Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1894-12-30 · 143 (30.12.1894) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
143 (30.12.1894)
Date
1894-12-30
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4886575-5439163-5441585--1716-4888149
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 143. Seite 9. Freie» „DaS ist für ein Mädchen schon viel," sagte die Mutter. „Die; Verzögerung mußte einen Grund haben. Man sprach von einer heimi lichen Liebe."! „DaS ist auch richtig." „Wie? Sie hat einen Anderen heimlich geliebt?" „Einen Anderen?" fragte MoseS ganz verwundert, „warnm ' einen Anderen? Ich glaube, die Beiden habe» von jeher einander , heimlich geliebt?" „Warum glaubst du das?" ' , „Weil sie, wen» wir Alle beisammen waren, in der 'liebe sich > immer nur an mich gewendet hat und um ihn sich gar nicht;u kümmern schien." „Und daS war dir ein Beweis?" „Stark genug," sagte Moses, „die kleine Hex, ich meine Bertha Rosenthal, hat es auch so gemacht. Wenn ihr Bräutigam anwesend war, that sic als ob cr gar nicht da wäre und machte sich imuier nur mit mir zu schaffen. Ein Mädchen deckt nicht gerne die innersten! Gefühle auf, und Gcnofka schon -gar." „Und warum hat sie den Gesellen nicht schon früher geheiratet?" | „Gerade dieses jahrelange Herumtragen eines so starken Gefühles, ohne daß sie einander etwas davon verrathen, zeigt, daß sic Beide treue, redliche und wackere Menschen sind." ^Du urthcilst mit großer Selbstlosigkeit." „Wie so?" „Wie so?" sagte die Mutter, „nun, ich sehe schon, man muß mit dir sehr deutlich reden. Die Leute hier im Drte, in und außer der Gaffe, behaupten, daß sie eine Neigung für dich im Herzen trage." j „Für mich?" fragte Moses ganz erstaunt. „Hast du ihr," fragte die Mutter, „niemals Anlaß gegeben, eine . stille Hoffnung auf dich zu nähren?" „Aber was dir einfällt!" „Nun, ich meine," sagte die Mutter, „du verzichtest auf sie, weil . du Jude bist und sie Christin; aber thüst du es nicht mit blutendem Herzen?" „Ich verstehe dich nicht," sagte MoseS. „Wie?" sagte die Mutter, „du hättest für dieses Mädchen wirklich Nichts derart wie Liebe empfunden? Und du sichst sic ohne Schmerz an der Seite eines Anderen?" „Mütter," sagte Moses, „du kennst mich nicht." „Wie?" rief die Mutter, „ich sollte dich nicht kennen?" „Nein, Mutter!" wiederholte Moses, „du kennst mich nicht. In ineinem Herzen ist kein Raum für eine solche Liebe." „Ich sehe nur, daß du traurig bist," sagte die Mutter. „Bin ich traurig?" fragte MoseS ganz naiv. „Ich müßte doch blind sein," sagte die Mutter, „wenn ich daS nicht bemertt hätte! Sag' mir'S, Moses! Mir, deiner'Mutter, kaiuisl du dich anvertrauen: Weshalb bist du so traurig?" „Nun, Mutter," sagte Moses, „ich will eS dir sagen und mir' das Her; entlasten. Ich bin ein Betrüger! Ich betrüge Euch, dich und den Vater, schon seit Jahren!" „Um Gottes Willen!" rief die Mutter, die bei seinen Worten j an ein schreckliches Verbrechen gedacht hatte, „um GotleS Willen! Was , soll daS heißen? Was hast du gcthan?"! „Ich habe Euch, getäuscht," sagte MoseS mit gedämpfter Stimine, s begann zu schluchzen und drehte sich im Bette, in dem er lag, mit dem Gesicht zur Wand, als ob er über die Sache nicht weiter reden s wollte. “ Rasch ergriff die Mutter seine Hand und sagte: „Moses! Warum iwendest du dich weg? Hast du zu deiner Mutter kein Vertrauen »ihr?" : Er drehte sich wieder um: athiiietc tief auf mit einem langen! Ach! und dann erzählte er ihr Alles, was er auf dem Herzen halte.! „Die ^ache ist sehr ernst," sagte die Mutter, nachdem eL seinen - Bericht geendet hatte. „Zwar, was mich betrifft, so könntest du dich > meinetwegen auch ganz der Naturwissenschaft -widmen, ich habe nichts! dagegen; aber der Bäte»! Was wird der Vater sagen?"! „DaS ist es ja!" seufzte Moses.! „Ein Conslict zwischen Euch," sagte die Mütter, „muß in jedem Falle vermieden werden; zu einem Conslict zwischen Vater und Sohn darf es nicht komnienl" j „So soll ich den Vater noch länger in dieser Täuschung erhalten?" ' fragte Mofes und sah der Mutter fest ins Auge. j „Uebcrlaß' es mir," beruhigte ihn die Mutter, „geh' du nur uubeküminert wieder an deine Studie». Der Vater ist nicht unbeugsaui. Ich habe schon Manches bei ihm durchgesetzt; ich will auch in diesem Falle die Hoffnung nicht anfgcben. Jetzt aber steh' auf und sei j munter!" Blatt. „Ich kann nicht, Mutter," sagte MoseS, „laß mich so liegen; ich kann nicht anfstehen!" > „Ja, fehlt dir denn etwas?" fragte die Mutter besorgt. „Ich weiß nicht," sagte MoseS, „ich glaube, es fehlt mir nichts' . ich habe »ur daS Gefühl, daß ich nicht aufstehen kann!" Und kaum Hatte er diese Worte Hervorgebracht, ward cr von' Fieberfrost geschüttelt, es thapperten ihm die Zähne, und die Mutter erkannte zu ihrem Schrecken, daß er ernstlich krank sei, und inan schickte »m den Arzt Dem Fieberfrosl folgte Fieberhitze; er phantasirte von Kepler, von Engeln, welche die Erde um die Sonne tragen. Bekümmert laßen die .Eltern an dem Krankenbette des Sohnes. Der Arzt leugnete zwar den,Eltern gegenüber jede Gefahr: dem alten Lehrer aber, her von der Erkrankung des ehemaligen Schülers' keine Ahnung hatte, und getömmen war, weil er gehört, was für eine großartige Rede Moses in der verflossenen Nacht gehalten habe, sagte der Arzt : „Mot'es wird nicht wieder anfstehen; er trägt den Keim des Todes in sich." Die Krankheit dauerte nicht lange: nach .wenigen Tagen hatten die tief erschütternden Eltern ihren einzigen Sohn, verloren. „Rur einmal noch, wenn ich den Himmel und die Sterne sehen könnte! Nur einmal noch, ein ciüzig Mal, den Himmel und die S t e r n e!" Das waren seine letzte» Worte gewesen und hierauf verschied er. Fünf Menschen, die nicht seines Glaubens waren, knieten im Sterbezimmer in der Stille Gebete verrichtend:- der Töpfermeister, Genofka und Hans, der Pächter und dir Püchterinl vom Meierhofe. - , Als man vom Leichenbegängnisse zurückgekommeu wai^, setzten sich die Eltern, wie es bei den Inden Vorschrift ist, zum Zeichen der Trauer auf die Erde. Sieben Tage saßen sie da. Es kamen die üblichen Beinckv, sie zu trösten. Der alte Lehrer war gekommen, der Rabl^ier und viele Andere, und man sprach von'dem Todte». Während dieser Gespräche kam die Post und brachte mehrere Condolenzschreiben, unter Anderem auch zivei ans Wien, ejneS von Herrn Rosenthal und eines von der Familie, bei der MoseS-so viele Jahre i» Wohnung und Kost gewesen. Es war aber noch ein. drstter Brief aus Wien gekommen. Das war keine Condolenz: er enthielt aber für die Mutter des Verstorbenen mehr Tröstliches, als alle die anderen Trostbriese zusammen. Der Wiener Brief war von, Littrow, dem Professor der Astronomie und Director der Sternwarte und voll tcS»-Lobes und der Anerkennung über den Stnhirenden Moses Koh i enthielt das Schreibe» die Ueberzengnng, daß der junge Mann für das Studium der Naturwissenschaft, besonders für Astronomie, geradezu prädestinirt sei, und das; man es als ein Unglück beklagen müßte, wenn er gegen seine Neigung gezwungen wäre, die Geistesrichtnug, die er eingeschlagen, zu verlassen Dieses Urtheil von so autoritativer Seite machte auf Emanuel Koh» einen großen Eindruck und, nachdem der Vater de» Inhaltdesselben bekannt gemacht hatte, ans Alle, die anwesend waren. „Man pflegt zu sagen," bemerkte der alle Lehrer, „bie_ 2ohne gerathen den Brüder» der^Mnlter nach." „Es ist wahr," sagte der Rabbiner, „er hat gcrad' so eine Be- - geisternng gehabt, wie sein S »tel David." T „Der ganze Zw>ck seines Lebens," sagte der Vater; „bestand darin, dem Töpfer Ma^tinek zu erklären, warnm er bechi Topsmachen die Scheibe drehen muß." „Da bist du im Irrlhnni, Emanuel!" sagte Frau Henriette Kohn, „das weiß ich besser. Ter Zweck seines Lebens war, glücklich zu sein. Und diesen Zweck hat er erreicht: er war glücklich. Schiller sägt im Don Carlos: .Ein Augenblick gelebt im Paradiese, wird nicht zu theuer mit dem .Tod gebüßt.' Er hat gelebt iig Paradiese und mehr als einen Augenblick." 7 „Und er wird im Paradiese leben," sagte Panlinche», die Schwester deS Verstorbenen. Voll Rührung schloß der Vater sie in seine Arme mit den Worten: „Komm';tt mir, du jetzt meine einzige. Hoffnung!" Ende. ^rieff elften. L —d, Heidelberg. Mir wollen ver»lben, darüber Naän'ors,Innigen zu vüegen. hoffen aber ans keinen Erfolg, da gar keine Aamen genannt sind Es handelt sich offenbar um eine anouutne antisetnitnche Berlemnemig. P. V., Bukarest. Mir habe» keinen Grnnd, Ihre Angaben zu beziveneln, könne» aber, solange Sie tiu-3 nicht doemnentaiiiche Bewei'e liefern, vott den selben keinen Gebrauch machen. Zur Förderung Ihrer-Interesse» wäre übrigens die Veröffentlichung einer Beschwerde in einem rmnänilchen Journal viel geeigneter. 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.