn feiner Tiefe rnf)t. . , Was könnte man da also Besseres lhun, als sein Bild, mit d:r Lore Lei zusammeii, der Mecrcsticfe anzuvertrauen? Da könnten sie dann Beide, wie eS in dem Märchen heißt, für immer vergnügt beisammen bleiben. Da Helgoland endlich wieder unser geworden ist, so würden Heine und die schönste Fungfrau in wahrhaft deutschem Rordsee-Wasser ruhen, und die Ehre deS Vater landcS wäre auch so gerettet — gleichwie die Mainzer Gcmülh lichkeit den Sieg davon getragen hat. D Deutschland! wie herrlich entwickelst du dich! Nnkündigungen des „Freien Rlattes". 3nfrrate werten angenommen, sowohl in nivcrer Ad m i ni ftr uti on, als auch im Annonce» Bureau IH. D ulte 6. Goldman & Salatsch Taildrs, I. Graben 20 . ii.t ihr Ifi .kr v.>rueliun.n il.-muiuvl: so belieb! •■r-i’ A'> onnrtuent-Sy«trm für Ilerreul ekleidumr ■nach englischem Muster. Lose, Renten, Pfandbriefe Q1^ briete u. s. w. ■ I au allerbilligsten kaufen und am allertheuersku verkaufen will, der wende sieb, vertrauensvoll au das gefertigte. Bank- und WechslergesebUft, w ■ dieselben genau, wie in de» Zeitungen uotirt, bereehuet weide». NpeoiilatioiiHküufe in £ll'«cien werden in unübertroffen Solider Weise ausgeführt. A. Spitzer, 1. Graben 16, nur I. Stock. Protokollirte Firma seit dem Jahre 1852.