Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 140 (9.12.1894)
- Date
- 1894-12-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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r Freies Blatt AboniirnlentSpreiS.^ Kür Ocstcrrcich-Ungarn: >«an>jäbr>g.S Kronen (fl. S.SO) Halbiährig.3 Kronen tst. l.SO) Kür da« gefammte «uoland: Ganuährig.. 6 Mark Halb,»Urig .» Marl SO Pf. Einzelne Nummern 8 kr. llnfraufirte Briefe werden nicht angenommen. (Dr$an zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage. Redaktion und Administration: I. Leilerstätte 10. Inserate werden mit SO Heller :iQ kr ) ittr diedier.' mal gefpaltene Nont>areille,eUe berechnet. Kieinrr klnzeiger da» Wort I Heller (S kr.). Auina^mr 7- Inseraten in unserer «btziinistration sodsiä Annoncendurea» M. Duke». I. Wollzei Nummer 1-10. Vien, 9. December 1894. 411. Jahrgang. Meder Hoffnungen noch Besorgnisse. (Original Mitlheilttng des „Freien Blatter".) ' Kerli^-ä^Tecember. Morgen tritt der deutsche Reichstag zur Wiederaufnnhmd seiner Beralhuugen zusammen. Die Volksvertreter, welche fortan in einem neuen prunkvollen Hause tagen werden, finden im Reiche und in Preußen bei den Centralbchörden große Persoiialvcründerungen vor. Die Grafen Cnprivi und Eulenburg wurden in den Ruhestand versetzt, und an die Spitze der Reichsregierung sowie des preußischen Ministeriums trat der bisherige Statthalter von Elsaß-Lothringen, . Fürst Chlodwig zu Hohenlohe. Zum preußischen Minister des Innern wurde ein Mann von streng conservativer Bergangenheit, Herr v. Koller, zuletzt Unterstaatssccretär in Slraßburg, berufen. Gleichzeitig haben auch die preußischen Ministerien der Justiz und der Landwirthschaft eine andere Besetzung erhalten, und an die Stelle der Herren v. Schelling und v. Heyden kamen die Herren Schönstedt, bisher OberlandeSgcrichtS-Präsidcnt in Celle, und Freiherr v. Hammerstein-Loxten, LandeSdirector in Hannover, noch in letzter Zeit ein sehr eifriger Agrarier. Bevor noch diese Veränderungen in den obersten Aemtern des Reiches und Preußens eintraten, erging in Königsberg ein Strafgericht über die Tivoli-Männer, namentlich über diejenige», welche im „Bunde der Landwirthe" vereinigt sind, und der Kaiser rügte gufs Schärfste die demagogische Art und Weise, in welcher sie seine Pläne zu durchkreuzen suchen. An eine Einkehr und Umkcbr in Folge dieses kaiserlichen Tadels war umsoweniger zu denken, alS eben bald nachher jene Veränderungen cintraten, in denen die Conservativen einen Erfolg ihres oppositionellen Vorgehens erblicken zu können glaubten. Die Beseitigung des ihnen verhaßten Grafen Caprivi, die Berufung Köller's zum preußischen Minister deö Innern, inbesondere aber die deö ehemals welfischcn Freiherr» v. Hammerstein zum Nachfolger des gemäßigten v. Heyden, ließ sie Muth für die Zukunft schöpfen, zumal noch andere Anzeichen dafür sprachen, daß der neueste CourS ihnen sehr günstig sei. In kaiserlichen Aeußerungcn wurde wiederholt das confessionelle Moment in einer Weise hervorgehoben, welche als Annäherung an ihren Standpunkt erschien. Eine, wie man allgemein glaubte, von einflußreicher Seite.begünstigte Hetze gegen die des Freisinns irgendwie verdächtigen Hochschullehrer und endlich die ofsiciösen Erörterungen über die Repressivmaßnahmen gegen sogenannte Umsturzbestrebungen bestärkten sie darin, daß für ihre Tendenzen fürder schöne Tage zu gewärtigen sind. Inzwischen erlebte die Tivoli-Partei auch die Freude, daß die rein antisemitischen Fractionen sich zu Eisenach in einer ihr zusagenden Form fusionirlen. Der Uebcrmuth der Herren Kanitz und Cousvrten kannte nunmehr keine Grenzen. Sie kündigten eine ganze Reihe von Vorschlägen im Sinne der christlichsocialen Reform und zur Erlangung, beziehungsweise Sicherung von Sondervorlheilen an; auch für die Befriedigung der rein antisemitischen Hetze versprachest sie, durch neuerliche Einbringung des Antrages auf Erlaß eines Verbotes der Judeneinwanderung Sorge zu tragen. I» den letzten Tagen scheint aber eine Ernüchterung eingetreten zu sein. Die Conservativen ziehen jetzt in Betracht, daß Fürst Hohenlohe vermöge seiner Bergangenheit als bayrischer Staatsmann und als Vertreter Deutschlands auf dem Berliner Congressc nicht geneigt sein dürfte, Rcforiycn in ihrem Geiste durchzuführcn, und daß von ihm retrograde Maßnahmen zur Aufhebung der Rechtsgleichheit kaum zu erreiche» sein werden. Auch die halbamtliche Beschwichtigung, daß die Regierung de» Börscnrcform Entwurf vor allem Beiwerke sorgfältig bewahren will, welches auf den Handel und die Industrie lähmend einwirken könnte, macht sie.stutzig, und Herr v. Plötz sieht sich bereits zu der Erklärung veranlaßt, daß der neueste Eours keine wie immer geartete Aenderung in der Stellung der Agrarier bewirken werde. 'Nach reiflicher Erwägung kommen die Conservativen ferner zur Erkkiintniß, daß die in Eisenach beschlossene Fusion einen sehr geringen Werth habe. Rach wie vor sind die rein antisemitischen Gruppen nichts weniger als einig. Böckel und Förster sind Malcontciitcn; der Ersterc kann cS seinen hessischen College» nicht verzeihen, daß sie ihn aus Marburg schonungslos vertrieben habe», während Förster die aus Rücksicht für die Conservativen erfolgte Zurücksetzung Ahlwardl's schmerzlich bedauert. Alles in Allem.genommen, ist, meinen wir, für die Abwehr bewegung von den Veränderungen im Reiche und in Preußen nichts zu erhoffen und nichts zu besorgen. Auch unter dem Grafen Caprivi, der so schöne Reden gegen die demagogischen Antisemiten gehalten hat, wurde diese», so lange sic sich auf den Kampf gegen die Juden beschränkten, staatliche Functionäre und Einrichtungen aber in Ruhe ließen, kein Haar gekrümmt, und auö dem Processe Baucr-Wcscndonck in Leipzigging klar hervor, daß das Literarische Bureau des Auswärtigen Amtes auch unter dem zweite» Reichs kanzlcr cs nicht verschmäht hat, mit anlisemilischen Schriftleitern in enge Fühltzng zu treten. Einen so regen Sinn für die Wahrung der staatlich anerkaniUen Gleichberechtigung, wie ihn Graf Eulen, bürg bekundete,, dürfte auch Herr v. Koller in officieller- Stellung besitzen. Was schließlich den Freiherrn v. Hammerstein-Loxten anbelangt, so hat derselbe bereits in einer Rede, die er bei einem Abschiedöbankett in Hannover gehalten, angedeulet, daß er zugleich mit der Uebernahme deö Portefeuilles jene» Standpunkt aufgegeben hat, welchen Plötz und Genossen kinnehmc». Cs sei nochmals betont: Wie die Dinge lind Personen beschaffen sind, haben »ach unserem Dafürhalten die Freunde der Abwehrbcwegnng keinen Grund, einen erfreulichen Umschwung zu begrüßen, aber auch keinen, eine Wendung zum Schlimmcreii zu b.klagc». Zur Lsvcholoaie der Antisemiterei. DaS maßlos milde und unmenschliche Treiben der Antisemiten hat schon eine Hochfluth von Büchern, Broschüren und Zeitungsartikeln zur Folge gehabt, die alle mehr oder weniger über diese ihrer Form nach auffällige Bewegung vom Standpunkte der Religion, des Rechts und der Gerechtigkeit aus urtheilen. Daß damit die Thätigkeit der socialen Umstürzler nicht unterbrochen wurde, beweist die tägliche Wahrnehmung, wie wenig sich'die Hetzer und Stänker beirren laffcn. Es hat absolut nichts genützt, daß dieser oder jener antisemitische Hecrrufcr vors Gericht gezogen und mitunter empfindlich abgestraft, wurde. Der unmittelbar durch die competentesten Zeugen erbrachte Wahrheitsbeweis von der unendlichen Verlogenheit und Gewisienlosigkeit eines antisemitischen