Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1894-12-16 · 141 (16.12.1894) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
141 (16.12.1894)
Date
1894-12-16
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4886575-5439163-5441581--1686-4888121
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr.'141. Freie, Blatt. Seite 9. Höningen eintteien ober gar ganze Vorstellungen anSbleiben sollen. Einen Rach durch eine Zeitung, welche Thatsachen, wie im vorliegenden Falle, völlig unrichtig wiedergibt, muß die Intendanz ablehnen, auch liegt dem Artikel eine confessionelle Animosität zugrunde, welcher die Intendanz nicht zu folgen vermag. Für dieselbe gelten lediglich künstlerische Principie», nicht confessionelle. Gegenüber dem gemachten Vorwurf der Pflichtversäumniß must dem Herrn Lapellmeister Hertz da« höchste Lob für seine Pflichttreue, Hingabe und seinen rastlosen Fleiß, sowie die vollste Würdigung und Anerkennung für sein musikalische- Wißen und Können ausgesprochen werden." Die Intendanz der Hoscapelle schloß sich diesen anerkennenden Worten für die künstlerische Wirksamkeit de« CapellmeisterS Hertz aus da« Wärmste an, und der Director de« Hostheater« sagte i» seiner Berichtigung: „Gegenüber dem Herrn Hertz gemachten Borwurs, daß er an jüdischen Feiertagen die Proben auSsallen lasten würde, kann ich mich nur dem von der Intendanz de« Hostheater« bereit« Gesagten anschließen, und wünsche ich jedem Orchester solch einen pflichtgetreuen, in der Sache ausgehenden Künstler al« Dirigenten." Bei der außerordentlichen Wichtigkeit, welche da« I'. X Publicum kleiner deutscher Residenzstädte allen Hoftheatersachen beilegt, ist die Blamage der „Altenburger Landeszeitung" sehr groß. (Adreste: Sachsen.) Ei» Sachsen- und Judenfeind offenbart sich in der „Bauzeitung". Det gute Mann verlangt einen Tocin« zur Begründung eines Geschäst« für Architektur und Bauausfiihrnng. Der Sociu« dürfe aber weder Sachse noch Jude sein. Für die judenfrefferische» Sachsen wird diese Gleichstellung unter Null zweifelsohne recht angenehm sein. (Ein antisemitisches Unheil über Verdi.) In Italien wurde vor Kurzem ein französischer Osficier wegen Spionage verurtheilt. Darüber herrschte große Entrüstung in den französischen Journalen, und e» wurden Sammlungen für de» vernrtheilten Osficier veranstaltet. Ein Pariser Antisemitenorgan glaubte noch ein llebrige« thun zu wüsten. ES fiel über einen ganz Unschuldigen her, über Verdi, und zwar in folgender Weise: „Diese abjecle Races (die Italiener). Erinnert ihr euch noch, wie ganz Pari« sich bei der ersten Aussührnng de« .Othello' vor dem alten Pisteraro wälzte-' Man hätte diesen Spitzbuben mit einem Tritt in den.hinauSwersen und ihm sagen sollen, daß er seine Werkelmusik nach den Tripelallianzlheatern tragen soll. Statt dessen brachte man ihm Ovationen und entehrte von Neuem die Ehrenlegion, indem man diesem Menschen den Großcordon gab .. ." Diese Auslastungen gegen einen Künstler vom Range Verdi'« und der Anlaß, welcher sie hervorgerusen hät, sind intereffante Merkmale antisemitischer Denkweise und GerechiigkeitSliebe. Feuilleton. Die Töpferscheibe. Erzählung von Eduard Kulkr. (1:>. storisetzung.) Den ganzen Tag über befand sich MoseS in einem Zustande Ijöchster Aufregung; cr konnte den Morgen des anderen TageS kaum erwarten. Als er diese erwartungsvollen Stunden aberstanden hatte und des anderen Tages zu, Littrow kam, drückte ihm der Professor feine volle Zufriedenheit' au«. „Sie haben," sagte Littrow, „Ihre Sache recht gut gemacht, und bei dem Eifer, den Sie an den Tag legen, ist es wirklich sehr schade, daß Sie sich nicht der Astronomie gewidmet haben, und ich bedauere Sie recht herzlich, wenn ich mir denke, daß Sie durch den Drang der Umstände gezwungen sind, diese Wissenschaft gleichsam nur wie ein schüchterner Liebhaber auS der Ferne zu begleiten. Sie sagten mir aber gestern, daß Sie noch eine' zweite Bitte haben.' Also, reden Sie offen. Was kann ich für Sie thun?" „Meine zweite Bitte," entgegnete MoseS, „bestand darin, mich in, ineinem Gewissen über mein eigentlich doch ungerechtfertigtes Borgehen zu beruhigen; denn, offen gestanden, spiele ich meinen Eltern gegenüber ein falsches Spiel. Ich erscheine mir in meinen eigenen Augen wie ein Betrüger, und auf die Länge der Zeit kann diese« Gaukelspiel nicht aufrecht erhalten werden, endlich muß ich die MaSke doch fallen lassen. Wie werde ich vor meinem Baker dnstehe», wenn ich ihm entdecke oder wenn er sonst wie dahinter kommt, daß ich das von ihm gewünschte Ziel niemals erreichen werde. Der Gedanke nagt an mir." „Da sind Sie wirklich in einer schlimmen Lage," sagte Littrow. „Und' in dieser Lage," setzte Moses fort, „ist mir die Thatsache, mir mit meiner kleinen Arbeit Ihre Zufriedenheit erworben zu haben-, ein großer Trost. Bin ich auch von dem mir vorgezeichneten Wege abgewichen, so ist die« doch nicht au« Leichtsinn geschehen. Meine Handlungsweise mag vom Standpunkte des praktischen Lebens ver» dämmt werden, unmoralisch ist sie nicht. Sie zu rechtfertigen wird mir nicht gelingen; das Motiv, das mich leitet, zu würdigen, ist nicht Jeder fähig, und von meinem Batcr, der ein durchaus praktischer Mann ist, kann ich bei aller Hochachtung, die ich für ihn hege, eine ' solche Würdigung weder erwarten, noch verlangen: gleichwohl werde ich, der ich mir bisher auf dem Gebiete der Astronomie wie ein Landstreicher vorgekommen bin, bei meine» weiteren Bemühungen etwa« inehr beruhigt sein." „Sollte denn aber," fragte Littrow, „Ihrem Baiir nicht die Ueberzeugung beizubringen sein —'-" Bei dieien Worten machte der Profeffor eine Pause, gleich als ob er das, was er dachte, noch nicht aussprechen wollte. Moses stand da voll Erwartung. . „Ich meine," begann Littrow aufs 'Neue, „eS sind doch^ jetzt seit der Februar-Berfassnng alle Staatsbürger vor dem Gesetze gleich. Man könnte Ihrem Herrn Bater doch die Ueberzeugung beibringe», daß Tie auch auf diesem Wege ein praktisches Ziel erreichen' können!" „Wenn ihm diese Ueberzeugung beigebracht werden kann," sagte. MoseS, „so bin ich eS am allerwenigstest, ^von dein e«s sie annehmen wird." *■ ' „Das versteht sich," sagte Littrow und fügte hinzu: „Seien Sie nur weiter so fleißig, wie Sie es bisher gewesen. Man muß die Hoffnung niemals.aufgeben." Hierauf ertheilte ihm Littrow die Erlaubniß, die Sternwarte zu besichtigen. Mit heiliger Scheu betrat MoseS diesen Raum, in welchem ihm einer der dort beschäftigten Assistenten als erklärender Führer diente. Kurze Zeit nach diesem beglückenden Ereignisie reiste er ab in ■' seine Heimat zu Genofkas Hochzeit. Im Elternhanse war die Freude über die Ankunst des SohneS eine sehr gedämpfte. Moses war sonst, wenn er nach Hause gekommen war, immer voll Freude und Heiterkeit gewesen^ er war unbefangen und gesprächig und mußte immer allerlei Ernstes und Scherzhaftes zu erzählen. Diesmal war er wortkarg; er erzählte nicht« von seinen Studien, nichts von den Profestoren, wie er eS ehedem gethan, er war in einer gedrückten Stimmung, und er konnte'sie nicht verbergen, am wenigsten vor der Mutter, welche sofort erkannte, daß ein geheimer Schmerz seine Seele belaste. Sie erinnerte sich an das Gerede, welches schon vor drei Jahren im Orte von Mund zu Mund gelaufen _mnr,< an daS Gerede über eine heimliche Liebschaft zwilchen Moses und Genofka. Und die Thatsache, daß der Sohn,' der jetzt schon so lange nicht zu Hanse gewesen und jetzt ganz extra zur Hochzeit Genofkas von Wien herausgekommen im Zusammenhalt mit seiner Niedergeschlagenheit und Traurigkeit, erweckten in ihr allerlei Gedanken und Aufregungen, namentlich aber die Frage, ob den» an jenem Gerede in und außer der „Gasse", welches sie damals für ein kindische« und albernes Geschwätz gehalten, nicht doch etwas ExnstereS gewesen sei und ob MoseS sich nicht wirklich innerlich kränke, daß die Tochter des Töpfermeisters einem Anderen angehören solle. Bor ihrem Bianne äußerte sie darüber kein Wort, sie selbst aber ■ beobachtete den Sohn und ließ sich keine Bewegung, die er machte, keine Miene, ans der etwas zu entnehmen war, entgehe». Genofkas Hochzeit wurde gefeiert, und es ging sehr lustig dabei her. Es wurde wacker gegesien und getrunken und deö Abends im Wirthshaus auf dem große» Platz getanzt. Die Jugend de« Städtchens war aus den Beinen. MoseS, als Jugendfreund, mußte mit der Braut den ersten Tanz auSführen, und Hans, der glückliche Bräutigam, hatte diesem Tanze ohne alle Eifersuchk zugesehen. MoseS, der »dem unwirschen Gesellen früher so unangenehm gewesen, war diesem jetzt ein lieber Freund. Nachdem er mit allen Mädchen des Ortes gehanzl hatte, setzte er sich auf eine der. längs der Wände sich hinziehenden Bänke zum alten Töpfermeister, der über seinen Besuch ganz glücklich war. „Du kannst mir's gar nicht glauben," sagte der Meister, „was für eine Freude du mir alten Mann gemacht hast, daß du mirdieses Opfer gebracht und zu Genofkas Ehrentag heräusgekommen bist." „Es war ja gar kein Opfer," erwiderte MoseS. „Bon Wien heran«, das ist ja nur eine Spazierfahrt; aber glaubt mir, Mezster, wenn ich in Paris gewesen wäre, ich wäre auch gekommen." „Ich weiß, ich weiß, ich kenn' dich ja!" sagte der Töpfermeister und umarmte ihn. Alle Anwesenden behandelten den Wiener Studenten mit großer Auszeichnung. Hie und da trat Einer oder der Andere mit einem Glas Wein an ihn heran; dem mußte Moses „zusprechen", und er — that Jedem Bescheid. . Als sich nun bei den Klängen eines Strauß'schen Walzers, von der Stadtmusik so gut eS ging aufgespielt, die. Paare lustig im Kreise

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.